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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 54 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


02.11.2008 11:53
Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Antworten

Lieber Gomez,

ich antworte wieder in mehreren Teilen, aus den schon genannten Gründen.

Wir sollten vielleicht überlegen, über welche Themen es sich für uns beide zu streiten lohnt. Mich interessiert dasjenige, das ich in den Titel meiner jetzigen Antworten setze, Hegel und die Naturwissenschaften. Zunächst Anmerkungen zu dem, was Sie geschrieben haben.

Zitat von Gomez
Ding an sich. Eigentlich ist diese Geschichte bei Hegel nur ein Nebenkriegsschauplatz. Interessant am DaS ist für Hegel gewissermaßen nur seine Irrelavanz. Das aber heißt für ihn, daß er sich eben mit der Realität abmüht, nicht nur mit einer gegenüber dem DaS irgendwie unwahren bloßen Erscheinungswelt.

Naja, er diskutiert es immerhin ausführlich zu Beginn der Einleitung in der WdL. Es ist schon ein zentraler Punkt seiner Kritik an Kant.

Und es war, lieber Gomez, ja der Punkt, mit dem Sie diese Diskussion eröffnet haben.

Mit der Realität müht sich natürlich auch Kant ab. Der Umstand, daß wir sie nur innerhalb der Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung erkennen können, macht sie für Kant ja nicht weniger real. (Erst recht nicht unwahr. Wahr oder unwahr können Aussagen sein, nicht Welten).

Es ist ein Mißverständnis Kants, zu meinen, daß bei ihm das Phainomenon nur im Kopf sei, so wie das Descartes am Beginn der Meditationes für die phänomenale Realität durchspielt. Er ist empirischer Realist.

Daß Sie es Hegel zuschreiben, sich mit der Realität abzumühen, finde ich interessant. "Abmühen" tut er sich, ja. Aber mit dem Ziel, sie gedanklich zu erfassen ("auf den Begriff zu bringen"), nicht Neues und Weiteres über die Eigenschaften und die Funktionsweise von Gegenständen und Sachverhalten zu erfahren, indem man sie experimentell untersucht. Ich komme darauf.
Zitat von Gomez
Aber was ist für Hegel dann die Realität? Ganz klar ist Hegel einer der Philosophen, für den die Welt nur als irgendwie wahrgenommene existiert. Das DaS ist ja nachgerade die Behauptung einer nichtwahrgenommenen Welt. Das hat aber die Konsequenz, daß für ihn Denken und Sein identisch sind. Was jedoch nicht so verstanden werden darf, daß das Denken nur in der Vorstellung existiert.

Nein, das Ding an sich ist bei Kant nicht "die Behauptung einer nicht wahrgenommenen Welt". Es ist die Behauptung, daß die Annahme vernünftig ist, daß das Erkennen trotz seiner Begrenztheit durch Anschauungsformen und Verstandeskategorien sich doch auf eine reale Welt richtet. (Wie schon einmal angedeutet, führt von dort der Weg zum Problem der Intentionalität, so wie es Brentano und Husserl formuliert haben).

Daß "Denken und Sein identisch" seien, ist eine Leerformel. Stimmen kann das ja nur, wenn man "Denken" irgendwie qualifiziert. Wenn ich denke, daß die Sonne um die Erde kreist, wird das ja nicht dadurch der Fall. Also muß das Denken des Wahren gemeint sein; dergleichen. Aber warum ist es wahr? Weil es mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Und schon sind wir bei der von Hegel abglehnten adequatio intellectus et rei.
Zitat von Gomez
Wenn er die Einheit von Denken und Sein behauptet, folgt daraus ja schon, daß das Denken über das Sein nicht so ohne weiteres verfügen kann. Denn das Objekt ist vom Subjekt ja genauso abhängig wie das Subjekt vom Objekt. Das Subjekt kann also durchaus irren und sich korrigieren lassen, indem er zunächst dem Objekt eine falsche begriffliche Struktur unterstellt und sich dann aber von ihm aufklären lässt. Das könnte man am Tun des Naturwissenschaftlers exemplifizieren: Er lässt sich vom Ansich aufklären, und dieses ihm Offenbarte ist dann "für ihn", und damit hat er auch ein neues Ansich geschaffen, also den Gegenstand verändert.

Womit wir bei meiner Behauptung sind, mit deren Kritik Sie, lieber Gomez, diese Diskussion begonnen haben:
Zitat von Gomez
In Antwort auf:
Hegel schlug die Volte, einfach auch das Ding an sich zum Produkt des Geistes zu erklären.
Das tat er eben nicht.

