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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 54 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


13.11.2008 23:02
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Antworten

Lieber Gomez,

Zitat von Gomez
Sie meinen, Hegel hätte nicht verstanden, wie Naturwissenschaft funktioniert. Da Sie weiterhin behaupten, Hegel knüpfe "an einfache Sachverhalte ausufernde Assoziationen", und Sie später diesen Vorwurf bezüglich der von mir schon kommentierten Textpassage wiederholen, vermute ich, daß Sie sich auf den unten von Ihnen zitierten langen Text beziehen. Damit geben Sie, wenn ich mit dieser Vermutung Recht habe, zu verstehen, Hegel habe in diesen Abschnitt in irgend einer Weise unter Beweis gestellt, nicht zu begreifen, wie Naturwissenschaft funktioniert.

So weit stimme ich zu.
Zitat von Gomez
Folglich unterstellen Sie Hegel, er habe mit diesem Textabschnitt in irgend einer Form im Sinn gehabt, über die Methode der Naturwissenschaft zu urteilen.

Non sequitur. Ich glaube nicht und habe nicht behauptet, daß Hegel über die Methodik der Naturwissenschaften urteilen wollte. Ich bezweifle, daß er das überhaupt gekonnt hätte.

Was er macht, ist dies: Er nimmt - durch Schelling vermittelt - einen Begriff und assoziiert zu ihm. Der Begriff ist aber ein naturwissenschaftliches Konzept, das - auch schon zu Hegels Zeit - eine konkrete, durch experimentelle Daten operationalisierte Bedeutung hatte.

Es ist ungefähr so, als würde heute jemand den Einstein'schen Begriff der Relativität nehmen und dazu allerlei Assoziationen darüber anknüpfen, wie relativ doch alles in dieser Welt ist.
Zitat von Gomez
Für das Verständnis eines Textes ist es unerläßlich, zuerst zu prüfen, welcher Zweck mit diesem Text verfolgt wird. Bei einem philosophischen Text wäre also zu fragen: Ist es eine Analyse? Wenn ja, wovon? Ist der Text hauptsächlich in kritischer Absicht geschrieben worden oder versucht der Autor, selbst eine Theorie zur Diskussion zu stellen? Behandelt der Autor ein Thema oder mehrere? Wenn er letzteres macht: Sind diese Themen systematisch miteinander verknüpft oder nur rhapsodisch angeordnet?

Ja, da stimme ich Ihnen zu.
Zitat von Gomez
Dabei hat Hegel in der Einleitung eine klare Leseanleitung für die Phänomenologie gegeben. Er verfolgt in ihr, wie er schreibt, eine systematische Destruktion endlicher Wissensformen, und zwar aller endlicher Wissensformen. Ob berechtigt oder Größenwahn, das lass ich jetzt einmal aussen vor. Das verlangt natürlich eine gewisse Systematik der Darstellung. Diese leistet bei ihm die "bestimmte Negation". Diese stellt sicher, daß die Darstellung des Scheiterns einer endlichen Wissensform ein Resultat übriglässt, aus der die nächste Wissensform konstruiert werden kann.

Ich weiß nicht, ob ich das verstanden habe, lieber Gomez. Ich habe nur - was tue ich nicht alles für unsere Diskussion! - mich überwunden und noch einmal die Vorrede zur "Phänomenologie des Geistes" gelesen. Von einer Destruktion finde ich da nichts; sondern ich lese:
Zitat von Phänomenologie des Geistes, Vorrede
Dies Werden der Wissenschaft überhaupt, oder des Wissens, ist es, was diese Phänomenologie des Geistes, als der erste Teil des Systems derselben, darstellt. Das Wissen, wie es zuerst ist, oder der unmittelbare Geist ist das Geistlose, oder ist das sinnliche Bewußtsein. Um zum eigentlichen Wissen zu werden, oder das Element der Wissenschaft, was ihr reiner Begriff ist, zu erzeugen, hat er durch einen langen Weg sich hindurchzuarbeiten.

Und wie sieht dieser Weg laut Hegel aus? Zunächst einmal sagt er, wie es nicht geht:
Zitat von Phänomenologie des Geistes, Vorrede
Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt. Es ist die gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung anderer, beim Erkennen etwas als bekannt vorauszusetzen, und es sich ebenso gefallen zu lassen; mit allem Hin- und Herreden kommt solches Wissen, ohne zu wissen, wie ihm geschieht, nicht von der Stelle. Das Subjekt und Objekt u.s.f., Gott, Natur, der Verstand, die Sinnlichkeit u.s.f. werden unbesehen als bekannt und als etwas Gültiges zugrunde gelegt und machen feste Punkte sowohl des Ausgangs als der Rückkehr aus. Die Bewegung geht zwischen ihnen, die unbewegt bleiben, hin und her, und somit nur auf ihrer Oberfläche vor. So besteht auch das Auffassen und Prüfen darin, zu sehen, ob jeder das von ihnen Gesagte auch in seiner Vorstellung findet, ob es ihm so scheint und bekannt ist oder nicht.

