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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 24 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


08.11.2008 13:20
Wie werden wir leben? Antworten

Zitat von Libero
ich bin Verfahrenstechniker. Ein neues Verfahren beginnt mit einer bestechenden und eleganten Idee, deren Vorteile verständlich sind. Es entsteht eine Patentschrift. Das die Idee funktioniert, hat man im kleinen Maßstab erprobt. Beim Armstrong-Verfahren waren das 1 kg Ti in 24 h. Auf Menschen übertragen wäre das Franziskus und seine ersten Mitbrüder. Das ist nett, das ist niedlich, aber nicht marktfähig.

Es beginnt die Verwirklichung der Idee. Man vergrößert Stoff- und Energieumsatz. Während der Scale-Ups Schritte stellen sich vorher nicht auftretende Schwierigkeiten und Nachteile heraus, die überwunden werden müssen, damit die Vorteile des am Ende marktfähigen Verfahrens genutzt werden können. Die marktfähige Größenordnung wäre in einem Staat das Miteinander aller in diesem Staat lebenden Menschen.

Genauso ist das auch, lieber Libero, wenn man als Wissenschaftler eine neue Versuchsanordnung entwirft. Man hat eine Versuchsidee. Manchmal entsteht sie als Ergebnis eines Problemlösungsprozesses: Wie kann ich diese und jene Theorie prüfen, eine Vermutung verifizieren? Manchmal kommen solche Ideen spontan, nachdem man lange nachgedacht hat. Bei mir sind sie oft im Gesepräch mit einem Freund und Kollegen entstanden, der ähnlich denkt wie ich. Dann beginnt man zu überlegen, wie man diese Idee realisieren kann, wie das Experiment konkret aussehen soll, bis man schließlich bei den Details der Programmierung endet. Das ist alles sehr ähnlich dem, was Sie beschreiben.
Zitat von Libero
Diese Erfahrungen prägen. Deshalb kommen wir auch nie auf eine gemeinsamen Ebene des Verstehens. Wenn ich lehrende Liberale lese, lese ich von solchen Erfahrungen nichts oder recht wenig. Wie auch, etwas anderes als das unversitäre Umfeld haben sie selten erlebt. Marktteilnehmer sind sie selten gewesen.

Das verstehe ich nicht, lieber Libero. Man muß ja nicht Marktteilnehmer sein, um über den Markt nachzudenken und zu schreiben. Im Gegenteil - involvement ist mit einer wissenschaftlichen Haltung schlecht vereinbar. In der Sozialforschung ist niemand ein schlechterer Wissenschaftler als der, der die Gesellschaft verändern will. Ein Ethnologe muß Distanz zu den Gesellschaften wahren, die er untersucht. Nichts ist für einen Arzt, für einen Psychoanalytiker verderblicher, als wenn er ein emotionales Verhältnis zu seinen Patienten entwickelt.
Zitat von Libero
Ich halte sehr viel von der Idee des Marktes und der freien Gesellschaft. Schöne Ideen, die ein Scale-Up verdienen. Dabei werden Schwierigkeiten und Nachteile auftreten, die im Rahmen des Wandels von Menschen, die diese Schwierigkeiten und Nachteile ernst nehmen, überwunden werden.

So sehe ich das auch.



Gregor Gysi hat einmal sinngemäß gesagt: "Der Kapitalismus kann doch nicht das letzte Wort sein". Typisch Gysi, denn was er meinte, hat er nicht offen gesagt: Also wird der Sozialismus kommen.

Natürlich ist der heutige Kapitalismus nicht das "letzte Wort"; die Geschichte geht ja weiter. Wie es weitergehen wird - wie es vielleicht weitergehen wird -, das ist eine spannende Frage.

Man kann da natürlich nur spekulieren, vielleicht extrapolieren und Analogien zu Rate ziehen. Wie wird unsere Gesellschaft in hundert, in zweihundert Jahren aussehen?

Meist liegt die Antwort zwischen positiven ("Wir werden eine gerechte Gesellschaft haben, in der Solidarität und nicht mehr der Egoismus des Einzelnen herrscht") und negativen Utopien ("Wir werden in einem technokratischen Überwachungsstaat leben, in dem das Leben des Einzelnen vollständig kontrolliert wird").

Was beide Utopien gemeinsam haben, ist, daß sie eine stärkere Vergesellschaftung erwarten; daß sie anti-individualistisch sind.

Aber könnte die Tendenz nicht auch hin zu einer immer individualistischeren Gesellschaft gehen?

Vor fünfzig Jahren sahen alle Deutschen dasselbe TV-Programm. Heute kann sich jeder seinen Fernsehabend selbst zusammenstellen. Vor ein paar Jahrzehnten sah auf jedem Computer der Bildschirm gleich aus - nämlich ein CP/M- und dann eine MS-DOS-Oberfläche. Heute kann jeder den Bildschirm, der ihn begrüßt, individuell gestalten. Vor einem halben Jahrhundert wurde in allen Haushalten ungefähr dasselbe gekocht, eben "deutsche Küche", regional variiert. Heute kocht jeder die exotischsten Rezepte nach, der Lust dazu hat.

Und so fort. Wir wissen alle nicht, wie es weitergeht, lieber Libero. Aber die Möglichkeit einer immer freieren, immer individuelleren Gesellschaft scheint mir zumindest nicht unwahrscheinlicher zu sein als die einer immer größeren Vergesellschaftung, ob nun in Form der sozialistischen oder der technokratischen Utopie.

Herzlich, Zettel


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Zettel07.11.2008 17:20
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Dagny07.11.2008 18:14
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Omni07.11.2008 18:27
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Zettel07.11.2008 19:15
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Omni07.11.2008 19:39
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Zettel07.11.2008 19:55
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Omni07.11.2008 20:45
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Zettel08.11.2008 02:01
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Libero08.11.2008 10:17
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Zettel08.11.2008 11:36
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Libero08.11.2008 12:38
Wie werden wir leben? Zettel08.11.2008 13:20
RE: Wie werden wir leben? Libero08.11.2008 16:04
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA C.08.11.2008 10:47
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Zettel08.11.2008 11:40
"Monsters" sowie "malevolent, immoral, and destructive thugs" Gorgasal07.11.2008 21:27
RE: "Monsters" sowie "malevolent, immoral, and destructive thugs" Zettel08.11.2008 11:51
RE: "Monsters" sowie "malevolent, immoral, and destructive thugs" Dagny08.11.2008 12:05
RE: "Monsters" sowie "malevolent, immoral, and destructive thugs" Gorgasal08.11.2008 16:27
RE: "Monsters" sowie "malevolent, immoral, and destructive thugs" Zettel08.11.2008 16:40
RE: "Monsters" sowie "malevolent, immoral, and destructive thugs" Libero08.11.2008 18:34
RE: "Monsters" sowie "malevolent, immoral, and destructive thugs" Zettel08.11.2008 22:51
RE: "Monsters" sowie "malevolent, immoral, and destructive thugs" Gorgasal09.11.2008 00:07
RE: "Monsters" sowie "malevolent, immoral, and destructive thugs" califax09.11.2008 01:38
RE: Marginalie: Politische Kultur in Deutschland und in den USA Chripa08.11.2008 11:27
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