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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 15 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


27.05.2008 23:48
RE: Deutschland im Öko-Würgegriff (8): Fußspuren und Metaphysik Antworten

Lieber Kallias,

Zitat von Kallias
Zitat von Zettel
Die Götter, Gott, werden einerseits als weit in der Transzendenz angesiedelt gedacht; mehr oder weniger vollständig dieser schnöden Welt entrückt. Und dann denkt man sich, daß sie sich freuen, wenn sie einen Hammel geschenkt bekommen, oder eine Jungfrau.
Sehr eigenartig. Religionspsychologisch sehr erklärungsbedürftig, scheint mir.
[...]
Der doch alles haben kann, was er sich wünscht. Was braucht er den Hammel?

Die Psychologie der Götter ist bestimmt ein schwieriges Gebiet. Ich vermute mal aus dem Bauch heraus, daß sie sich wie Eltern freuen, die von ihren Kindern etwas geschenkt bekommen. Die brauchen das abgezupfte Blümchen aus dem eigenen Garten ja auch nicht. Der weltabgewandte "deistische" Gott, von dem Sie, lieber Zettel, zu reden scheinen, ist eher ein Philosophenkonstrukt, das mit tatsächlich praktizierter Religion wenig zu tun hat.

An den Gott der Deisten dachte ich eigentlich nicht, lieber Kallias. Sondern schon an Götter wie Zeus, Jahwe oder Thor.

Das mit dem Blümchen ist interessant und hat mir, als ich es las, auch erst einmal eingeleuchtet. Auf den zweiten Blick scheint es mir aber doch keine ausreichende Erklärung zu sein. Denn Opfer wie das des Esau sind ja keine Blümchen. Es sind Gaben aus einer tiefen Angst heraus. Es sind Demutsgebärden der äußersten Art.
Zitat von Kallias
Religionspsychologisch ist es wohl das Geben, oder auch nur die Geste des Gebens, nicht die Gabe, was zählt: die Gläubigen lernen, von sich selbst und ihrer kleinlichen Selbstliebe abzusehen; ein zentraler pädagogischer Zweck der Religion.

Auch das leuchtet ein. Aber auch da habe ich einen Einwand: Sind denn die Opfergaben wirklich so selbstlos? Sind sie nicht vielmehr Versuche, einen gnadenlosen Gott milder zu stimmen, einem allmächtigen Gott eine Wohltat zu entlocken?

Die Katholiken mit ihren Gelübden praktizieren das ja sehr realistisch: Gegeben wird erst, wenn der Heilige die Gegenleistung erbracht hat. Dann bekommt er die versprochene Kapelle, oder man widmet ihm eine Wallfahrt.
Zitat von Kallias
Geben ist auch ein Ausdruck der Selbstverpflichtung, der eigenen "Hingabe". Mit dem Opfer übergibt man sich symbolisch selbst dem Gott. Das ist glaube ich so ähnlich wie das Schenken zwischen Liebenden.

Stimmt. Vielleicht besonders im Christentum. In anderen Religionen, in denen das Opfern besonders ausgeprägt war und nachgerade die ganze Kultur bestimmte, wie bei den Maya (soviel ich weiß), scheint aber viel weniger Liebe als eine entsetzliche Furcht im Spiel zu sein.

Die dortigen Götter scheinen ja das gewesen zu sein, was in unserem Kulturkreis der Moloch war, oder der Minotaurus. Wie ja überhaupt die minoische Kultur auch solche Züge getragen zu haben scheint wie die der Maya.
Zitat von Kallias
Auch kommt es selten vor, daß einem Gott in Form einer Feuersäule oder etwas Ähnlichem begegnet. Damit eine Beziehung zum Numinosen zustande kommt, muß der Mensch normalerweise auf irgendeine Weise selbst aktiv werden, etwas "investieren". Opfern ist da eine der einfachsten Möglichkeiten.

Interessanter Gedanke. Das Opfer als Kontaktaufnahme. Ja, vielleicht ist das so.
Zitat von Kallias
Wer nicht Krieg führen will, beschenkt sich gegenseitig, das ist die Grundgeste des guten Willens. Umgekehrt sind ja auch Begrüßungen dem Opfer verwandt: "Guten Tag, lieber Zettel!" Ich kann Ihnen zwar den guten Tag nicht geben, aber der fromme Wunsch spielt auf meine Gebebereitschaft an. Mit dem Opfer nähere ich mich den Göttern freundlich-respektvoll.

Geschenke zu überreichen scheint ja sogar bei bestimmten Vogelarten üblich zu sein.

Lieber Kallias, ich fand Ihren Beitrag ausgesprochen klug und gedankenreich. Eigentlich kann ich allen Gesichtspunkten, die Sie genannt haben, nur zustimmen.

Trotzdem bleibt das Opfern für mich etwas sehr Rätselhaftes. Warum sind die Götter so, daß sie alles das erheischen, was Sie beschreiben? Warum sind sie nicht wie liebevolle Eltern, denen man vertraut und denen man allenfalls Blümchen schenkt?

Dieses Entsetzliche, dieses Grauenhafte, das ja den allermeisten der ganz alten Götter anhaftet - in der Edda zu finden, in den ältesten Schichten der griechischen Mythologie, wo es sozusagen an der Tagesordnung ist, seine Kinder zu fressen -, das scheint mir viel mit dem Opfern zu tun zu haben.

Und welche Urangst dahinter steckt, das scheint mir noch recht unaufgeklärt zu sein.

Herzlich, Zettel


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Deutschland im Öko-Würgegriff (8): Fußspuren und Metaphysik Zettel27.05.2008 13:00
RE: Deutschland im Öko-Würgegriff (8): Fußspuren und Metaphysik califax27.05.2008 13:09
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RE: Deutschland im Öko-Würgegriff (8): Fußspuren und Metaphysik Kallias28.05.2008 12:03
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RE: Deutschland im Öko-Würgegriff (8): Fußspuren und Metaphysik califax27.05.2008 17:53
RE: Deutschland im Öko-Würgegriff (8): Fußspuren und Metaphysik Gorgasal10.10.2008 15:33
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