Dehydriert: Wenn einem etwas bekannt vorkommt, wenn man damit hantieren kann, hat man es damit noch nicht verstanden.

Also, was tun? Das, was auch schon Descartes getan hat, was nach ihm viele getan haben, alle Sensualisten; später die Phänomenologen: In sich gehen! Das Einfache im Bewußtsein aufsuchen und davon ausgehend zum Komplexen gelangen. Nämlich:
Zitat von Phänomenologie des Geistes, Vorrede
Das Analysieren einer Vorstellung, wie es sonst getrieben worden, war schon nichts anderes als das Aufheben der Form ihres Bekanntseins. Eine Vorstellung in ihre ursprünglichen Elemente auseinanderlegen, ist das Zurückgehen zu ihren Momenten, die wenigstens nicht die Form der vorgefundenen Vorstellung haben, sondern das unmittelbare Eigentum des Selbsts ausmachen. Diese Analyse kömmt zwar nur zu Gedanken, welche selbst bekannte, feste und ruhende Bestimmungen sind. Aber ein wesentliches Moment ist dies Geschiedne, Unwirkliche selbst; denn nur darum, daß das Konkrete sich scheidet und zum Unwirklichen macht, ist es das sich Bewegende. Die Tätigkeit des Scheidens ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, der verwundersamsten und größten, oder vielmehr der absoluten Macht. Der Kreis, der in sich geschlossen ruht, und als Substanz seine Momente hält, ist das unmittelbare und darum nicht verwundersame Verhältnis. Aber daß das von seinem Umfange getrennte Akzidentelle als solches, das gebundne und nur in seinem Zusammenhange mit anderm Wirkliche ein eigenes Dasein und abgesonderte Freiheit gewinnt, ist die ungeheure Macht des Negativen; es ist die Energie des Denkens, des reinen Ichs.

Dehydriert: Wenn man von konkreten Zusammenhängen abstrahiert, dan gelangt man zu Begriffen, mit denen man spielen kann.

Und wie! Jetzt wird alles Flüssig und damit alles beliebig:
Zitat von Phänomenologie des Geistes, Vorrede
Itzt besteht darum die Arbeit nicht so sehr darin, das Individuum aus der unmittelbaren sinnlichen Weise zu reinigen und es zur gedachten und denkenden Substanz zu machen, als vielmehr in dem Entgegengesetzten, durch das Aufheben der festen bestimmten Gedanken das Allgemeine zu verwirklichen und zu begeistert. Es ist aber weit schwerer, die festen Gedanken in Flüssigkeit zu bringen, als das sinnliche Dasein. Der Grund ist das vorhin Angegebene; jene Bestimmungen haben das Ich, die Macht des Negativen oder die reine Wirklichkeit zur Substanz und zum Element ihres Daseins; die sinnlichen Bestimmungen dagegen nur die unmächtige abstrakte Unmittelbarkeit oder das Sein als solches. Die Gedanken werden flüssig, indem das reine Denken, diese innere Unmittelbarkeit, sich als Moment erkennt oder indem die reine Gewißheit seiner selbst von sich abstrahiert; - nicht sich wegläßt, auf die Seite setzt, sondern das Fixe ihres Sich-selbst-setzens aufgibt, sowohl das Fixe des reinen Konkreten, welches Ich selbst im Gegensatze gegen unterschiedenen Inhalt ist, - als das Fixe von Unterschiedenen, die im Elemente des reinen Denkens gesetzt an jener Unbedingtheit des Ich Anteil haben. Durch diese Bewegung werden die reinen Gedanken Begriffe, und sind erst, was sie in Wahrheit sind, Selbstbewegungen, Kreise, das, was ihre Substanz ist, geistige Wesenheiten.

Das, lieber Gomez, ist das, was ich assoziatives Denken nenne.

Und wenn Hegel in dem Abschnitt, über den wir jetzt reden, einen wohldefinierten naturwissenschaftlichen Begriff wie Irritabilität sozusagen zum Opfer solcher flüssigen Gedankenspielerei macht, dann erscheint es mir schon berechtigt, zu sagen, daß er das Wesen der Naturwissenschaft nicht verstanden hat.

