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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 54 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Gomez

Beiträge: 13

28.10.2008 10:49
RE: Nochmal Ding an sich. Beschreibung oder Erklärung? Antworten

Lieber Zettel,

nachdem ich im PS meines letzten Beitrags meine Motivation für meine Einlassungen offengelegt habe, habe ich das Gefühl, daß Sie diese Antwort hier regelrecht provozieren. Denn Sie bemühen, leider, wieder alte Klischees:

1. ist es meilenweit an der Wirklichkeit vorbei, zu behaupten, Hegel habe sich nicht mit naturwissenschaftliochen Denken befasst. Sie haben doch selbst ein Zitat gebracht, worin sich Hegel offenkundig mit Naturwissenschaft beschäftigt. Warum zum Beispiel ist die zweite Auflage der Seinslogik fast doppelt so umfangreich wie die erste? Doch ganz einfach deshalb, weil Hegel weitere naturwissenschaftliche und mathematische Probleme in seine Arbeit integrieren wollte. Schauen Sie doch einfach mal in den Anmerkungs-Apparat der Meiner-Ausgabe.

2. Ding an sich. Eigentlich ist diese Geschichte bei Hegel nur ein Nebenkriegsschauplatz. Interessant am DaS ist für Hegel gewissermaßen nur seine Irrelavanz. Das aber heißt für ihn, daß er sich eben mit der Realität abmüht, nicht nur mit einer gegenüber dem DaS irgendwie unwahren bloßen Erscheinungswelt.

3. Aber was ist für Hegel dann die Realität? Ganz klar ist Hegel einer der Philosophen, für den die Welt nur als irgendwie wahrgenommene existiert. Das DaS ist ja nachgerade die Behauptung einer nichtwahrgenommenen Welt. Das hat aber die Konsequenz, daß für ihn Denken und Sein identisch sind. Was jedoch nicht so verstanden werden darf, daß das Denken nur in der Vorstellung existiert.

In Antwort auf:
Für den Naturwissenschaftler ist die Frage, ob es ein Ding an sich gibt, nachgerade albern. Ja, natürlich, womit sonst befaßt er sich? Er wird es nie als Ding an sich analysieren können, das wäre kontradiktorisch, siehe oben. Aber daß es existiert, ergibt sich schon daraus, daß man richtige und falsche Aussagen machen kann. Aussagen, deren Richtigkeit und Falschheit sich im Kontakt mit der Realität erweist. Es gibt diese Realität, auch wenn wir sie immer nur in den uns gegebenen Kategorien fassen und uns vorstellen können. Sie zeigt sich in ihrer Widerständigkeit.

Wenn man es hingegen, wie Hegel offenbar annimmt, gar nicht mit einer objektiven, vom Geist unabhängigen Realität zu tun hat - wie kann man dann überhaupt wahre von falschen Aussagen über die Realität unterscheiden? Wozu überhaupt forschen?


Ich habe den Eindruck, daß Sie hier auf den Sellarschen "myth of the given" hereinfallen. So interpretiere ich jedenfalls Ihren Gebrauch von "Widerständigkeit". Das DaS als Kontrollinstanz der Forschung ist jedoch hochproblematisch, denn Sie müssen es als vom Begrifflichen gänzlich bereinigtes bloßes Faktum darstellen können. Das wird Ihnen jedoch schwerfallen. Der logische Positivismus ist jedenfalls mit seiner Protokollsatztheorie auf die Nase gefallen. Daß es keine reinen Beobachtungssätze gibt, hätten diese Leute schon in Hegels "Sinnlicher Gewißheit" nachlesen können.
Aber woran erkenne ich dann, ob meine Aussagen über die Wirklichkeit zutreffend sind oder nicht? Genau das ist die spannende Frage. Sie motiviert John McDowells "mind and world", wo er dem Problem nachgeht, wie es sein kann, das unbegrenzte Reich des Begrifflichen so zu denken, daß begriffliche Spontaneität sich darin "reiben" kann, da sie sonst nur ein "reibungsloses Kreiseln im luftleeren Raum" wäre. Der späte Quine hat wieder Außenreizungen in seinem System zugelassen, um dieses Problem zu meistern. Wo ist aber Hegel einzuordnen? Dazu nur soviel: Wenn er die Einheit von Denken und Sein behauptet, folgt daraus ja schon, daß das Denken über das Sein nicht so ohne weiteres verfügen kann. Denn das Objekt ist vom Subjekt ja genauso abhängig wie das Subjekt vom Objekt. Das Subjekt kann also durchaus irren und sich korrigieren lassen, indem er zunächst dem Objekt eine falsche begriffliche Struktur unterstellt und sich dann aber von ihm aufklären lässt. Das könnte man am Tun des Naturwissenschaftlers exemplifizieren: Er lässt sich vom Ansich aufklären, und dieses ihm Offenbarte ist dann "für ihn", und damit hat er auch ein neues Ansich geschaffen, also den Gegenstand verändert. In der Geschichte der Naturwissenschaft haben sich ja viele Gegenstände unter den Augen des Forschers sozusagen auf diese Weise in Luft aufgelöst, der Äther oder die Miasmen, was wiederum sehr schön zeigt, dass es auch die Wissenschaft nur mit Begriffen, nie mit erkenntnisunabhängigen Gegenständen zu tun hat.

