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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


14.11.2009 04:26
Bachelor und Master; das deutsche Unversitätssystem Antworten

Lieber Hias,

ich bin auch a bisserl mit den Problemen an deutschen Unis vertraut, wenn auch aus der Perspektive des Lehrenden. Ich habe mich, als es die ersten Bestrebungen zur Einführung des internationalen Abschluß-Standards Bachelor und Master gab, für diesen eingesetzt und sehe dazu auch heute keine Alternative. Wir wollen ja nicht, daß deutsche Abschlüsse international nichts mehr wert sind.

Ich war in meinem Bereich in der Kommission, die die Umstellung vorbereitet hat und habe deren Folgen dann erfahren und erlitten.

Mein Fazit:

Die Umstellung war notwendig. Aber sie wurde schlecht vorbereitet und überhastet durchgeführt. Und vor allem hat man es versäumt, für sie zunächst einmal die finanziellen und personellen Voraussetzungen zu schaffen. Dazu hätte die Einführung von Studiengebühren in erheblicher Höhe bei gleichzeitiger Ausweitung von Stipendien gehört; dazu hätte eine massive Aufstockung des Lehrpersonals bei gleichzeitigen strukturellen Änderungen gehört.

Die Umstellung fiel und fällt dem deutschen Universitätssystem besonders schwer, weil es in der Humboldt'schen Tradition eines der weltweit am wenigsten verschulten gewesen war. Was anderswo selbstverständlich ist - Anwesenheitspflicht in den Lehrveranstaltungen, ein festes Curriculum, studienbegleitende Prüfungen - , davon gab es in diesem deutschen System nichts oder fast nichts.



Ich habe dieses deutsche System immer geschätzt. Als ich in den frühen sechziger Jahren studierte, konnte ich mir meine Vorlesungen und Seminare frei aussuchen; ich habe mir zB als Erstsemester die Freiheit genommen, in ein Doktorandenseminar zu gehen, was mir der betreffende Prof auch erlaubte. Man machte seine Scheine, und wenn man sich prüfungsreif fühlte, dann ging man zum Prüfer und fragte ihn, ob er diese Scheine für ausreichend hielt. Nur ganz wenige Veranstaltungen (das experimentelle Praktikum, Methodenübungen) waren Pflicht.

Aber das ist eben Vergangenheit. Unter den heutigen Bedingungen ist es nicht mehr realisierbar.

Wenn wir das internationale System übernehmen wollen, dann muß man aber wirklich das ganze System übernehmen.

Dazu gehört ein festes Curriculum mit Pflicht- und Wahlpflichtkursen, für die Credits vergeben werden. Das setzt aber eine massive Aufstockung des Lehrpersonals voraus. Ich konnte eine klassische Vorlesung vor 100 bis 200 Hörern halten. Nach der Umstellung sollte ich sie nun auf einmal Kurs nennen und allen diesen Hörern Leistungspunkte geben; mußte sie also mündlich prüfen oder eine Klausur schreiben lassen. Und das nicht nur für eine, sondern für drei oder vier Lehrveranstaltungen.

Das ist kaum zu bewältigen. Man hat gar keine Wahl, als Zulassungsbeschränkungen einzuführen, die dann wieder zu Recht den Protest der Studierenden hervorrufen. Ich kenne groteske Szenen, wo Leute sich schon am Abend im Schlafsack vor eine Tür legten, um am Morgen ganz vorn in der Warteschlange zu sein.



Also, das Personal muß aufgestockt werden. Dazu muß aber auch mehr Lehre, wie das international üblich ist, an Doktoranden delegiert werden, die damit ihre Einkommen aufbessern und zugleich Lehrerfahrung sammeln können.

Und langfristig werden wir nicht um die Unterscheidung zwischen College und University herumkommen. Colleges sind lehrorientiert. Hier verdienen die Professoren weniger als an den Universities; dafür werden viel geringere - wenn überhaupt - Anforderungen an ihre Publikationstätigkeit gestellt. Sie müssen aber mehr lehren. Um Studenten zum Bachelor zu führen, reicht das auch völlig aus. Damit kann man das Lehrdeputat schaffen, das auf dieser Stufe unbedingt benötigt wird. (Es gibt auch Universitäten mit einem Undergraduate Program; aber das läuft dann ähnlich ab wie an den reinen Colleges)

Wer dann zum Masters weitergehen und vielleicht auch noch promovieren will, dem muß ein ganz anderes, forschungsorientiertes Angebot gemacht werden; hier nuß die Einheit von Forschung und Lehre gewahrt bleiben. Entsprechend höher werden dann die Studiengebühren sein, natürlich gestaffelt nach der Qualität der Universitäten.

