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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


26.10.2008 16:37
Kants "Ding an sich" und Hegels "Sache an sich" Antworten

Lieber Gomez,
willkommen im "kleinen Zimmer"!

Da meine Antwort etwas länger ausfällt, poste ich sie in zwei Teilen. Zunächst zum Thema "Ding an sich", dann zu Schopenhauer und zur Sprache Hegels.

Zitat von Gomez
In Antwort auf:
Hegel schlug die Volte, einfach auch das Ding an sich zum Produkt des Geistes zu erklären.

Das tat er eben nicht. Er argumentierte im Gegenteil, daß sich in Kants "Ding an sich" nichts denken, da es sich als Jenseits alles Erscheinenden gar nicht fassen lasse, also ein Bezug auf es, in welcher Form auch immer, schlechterdings sinnlos sei.

Das klingt mir, lieber Gomez, eigentlich eher nach Kant.

Kant macht ja eben über das Ding an sich überhaupt keine positive Aussagen. Wenn er darüber redet, dann in dem negativen Sinn, daß wir darüber nichts wissen können.

Er ist noch nicht einmal der Meinung, daß wir - nicht aus Erfahrungsgründen, aber noch nicht einmal aus transzendentalen Gründen (also weil wir es anders nicht denken können) - ein Ding an sich annehmen müssen. Er hält es nur für vernünftig, seine Existenz vorauszusetzen, so wie er es z.B. für vernünftig hält, die Willensfreiheit anzunehmen. Beweisbar ist beides nicht. (Er spricht damit im Grunde das Problem an, das heute, dh seit Brentano und Husserl, unter der Überschrift Intentionalität diskutiert wird; vielleicht kommen wir, falls sich - was ich schön fände - eine Diskussion entwickelt, noch darauf).

Hegel aber schlägt schon die Volte, die ich genannt hatte. Er diskutiert diese Frage u.a. in der Einleitung zur "Wissenschaft der Logik". Dort kritisiert er zunächst die herkömmliche Position zur Beziehung zwischen dem Denken und seinem Gegenstand (die für ihn auch die Kants ist) und schreibt über diese Position:
Zitat von Wissenschaft der Logik
Das Denken kommt daher in seinem Empfangen und Formiren des Stoffs nicht über sich hinaus, sein Empfangen und sich nach ihm Bequemen bleibt eine Modifikation seiner selbst, es wird dadurch nicht zu seinem Andern; und das selbstbewußte Bestimmen gehört ohnedieß nur ihm an; es kommt also auch in seiner Beziehung auf den Gegenstand nicht aus sich heraus zu dem Gegenstande, dieser bleibt als ein Ding an sich, schlechthin ein Jenseits des Denkens.

So ist es in der Tat bei Kant. Über das Ding an sich können wir nichts wissen; dies zu behaupten wäre ein Widerspruch in sich. Denn dann wäre es ja ein Ding für uns, nicht mehr eines an sich.

Aber, lieber Gomez, mit diesem "Jenseits des Denkens" beschreibt Hegel nicht seine eigene Position, sondern die Kants. Die Stelle steht ja in einem Abschnitt, wo er die aus seiner Sicht überholte herkömmliche Logik darstellt.

Seine eigene Position umreißt er weiter unten, immer noch in der Einleitung (auf den letzten Satz kommt es an, den ich deshalb hervorhebe):
Zitat von Wissenschaft der Logik
Indem aber auf der andern Seite diese Erkenntniß sich als die Erkenntniß von Erscheinendem weiß, wird das Unbefriedigende derselben eingestanden, aber zugleich vorausgesetzt, als ob zwar nicht die Dinge an sich, aber doch innerhalb der Sphäre der Erscheinung richtig erkannt würde; als ob dabei gleichsam nur die Art der Gegenstände verschieden wäre, und die eine Art, nämlich die Dinge an sich zwar nicht, aber doch die andere Art, nämlich die Erscheinungen, in die Erkenntniß fielen. Wie wenn einem Manne richtige Einsicht beigemessen würde, mit dem Zusatz, daß er jedoch nichts Wahres, sondern nur Unwahres einzusehen fähig sey. So ungereimt das Letztere wäre, so ungereimt ist eine wahre Erkenntniß, die den Gegenstand nicht erkennte, wie er an sich ist.

Das also will Hegel, anders als Kant: Den Gegenstand erkennen, wie er an sich ist. Nur meint er damit nicht ein Transzendieren des Phänomenon, das Fortschreiten zum Noumenon, sondern er verlegt das Ding an sich in den Geist, der es als das Andere hervorbringt.

Das ist die Volte, die ich genannt habe. Hegel schlägt sie zB an dieser vielzitierten Stelle (immer noch in der Vorrede; Hervorhebung von mir):
Zitat von Wissenschaft der Logik
Die reine Wissenschaft setzt somit die Befreiung von dem Gegensatze des Bewußtseyns voraus. Sie enthält den Gedanken, insofern er eben so sehr die Sache an sich selbst ist, oder die Sache an sich selbst, insofern sie ebenso sehr der reine Gedanke ist. Als Wissenschaft ist die Wahrheit das reine sich entwicklende Selbstbewußtseyn, und hat die Gestalt des Selbst, daß das an und für sich seyende gewußter Begriff, der Begriff als solcher aber das an und für sich seyende ist.

Sie haben allerdings Recht; Hegel vermeidet den durch Kant festgelegten Begriff des "Dings an sich", sondern spricht von der "Sache an sich selbst". Aber unter diesem anderen Namen verlegt er das Ding an sich ins erkennende Bewußtsein.

Soviel erst einmal.

Herzlich, Zettel


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Betreff Absender Datum
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RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel13.11.2008 23:02
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Gomez22.11.2008 21:52
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel27.11.2008 08:47
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RE: Hegel verstehen Gomez27.10.2008 11:46
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RE: Sehr gute Philosophiediskussionen hier ! Zettel07.11.2008 18:50
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RE: Philosophie und Wissenschaft Zettel12.11.2008 00:39
RE: Philosophie und Wissenschaft Bernd31413.11.2008 13:12
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RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel22.10.2008 14:13
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RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Bernd31427.10.2008 23:13
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