Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden  

ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 51 Antworten
und wurde 3.295 mal aufgerufen
Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Kallias

Beiträge: 2.278


23.06.2010 10:57
RE: Todesstrafe Antworten

Zitat von ex-blond
Ich möchte in Frage stellen, dass die Emotionen beispielsweise einer Mutter, deren Tochter vergewaltigt und umgebracht wurde, 'nur' atavistische Gefühle sind, die keine weitere Bedeutung, keinen tieferen Sinn haben, außer dass sie (wie sie behaupten) zu Racheakten führen und demzufolge selbst "bösartig" sind.

Mir scheint, es gibt einen Übergang zwischen der Emotion, der Willensbestimmung und schließlich der Handlung. Etwa: vom Gefühl des Hungers zum Entschluß: "ich will jetzt etwas essen" zum Erwerb von Nahrung. Die Emotion legt die Willensbestimmung nahe, determiniert sie aber nicht. Man kann sich durchaus anders entscheiden: z.B. "ich will erstmal nichts essen und dann sehe ich weiter".

Das Leid der Angehörigen eines Mordopfers haben Sie überzeugend beschrieben. Insbesondere, daß Emotionen auch Folge von Einsicht sind, finde ich zutreffend. Sie erklären, liebe ex-blond, damit aber nur die Wut der Angehörigen (und Gottes); die Willensbestimmung: "der Täter soll sterben" wird von der Wut zwar nahegelegt, jedoch nicht determiniert. Man kann in seiner Wut über den Mord auch etwas anderes wollen als die Vernichtung des Täters. Die Willensbestimmung zur Rache war es, die ich als "bösartig" bezeichnet habe, nicht die Emotion, die ihr vorausgeht.

Dafür habe ich zwei Gründe anzubieten.

Erstens sehe ich nicht, inwiefern die Rache ein Mittel zum Zweck sein kann. Mir kommt es so vor, als sei sie Zweck in sich. Während aber destruktive Mittel zu positiven Zwecken möglich sind, sollen Zwecke selbst niemals destruktiv sein. Solche Zwecke halte ich grundsätzlich für böse.

Zweitens. Bei der Beurteilung von Handlungen ist die Frage wesentlich: Hätte der Betreffende auch anders handeln können? Bei der Bewertung von Motiven (wie Rache usw.) spielen auch die wahrscheinlichen Begleitumstände eine Rolle. So sind Rächer typischerweise blind; sie stürzen sich auf den Erstbesten, der sich irgendwie verdächtig gemacht hat, der Täter zu sein. Angehörige lieben in der Regel den Freispruch aus Mangel an Beweisen gar nicht - so als komme es vor allem darauf an, irgendwen zu bestrafen, und weniger darauf, daß es sich dabei wirklich um den Täter handelt.

Ebenso typisch ist die Maßlosigkeit der Rache. Verminderte Schuldfähigkeit und dergleichen täterbezogene Betrachtungen werden kaum angestellt. Man nimmt den eigenen Schmerz zum Maß der Strafe, nicht die Schuld des Täters.

Ferner haben die Opfer der Rache ja oft ebenfalls Angehörige, die das Böse in Gestalt der Rache erfahren müssen und dann selber auf Rache sinnen mögen. Als Folge davon kann eine dauerhafte Feindschaft zwischen Gruppen von Angehörigen entstehen, die zu immer weiter fortgesetzten Bluttaten führt, und sich nur sehr schwer beenden läßt.

Man kann sich durchaus einen "rationalen Rächer" vorstellen, der diese typischen Irrtümer vermeidet. Sehr häufig aber dürfte das nicht der Fall sein. Der Rachedurst ist daher nicht nur bösartig in sich selbst (als destruktiver Zweck), sondern der Rachegedanke sollte zudem aufgrund seiner Gefährlichkeit moralisch abgelehnt und diskreditiert werden.

