Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden  

ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 12 Antworten
und wurde 1.195 mal aufgerufen
Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


07.11.2011 15:22
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Antworten

Zitat von Heavy Horse
Die Pariser Manuskripte waren ja lange Zeit in Vergessenheit geraten und tauchten dann gerade - was für unsere Diskussion interessant ist - in der 68er Bewegung plötzlich wieder auf, wo sie dann auch heiß diskutiert wurden...

Ja, man entdeckte überhaupt ja den "jungen Marx".

Der alte Marx hätte darüber laut gelacht. Er war ja, was die Politik anging, längst in der Realität angekommen und wollte die Diktatur des Proletariats; das Weitere würde sich finden. Der alte Marx hätte in der UdSSR und der DDR genau das vorgefunden, was er gewollt hatte.

Daß man damals so sehr vom "jungen Marx" begeistert war, lag aus meiner Sicht daran, daß diese "Neue Linke" (so nannten sich manche damals) vor allem nicht Teil der Linken, sondern Teil einer weltweiten Jugendbewegung war, die von den Hippies über die Phantasten des Mai '68 in Frankreich bis zu den von Mao aufgeputschten Roten Garden in China reichte.

Es war eben primär ein Generationskonflikt; das Aufbäumen der Nachkriegsgeneration gegen die Generationen der Väter und Großväter. Und da paßte natürlich der junge Marx bestens; auch er so ein jugendlicher Revoluzzer.

Zitat von Heavy Horse
Zur Subjektivierung im Imperialismus und im Fordismus:

Hier gibt es meiner Meinung nach eine Überschneidung.

Der permanente wirtschaftliche Wachstumszwang (Schuldsystem/Zinseszins, manche sprechen auch von "Schuldsklaverei") zwingt ja bekanntlich den Kapitalismus zu einer permanenten "neuen Landnahme", wie Rosa Luxemburg das formuliert hat. Gesellschaftlicher Reichtum muss ständig angeeignet werden, um im gegenseitigen Wettbewerb (früher der Wettbewerb der feudalen Herrscher, dann jener der Nationalstaaten und heute schließlich der Wettbewerb der globalen Konzerne) nicht auf der Strecke zu bleiben.

Man kann das so formulieren. Ich würde schlichter sagen: In einer freien Wirtschaft versucht jeder, besser zu sein als die anderen. Zum Nutzen aller. Zum Thema Schulden sehe ich da keinen unmittelbaren Zusammenhang; lediglich insofern, als der Kredit ein Motor des Wachstums ist.

(Frage an die Ökonomen hier im Forum: Wann wurde eigentlich der Kredit erfunden? Erst in der Renaissance? Oder gab es das schon in der Antike? Wie wurden damals eigentlich geschäftliche Investitionen finanziert?)

Zitat von Heavy Horse
Im Imperialismus wurden (bzw. werden) dazu militärische Mittel eingesetzt; im Fordismus nutzte (bzw. nutzt) man dazu die Mittel der industriellen Produktion. Beide Strategien der "Landnahme" funktionierten wiederum mit sehr ähnlichen Subjektformen ("Fleiß, Disziplin, Gehorsam, vor allem auch Anpassung"), welche in den Schulen und Familien der damaligen Zeit auch dementsprechend hergestellt wurden.

Imperialismus hat mit Kapitalismus wenig zu tun. Die persischen Großkönige Dareios und Xerxes waren ebenso Imperialisten wie Alexander der Große, wie Cäsar und Augustus.

Zwischen dem modernen Imperialismus (ich nehme an, Sie meinen damit die Errichtung der Kolonialimperien vor allem Englands, Portugals und Frankreichs) und der Fließbandproduktion kann ich keinen Zusammenhang sehen. Im einen Fall ging es vor allem um den Erwerb von Rohstoffen, im anderen um eine Massenproduktion, durch die wir alles so reich wurden, wie wir heute sind.

Gewiß setzt jeder Imperialismus Disziplin voraus; die verlangte schon Alexander von seinen Mazedoniern. Auch die Fließbandarbeit verlangt Disziplin. Aber das ist auch schon das gesamte tertium comparationis; und Disziplin hat, wie schon erwähnt, wenig mit Kapitalismus zu tun. Man kann den Islam als ein Instrument Mohammeds zur Disziplinierung ungebändigter Nomaden sehen.

