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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 54 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Gomez

Beiträge: 13

08.11.2008 22:44
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Antworten
Lieber Zettel,


Sie meinen, Hegel hätte nicht verstanden, wie Naturwissenschaft funktioniert. Da Sie weiterhin behaupten, Hegel knüpfe "an einfache Sachverhalte ausufernde Assoziationen", und Sie später diesen Vorwurf bezüglich der von mir schon kommentierten Textpassage wiederholen, vermute ich, daß Sie sich auf den unten von Ihnen zitierten langen Text beziehen. Damit geben Sie, wenn ich mit dieser Vermutung Recht habe, zu verstehen, Hegel habe in diesen Abschnitt in irgend einer Weise unter Beweis gestellt, nicht zu begreifen, wie Naturwissenschaft funktioniert. Folglich unterstellen Sie Hegel, er habe mit diesem Textabschnitt in irgend einer Form im Sinn gehabt, über die Methode der Naturwissenschaft zu urteilen. Woher wissen Sie das?

Womit ich beim ersten Problem der Hegel-Rezeption bin. Für das Verständnis eines Textes ist es unerläßlich, zuerst zu prüfen, welcher Zweck mit diesem Text verfolgt wird. Bei einem philosophischen Text wäre also zu fragen: Ist es eine Analyse? Wenn ja, wovon? Ist der Text hauptsächlich in kritischer Absicht geschrieben worden oder versucht der Autor, selbst eine Theorie zur Diskussion zu stellen? Behandelt der Autor ein Thema oder mehrere? Wenn er letzteres macht: Sind diese Themen systematisch miteinander verknüpft oder nur rhapsodisch angeordnet?

Leider wiederfährt Hegel das Schicksal, gelesen zu werden, bevor irgend eine dieser Fragen den Lesern auch nur in den Sinn kommt. Das passiert seinen Kritikern (z.B. Popper, der sich einmal sogar damit gebrüstet hat, Hegel nur aus zweiter Hand zur Kenntnis genommen zu haben) wie seinen Bewunderern (z.B. Kojève, der in seinem Hegelbuch nicht die elementarsten Dinge begreift). Dabei hat Hegel in der Einleitung eine klare Leseanleitung für die Phänomenologie gegeben. Er verfolgt in ihr, wie er schreibt, eine systematische Destruktion endlicher Wissensformen, und zwar aller endlicher Wissensformen. Ob berechtigt oder Größenwahn, das lass ich jetzt einmal aussen vor. Das verlangt natürlich eine gewisse Systematik der Darstellung. Diese leistet bei ihm die "bestimmte Negation". Diese stellt sicher, daß die Darstellung des Scheiterns einer endlichen Wissensform ein Resultat übriglässt, aus der die nächste Wissensform konstruiert werden kann. Dies tut er, wie leicht zu erraten ist, deshalb, da jede äußere Reihung dieser Wissensformen von diesen als ihnen äußerlich abgewiesen werden könnte. Hegel geht es ja darum, nicht nur zu behaupten, alle anderen Wissensformen außer der des "spekulativen Denkens" seien falsch, sondern diesen Erweis aus den immanenten Voraussetzungen dieser Weltanschauungen zu generieren.

Warum bin ich jetzt so ins Detail gegangen? Ganz einfach deshalb, weil ich darauf hinweisen will, daß eine genetische Darstellung auch entsprechend gelesen werden muß. Wenn die Theorie C aus dem Scheitern der Theorie B hervorgegangen ist, und die wieder aus dem der Theorie A, werde ich C nie verstehen, wenn ich A nicht verstanden habe. Jetzt könnten Sie mir entgegnen, daß eine solche Weise der Lektüre von vielen wissenschaftlichen Büchern verlangt wird. Und hier kommt die zweite Besonderheit ins Spiel, die nicht berücksichtigt wird, und die die Phänomenologie eigentlich unlesbar macht.

Hegel geht, anders wäre sein Plan auch gar nicht zu erfüllen, idealtypisch vor. Denn er könnte ja unmöglich alle Weltanschauungen, die es gibt, widerlegen; denn dazu müsste er nicht nur auf alles eingehen, was vor ihm war, sondern auch auf alles, was nach ihm kommt. Hierbei arbeitet er ähnlich wie Kant, der ja auch jeden philosophisch relevanten Phänomenbereich so vollständig zu erfassen suchte, daß er alle Kategorien auf ihn applizierte. Hegel behauptet analog, in allen historischen Wissensgestalten habe sich jeweils eine Denkbestimmung realisiert, eine jener Denkbestimmungen, die er in der Wissenschaft der Logik vollständig entwickelt zu haben beanspruchte. Der Fehler dieser Denkbestimmungen, wie er sie als geschichtlich aufgetretene in der Phänomenologie zeigt, sei der gewesen, daß sie sich als solche verfestigt hätten, also beanspruchten, die Wirklichkeit allumfassend abzubilden. Das ist jener Moment, den er in der "bestimmten Negation" negiert. Er widerlegt sie also nicht total, er zeigt nur ihre Abhängigkeit von anderen Denkbestimmungen auf.

Kann er dies, das Aufzeigen des genetischen Ineinanderübergehens der Kategorien, in der Logik in der klaren Sprache dieser Kategorien tun, muß er dies jedoch in der Phänomenologie in der Sprache der geschichtlich aufgetretenen geistigen Phänomene verwirklichen. Und da er meint, diese Kategorien hätten sich geschichtlich nicht nur in philosophischer, sondern auch in naturwissenschaftlicher, religiöser, naturwissenschaftlicher Gestalt gezeigt, also in allen möglichen geistigen Gestaltungen, entsteht jene Verwirrung, die das Buch eigentlich unlesbar macht. Er wechselt, indem er die klare Sache der Logik in der zufälligen Sprache geistiger Erscheinungen erzählt, in der Phänomenologie gewissermaßen ständig die Notation, und man kann sich in diesem Text nur zurechtfinden, wenn man die Logik als Navigation benutzt.