So, lieber Hias, könnte man nach meinem Ermessen die jetzigen Probleme allmählich überwinden. Aber nicht durch Aktionen gegen Studiengebühren und gegen die Verschulung des Studiums. Oder gar gegen den Kapitalismus. Nirgends war und ist bekanntlich das Studium verschulter als in den sozialistischen Ländern.



Noch eine letzte Bemerkung, die ich mir doch nicht verkneifen will: Die jetzigen Studienbedingungen sind selbst im schlimmsten Fall ungleich besser als diejenigen, unter denen ich studiert habe.

Vorlesungen waren damals so überfüllt, daß der Prof oft im Audimax las und seine Worte in mehrere Hörsäle übertragen wurden; teils standen die Hörer auch noch auf den Gängen. Seminare fanden in ungeheizten Wohnzimmern irgendwelcher Bürgerhäuser statt, die man angemietet hatte.

Ich habe meine erste Lehrveranstaltung als Hiwi gehalten; da war ich im fünften Semster. Der einzige Ordinarius an dem Institut war wegberufen worden und hatte seinen einzigen Assistenten mitgenommen. Geführt wurde das Institut von einem Akademischen Rat, der für die Lehre eben Studenten rekrutierte, die er für geeignet hielt.

Es gab Studenten im dreißigsten oder vierzigsten Semester (sogenannte bemooste Häupter), die nie ein Studium abgeschlossen hatten und ihren kargen Lebensunterhalt auf irgendeiner Hiwi-Stelle verdienten. Die wurden zu allem eingesetzt, was heute nur Wissenschaftliche Mitarbeiter dürfen - Abhalten von Lehrveranstaltungen, Beisitz bei Prüfungen, Betreuung von Seminar- und Diplomarbeiten. Unterschrieben hat natürlich immer der Prof. Manchmal stand hinter allen Lehrveranstaltungen eines Instituts oder Seminars immer nur sein Name. Abgehalten wurden die Veranstaltungen von solchen bemoosten Häuptern, von Doktoranden oder vom meist einzigen Assistenten.

Bibliotheken waren auf dem Stand der vierziger Jahre, internationale Fachzeitschriften gab es so gut wie nicht. Auch von Lehrbüchern existierte in der Bibliothek in der Regel nur ein einziges Exemplar. Man kaufte sich diese von älteren Kommilitonen.

Vom Mensaessen will ich gar nicht reden, für das man zB in Tübingen durch die halbe Stadt anstand. Für das Anstehen ging die Mittagspause drauf. Das Essen kostete eine Mark. Die reichen Studenten konnten es sich leisten, für dasselbe Essen eine Mark zehn Pfennig zu zahlen; dafür durften sie in eines der angemieteten Lokale, in denen es kaum Wartezeiten gab und wo der Fraß am Tisch serviert wurde. Wer von den Portionen nicht satt wurde, der konnte eine weitere Speisestätte aufsuchen, wo irgendwelche Reste der vergangenen Tage bunt zusammengewürfelt (sagen wir, Nudeln mit Wirsing, darüber eine undefinierbare Mehlsoße), aber in Riesenportionen an den Mann gebracht wurden.

Ich schreibe so etwas immer mal wieder, lieber Hias, weil mir scheint, daß die "Proteste" heutiger Studenten viel damit zu tun haben, daß sie von Mama, Papa und dem Staat ihr Leben lang verwöhnt wurden.

Herzlich, Zettel

Edit: Text um einige Details ergänzt, die mir erst beim Erinnern allmählich wieder bewußt wurden.


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Betreff Absender Datum
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RE: Zitat des Tages: Stürmende Studenten Dagny13.11.2009 08:33
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RE: Verwarnung Hias14.11.2009 02:33
Bachelor und Master; das deutsche Unversitätssystem Zettel14.11.2009 04:26
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RE: Bachelor und Master; das deutsche Unversitätssystem califax15.11.2009 00:26
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RE: Bachelor und Master; das deutsche Unversitätssystem Zettel15.11.2009 15:10
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