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Dieses Thema hat 8 Antworten
und wurde 880 mal aufgerufen
Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


08.03.2011 11:45
RE: Aufruhr in Arabien (16): Libyen, Europa, Afrika Antworten

Lieber Kallias,

die Parallelen, die Ihre hübsche Montage zieht, sehe ich eben nicht:

Zitat von Kallias

Zitat von Zettel über Gaddafi, aber nicht über Guttenberg
Gewiß ist Gaddafi ein schlimmer Diktator. Aber seine Gegner sind überwiegend keine Menschen, die eine Demokratie westlichen Zuschnitts einführen wollten oder das auch könnten. Es sind Stammesangehörige, die gegen die Unterdrückung ihrer Stämme durch den Gaddafi-Stamm kämpfen.

Gewiß ist Guttenberg ein schlimmer Plagiator. Aber seine Gegner sind überwiegend keine Menschen, die sich irgendetwas aus dem Ethos der Wissenschaft machen. Es sind Parteipolitiker, die gegen die Regierungsmehrheit von CDU/CSU/FDP kämpfen.


Ein Sturz Gaddafis wäre nicht nur realpolitisch gefährlich, sondern er würde auch nicht zu jenen demokratischen Verhältnissen führen, die viele sich davon offenbar erwarten. Das meinte ich mit der grün zitierten Passage.

Was in der blauen Passage steht, bestreite ich gar nicht und habe ich - glaube ich - auch in keinem meiner Kommentare bestritten. Nur bei dem "überwiegend" hätte ich Zweifel; ein Großteil der Kritik im Internet und auch in den Medien (vor allem der FAZ) war nicht erkennbar parteipolitisch motiviert.

Eine derart dreiste Verletzung der Ethik der Wissenschaft konnte von Wissenschaftlern nicht geduldet werden; denn es ging um das Ansehen der Wissenschaft. Das ist eine realpolitische Überlegung.

Ein Mann mit dem Charakter, den Guttenberg nicht nur durch das Plagiieren, sondern mehr noch durch seine Lügen während der Affäre an den Tag gelegt hat, wäre als Bundeskanzler ein unkalkulierbares Risiko gewesen; weit schlimmer als Gerhard Schröder. Er hätte langfristig auch der liberalkonservativen Sache geschadet. (Übrigens hat Rudolf Augstein aus einer ähnlichen Beurteilung heraus seinen Feldzug gegen Strauß geführt, um zu verhindern, daß dieser jemals Kanzler werden würde). Auch das ist eine realpolitische Überlegung.

Siehe auch hier und hier in ZR.

Zitat von Zettel über Gaddafi, aber nicht über Guttenberg
Falls Gaddafi fällt, dann ist eine demokratische Entwicklung, wie sie in Tunesien möglich erscheint, sehr unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist eine Situation, die weniger in Europas Interesse liegen würde als ein Fortbestehen der Diktatur.

Falls Guttenberg abtritt, dann ist eine dauerhafte Erneuerung Deutschlands sehr unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist eine Situation, die weniger im liberalkonservativen Interesse liegen würde als ein Weitermachen des Plagiators in der Bundesregierung.

Hier bestreite ich den blauen Text entschieden. Guttenberg wäre als Kanzler kein Erneuerer gewesen. Er hat ja in den beiden Ministerämtern keine Ideen entwickelt, sondern sich nur als Macher präsentiert. Die Wirtschaftskrise wurde von Merkel und Steinbrück gemanagt, nicht von Guttenberg. In Sachen Wehrpflicht trat er zunächst schneidig für deren Beibehaltung ein, um dann ebenso schneidig auf die Linie der FDP einzuschwenken.

Sein "Haus bestellt" hat er dabei gerade nicht. Inzwischen wachsen ja die Zweifel daran, ob überhaupt gründlich geprüft wurde, wie man die benötigten Berufssoldaten gewinnt und ob die Reform bei gleichzeitigen Einsparungen überhaupt realistisch ist.



Irgendwo in dieser umfangreichen Debatte habe ich, glaube ich, einmal geschrieben, daß es nicht um Gesinnungsethik vs. Verantwortungsethik geht. Realpolitik und wertegeleitete Politik sind keine Gegensätze; was Weber am Ende des Vortrags ja auch anmerkt

Man kann sich - grüner Text - die Frage stellen, ob nicht das Leiden von Menschen so groß sein kann, daß man auch gegen die Interessen des eigenen Staats etwas dagegen tun muß. Man kann das anhand der Frage diskutieren, warum die Bahnlinien nach Auschwitz nicht bombardiert wurden. Man kann es anhand der Frage diskutieren, ob die Flächenbombardements ethisch verantwortbar waren. Man kann es anhand der Frage diskutieren, ob ein Krieg gegen Saddam Hussein nicht ethisch geboten war, weil er ein unmenschliches Regime führte.

Aber diese Frage stellt sich im Fall Libyen nicht. Gaddafi tut das, was unzählige Regierungen getan haben: Er versucht einen Aufstand niederzuschlagen. Das ist keine Situation, die den genannten vergleichbar wäre.

Im Fall Guttenberg habe ich ebenfalls keinen Gegensatz von Gesinnungs- und Verantwortungsethik gesehen. Es war - siehe oben - auch im Sinn der liberalkonservativen Sache richtig, daran mitzuwirken, daß dieser Mann nicht zum Führer der Liberalkonservativen wird. Gesinnungs- und Verantwortungsethische Erwägungen fielen also zusammen.

Erst Recht gilt das für die Wissenschaft. Die wissenschaftliche Ethik ist keine Zutat zur Wissenschaft, sondern eine ihrer Grundlagen; sie ist für ihren Erfolg in der realen Welt unverzichtbar.

Herzlich, Zettel


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Aufruhr in Arabien (16): Libyen, Europa, Afrika Zettel07.03.2011 21:29
RE: Aufruhr in Arabien (16): Libyen, Europa, Afrika Llarian07.03.2011 23:45
RE: Aufruhr in Arabien (16): Libyen, Europa, Afrika Dagny08.03.2011 00:58
RE: Aufruhr in Arabien (16): Libyen, Europa, Afrika Zettel08.03.2011 02:27
RE: Aufruhr in Arabien (16): Libyen, Europa, Afrika Kallias08.03.2011 09:57
RE: Aufruhr in Arabien (16): Libyen, Europa, Afrika Zettel08.03.2011 11:45
RE: Aufruhr in Arabien (16): Libyen, Europa, Afrika Zettel09.03.2011 11:43
RE: Aufruhr in Arabien (16): Libyen, Europa, Afrika Eloman08.03.2011 14:23
RE: Aufruhr in Arabien (16): Libyen, Europa, Afrika Zettel08.03.2011 14:39
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