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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 54 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Capitalism and Freedom

Beiträge: 14


05.04.2011 02:24
RE: Aufarbeitung Antworten

Lieber Gansgouter,

es fällt mir immer schwer, zu diesem Thema sachlich und im Rahmen eines Forums zu diskutieren. Dies hat vor allem 2 Gründe:

1. Ich bin jüdischer Abstammung und

2. Es gelingt mir nur selten, meine Argumente so in Worte zu fassen, dass ich selbst damit zufrieden bin und auch nicht andere gleich wieder verletze oder herabwürdige.

Aber ich will es in diesem Forum noch einmal versuchen, auch wenn der Pessimismus überwiegt...


Zuerst ein paar ausführlichere Worte zu mir:

Ich bin 1967 als Sohn eines - ja und jetzt geht der Schlamassel schon los: mein Vater selbst sagt, er ist christlich getaufter Atheist, die Juden sagen er ist Jude, weil seine Mutter Jüdin war und für die Nazis war er Halbjude - Vaters und einer christlichen Mutter geboren. Meine Urgroßeltern väterlicherseits waren nach England emigriert, meine Großtante floh nach Dänemark, heiratete dort einen Dänen zum Schein und überlebte als Dänin die Besatzung. Meine Großmutter (und ab 1940 mein Vater) kam nicht mehr rechtzeitig aus D raus und musste sich verstecken. Da mein Großvater aus Nazi-Sicht kriegswichtig war (maßgebliche Beteiligung an der Entwicklung des deutschen Hubschraubers), war er in Lage Frau und Sohn erfolgreich bei Freunden zu verstecken. Man scheute sich ihn zu sehr unter Druck zu setzen, wären meine Großmutter und ihre Helfer aber denunziert oder ihr Versteck zufällig entdeckt worden, hätte man sie sofort deportiert. Zwei meiner Urgroßtanten konnten sich weder erfogreich verstecken noch rechtzeitig Deutschland verlassen und kamen in Konzentrationslagern ums Leben.

Die ersten 5 Jahre alleine im Versteck mit seiner Mutter und sonst niemanden, haben die Psyche meines Vaters verständlicherweise extrem geprägt. So hat er es auch nie geschafft eine liebevolle Beziehung zu seinem Vater aufzubauen (oder umgedreht gelang es meinem Großvater nicht zu seinem Sohn, wie auch immer man das sehen will). Da ich meinem Großvater sowohl von Statur als auch in vielen Charaktereigenschaften ähnlicher bin als meinem Vater, hatte mein Vater auch so seine Schwierigkeiten mit mir. Seit 4 Jahren rede ich nicht mehr mit ihm. Wie man sich vorstellen kann, ist diese Situation weder für meine Frau noch für meine beiden Töchter sehr leicht zu handhaben.

Als ich 14 (1981!) war, nahmen wir im Schulunterricht (Hessen, Gesamtschule, Einwohnerzahl ca. 40.000) die Nazizeit durch. Ich war naiv und dumm genug während des Unterrichts kundzutun, dass ich eine jüdische Großmutter habe. Die Folge war antisemitisches Mobbing bis hin zu körperlicher Gewalt in meinem Heimatort durch meine Mitschüler, sowohl in der Schule sowie außerhalb. Bis auf eine Handvoll Freunde, unterstützte mich niemand. Die Schule wusste von den Vorfällen, es kam aber nur in einem Fall zu einer Klassenkonferenz (Ergebnis war die Androhung des Schulverweises im Wiederholungsfall), wie es mir ging interessierte keinen meiner Lehrer. Da es zu dieser Zeit auch durchaus noch normal war, Schiedsrichter in den Fußballstadien nach (vermeintlichen) Fehlentscheidungen mit "Jude, Jude"-Sprechchören zu belegen, ist mein Vertrauen in die erfolgreiche Bewältigung der Nazizeit damals doch etwas in Mitleidenschaft gezogen worden.

Wegen meiner schwierigen familiären und außerfamiliären Situation entwickelte ich eine Borderline-Erkrankung (selbstzerstörerisches Verhalten, Depressionen, zerfasernde Persönlichkeitsstruktur), die ich nach fast 10-jähriger Therapie mittlerweile einigermaßen bewältigt habe.

