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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 17 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


19.03.2008 19:00
Schuld Antworten

Liebe Kaa,

da sprichst du sehr Vieles an, das es verdient, ausführlich diskutiert zu werden. Ich gehe noch im einzelnen darauf ein. Zunächst aber nur eine Anmerkung, die ich zugleich auch zum Kommentar von Rayson mache.

Ich habe die Schlußpassage des Artikels mehrfach umgeschrieben; zuletzt noch einmal, nachdem er schon im Netz stand. Und zwar, weil ich gemerkt habe, wie es bei diesem Thema auf jedes Wort, jede Formulierung ankommt.

Ich habe bewußt nicht von "unserer Schuld" gesprochen oder von "der deutschen Schuld". Die Passage lautet: "Wir stehen auf der Seite Israels. Nicht nur wegen der historischen Schuld, sondern auch aufgrund der heute für uns geltenden Werte."



Das Konstrukt einer "Kollektivschuld" habe ich immer für abwegig gehalten.

Es ist meines Erachtens ein Relikt des Freund-Feind-Denkens aus dem Zweiten Weltkrieg, als die demokratischen Länder nun einmal gegen die Deutschen gekämpft haben und nicht nur gegen die Nazis.

Im Krieg muß man, um überhaupt die Ungeheuerlichkeiten begehen zu können, die man im Krieg nun einmal begehen muß - Menschen töten und verstümmeln, ihnen ihre Wohnung und ihr Eigentum nehmen; alles Dinge, die sonst als abscheuliche Verbrechen gelten - in Kategorien von Freund und Feind nicht nur denken, sondern auch fühlen.

Dazu muß - es geht nicht anders - ein Bild vom bösen Gegner aufgebaut werden, ein "Image", wie man neudeutsch sagt. Das hat die Propaganda 1870/71 getan, als die Preußen für die Franzosen brutale Landräuber waren und die Franzosen für die Deutschen die verschlagenen "Welschen". Das war so im Ersten Weltkrieg, und es war so im Zweiten Weltkrieg.

Aus dieser Perspektive von Kriegsgegnern erschienen in den demokratischen Staaten "die Deutschen" als das feindliche Volk, das es den Nazis ermöglicht hatte, an die Macht zu kommen, das dem staatlichen Antisemitismus ab 1933 weitgehend tatenlos zugesehen hatte, dessen Angehörige in der Wehrmacht marschiert waren. Das Volk, zu dem auch diejenigen gehörten, die die Verbrechen an den Juden begangen hatten.

Also das "Volk der Täter". Verständlich, vielleicht unvermeidlich. Aber eben gebunden an die Nachkriegszeit, als dieses Denken in Freund- und Feindvölkern noch weiterwirkte. Und ein "Volk der Täter" ist ja kein "Tätervolk".

Außerhalb dieses Kontexts des Kriegs war dieses Konstrukt einer Kollektivschuld immer abwegig. Es wird ja auch kaum noch vertreten. Man müßte dann ja auch konsequenterweise den Russen eine kollektive Schuld für die Verbrechen Stalins zuweisen, den Kambodschanern für die Pol Pots usw.



Nur, liebe Kaa - wenn es auch keine kollektive Schuld gibt, so gibt es doch Schuld.

Sie ist mehr als nur die von Einzeltätern; denn es ist ja ein Apparat, der gemordet hat. (Im "Spiegel" der letzten Woche gab es dazu eine Titelgeschichte, die zwar wenig Neues enthielt, aber doch in Erinnerung gerufen hat, wie sehr dieser Mordapparat mit der Wehrmacht, mit der allgemeinen Verwaltung der Ostgebiete usw. verfilzt war).

Also, die Frage nach der Schuld scheint mir noch lange nicht beantwortet. (Übrigens in Rußland und in Kambodscha noch viel weniger; da hat man ja noch nicht einmal wirklich mit der historischen Aufarbeitung begonnen).

Und das Thema dieser Schuld verbindet eben Deutschland und Israel. Es ist ein Thema, das zentral ist für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, das noch viel zentraler ist für den Staat Israel. Es ist natürlich auch ein Thema, das mit soviel an menschlichem Leid verbunden ist, daß man - das ist ja der Ausgangspunkt von Merkel - das Erinnern fortsetzen muß, auch wenn die Opfer und ihre Mörder nicht mehr leben.

Das gilt, obwohl - und gerade weil - die Verbindung auf dieser Ebene nicht mehr so eng ist wie zur Zeit Adenauers und Ben Gurions. Nicht nur, weil immer weniger Täter und Opfer noch leben, sondern auch, weil Israel durch die Einwanderung aus der Sowjetunion, aus den USA, auch aus dem Nahen Osten ja inzwischen viele Einwohner hat, deren Familie nicht vom Holocaust betroffen war.



