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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 12 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Heavy Horse

Beiträge: 2

06.11.2011 11:23
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Antworten

Lieber Zettel,

vielen Dank für Ihre Antwort!

Zitat
"Aber nehmen wir einmal an, Fließbandarbeiter erlebten das, was Marx in den - wenn ich mich recht erinnere - Pariser Manuskripten als die dreifache Entfremdung bezeichnet hat: Von seiner Arbeit, von deren Produkt und von sich selbst.

Dann war das ja gewiß auch vor 1967 so. Warum aber führte es da nicht zur Revolte? Aus meiner Sicht aus den Gründen, die ich in dem Artikel genannt habe: Solange die materielle Not groß ist, kümmert einen die Entfremdung nicht. Sie wird erst - wenn überhaupt - als etwas Negatives erlebt, wenn die materiellen Probleme nicht mehr im Vordergrund stehen. Und das war (so meine These) erstmals im zwanzigsten Jahrhundert bei der Generation der um 1950 Geborenen der Fall, plusminus fünf Jahre."



In diesem Punkt stimme ich Ihnen gerne zu. Die Industriearbeit im Industriezeitalter wurde sicherlich auch schon vor 1967 als Knechtschaft (bzw. Entfremdung) erlebt (vgl. z.B. Marx, Bertolt Brecht, Arbeiterbewegungen etc.). Mit dem materiellen Wohlstand des Wiederaufbaus hat sich dann vermutlich der Fokus der Kritik verändert (Brecht: "erst kommt das Fressen, dann die Moral" bzw. Maslows Bedürfnispyramide). Die Pariser Manuskripte waren ja lange Zeit in Vergessenheit geraten und tauchten dann gerade - was für unsere Diskussion interessant ist - in der 68er Bewegung plötzlich wieder auf, wo sie dann auch heiß diskutiert wurden...

Zitat
"Ich weiß nicht, ob diese These stimmt. Ich halte sie für sehr gewagt. Denn dieser Drill ist ja älter als das Fließband. Die Kinder in Preußen wurden so von ihren Schulmeistern gedrillt, oft ausgediente Soldaten. In den Kirchen mußte man mucksmäuschenstill sein. Ich habe in der Volksschule, wie sie damals hieß, diesen Unterricht noch erlebt, in dem vor allem absolute Stille verlangt wurde. Wer "schwätzte", mußte (auch das habe ich noch erlebt) vortreten, die Hände horizontal halten und Schläge mit dem Rohrstock auf sie empfangen.

Das war nicht Ford, das war der Soldatenkönig. Es war nicht die Moral des Fließbands, sondern die von Staaten wie Preußen, die sich durch eiserne Pflichterfüllung aus ihrem Elend herausarbeiteten. 150 Jahre vor der Erfindung des Fließbands."



Zur Subjektivierung im Imperialismus und im Fordismus:

Hier gibt es meiner Meinung nach eine Überschneidung.
Der permanente wirtschaftliche Wachstumszwang (Schuldsystem/Zinseszins, manche sprechen auch von "Schuldsklaverei") zwingt ja bekanntlich den Kapitalismus zu einer permanenten "neuen Landnahme", wie Rosa Luxemburg das formuliert hat. Gesellschaftlicher Reichtum muss ständig angeeignet werden, um im gegenseitigen Wettbewerb (früher der Wettbewerb der feudalen Herrscher, dann jener der Nationalstaaten und heute schließlich der Wettbewerb der globalen Konzerne) nicht auf der Strecke zu bleiben. Im Imperialismus wurden (bzw. werden) dazu militärische Mittel eingesetzt; im Fordismus nutzte (bzw. nutzt) man dazu die Mittel der industriellen Produktion. Beide Strategien der "Landnahme" funktionierten wiederum mit sehr ähnlichen Subjektformen ("Fleiß, Disziplin, Gehorsam, vor allem auch Anpassung"), welche in den Schulen und Familien der damaligen Zeit auch dementsprechend hergestellt wurden. Nachdem jedoch der Reichtum mit den Mitteln des Imperialismus und der Industrialisierung in den 1960er Jahren nicht mehr wesentlich ausgeweitet werden konnte, war der Kapitalsmus dazu gezwungen neue Bereiche für seine "Landnahme" zu erschließe (Affektiver Kapitalismus, Dienstleistungsgesellschaft) Und dazu waren nun wiederum, so meine These, völlig neue Subjektformen notwendig.

Zitat
"Das stimmt für einige Sektoren. Im Mediensektor, da haben Sie Recht, gibt es so etwas wie die "Verwertung von Gefühlen und Informationen"; in der Werbebranche.

Aber dort arbeitet ja nur eine kleine Minderheit der Beschäftigten. Für die meisten gilt es immer noch, Produkte herzustellen; dabei fleißig und diszipliniert zu sein"



Zum Teil haben Sie da sicher recht. Nur ist meiner Meinung nach (bzw. beziehe ich mich da auf Autoren der politischen Philosophie) der Umgang mit Informationen und Gefühlen mittlerweile in allen Bereichen der gesellschaftlichen Produktion zur Schlüsselqualifikation schlechthin geworden. Einfach nur fleißig und diszpipliniert zu sein reicht heute nicht mehr. Es geht darum die geheimsten Wünsche der Kunden ans Tageslicht zu bringen und dementsprechend zu verwerten. Heute ist man beispielsweise nicht mehr einfach nur ein einfacher Installateur sondern derInstallateur mit dem gewissen Extra!
Man spricht ja auch allgemein von einem gesellschaftlichen Paradigmenwechsel. Das Paradigma der Industriegesellschaft wurde durch das der Dienstleistungsgesellschaft abgelöst.

Kurz: Meine These läuft darauf hinaus, dass der Kapitalismus in der Mitte des 20. Jh. seine Not zur Tugend macht und die Forderungen der 68er Bewegung für sich produktiv werden lässt. Es kommt nun, vereinfacht gesagt, zu einer "Landnahme" der menschlichen Seele, und zwar in einer qualitativ neuartigen Weise...

Liebe Grüße
Heavy Horse


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Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel04.05.2008 13:42
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RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel07.05.2008 11:24
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RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Heavy Horse06.11.2011 11:23
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel07.11.2011 15:22
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Hagen07.11.2011 16:33
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