Für mich persönlich habe ich deshalb folgende Überzeugungen gewonnen:

- Die Täter mögen fast alle tot sein, ihr Terror ist in den Opferfamilien noch immer am Wirken;

- Da die Täter-Generation sich nie (oder besser gesagt äußerst selten) auf individueller Ebene für ihr tun bei den Opfern entschuldigte, sondern in der Masse nur leugnete, überhaupt etwas von den Verbrechen zu wissen, geschweige denn aktiv daran teilgenommen zu haben, kam es auch nie zur Aufarbeitung des deutschen Antisemitismus und damit auch nicht zu seiner Beseitigung. Man darf jetzt halt nur nicht mehr öffentlich Antisemit sein...;

- Da natürlich auch viele Deutsche Familien (egal ob selbst Opfer, Mitläufer oder Täter) durch die Kriegserlebnisse traumatisiert wurden und das Verdrängen der Erlebnisse leider eher die Regel denn die Ausnahme war, dauern diese Traumata auch hier über Generationen an. Die Traumata wurden nie verarbeitet und die deutsche Gesellschaft befindet sich im Wiederholungszwang des Aufarbeitens der Nazizeit sowohl in individueller familienhistorischer sowie auch in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht. Erst wenn es gelingt die Wahrheit zu erkennen, dass die Täter bis auf einige Ausnahmen nicht mehr leben und man ihre Fehler sowohl zur Tatzeit als auch danach nicht mehr korrigieren und auch richtigerweise nicht für sie bereuen kann, kann es zum Stopp dieses Wiederholungszwanges kommen. Genauso wie Schuld immer individuell ist, ist es auch Versöhnung. Wie soll man sich aber mit jemanden versöhnen, wenn das Outing als Jude schon zur persönlichen Gefahr wird? Welche Deutsche machen sich über Versöhnung auf individueller Ebene überhaupt Gedanken? Will man das überhaupt? Das ist keine Polemik, sondern eine ernstgemeinte Frage.

- Da man die Wirklichkeit verdrängte, konnte man auch nicht die logisch richtigen Schlüsse aus der Nazi-Zeit ziehen. Statt "Nie wieder Krieg!", hätte es heißen müssen "Nie wieder Diktaturen!". Nicht die Bevölkerung hatte Hitler zur Macht verholfen, sondern die koalierenden Parteien und der Reichspräsident. Das Volk hätte also mehr Macht erhalten müssen und nicht die Parteien. Und an dieser Stelle last but not least: Statt den Kollektivismus nur anders zu organisieren, hätte die neue Verfassung einen schwachen, liberalen Staat schaffen müssen und so die ultimative Lehre aus dem Nationalsozialismus ziehen können: Je mehr offensichtliche Verantwortung das Individuum hat, umso weniger kann es sich hinterher aus der Verantwortung stehlen und behaupten es habe von nichts gewusst! Moralisches Handeln kann nur zusammen mit individueller Verantwortung entstehen. Entzieht man den Individuen die Verantwortung können sie gar nicht moralisch richtig oder falsch handeln - sie handeln zwangsweise amoralisch! Und genau hier liegt im Grunde genommen auch die moralische Verantwortung eines jeden Bürgers zu allen Zeiten, die er auch nicht leugnen kann: Versklave ich mich an eine Obrigkeit, die mir Schutz und Sicherheit verspricht und verliere dabei aber je nach Grad der Versklavung meinen moralischen Handlungsspielraum entsprechend oder will ich mein eigener Herr sein und bin bereit dafür ein geringeres persönliches Risiko zu tragen? Nein, das ist kein Tippfehler. Gerade die deutsche Geschichte hat gelehrt, dass das Leid und Elend immer dann am Größten war und am meisten Menschenleben kostete, wenn die Deutschen besonders untertänig den Heilsversprechen ihrer Kaiser und Führer vertrauten. Nur zur Erinnerung - kein Krimineller, keine Heuschrecke und kein Bankster haben im 20. Jahrhundert so viele Menschenleben auf dem Gewissen wie Deutsche Regierungen! Lediglich die Klassenkämpfer der Sozialistischen Staaten haben eine ähnlich gruselige Bilanz wie die Rassenkämpfer Nazi-Deutschlands.

