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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 13 Antworten
und wurde 913 mal aufgerufen
Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Omni

Beiträge: 255

01.07.2008 03:46
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Antworten

Es ist eine ganz einfache Erkenntnis: Geschichte passiert, aber Menschen interpretieren Geschichte.
Historische Wahrheit sieht so aus: Der König starb. Einen Monat später starb die Königin.
Menschliche Interpretation sieht so aus: Der König starb. Die Königin starb einen Monat später aus Verbitterung.
Ich vergleiche diesen Aspekt mit meiner Handlung. Meine Handlung passiert, aber als Mensch interpretiere ich die eigene Handlung.
Die meisten der Einflüsse, die meine Sicht der Dinge, damit meine Entscheidungen und damit mein Handeln beeinflussen, sind unbewusste Einflüsse. Ich weiß nicht, wer mir beigebracht hat wie ein Mitteleuropäer zu denken. Aber was heißt, wie ein Mitteleuropäer zu denken? Viele Leute fangen jetzt gerne an von der griechischen Antike, dem Christentum und dem Abendland zu reden. Halte ich aber alles für ziemlichen Unfug. Denn wie ist es möglich, dass ich die gleiche Sprache spreche, die selben Dichter lese und viele der Lieder gesungen habe und damit scheinbar in der selben Tradition stehe wie meine Vorfahren und doch (zum Glück) so wenig mit ihnen gemeinsam habe? Für mich gibt es keine Menschenrassen, ich halte Juden nicht für Abschaum, ich gestehe Frauen die selben Rechte zu, ich schwärme nicht von Deutschlands Stärke und Größe, ich beweine nicht Versailles, ich lobe nicht Bismarck oder den Kaiser. Ich lese auch die deutschen Dichter noch nichtmal so wie man sie vor 1919 oder zwischen 1933 und 1945 gelesen hat und "Deutschland Deutschland über alles" interpretiere ich unterbewusst ganz anders als der, der es geschrieben hat.
Ich ziehe daraus das Fazit, dass kulturelle Güter stark interpretationsabhängig sind und dass es deshalb keine "deutsche Kultur" gibt sondern dass jede Generation sich die Kultur, die sie vorfindet, nach ihrer Sicht der Dinge zurechtinterpretiert.
Der ganze Firlefanz von der "kulturellen Tradition" wird für uns Deutsche ja allein schon dadurch in Frage gestellt, dass "deutsche Kultur" und "deutsche Geschichte" erst irgendwann im 18. Jahrhundert erfunden wurde. Irgendwann zwischen 1871 und 1919 hat die Masse der Bevölkerung auf dem Gebiet des deutschen Reiches dann auch angefangen zu glauben, dass sie jetzt nicht mehr Plattdeutsche, Bayern, Würtemberger, Pfälzer, Sachsen, Thüringer, Berliner oder sonstwas sind, sondern plötzlich "Deutsche" nachdem ihre kulturelle Elite es im 18. Jahrhundert erfunden und die politische Elite irgendwann im 19. Jahrhundert geglaubt hat. Plötzlich stand ein Sachse nicht mehr in der Tradition sächsischer Geschichte sondern hat quasi über Nacht (mit Staatsgründung 1871) noch die Geschichte der anderen deutschen Völker gratis mit dazubekommen. Ahja, so funktioniert Tradition also
Noch nichtmal die christliche Tradition passt. Was haben wir mit den Urchristen zu tun? Garnichts. Was haben wir mit den Urcalvinisten zu tun? Garnix. Noch nichtmal die katholische Kirche ist heute noch so wie vor 100 Jahren. Gut, Benedikt arbeitet hart dran, aber man kann die Zeit nicht zurück drehen ;)
Man vergleiche die Bibelinterpretationen heutiger evangelischer Christen in Mitteleuropa mit denen von vor 200 Jahren. Damit sollte jede Behauptung endgültig, wir stünden in einer abendländisch-christlichen Tradition, entkräftet sein.

In Antwort auf:

Es ist halt nicht nur Propaganda. Ein israelischer Politiker - ich glaube, es war sogar ein Staatspräsident - hat einmal in einer sehr beeindruckenden Rede geschildert, wie wenige Generationen zwischen ihm und der Zeit des Alten Testaments liegen; wie sehr die dort erzählte Geschichte seine Geschichte ist.


Es sind mehr Generationen, als man an einer Hand abzählen kann und dieser Mann interpretiert die schriftlichen Aufzeichnungen ganz anders als jene, die sie geschrieben haben. Aber gut, manche Juden in Israel glauben ja auch ernsthaft sie hätten ein historisches Anrecht auf arabisches Land.

Noch ein Beispiel für die Willkür der Geschichte, die sich nicht mit Traditionen aufhält?
Vor 100 Jahren war das osmanische Reich die Schutzmacht der Juden. Wenn man ausgemachte Antisemiten suchte, dann fand man sie vor allem bei den evangelikalen Christen der westlichen Welt, die gegen die Messiasmörder wetterten. Heute ist es genau andersrum. Die Evangelikalen der USA sind die Schutzmacht Israels, während die Moslems ein Haufen von Antisemiten geworden sind.

In Antwort auf:

Eine Gemeinschaft, die in sich heterogen ist und die allein von Machtinteressen zusammengehalten wird, zerfällt, sobald diese Interessen wegfallen, oder die Macht zerbricht. Wir haben das vor zwei Jahrzehnten beim Untergang des Sowjetreichs gesehen. Ebenso ist nach dem Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich untergegangen, und nach dem Zweiten das Britische Empire.


Die Wahl der Beispiele und die Schlussfolgerung finde ich sehr gewagt. Große, zentralistische Reiche zerfallen immer gerne schnell wenn die Zentralmacht schwächelt. Dafür gibts genug Gründe, die nichts mit Kultur zu tun haben. Ich könnte es ja auch umgekehrt behaupten und sagen, dass die gemeinsame kulturelle Basis nicht mehr wahrgenommen wurde, WEIL diese Reiche zerfielen. Wer keinen Grund mehr hat, Gemeinsamkeiten zu betonen, der tut es auch nicht. Sicher ist das aber nicht die ganze Wahrheit, warum diese Reiche zerfielen.


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Zettel30.06.2008 18:34
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Omni30.06.2008 19:00
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Zettel30.06.2008 19:27
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Omni30.06.2008 21:02
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Zettel30.06.2008 22:34
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Chripa30.06.2008 23:30
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Meister Petz01.07.2008 00:45
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Zettel01.07.2008 02:12
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Omni01.07.2008 03:46
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Meister Petz01.07.2008 19:23
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Zettel01.07.2008 20:15
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Omni03.07.2008 01:57
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Zettel03.07.2008 05:52
RE: Zitat des Tages: Die EU an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit Omni04.07.2008 00:10
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