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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 12 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


28.04.2011 03:02
Islam Antworten

Zitat von Malte
Das Thema ist recht komplex, man kann ganz leicht anecken. Ich würde meine Kommentare zum Islam (den ich als die wesentliche Ursache für das arabische Desaster sehe und mit dieser Meinung schon mal gegen Zettel stehe) nämlich an den Spengler-Aufsätzen von David P. Goldman ausrichten. Was wohl auch nicht gut käme, denn sein Ansatz ist der ZR-Richtung meist diametral entgegensetzt.

Ich sehe das, lieber Malte, weniger als eine Frage der Richtung als eine Frage der Fakten.

Monokausale Erklärungen sind für ein so komplexes Geschehen wie historische Prozesse ungeeignet. Die Religion ist ein Faktor; ein manchmal wichtiger, manchmal weniger wichtiger. Aber sie ist nicht der Faktor, der die Geschichte bestimmt. Sie war es zu keiner Zeit; sie ist es schon gar nicht in der Moderne.

Es spielen andere Faktoren eine Rolle; bereits auf der kulturellen Ebene. Die persische, die arabische, die indonesische, die, sagen wir uigurische Kultur sind sehr verschieden, obwohl alle islamisch.

Es spielen sodann vor allem andere als kulturell-religiöse Faktoren eine Rolle.

Der arabische Nationalismus beispielsweise war zunächst antikolonialistisch (gegen die einstigen Kolonialherren des Osmanischen Reichs, dann gegen den Westen) geprägt und überhaupt nicht religiös. Die Nasseristen waren ausgesprochen antiislamisch eingestellt; Nasser hat die Moslem-Brüder ins Gefängnis geworfen. Dasselbe gilt für die Baa'th-Partei, die größtenteils das Erbe des Nasserismus antrat. Ihre Führer waren antireligiös oder religiös indifferent; teils christlicher Herkunft wie Michel Aflaq.

Der Islam spielte für die Politik des Nahen Ostens zwischen 1950 und 1980 so gut wie keine Rolle; auch nicht bei den Massen. Seine Renaissance begann nicht in Arabien, sondern mit der Machtergreifung Chomeinis in Persien 1979. Sie ist eine vorübergehende historische Erscheinung, die vielleicht schon wieder im Begriff ist zu verschwinden. Wenn in einigen arabischen Ländern - in Tunesien zum Beispiel - der Übergang zu Kapitalismus und Freiheit, also zu allgemeinem Wohlstand gelingt, dann wird der Islam dort schnell an Bedeutung verlieren.



Die wesentliche Ursache für den Aufstieg des Islam und zunehmend auch des Islamismus ab ungefähr 1980 war das Scheitern beider Varianten des arabischen Sozialismus - des Nasserismus und des Baath'ismus.

Als verkrustete autoritär-diktatorische Systeme bestanden sie aber weiter; der Nasserismus in Ägypten und Libyen (Gaddafi ist so wenig ein Islamist wie Mubarak), die Baa'th im Irak bis zum Sturz Saddams, in Syrien bis heute. Wenn Sie mögen, lieber Malte, dann können Sie das genauer in meiner Serie Arabiens Misere nachlesen.

Die Rückständigkeit der Länder des Nahen Ostens hat wenig mit dem Islam zu tun; sie ist die Rückständigkeit aller sozialistischer Staaten. Dort, wo der Sozialismus nicht Fuß fassen konnte, wie in Saudi-Arabien, haben wir es mit Feudalsystemen zu tun, die zwar dort islamisch geprägt sind. Aber der Feudalismus ist ja keine Erfindung des Islam.

Der momentane Aufschwung des Islam in dieser Region (mit Ausstrahlungen bis nach Indonesien und Malaysia) ist eine vorübergehende Erscheinung in einer bestimmten historischen Situation, die eben durch das Scheitern des arabischen Sozialismus gekennzeichnet ist. Man findet das in der Geschichte immer wieder, daß in Zeiten des politischen und wirtschaftlichen Niedergangs viele Menschen ihre Zuflucht in der Religion suchen. Auch die schnelle Ausbreitung des Christentums in der Zeit Konstantins des Großen war eine Antwort auf die tiefe Krise der römischen Kultur und des römischen Reichs.



Das in Perspektive zu sehen, lieber Malte, bedeutet keineswegs, die Gefahren zu ignorieren, die vom Islam und vom Islamismus ausgehen. Wir haben in Europa, speziell in Deutschland das Problem, daß aufgrund der demographischen Entwicklung eine Ausbreitung des Islam droht; auf Kosten unserer eigenen, durch die Antike, das Christentum, die germanische Tradition und vor allem die Renaissance und die Aufklärung geprägten Kultur.

Es gibt darüber hinaus das immer akute Problem, daß Islamisten allein durch die Drohung mit Gewalt unsere Freiheit zu untergraben suchen; siehe Rushdie, siehe die Mohammed-Karikaturen, siehe vor fünf Jahren die Berliner Opernaffäre.

Es gibt vor allem das Problem eines Zusammenwirkens von Vertretern des Islam mit der Linken; sie verfolgen natürlich verschiedene Ziele, sind aber vereint in ihrer Ablehnung des Kapitalismus und des freiheitlichen Rechtsstaats.

Ich habe das immer wieder in ZR angesprochen, wie ausgerechnet diejenigen, die keinerlei Verständnis für das Christentum zeigen, nicht nur um "Verständnis" für den Islam werben, sondern auch bereit sind, Moslems Sonderrechte einzuräumen, die Christen längst nicht mehr zugestanden werden. Monika Maron hat dazu kürzlich im "Spiegel" einen ausgezeichneten Essay geschrieben.

Es geht aus meiner Sicht darum, daß wir uns angesichts des Vordringens des Islam wieder auf unsere eigene Kultur zurückbesinnen, die seit 1968 in einem erheblichen Maß erodiert ist. Es geht darum, daß wir vor allem die Werte des liberalen Rechtsstaats gegen die Ansprüche einer Religion verteidigen, die ihre Aufklärung noch vor sich hat.

Aber es hilft gar nichts, den Islam zu einer Bedeutung aufzublasen, die er weder politisch noch kulturell hat. Schon gar nicht hilft eine Kreuzzug-Mentalität, wie sie beispielsweise in dem Blog "Fakten-Fiktionen" vertreten wird.

Wir können ja das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen. Wir haben nun einmal in Europa - ja nicht nur in Deutschland, schauen sie nach GB, nach Frankreich, nach Österreich und in die Schweiz - einen Anteil moslemischer Bürger, der aus demographischen Gründen wachsen wird. Die Aufgabe ist, zu erreichen, daß sie sich assimilieren und daß ihr Glaube sich dabei so verändert, daß er mit den Werten des demokratischen Rechtsstaats vereinbar ist.

Daß das geht, zeigen beispielsweise die USA und Kanada. Einfach wird es nicht werden, und kein Land hat eine schlechtere Ausgangsposition als Deutschland; denn wir tendieren dazu, unsere nationale Tradition, unsere Kultur zu verleugnen, wenn nicht gar schlechtzureden. Da ist ein Vakuum, in das der Islam natürlich hineinstößt, man kann es ihm nicht verdenken.

Herzlich, Zettel


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