Ich bin gespannt, ob die Mehrheit der Deutschen aus dieser Erkenntnis irgendwann einmal die richtigen Schlüsse zieht oder ob die Nachkommen der Herrenmenschen lieber weiter unverantwortliche, unmündige Untertanen bleiben wollen.

Gruß
David

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"Those who would give up essential Liberty to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety." - Benjamin Franklin


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Aufarbeitung Gansguoter01.04.2011 18:39
RE: Aufarbeitung Rahvin01.04.2011 20:36
RE: Aufarbeitung Gansguoter01.04.2011 21:05
RE: Aufarbeitung Malte01.04.2011 21:23
RE: Aufarbeitung Thomas Pauli01.04.2011 21:52
RE: Aufarbeitung Gansguoter01.04.2011 22:03
RE: Aufarbeitung Calimero02.04.2011 00:43
RE: Aufarbeitung max02.04.2011 00:50
RE: Aufarbeitung max02.04.2011 00:33
RE: Aufarbeitung Malte01.04.2011 20:53
RE: Aufarbeitung Stefanie01.04.2011 20:58
RE: Aufarbeitung Gansguoter01.04.2011 21:23
RE: Aufarbeitung McCluskey01.04.2011 23:45
RE: Aufarbeitung Zettel02.04.2011 03:20
RE: Aufarbeitung Gansguoter03.04.2011 00:40
RE: Aufarbeitung cimarron02.04.2011 07:08
RE: Aufarbeitung isildur02.04.2011 10:22
RE: Aufarbeitung grildrig03.04.2011 09:34
RE: Aufarbeitung Meister Petz03.04.2011 11:53
RE: Aufarbeitung Thanatos03.04.2011 13:29
RE: Aufarbeitung Zettel03.04.2011 13:42
RE: Aufarbeitung Gansguoter03.04.2011 14:49
Ursachen Thanatos03.04.2011 13:49
RE: Aufarbeitung Rayson03.04.2011 16:23
RE: Aufarbeitung Stefanie03.04.2011 17:37
RE: Aufarbeitung Gansguoter03.04.2011 17:45
RE: Aufarbeitung Stefanie03.04.2011 17:58
RE: Aufarbeitung Gansguoter03.04.2011 18:05
RE: Aufarbeitung Stefanie03.04.2011 18:12
RE: Aufarbeitung Gansguoter03.04.2011 18:21
RE: Aufarbeitung Stefanie03.04.2011 19:30
RE: Aufarbeitung Gansguoter03.04.2011 19:34
RE: Aufarbeitung Stefanie03.04.2011 19:41
RE: Aufarbeitung Gansguoter03.04.2011 19:49
RE: Aufarbeitung Gansguoter03.04.2011 20:00
RE: Aufarbeitung Rayson03.04.2011 18:22
RE: Aufarbeitung Stefanie03.04.2011 18:25
RE: Aufarbeitung Calimero03.04.2011 18:44
RE: Aufarbeitung Rayson03.04.2011 18:48
RE: Aufarbeitung Stefanie03.04.2011 18:53
RE: Aufarbeitung Stefanie03.04.2011 19:06
RE: Aufarbeitung FTT_2.004.04.2011 15:28
RE: Aufarbeitung Gansguoter03.04.2011 19:16
RE: Aufarbeitung Rayson03.04.2011 19:33
RE: Aufarbeitung Gansguoter03.04.2011 19:52
RE: Aufarbeitung Rayson03.04.2011 19:41
RE: Aufarbeitung Capitalism and Freedom04.04.2011 16:18
RE: Aufarbeitung FTT_2.004.04.2011 16:35
RE: Aufarbeitung Gansguoter04.04.2011 18:04
RE: Aufarbeitung Capitalism and Freedom05.04.2011 02:24
RE: Aufarbeitung Gansguoter05.04.2011 07:31
Tätervolk Zettel05.04.2011 05:24
RE: Aufarbeitung Capitalism and Freedom05.04.2011 15:07
RE: Aufarbeitung Malte05.04.2011 20:13
RE: Aufarbeitung Capitalism and Freedom05.04.2011 22:50
Sprung



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