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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 12 Antworten
und wurde 1.191 mal aufgerufen
Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


07.05.2008 11:24
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Antworten

Zitat von Kallias
War es denn eine Rebellion auch gegen die Großeltern? Die Aspekte des Hedonismus und Altruismus bei den 68ern sind unbestreitbar vorhanden gewesen, in meinem Erleben, als ab 1974 eine Serie linker 68er-Junglehrer an mein Gymnasium kam, fand ich jedoch eine andere Seite viel auffälliger. Nämlich die Anhänglichkeit an die Welt der Großeltern.

Das ist ein sehr interessanter Aspekt, lieber Kallias. Ein Aspekt, auf den ich noch in der letzten Folge der Serie eingehen werde, und zwar im Zusammenhang mit der romantischen Tradition in Deutschland, die sich damals fortgesetzt hat.

Ich würde trotzdem denken, daß die Rebellion sich nicht nur gegen die Eltern-, sondern auch die Großelterngeneration richtete. Nehmen wir eine Generation mit 25 Jahren an, dann wurden die Großeltern der 68er, die 1970 zwanzig Jahre alt waren, ungefähr 1900 geboren. Sie wuchsen auf und lebten als Erwachsene im Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Zeit, unter den Nazis, dann in der Nachkriegszeit.

Das war eine besonders gebeutelte Generation. Ihre einzige glückliche, stabile Zeit war die "gute alte Zeit" gewesen, die Kaiserzeit, die sie aber nur als Kinder oder junge Leute erlebt hatten. Sie vor allem waren deshalb die Träger derjeniger Moral, gegen die die Achtundsechziger rebellierten.
Zitat von Kallias
Man trug wieder Ideologie und Drahtbrille. Kein Thema war im Unterricht wichtiger als die Soziale Frage des 19. Jh. Die unpolitischen Sachzwang-Technokraten wurden abgelehnt, man bevorzugte den Altbau, die Innenstädte, hielt nichts von Scheibenhäusern und Autobahnen, und halluzinierte eine Klassengesellschaft, wie sie von Denkern des 19. Jh. beschrieben oder ausgedacht worden war. Politische Literatur der 1920er Jahre wurde ausgegraben und neu aufgelegt. Man war stolz auf den kommunistischen Opa.

Ja, das ist sehr gut beobachtet und schön geschildert. Es waren aber, glaube ich, nicht die realen Großeltern, zu denen hin man sich orientierte, sondern es war ein romantisierender Blick zurück. Was den Romantikern Nürnberg und Dürer waren, das waren diesen Achtundsechzigern Marx und die Traditionsfahne der KPD aus den Zwanzigern.

Das war, da haben Sie völlig recht, unglaublich rückwärtsgewandt. Schriften irgendwelcher Theoretiker nach der Oktoberrevolution wurden ausgegraben und als Raubdrucke unters Volk gebracht. Man sang "die alten Arbeiterlieder". Plakate aus den Jahren nach der Oktoberrevolution wurden als Poster nachgedruckt; den riesigen Lenin im Format 1:1 hatte ich jahrelang an der Wand, allerdings mehr als Gag.
Zitat von Kallias
Mir kommt "68" als Reaktion auf die extrem rasche Modernisierung der 50er und 60er Jahre vor, angetrieben durch ein nostalgisches Gefühl für die sozialen und kulturellen Verluste, die damit wie bei jeder Veränderung einhergingen.

Dem stimme ich zu. Ich sehe es als eine Ergänzung zu dem, was ich in dem Artikel geschrieben habe. Dieser antimodernistische Aspekt spielte vor allem in den USA eine Rolle, wo man ja bis hin zur Kleidung und dem Zottel-Look der Pioniergeneration ging. In Frankreich spielte er kaum eine Rolle. In Deutschland hatte er diesen speziellen Zuschnitt, daß als das "gute Alte" nur die Tradition der Arbeiterbewegung eine Rolle spielte. (Später dann allerdings, bei den Müslis und Ökos, auch der selbstgestrickte Pullover und das Bio-Gemüse).

Dazu mehr demnächst in ZR. Vorerst vielen Dank für die interessanten Überlegungen!

Herzlich, Zettel


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel04.05.2008 13:42
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder str197705.05.2008 10:26
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel05.05.2008 17:33
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Chripa05.05.2008 20:41
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel05.05.2008 21:50
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Feynman06.05.2008 09:01
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Kallias07.05.2008 10:25
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel07.05.2008 11:24
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Heavy Horse01.11.2011 15:06
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel02.11.2011 02:53
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Heavy Horse06.11.2011 11:23
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Zettel07.11.2011 15:22
RE: Wir Achtundsechziger (6): Die Nachkriegskinder Hagen07.11.2011 16:33
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