An dieser Stelle ist der Staat von Nutzen; indem er straft, aber nicht rächt, zieht er auch keine Gegenrache auf sich. Indem er selbst emotional kühl bleibt, kann er die Unschuldigen, die sich bloß verdächtig gemacht haben, leichter vor Schaden behüten, und er kann das Maß der Strafe nach der Schuld des Täters, nicht nach dem Schmerz der Opfer zuteilen. Damit kann der Staat wesentlich gerechter urteilen als es Angehörige zustandebringen. Die Strafe ist ferner nicht Selbstzweck, sondern dient dazu, die Privatrache zu verhüten.

Soweit wäre die Todesstrafe als Ersatz für Rache gerechtfertigt, und wie ich schon geschrieben habe, kann es Situationen geben, in denen man so vorgehen sollte.

Gefestigte Rechtsstaaten sollten jedoch nicht so vorgehen, und zwar aus diesem Grund: die Todesstrafe ist der Rache immer noch ähnlich, denn sie stillt ja den Rachedurst. Da aber wie ich meine der Rachegedanke bösartig ist, geht das zu weit. Wenn der Staat Mord aus welchen Motiven auch immer, einschließlich dem der Rache, verurteilt, dann soll er das Motiv der Rache nicht legitimieren, indem er die Ausführung in die eigene Hand nimmt. Der Rachedurst der Angehörigen soll nur beschwichtigt, aber nicht befriedigt werden. Die Strafe soll so hart sein, daß sich die Angehörigen beruhigen (abgesehen von der Erschwernis der Rache durch die Gefängnismauern), ohne jedoch der Rachlust selbst Zugeständnisse zu machen.

Der Staat soll sich auf den Standpunkt stellen: "wir wollen nicht, daß irgendwer getötet wird", und daraus folgt zweierlei. Erstens muß der Staat Totschlägern entgegentreten und sie verurteilen; zweitens muß er dem Töten eine Absage erteilen, indem er selbst nicht tötet.

So etwa denke darüber.

Herzliche Grüße,
Kallias


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Hinrichtung durch Erschießen Zettel18.06.2010 18:06
RE: Hinrichtung durch Erschießen Dagny18.06.2010 23:17
RE: Hinrichtung durch Erschießen JeffDavis19.06.2010 12:25
RE: Hinrichtung durch Erschießen Leibniz19.06.2010 00:36
Anti-Bush-Propaganda Zettel19.06.2010 06:20
RE: Anti-Bush-Propaganda Auslaender19.06.2010 09:26
RE: Anti-Bush-Propaganda Leibniz19.06.2010 12:51
RE: Anti-Bush-Propaganda Ungelt19.06.2010 13:16
RE: Anti-Bush-Propaganda Zettel19.06.2010 13:18
RE: Anti-Bush-Propaganda Leibniz19.06.2010 15:07
RE: Anti-Bush-Propaganda Zettel19.06.2010 15:45
RE: Anti-Bush-Propaganda ex-blond19.06.2010 18:11
RE: Anti-Bush-Propaganda Ungelt19.06.2010 19:36
RE: Anti-Bush-Propaganda JeffDavis19.06.2010 20:16
RE: Anti-Bush-Propaganda FTT_2.020.06.2010 16:05
RE: Anti-Bush-Propaganda JeffDavis20.06.2010 17:27
RE: Anti-Bush-Propaganda FTT_2.021.06.2010 19:59
Die archaische Todesstrafe Calimero19.06.2010 20:47
RE: Die archaische Todesstrafe JeffDavis19.06.2010 21:37
RE: Die archaische Todesstrafe Calimero20.06.2010 01:33
RE: Die archaische Todesstrafe JeffDavis20.06.2010 09:32
RE: Die archaische Todesstrafe Leibniz20.06.2010 15:24
RE: Die archaische Todesstrafe Ungelt19.06.2010 21:52
RE: Anti-Bush-Propaganda vielleichteinlinker20.06.2010 00:36
RE: Anti-Bush-Propaganda ex-blond20.06.2010 15:39
RE: Anti-Bush-Propaganda Ungelt20.06.2010 16:46
RE: Anti-Bush-Propaganda vielleichteinlinker21.06.2010 13:43
RE: Anti-Bush-Propaganda stefanolix22.06.2010 23:14
Todesstrafe Kallias20.06.2010 18:48
RE: Todesstrafe ex-blond20.06.2010 19:47
RE: Todesstrafe Leibniz21.06.2010 00:45
RE: Todesstrafe JeffDavis21.06.2010 11:24
RE: Todesstrafe F.Alfonzo21.06.2010 23:58
RE: Todesstrafe Nola22.06.2010 07:31
Mal etwas Grundsätzliches ;-) Ungelt22.06.2010 10:00
RE: Todesstrafe Kallias23.06.2010 10:57
RE: Todesstrafe Ungelt20.06.2010 21:53
RE: Anti-Bush-Propaganda vielleichteinlinker20.06.2010 00:42
RE: Anti-Bush-Propaganda Zettel20.06.2010 02:25
RE: Anti-Bush-Propaganda vielleichteinlinker21.06.2010 13:37
RE: Anti-Bush-Propaganda Zettel21.06.2010 14:51
RE: Hinrichtung durch Erschießen Kallias19.06.2010 09:24
RE: Hinrichtung durch Erschießen Zettel19.06.2010 09:38
RE: Hinrichtung durch Erschießen Kallias19.06.2010 10:05
RE: Hinrichtung durch Erschießen Ungelt19.06.2010 10:33
RE: Hinrichtung durch Erschießen vivendi19.06.2010 12:15
RE: Hinrichtung durch Erschießen vielleichteinlinker20.06.2010 00:39
RE: Hinrichtung durch Erschießen Kallias20.06.2010 19:00
RE: Hinrichtung durch Erschießen vielleichteinlinker21.06.2010 13:31
RE: Hinrichtung durch Erschießen Kallias21.06.2010 14:06
RE: Hinrichtung durch Erschießen Ungelt19.06.2010 10:06
RE: Hinrichtung durch Erschießen Kallias19.06.2010 10:37
Sprung



