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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 54 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


27.11.2008 08:47
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Antworten

Lieber Gomez,

Zitat von Gomez
ich hoffe, ich verstoße mit meinen Zeitknappheit geschuldeten späten Antworten nicht gegen irgendwelche Blog-Konventionen, da ein Artikel ja i.d.R. "zeitnah", wie man heute zu sagen pflegt, kommentiert wird. Aber da unser Thema ja nichts von Tagesaktualität hat, geht das wohl i.O., was Sie hoffentlich auch so sehen.

Aber ja, aber ja. Wir führen hier ja sozusagen eine Jahrhundert-Diskussion.

Allerdings würde ich mich sehr darüber freuen, wenn wir allmählich den einen oder anderen Schritt vom Hegel wegkämen. (Gell, Sie wissen, daß er mich nicht interessiert?) Um Sie a bisserl zu provozieren: Es ist doch nicht am Ende so, daß Sie sich nur eine Diskussion über Hegel zutrauen?

Ich will ja nicht ganz weg von dem Thema, das Sie mit Ihrem sozusagen Jungfernbeitrag angeschlagen haben, nur es ein wenig ... sagen wir ... aufheben.

Nämlich so, wie ich es hier ein wenig anzuzetteln versucht habe. Auf Ihren Kommentar zu dem einen oder anderen dort angschnittenen Thema würde ich mich sehr freuen.



Das wäre dann für mich die Kür, aber jetzt arbeite ich erst mal nach Kräften die Pflicht ab:
Zitat von Gomez
In Antwort auf:
Von einer Destruktion finde ich da nichts; sondern ich lese:

Da die Vorrede in das System einleiten soll, nicht nur in die Phänomenologie, ist der Destruktionsgedanke dort nicht so stark betont wie in der "Einleitung". Aber der Gebrauch der Wendung "Werden der Wissenschaft", welche dann nämlich "eigentliches Wissen" geworden ist, impliziert ja, daß es die Phänomenologie mit Wissensformen zu tun hat, die sich nicht eigentlich als Wissen geltend machen können.

Das ist wieder so ein Satz, lieber Gomez, der mich an meinen Stubengenossen aus dem Leibniz-Kolleg erinnert. Was ist das denn, Wissensformen, die sich nicht eigentlich als Wissen geltend machen können?

Was heißt "als Wissen geltend machen können"? Ist das dasselbe wie "Wissen sein"? Und was ist "nicht eigentlich"? Nicht, oder doch? Oder halb Wissen, halb Unwissen?

Das genau ist es, lieber Gomez, seien Sie mir nicht böse, was ich mit dieser Hegel'schen Vagheit meine. "Wenn de denksd, de hasdn, hübbd er ausm Kasden", sagen wir Hessen; vielleicht habe ich es in dieser Diskussion schon zitiert. Einfach nicht zu packen.
Zitat von Gomez
Was Hegel vielmehr im Blick hat, ist die zu seiner Zeit viel diskutierte Voraussetzungsproblematik. (...) Ist es denn tatsächlich so sonnenklar, daß sich unsere Welt in uns als Subjekte und etwas uns Entgegenstehendes als Objekte scheidet? Daß Gott, Natur oder unsere Sinnlichkeit als absolut gewisse Fundamente unserer Erkenntnis gelten können, die uns unmittelbar dazu zur Verfügung stehen, aus ihnen dann durch sie beglaubigte Folgerungen zu ziehen?

Wenn Sie, lieber Gomez, Hegel so interpretieren, und wenn Sie damit Recht haben (ich unterstelle das jetzt mal), kann Hegel allerdings Kant wohl wirklich nicht verstanden haben.

Ich weiß nicht, wie weit man eigentlich zurückgehen muß, um jemanden zu finden, der das behauptet hat, was Sie da paraphrasieren. Vielleicht Jacobi.

Oder von mir aus ein Sensualist wie Condillac. Kurz, die "platte Aufklärung". Aber bei Kant kann doch davon keine Rede sein. Nichts steht für ihn "unmittelbar zur Verfügung", und die Beziehung zwischen dem Ich und dem Angeschauten (dem Phainomenon) hat er sich auch nicht wie einen Beobachter vorgestellt, der in einen Guckkasten guckt.
Zitat von Gomez
Daraus hat Hegel dann den Schluß gezogen, daß der Anfang eines philosophischen Systems selber noch begründet werden muß. Das verbirgt sich hinter der berühmten Hegelschen Kreis-Metapher.

Ja, er wollte sich wie Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen, dem des Unwissens.
Zitat von Gomez
Aber das bedeutet, daß die Denkformen selbst nichts ungetrenntes mehr sind, also nicht eine neben der anderen steht wie die Platonischen Ideen oder die Hühner auf der Stange. Sondern sie stehen vielmehr in einem Verhältnis zueinander, oder besser: Sie sind nur dieses Verhältnis. Für sich betrachtet scheinen sie tatsächlich feste Größen, wie das "Maass", die "Größe" oder die "Identität", um Kategorien aus der Logik zu nehmen, oder das "Ding" und die "Kraft" aus der Phänomenologie. Aber in der Analyse offenbaren sie, nur im Verhältnis zueinander, und nur als Glieder eines Prozesses, nämlich des Denkens, zu bestehen. Das ist die "negative" Struktur des Denkens, des "reinen Ich", das "Verflüssigen".

Ja, so ungefähr habe ich das schon verstanden. Nur scheint mir, daß es dabei um drei Behauptungen geht, von denen zwei trivial und eine falsch sind.