Entweder ist auch das Ansich ein Produkt des Geistes. Oder es existiert unabhängig von ihm, dann ist es ein Ding an sich in Kants Sinn. Da Hegel das zweite ablehnt, muß er das erste meinen.
Zitat von Gomez
In der Geschichte der Naturwissenschaft haben sich ja viele Gegenstände unter den Augen des Forschers sozusagen auf diese Weise in Luft aufgelöst, der Äther oder die Miasmen, was wiederum sehr schön zeigt, dass es auch die Wissenschaft nur mit Begriffen, nie mit erkenntnisunabhängigen Gegenständen zu tun hat.

Lustig, wie man das interpretieren kann, liebe Gomez.

Als jemand, der sich a bisserl mit Wissenschaftsgeschichte befaßt hat, würde ich das anders beschreiben: Es haben sich keine Gegenstände in Luft aufgelöst, sondern Annahmen haben sich als falsch erwiesen. Und zwar nicht, weil man die Erfahrung besser auf den Begriff gebracht hat, sondern weil man Experimente gemacht hat. Im Fall des Äthers das von Michelson und Morley.

Das zeigt eben gerade nicht, daß es die Wissenschaft "nur mit Begriffen" zu tun hat. Sondern es zeigt, daß eine begriffliche Beschreibung der Realität (zunehmend ja eine mathematische) korrigiert wird, wenn neue experimentelle Daten das verlangen.
Zitat von Gomez
Es überrascht mich immer wieder, daß an philosophischen Texten bemängelt wird, wenn sie nicht von jedermann unmittelbar begriffen werden können. Kein Mensch würde diesen Anspruch an naturwissenschaftliche oder ökonomische Texte stellen.

Eines der ersten philosophischen Werke der modernen Philosophie, das ich als Schüler gelesen habe, war Carnaps "Der logische Aufbau der Welt". Nein, das kann nicht "von jedermann unmittelbar begriffen" werden. Aber es ist verständlich; verständlich in dem Sinn, daß das Gemeinte vollkommen klar wird, wenn man die Zeit daran wendet, sich mit dem Text zu befassen.

Der Vorwurf an Hegel lautet nicht, daß er in diesem Sinn "schwer verständlich" ist, sondern daß er einfache Gedanke in einen Wortschwulst hüllt und dem Leser damit das Verstehen unnötig schwer macht. Dringt man durch bis zu dem Gedanken, den Hegel aufbläst wie Popcorn, wenn es in den Kessel kommt, dann sind es wenige kleine Körner, die übrig bleiben. Manchmal dann verständlich, manchmal nicht, weil - siehe das Ansich - Hegel keine Antwort gibt. In diesem Fall ist hinter dem Wortgeklingel schlicht nichts.
Zitat von Gomez
Wenn Sie sich doch noch einmal an Hegel wagen, empfehle ich, die frühen Jenaer Schriften zu lesen wie "Glauben und Wissen", die Differenzschrift (in diesen beiden empfehle ich die Abschnitte über Kant) oder seinen Aufsatz über den gemeinen Menschenverstand. Da haben Sie zwar noch nicht die Hegelsche Lösung, aber schon Hegels philosophische Aufgaben vorgestellt. Diese Texte sind zwar auch nicht gerade leicht verständlich, vor allem nicht in Vergleich zu seinen theologischen Jugendschriften, aber wenigstens quält er Sie darin nicht mit seiner späteren Terminologie. Oder Sie nehmen seine Logik, die im Vergleich zur Phänomenologie imho leicht verständlich ist.

Sehr freundlich, lieber Gomez.

Ich habe einiges davon vor Jahrzehnten gelesen; als ich, wie schon erwähnt, in meinem ersten Semester einen Hegelianer als Co hatte. Ich fürchte, in meiner verbleibenden Lebensspanne gibt es so viel Interessanteres, daß ich wohl nicht noch mal meine Nase intensiv in den Hegel stecken werde.

Herzlich, Zettel


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Betreff Absender Datum
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RE: Nochmal Ding an sich. Beschreibung oder Erklärung? Gomez28.10.2008 10:49
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RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Gomez07.11.2008 20:11
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RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Gomez08.11.2008 22:44
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel13.11.2008 23:02
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Gomez22.11.2008 21:52
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel27.11.2008 08:47
Lieber Gomez ... Zettel25.01.2009 05:46
Hegel verstehen Zettel27.10.2008 01:41
RE: Hegel verstehen Gomez27.10.2008 11:46
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RE: Sehr gute Philosophiediskussionen hier ! Zettel07.11.2008 18:50
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RE: Philosophie und Wissenschaft Zettel12.11.2008 00:39
RE: Philosophie und Wissenschaft Bernd31413.11.2008 13:12
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Libero22.10.2008 10:55
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel22.10.2008 14:13
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RE: Egon Friedell Libero11.01.2009 18:33
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RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Bernd31427.10.2008 23:13
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RE: Die Kunst, einfach zu schreiben Bernd31428.10.2008 11:24
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