4. Die Terminologie. Auch dazu nur so viel: Es überrascht mich immer wieder, daß an philosophischen Texten bemängelt wird, wenn sie nicht von jedermann unmittelbar begriffen werden können. Kein Mensch würde diesen Anspruch an naturwissenschaftliche oder ökonomische Texte stellen. Daß nun philosophische Texte schwer verständlich sind, daran hat auch Kant gewirkt, und selbstverständlich auch die Leibnizschule, aus der er hervorgegangen ist. Ich betrachte das als Vorzug, nämlich auf Hinweise auf die Verwissenschaftlichung eines Fachs, wenn sie Ihre eigene Begrifflichkeit entwickelt. Kant hat zugegebenermaßen den Vorteil, daß er an geeigneter Stelle seine Begrifflichkeiten definiert. Definitionen verbieten sich aber für Hegel, da seine Termini nur im Kontext Sinn haben, nicht unabhängig davon. Er ist sozusagen, um es etwas unbeholfen auszudrücken, aus Gründen seiner eigenen Philosophie schwer verständlich.

5. Auch wenn Sie lieber über das Verhältnis von KrV und KpV sprechen wollen: Wenn Sie sich doch noch einmal an Hegel wagen, empfehle ich, die frühen Jenaer Schriften zu lesen wie "Glauben und Wissen", die Differenzschrift (in diesen beiden empfehle ich die Abschnitte über Kant) oder seinen Aufsatz über den gemeinen Menschenverstand. Da haben Sie zwar noch nicht die Hegelsche Lösung, aber schon Hegels philosophische Aufgaben vorgestellt. Diese Texte sind zwar auch nicht gerade leicht verständlich, vor allem nicht in Vergleich zu seinen theologischen Jugendschriften, aber wenigstens quält er Sie darin nicht mit seiner späteren Terminologie. Oder Sie nehmen seine Logik, die im Vergleich zur Phänomenologie imho leicht verständlich ist.

Grüße,

Gomez


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
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RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! MPH20.10.2008 15:00
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RE: Analytische Philosophie und die Sprache Hegels Gomez26.10.2008 19:02
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RE: Subjekt, Objekt Gomez27.10.2008 10:52
Nochmal Ding an sich. Beschreibung oder Erklärung? Zettel28.10.2008 03:38
RE: Nochmal Ding an sich. Beschreibung oder Erklärung? Gomez28.10.2008 10:49
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RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Gomez07.11.2008 20:11
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RE: Der absolute Geist: Theologie, Erkenntnistheorie, Ontologie Gomez14.11.2008 20:18
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RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Gomez08.11.2008 22:44
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel13.11.2008 23:02
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Gomez22.11.2008 21:52
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel27.11.2008 08:47
Lieber Gomez ... Zettel25.01.2009 05:46
Hegel verstehen Zettel27.10.2008 01:41
RE: Hegel verstehen Gomez27.10.2008 11:46
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RE: Sehr gute Philosophiediskussionen hier ! Zettel07.11.2008 18:50
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RE: Philosophie und Wissenschaft Zettel12.11.2008 00:39
RE: Philosophie und Wissenschaft Bernd31413.11.2008 13:12
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RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel22.10.2008 14:13
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RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Bernd31427.10.2008 23:13
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RE: Die Kunst, einfach zu schreiben Bernd31428.10.2008 11:24
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