Die ja nicht darin besteht, einen Gedanken zu entfalten, oder viele zu verflüssigen, sondern zu messen, zu prüfen, zu gucken, damit man mehr weiß, als man eben aus Gedanken hervorzaubern kann.

Ich verstehe schon, was den Reiz von Hegel für seine Anhänger ausmacht. Es hat etwas von der Bühnenschau eines Magiers. Er nimmt einen Begriff, dreht ihn, stellt ihn in einen neuen Kontext, verknüpft ihn mit diesem und jenem. Und schwupps! bekommt man eine neue Perspektive.

Mir hat mal ein Hegelianer, der das gut fand, gesagt, Hegel hätte während seiner Vorlesungen (auf die seine Werke ja überwiegend zurückgehen) ständig geraucht, und zwar einen mit Cannabis vermischten Tabak. Der Betreffende fand das klasse, weil erst dadurch sich bei Hegel die Gedanken "verflüssigt" hätten. Wenn's nicht wahr ist, dann ist es gut erfunden.

Gedankenspielerei als Analogie zur Taschenspielerei.

Herzlich, Zettel


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel20.10.2008 13:41
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! MPH20.10.2008 15:00
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel20.10.2008 15:06
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Nola20.10.2008 15:23
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Nordlicht20.10.2008 16:29
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Nola20.10.2008 16:40
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RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! ex-blond20.10.2008 20:43
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel20.10.2008 20:53
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Nola21.10.2008 13:25
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RE: Kant und Schopenhauer Gomez26.10.2008 13:59
Kants "Ding an sich" und Hegels "Sache an sich" Zettel26.10.2008 16:37
Analytische Philosophie und die Sprache Hegels Zettel26.10.2008 16:42
RE: Analytische Philosophie und die Sprache Hegels Gomez26.10.2008 19:02
Subjekt, Objekt Zettel27.10.2008 01:28
RE: Subjekt, Objekt Gomez27.10.2008 10:52
Nochmal Ding an sich. Beschreibung oder Erklärung? Zettel28.10.2008 03:38
RE: Nochmal Ding an sich. Beschreibung oder Erklärung? Gomez28.10.2008 10:49
Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Zettel02.11.2008 11:53
RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Gomez07.11.2008 20:11
RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Zettel09.11.2008 15:54
RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Gomez14.11.2008 14:37
RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Zettel15.11.2008 02:13
Der absolute Geist: Theologie, Erkenntnistheorie, Ontologie Zettel12.11.2008 00:09
RE: Der absolute Geist: Theologie, Erkenntnistheorie, Ontologie Gomez14.11.2008 20:18
Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel02.11.2008 13:05
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Gomez08.11.2008 22:44
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel13.11.2008 23:02
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Gomez22.11.2008 21:52
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel27.11.2008 08:47
Lieber Gomez ... Zettel25.01.2009 05:46
Hegel verstehen Zettel27.10.2008 01:41
RE: Hegel verstehen Gomez27.10.2008 11:46
Hegel, dehydriert. Und etwas zum Ende der Philosophie Zettel06.11.2008 07:02
Sehr gute Philosophiediskussionen hier ! Bernd31407.11.2008 18:17
RE: Sehr gute Philosophiediskussionen hier ! Zettel07.11.2008 18:50
Philosophie und Wissenschaft Bernd31408.11.2008 19:11
RE: Philosophie und Wissenschaft Zettel12.11.2008 00:39
RE: Philosophie und Wissenschaft Bernd31413.11.2008 13:12
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Libero22.10.2008 10:55
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel22.10.2008 14:13
Egon Friedell Zettel11.01.2009 15:38
RE: Egon Friedell Libero11.01.2009 18:33
RE: Egon Friedell Gorgasal11.01.2009 18:38
RE: Egon Friedell Zettel11.01.2009 19:06
RE: Egon Friedell Zettel11.01.2009 19:40
RE: Egon Friedell Nola12.01.2009 21:16
RE: Egon Friedell Kallias13.01.2009 12:59
RE: Egon Friedell Nola13.01.2009 22:01
RE: Egon Friedell Kallias15.01.2009 22:05
RE: Abschweifungen Nola03.03.2009 00:04
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Bernd31427.10.2008 23:13
Die Kunst, einfach zu schreiben Zettel28.10.2008 01:28
RE: Die Kunst, einfach zu schreiben Bernd31428.10.2008 11:24
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