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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 54 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Nola

13.01.2009 22:01
RE: Egon Friedell Antworten
Zitat von Kallias
Ja, "Der Privatgelehrte und sein Riesenwerk", ein schönes Thema, sicher nicht für ein weiteres Riesenwerk, aber wohl für einen melancholisch-skurrilen Essay!

Und genau das, lieber Kallias, haben Sie wieder in Perfektion zum Besten gegeben. Einfach genial und am besten haben mir die fleissigen Bienen ähm Hühner-, Eichhörnchen- und Biberhobbies gefallen.


Systematisch gesprochen, gibt es Hühner-, Eichhörnchen- und Biberhobbies. Die meisten pflegen Hühnerhobbies, d.h. gackern, legen ein Ei, gackern wieder und legen ein weiteres Ei. (Ok, das war jetzt bei Nietzsche geklaut.) So tun es jedenfalls die Hobbymaler, -fotografen usw.

Haben Sie da nicht noch jemanden vergessen? Also mir fiel da spontan Herr Schröder ein, ob er nun malt oder fotografiert weiß ich allerdings nicht.

Die Eichhörnchen sammeln, sie kümmern sich um Einzelstücke, sehen aber auch auf das Ganze ihrer Sammlung. Damit stehen sie grundsätzlich über den Hühnern; diese können dem Rang der Eichhörnchen allerdings ein wenig näherkommen, indem sie ihr Tun in Phasen organisieren, nach dem Vorbild des Picasso.

Das schreit ja geradezu nach Frau Ypsilanti, fleissig eingesammelt hat sie ja und am Schluß festzustellen, daß die Hühner ihr sehr nahe kamen und ihr die Ph(r)asen vermasselt haben.

Die Krone der Hobbies jedoch sind die Biberhobbies: der in Jahrzehnten aufgeführte organisch gewachsene Bau. Manche bauen ihr Leben lang ein Haus, oder ein Perpetuum Mobile, ein überlegenes Roulettesystem, eine Winkeldreiteilung mit Zirkel & Lineal, oder ein gelehrtes Hauptwerk.

Jaaaaaaaa, und da tummeln sie sich dann alle, Lafontane, Gisy, Bisky, Wagenknecht, Liebknecht - aber nun schweife ich auch ab ...

Entscheidend dabei ist es, zu klotzen. Eine 600seitige Kurzfassung vorwegzuschicken, ist schon ziemlich klasse. Es verrät den rechten Geist bei der Sache.

Ich stelle jetzt mal die These auf, daß sich die Biberhobbies im Niedergang befinden, überspringe die langweilige Frage, ob das auch stimmt und gehe lieber gleich zu den Mutmaßungen über, woran es liegen könnte.

Es liegt an der Verstädterung. In der Öde der Provinz gibt es nicht besseres als ein Biberhobby; jeder Tag, jedes Jahr und jedes Jahrzehnt erhält durch es sein unverwechselbares Gesicht, und während die Tage scheinbar gleichmäßig vorüberziehen, entfaltet sich das Leben als eine einzige kleine Weltgeschichte (wie Stirner sagte). "Anno 94", erinnert sich dann so ein Biber, der sein Leben vielleicht der Geschichte der Lochtechnik gewidmet hat, "erforschte ich die Entwicklung der skandinavischen Briefmarkenperforationsmaschinen; das Stanzgerätearchiv in Kopenhagen erwies sich als wahre Fundgrube..." usw. Oder denken Sie an Jünger, der in seinem Wölflingen ein riesenhaftes Tagebuch verfasste und sich so einen Lebensgang erschrieb (obwohl man ihm vielleicht doch nur den Rang eines Eichhörnchens zubilligen kann).

Also die Biber haben Sie aufs trefflichste beschrieben, lieber Kallias, und gemessen an "jahrzehntelanger Vorgeschichte" sind den Assoziationen keine Grenzen im "demoskopischen Bereich" gesetzt. So etwa wie: Hühner = Dorf, Eichhörnchen = Provinz, Biber = Stadt. Oder so ähnlich.

Der Städter hingegen hat für so etwas keinen Sinn. Als Städter fragt man sich, was heute Abend los ist. Das bedeutet keineswegs Passivität. Man ist durchaus kreativ, immer wieder mal, manche sogar so kreativ, daß in der kleinteiligen Abwechslung wieder alles einförmig wird, vergleichbar etwa der Musik Telemanns, dem einfallsreichsten aller Komponisten, dem es gelang, auf hunderttausend verschiedene Weisen langweilige Musik zu komponieren. (Im diametralen Gegensatz zu Mozart, der nur mit Tonleitern zahllose aufregende Stücke schreiben konnte - dies wäre ein weiteres Thema, das auf Einfälle, Blicke, Aphorismen, Signaturen, dem Augenblick und sein Verhältnis zur Ewigkeit usw. führen würde. Man könnte sich z.B. fragen, ob die Liebe eher als ein Aperçu, oder als ein Biberhobby angesehen werden kann. Ich schweife ab.)

Mit Genuß habe ich Ihre Abschweifungen gelesen und bitte um mehr davon, werde dann auch nicht mehr hinein interpretieren, versprochen.

Begrenzt wird die Größe solcher Hauptwerke durch die Lebenszeit. Luhmann, der letzte der Biber, legte sein Lebenswerk auf dreißig Jahre an, schrieb es in dreißig Jahren und starb. Hätte er auf ein längeres Leben gerechnet, hätte er sich an ein größeres Vorhaben machen können. Leider ist es so schwer, über den Tod hinaus zu planen. Ich kann daher die Aufregung vieler Leute über die Möglichkeit einer Reinkarnation nicht verstehen. Ob ich schon mal da war, ist doch solange völlig wurscht, wie ich außerstande bin, Projekte meines vorigen Lebens fortzusetzen.

Darum sind die Biber ja auch auf Legenden und Märtyrer angewiesen, was sonst spräche für ein Lebenswerk, welches nicht durch Leistungen überzeugt.

Es gibt zum Beispiel Hinweise darauf, daß ich die Reinkarnation Claire Waldoffs bin, aber was soll ich damit anfangen?

Na entweder waren Sie scharf auf Frau v. Roeder oder auf das Sternchen Walk of Fame des Kabaretts, beides wäre durchaus verständlich. Aber es kann natürlich auch Ihre Vorliebe für Gassenhauer gewesen sein.

(...) wäre das Bibertum in diachronischen Vereinen zu organisieren, mit jeweils nur einem einzigen Mitglied, das seine Mitgliedschaft vererbt, woraufhin erst der nächste Biber tätig werden würde.

Oh, an Putin haben Sie also auch gedacht, ich hätte mir ja mehr den Schröder gewünscht, aber der hatte ja nix zu vererben und an wen denn auch?

Statt zahlloser vergessener Werke würde sich eine verhältnismäßig kleine Zahl von Erbprojekten ergeben, die über Generationen hinweg weiterentwickelt werden und deren Ruf hauptsächlich auf ihrer Dauer beruhen würde. Dies könnte durchaus ein wichtiger Beitrag zur Rettung des Abendlandes sein.

Na klar, mit der Pipeline werden schließlich beide dazu beitragen!

So hat sich am Ende auch dieser überaus substantielle Kommentar von einer Spenglerschen Melancholie zu einem Muckleschen Optimismus gewendet.

Ja, wiedermal ein weiterer "Kallias", der gleich unten in die Sammlung eingeht.

P.S. Manchmal denke ich mir, hoffentlich liest das keiner, und schicke es dann doch ab.


Doch, mit Wonne gelesen

♥lich Nola


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