Zitat von Heavy Horse
Nachdem jedoch der Reichtum mit den Mitteln des Imperialismus und der Industrialisierung in den 1960er Jahren nicht mehr wesentlich ausgeweitet werden konnte, war der Kapitalsmus dazu gezwungen neue Bereiche für seine "Landnahme" zu erschließe (Affektiver Kapitalismus, Dienstleistungsgesellschaft) Und dazu waren nun wiederum, so meine These, völlig neue Subjektformen notwendig.

Wenn ich auch das in eine Sprache übersetzen darf, die mir geläufiger ist, liebe(r) Heavy Horse: Nachdem die dringendsten Konsumbedürfnisse in der Nachkriegszeit befriedigt waren, entwickelte sich der Luxus der Dienstleistungsgesellschaft. Zugleich wurde die Produktion in vielen Bereichen so komplex, daß von den Arbeitern mehr an Selbständigkeit verlangt wurde, als nur am Fließband den immer gleichen Handgriff zu machen. Beides bewirkte in der Tat, daß in vielen Berufen nicht mehr blinder Gehorsam gefragt war, sondern eigenständigeres Handeln.

Wir sind uns einig, daß es diese Entwicklung ab den sechziger Jahren gegeben hat. Aber wenn ich Sie richtig verstehe, bringen Sie sie in Zusammenhang mit der Studentenbewegung und anderen damaligen kulturrevolutionären Bewegungen. Ich kann einen solchen Zusammenhang nicht erkennen sondern sehe sie, wie erläutert, als das Aufbgehren einer Generation, die mit den überkommenen Werten nichts mehr anfangen konnte, weil sie nicht ihrem Lebensgefühl entsprachen.

Übrigens hat das Mao präzise erkannt und deshalb gegen Konfuzius mobil machen lassen. Konfuzius stand für die überkommene strenge Moral; so wie bei uns die preußischen "Sekundärtugenden".

Herzlich, Zettel

Edit: Stilistische Verbesserung an der kursiv gesetzten Stelle.


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel04.05.2008 13:42
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder str197705.05.2008 10:26
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel05.05.2008 17:33
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Chripa05.05.2008 20:41
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel05.05.2008 21:50
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Feynman06.05.2008 09:01
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Kallias07.05.2008 10:25
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel07.05.2008 11:24
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Heavy Horse01.11.2011 15:06
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel02.11.2011 02:53
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Heavy Horse06.11.2011 11:23
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel07.11.2011 15:22
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Hagen07.11.2011 16:33
Sprung



Bitte beachten Sie diese Forumsregeln: Beiträge, die persönliche Angriffe gegen andere Poster, Unhöflichkeiten oder vulgäre Ausdrücke enthalten, sind nicht erlaubt; ebensowenig Beiträge mit rassistischem, fremdenfeindlichem oder obszönem Inhalt und Äußerungen gegen den demokratischen Rechtsstaat sowie Beiträge, die gegen gesetzliche Bestimmungen verstoßen. Hierzu gehört auch das Verbot von Vollzitaten, wie es durch die aktuelle Rechtsprechung festgelegt ist. Erlaubt ist lediglich das Zitieren weniger Sätze oder kurzer Absätze aus einem durch Copyright geschützten Dokument; und dies nur dann, wenn diese Zitate in einen argumentativen Kontext eingebunden sind. Bilder und Texte dürfen nur hochgeladen werden, wenn sie copyrightfrei sind oder das Copyright bei dem Mitglied liegt, das sie hochlädt. Bitte geben Sie das bei dem hochgeladenen Bild oder Text an. Links können zu einzelnen Artikeln, Abbildungen oder Beiträgen gesetzt werden, aber nicht zur Homepage von Foren, Zeitschriften usw. Bei einem Verstoß wird der betreffende Beitrag gelöscht oder redigiert. Bei einem massiven oder bei wiederholtem Verstoß endet die Mitgliedschaft. Eigene Beiträge dürfen nachträglich in Bezug auf Tippfehler oder stilistisch überarbeitet, aber nicht in ihrer Substanz verändert oder gelöscht werden. Nachträgliche Zusätze, die über derartige orthographische oder stilistische Korrekturen hinausgehen, müssen durch "Edit", "Nachtrag" o.ä. gekennzeichnet werden. Ferner gehört das Einverständnis mit der hier dargelegten Datenschutzerklärung zu den Forumsregeln.



Xobor Xobor Forum Software
Einfach ein eigenes Forum erstellen
Datenschutz