Trivial ist, daß es keine Aussage gibt, die nur aus Argumenten besteht, ohne Prädikat. Wittgenstein hat das in dem berühmten ersten Satz im Tractatus ausgedrückt: "Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge".

Trivial ist zweitens, daß Aussagen nur im Kontext eines Systems von Aussagen verstanden werden können. Na gut, trivial ist es nicht; Wittgenstein hat sich ja in der "Philosophischen Grammatik" damit herumgeschlagen. Aber es ist nichts Geheimnisvolles. (Ob davon in der Textstelle, über die wir jetzt diskutieren, die Rede ist - da bin ich allerdings nicht so sicher).

Falsch aber ist - und ich vermute, daß Hegel das meint, bin aber nicht sicher -, daß es nun umgekehrt Prädikate ohne Argumente gibt. Daß es einen "Prozeß" geben kann ohne das "Ding", daß jedenfalls der Prozeß das seinem Gegenstand irgenwie Vorgängige wäre.

Das stimmt weder psychologisch noch erkenntnistheoretisch. Psychlogisch stimmt es nicht, weil (um jetzt die Terminologie von Piaget zu verwenden) nur die primären und sekundären Kreisreaktionen, die noch nicht kognitiv sind, ohne Objekt auskommen. Sobald es Kognition gibt, gibt es auch kognitive Inhalte, also Objekte. Alles zuvor ist nur Sensumotorik.

Erkenntnistheoretisch stimmt es ebensowenig: Ein Erkenntnis, die keinen Gegenstand hätte, ist eine contradictio in adjecto. Womit wir wieder bei der Intentionalität wären.

Herzlich, Zettel

PS: Was ich Ihnen zugestehen will, das ist, daß das aus heutiger Sicht Triviale es zur Zeit Hegels noch nicht war. Daß es also etwas unfair ist, sozusagen nach rückwärts gegen ihn zu argumentieren.

Aber das muß sich jeder tote Philosoph gefallen lassen, wenn man ihn ernst nehmen will.


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel20.10.2008 13:41
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! MPH20.10.2008 15:00
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel20.10.2008 15:06
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RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Nordlicht20.10.2008 16:29
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Schopenhauer und Kant Zettel20.10.2008 16:54
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! ex-blond20.10.2008 20:43
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel20.10.2008 20:53
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Nola21.10.2008 13:25
Kant und Schopenhauer Zettel22.10.2008 17:58
RE: Kant und Schopenhauer Gomez26.10.2008 13:59
Kants "Ding an sich" und Hegels "Sache an sich" Zettel26.10.2008 16:37
Analytische Philosophie und die Sprache Hegels Zettel26.10.2008 16:42
RE: Analytische Philosophie und die Sprache Hegels Gomez26.10.2008 19:02
Subjekt, Objekt Zettel27.10.2008 01:28
RE: Subjekt, Objekt Gomez27.10.2008 10:52
Nochmal Ding an sich. Beschreibung oder Erklärung? Zettel28.10.2008 03:38
RE: Nochmal Ding an sich. Beschreibung oder Erklärung? Gomez28.10.2008 10:49
Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Zettel02.11.2008 11:53
RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Gomez07.11.2008 20:11
RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Zettel09.11.2008 15:54
RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Gomez14.11.2008 14:37
RE: Hegel und die Naturwissenschaften. Prolegomena Zettel15.11.2008 02:13
Der absolute Geist: Theologie, Erkenntnistheorie, Ontologie Zettel12.11.2008 00:09
RE: Der absolute Geist: Theologie, Erkenntnistheorie, Ontologie Gomez14.11.2008 20:18
Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel02.11.2008 13:05
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Gomez08.11.2008 22:44
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel13.11.2008 23:02
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Gomez22.11.2008 21:52
RE: Hegel und die Naturwissenschaften: Das Beispiel Irritabilität Zettel27.11.2008 08:47
Lieber Gomez ... Zettel25.01.2009 05:46
Hegel verstehen Zettel27.10.2008 01:41
RE: Hegel verstehen Gomez27.10.2008 11:46
Hegel, dehydriert. Und etwas zum Ende der Philosophie Zettel06.11.2008 07:02
Sehr gute Philosophiediskussionen hier ! Bernd31407.11.2008 18:17
RE: Sehr gute Philosophiediskussionen hier ! Zettel07.11.2008 18:50
Philosophie und Wissenschaft Bernd31408.11.2008 19:11
RE: Philosophie und Wissenschaft Zettel12.11.2008 00:39
RE: Philosophie und Wissenschaft Bernd31413.11.2008 13:12
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Libero22.10.2008 10:55
RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Zettel22.10.2008 14:13
Egon Friedell Zettel11.01.2009 15:38
RE: Egon Friedell Libero11.01.2009 18:33
RE: Egon Friedell Gorgasal11.01.2009 18:38
RE: Egon Friedell Zettel11.01.2009 19:06
RE: Egon Friedell Zettel11.01.2009 19:40
RE: Egon Friedell Nola12.01.2009 21:16
RE: Egon Friedell Kallias13.01.2009 12:59
RE: Egon Friedell Nola13.01.2009 22:01
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RE: Zitat des Tages: Schopenhauer lesen! Bernd31427.10.2008 23:13
Die Kunst, einfach zu schreiben Zettel28.10.2008 01:28
RE: Die Kunst, einfach zu schreiben Bernd31428.10.2008 11:24
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