Ich sehe, liebe Kaa, das alles auch vor dem Hintergrund der gemeinsamen deutsch-jüdischen Geschichte.

Sie ist mir aus familiären Gründen besonders nah. Meine Großeltern waren Frankfurter, und sie haben mir oft vom jüdischen Frankfurt erzählt - das eben ganz selbstverständlich Teil dieser Kultur der alten Freien Reichsstadt war. Mit den zahllosen jüdischen Mäzenen, die das Kulturleben bereicherten. Mit den jüdischen Firmen und Geschäften; mein Großvater war als "Goj" Prokurist in einer jüdischen Firma. Mit dieser ganzen eigenen religiösen Kultur, die vollkommen von den christlichen Frankfurtern akzeptiert war. So sehr, daß man über sie zahllose Witze machte, über die die Juden ebenso lachten wie die Christen.

Da gab es eben nicht diesen Antisemitismus wie in Wien; was hätte ihn auch begründen sollen? Es war ja nur positiv für die Stadt, daß in ihr viele Juden wohnten.

Und um jetzt von dieser lokalen auf eine sehr, sehr allgemeine Ebene zu springen: Man könnte durchaus die These begründen, daß die deutsche und die jüdische Kultur besonders viel miteinander gemeinsam haben, sich deshalb auch besonders gegenseitig befruchtet haben - die Neigung zu einer gewissen unpragmatischen Absolutheit des Denkens, die Hochschätzung des Intellekts, eine Neigung zur Metaphysik.

In kaum einem Land Europas hat es seit dem 18. Jahrhundert so wenig Antisemitismus gegeben wie in Preußen, dann Deutschland. Diese Katastrophe des Holocaust ist eben - Goldhagen hat so Unrecht, wie man überhaupt nur Unrecht haben kann - nicht die konsequente Folge einer vorausgegangenen historischen Entwicklung, sondern sie ist eine Singularität in der deutschen Geschichte.



Hitlers Antisemitismus wurzelt nicht in der deutschen Geschichte, sondern in der Osteuropas.

Dort gab es zu Hitlers Zeiten einen ausgeprägten Antisemitismus, der bekanntlich auch in Wien seine Ableger hatte.

Aber da sind wir bei einem anderen Thema - ob nicht auch die Österreicher endlich mit der Aufarbeitung der Schuld ernst machen sollten, statt sich (nicht alle, aber doch viele) als Opfer der Nazis zu fühlen.

Und vor allem hat überhaupt noch nicht die Aufarbeitung der Art begonnen, wie die Kommunisten in der DDR, statt sich mit der Schuld auseinanderzusetzen, sie zur politischen Propaganda mißbrauchten.

Auch davon hat die Kanzlerin ja in ihrer Rede gesprochen, und auch schon früher.

Herzlich, Zettel


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Zitat des Tages: "Freiheit, Demokratie, Menschenwürde" Zettel19.03.2008 02:27
RE: Zitat des Tages: "Freiheit, Demokratie, Menschenwürde" Kaa19.03.2008 10:07
Schuld Zettel19.03.2008 19:00
RE: Schuld Kaa19.03.2008 22:42
RE: Schuld Rayson19.03.2008 23:55
RE: Schuld Zettel20.03.2008 22:08
RE: Schuld Rayson21.03.2008 20:11
RE: Schuld Zettel21.03.2008 20:45
RE: Schuld str197720.03.2008 11:09
RE: Schuld Zettel20.03.2008 12:24
RE: Zitat des Tages: "Freiheit, Demokratie, Menschenwürde" C.19.03.2008 11:27
RE: Zitat des Tages: "Freiheit, Demokratie, Menschenwürde" Rayson19.03.2008 12:16
RE: Zitat des Tages: "Freiheit, Demokratie, Menschenwürde" Frankfurter19.03.2008 15:55
Die Spanne der Zeitgeschichte Zettel20.03.2008 22:44
RE: Zitat des Tages: "Freiheit, Demokratie, Menschenwürde" Thomas Pauli19.03.2008 16:54
RE: Zitat des Tages: "Freiheit, Demokratie, Menschenwürde" Zettel20.03.2008 22:48
RE: Zitat des Tages: "Freiheit, Demokratie, Menschenwürde" Chripa19.03.2008 20:03
RE: Zitat des Tages: "Freiheit, Demokratie, Menschenwürde" Zettel20.03.2008 22:54
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