Bitte beachten Sie diese Forumsregeln: Beiträge, die persönliche Angriffe gegen andere Poster, Unhöflichkeiten oder vulgäre Ausdrücke enthalten, sind nicht erlaubt; ebensowenig Beiträge mit rassistischem, fremdenfeindlichem oder obszönem Inhalt und Äußerungen gegen den demokratischen Rechtsstaat sowie Beiträge, die gegen gesetzliche Bestimmungen verstoßen. Hierzu gehört auch das Verbot von Vollzitaten, wie es durch die aktuelle Rechtsprechung festgelegt ist. Erlaubt ist lediglich das Zitieren weniger Sätze oder kurzer Absätze aus einem durch Copyright geschützten Dokument; und dies nur dann, wenn diese Zitate in einen argumentativen Kontext eingebunden sind. Bilder und Texte dürfen nur hochgeladen werden, wenn sie copyrightfrei sind oder das Copyright bei dem Mitglied liegt, das sie hochlädt. Bitte geben Sie das bei dem hochgeladenen Bild oder Text an. Links können zu einzelnen Artikeln, Abbildungen oder Beiträgen gesetzt werden, aber nicht zur Homepage von Foren, Zeitschriften usw. Bei einem Verstoß wird der betreffende Beitrag gelöscht oder redigiert. Bei einem massiven oder bei wiederholtem Verstoß endet die Mitgliedschaft. Eigene Beiträge dürfen nachträglich in Bezug auf Tippfehler oder stilistisch überarbeitet, aber nicht in ihrer Substanz verändert oder gelöscht werden. Nachträgliche Zusätze, die über derartige orthographische oder stilistische Korrekturen hinausgehen, müssen durch "Edit", "Nachtrag" o.ä. gekennzeichnet werden. Ferner gehört das Einverständnis mit der hier dargelegten Datenschutzerklärung zu den Forumsregeln.



Xobor Xobor Forum Software
Einfach ein eigenes Forum erstellen
Datenschutz