Das können Sie schon am Beginn des Zitats sehen: Der "Zweckbegriff", der dort genannt wird, fällt hier gleichsam vom Himmel, während er in der Logik breit erörtert wird, "einfache Seele", "Inneres" und "allgemeine Flüssigkeit" wiederum sind Begriffe, die vorher in der Phänomenologie auftauchten, also Rudimente einer bereits in der Phänomenologie destruierten Weltsicht, und die "Irritabilität" ist ein Beispiel für das geschichtliche Auftauchen einer Denkkategorie, die hier im Text die eigentliche Rolle spielt, obgleich sie verborgen ist. Er versucht also nicht, im Bereich der Naturwissenschaft zu dilettieren, ihn interessiert nur, inwieweit naturwissenschaftliche Erkenntnisse als Beispiel für die Anwendung von Kategorien der Logik herangezogen werden können, und er kritisiert die Naturwissenschaften nicht in ihrem Bereich, sondern nur da, wo sie über diesen Bereich hinausgehen, also ihre Totalität behaupten wollen, wo sie doch nur Teil eines Systems der Darstellungen des Geistes sind. Dies wird überdeutlich an anderer Stelle der Beobachtung der Natur, wo es um die Schädellehre geht ("Es ist von dieser Seite für völlige Verleugnung der Vernunft anzusehen, für das wirkliche Dasein des Bewußtseins einen Knochen auszugeben")

Deshalb ist es schon problematisch, dieses lange Zitat zu posten, um zu zeigen, was für vermeintlichen Quark Hegel geschrieben habe. Es hätte schließlich auch keinen Sinn, einen Abschnitt aus einem späten Kapitel der Buddenbrooks zu zitieren, und dann kopfschüttelnd zu bemerken, was habe sich dieser Mann denn dabei gedacht, niemand könne doch der Handlung folgen.

Beste Grüße,

Gomez

Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel20.10.2008 13:41
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! MPH20.10.2008 15:00
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel20.10.2008 15:06
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Nola20.10.2008 15:23
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Nordlicht20.10.2008 16:29
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Nola20.10.2008 16:40
Schopenhauer und Kant Zettel20.10.2008 16:54
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! ex-blond20.10.2008 20:43
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel20.10.2008 20:53
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Nola21.10.2008 13:25
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RE: Kant und Schopenhauer Gomez26.10.2008 13:59
Kants "Ding an sich" und Hegels "Sache an sich" Zettel26.10.2008 16:37
Analytische Philosophie und die Sprache Hegels Zettel26.10.2008 16:42
RE: Analytische Philosophie und die Sprache Hegels Gomez26.10.2008 19:02
Subjekt, Objekt Zettel27.10.2008 01:28
RE: Subjekt, Objekt Gomez27.10.2008 10:52
Nochmal Ding an sich. Beschreibung oder Erklärung? Zettel28.10.2008 03:38
RE: Nochmal Ding an sich. Beschreibung oder Erklärung? Gomez28.10.2008 10:49
Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Zettel02.11.2008 11:53
RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Gomez07.11.2008 20:11
RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Zettel09.11.2008 15:54
RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Gomez14.11.2008 14:37
RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Zettel15.11.2008 02:13
Der absolute Geist: Theologie, Erkenntnistheorie, Ontologie Zettel12.11.2008 00:09
RE: Der absolute Geist: Theologie, Erkenntnistheorie, Ontologie Gomez14.11.2008 20:18
Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel02.11.2008 13:05
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Gomez08.11.2008 22:44
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel13.11.2008 23:02
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Gomez22.11.2008 21:52
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel27.11.2008 08:47
Lieber Gomez ... Zettel25.01.2009 05:46
Hegel verstehen Zettel27.10.2008 01:41
RE: Hegel verstehen Gomez27.10.2008 11:46
Hegel, dehydriert. Und etwas zum Ende der Philosophie Zettel06.11.2008 07:02
Sehr gute Philosophiediskussionen hier ! Bernd31407.11.2008 18:17
RE: Sehr gute Philosophiediskussionen hier ! Zettel07.11.2008 18:50
Philosophie und Wissenschaft Bernd31408.11.2008 19:11
RE: Philosophie und Wissenschaft Zettel12.11.2008 00:39
RE: Philosophie und Wissenschaft Bernd31413.11.2008 13:12
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Libero22.10.2008 10:55
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel22.10.2008 14:13
Egon Friedell Zettel11.01.2009 15:38
RE: Egon Friedell Libero11.01.2009 18:33
RE: Egon Friedell Gorgasal11.01.2009 18:38
RE: Egon Friedell Zettel11.01.2009 19:06
RE: Egon Friedell Zettel11.01.2009 19:40
RE: Egon Friedell Nola12.01.2009 21:16
RE: Egon Friedell Kallias13.01.2009 12:59
RE: Egon Friedell Nola13.01.2009 22:01
RE: Egon Friedell Kallias15.01.2009 22:05
RE: Abschweifungen Nola03.03.2009 00:04
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Bernd31427.10.2008 23:13
Die Kunst, einfach zu schreiben Zettel28.10.2008 01:28
RE: Die Kunst, einfach zu schreiben Bernd31428.10.2008 11:24
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