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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 20 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


03.08.2011 00:35
RE: RAF, Dschihad, Breivik Antworten

Zitat von Erling Plaethe

Zitat von Zettel
Da wird also eine "subversive Mehrheit" gefordert. und diese soll das Recht haben, Andersdenkenden das Recht auf freie Meinungsäußerung, auf Versammlungsfreiheit und auf Freiheit der Wissenschaft zu entziehen.

Das waren Schlüsselsätze für diejenigen, die dann mit der "Subversion" ernst gemacht haben.



Zitat von Zettel
Die Rechnung der RAF ist damals nicht aufgegangen. Kaum jemand kam auf den Gedanken, Kritiker des Kapitalismus wie Theodor W. Adorno, Wolfgang Abendroth und Herbert Marcuse mit den gegen den Kapitalismus gerichteten Taten der RAF in Verbindung zu bringen.



Lieber Zettel,
glauben sie jetzt im nachhinein, dass Marcuse die RAF-Gründer mit Schlüsselsätzen beeinflusst hat? Als Schreibtischtäter? Mir geht es nicht darum wofür er stand, das ist klar, sondern ob er in Verbindung mit der RAF gebracht werden kann. Ich bleibe bei meiner Ansicht, dass seine Theorien und die der Frankfurter Schule zum Zeitpunkt der Gründung der RAF für die Mitglieder keine Relevanz mehr hatten.
Beziehen sie sich auf die Zeit vor der Gründung?

Grüße Erling Plaethe


Das sind schwierige Fragen, lieber Erling Plaethe, zu denen ich vielleicht demnächst einen Artikel schreibe.

Die Frage ist die, wie weit Kausalzusammenhänge reichen und damit Verantwortlichkeit. Das ist sehr schwer auszumachen, wie bei allen historischen Zusammenhängen.

Die RAF war ein Ergebnis der Studentenbewegung und der Apo. Sie war der Höhepunkt einer schrittweisen Entwicklung zur Gewalt, die nicht erst mit den Frankfurter Brandstiftungen begann, sondern mit der verbalen Gewalt des Niederschreiens Andersdenkender. Ich habe das damals hautnah erlebt, wie ab 1967 auf "Vollversammlungen" jeder niedergeschrieen wurde, der eine nach Ansicht der Schreienden "rechte" Meinung vertrat. Dann kam das "Puddingattentat", die Brandstiftungen, schließlich der Übergang zum "bewaffneten Kampf".

In der Anfangssphase spielte Marcuse (anders als Adorno und Horkheimer) eine große Rolle. Es gibt, glaube ich, einen Film von seinem Auftritt vor Berliner Studenten, der zeigt, mit welcher Begeisterung er gefeiert wurde. Ich habe mir damals "Der eindimensionale Mensch" gekauft und fand diesen Quark unerträglich. Es war allerdings auch noch miserabel übersetzt.

Marcuse war ein Revolutionär. Anders als Adorno und Horkheimer dachte er in poltischen Machtkategorien. Er haßte den Kapitalismus, und zwar speziell in der Form, in der er ihn in seinem Exilland USA vorgefunden hatte. Er kam wie viele mit der amerikanischen Lebensweise nicht zurecht und machte das zu einer Gesellschaftskritik und Revolutionstheorie.

Zum bewaffneten Kampf hat er meines Wissens nicht explizit aufgerufen, aber er hatte ein sehr fragwürdiges Verhältnis zur Gewalt. Etwas habe ich ja schon zitiert, hier noch ein anderes Zitat aus demselben Text "Repressive Tolerance"

Zitat
To discuss tolerance in such a society [wie der "repressiven reichen Gesellschaft" der USA; Zettel] means to reexamine the issue of violence and the traditional distinction between violent and non-violent action. The discussion should not, from the beginning, be clouded by ideologies which serve the perpetuation of violence. Even in the advanced centers of civilization, violence actually prevails: it is practiced by the police, in the prisons and mental institutions, in the fight against racial minorities; it is carried, by the defenders of metropolitan freedom, into the backward countries. This violence indeed breeds violence. But to refrain from violence in the face of vastly superior violence is one thing, to renounce a priori violence against violence, on ethical or psychological grounds (because it may antagonize sympathizers) is another. Non-violence is normally not only preached to but exacted from the weak--it is a necessity rather than a virtue, and normally it does not seriously harm the case of the strong. (...)

In terms of historical function, there is a difference between revolutionary and reactionary violence, between violence practiced by the oppressed and by the oppressors. In terms of ethics, both forms of violence are inhuman and evil--but since when is history made in accordance with ethical standards? To start applying them at the point where the oppressed rebel against the oppressors, the have-nots against the haves is serving the cause of actual violence by weakening the protest against it.


Als die Baader-Meinhof-Bande entstand, war man über Marcuse, wie man damals gern sagte, "schon hinaus" und bei Lenin angekommen. Aber auf dem Weg dorthin hatte Marcuse eben schon einen immensen Einfluß gehabt. Auch, was die Bereitschaft zur Gewalt anging.

Herzlich, Zettel


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Betreff Absender Datum
RAF, Dschihad, Breivik Zettel01.08.2011 17:12
RE: RAF, Dschihad, Breivik Florian01.08.2011 18:09
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RE: RAF, Dschihad, Breivik Llarian01.08.2011 20:41
RE: RAF, Dschihad, Breivik Erling Plaethe02.08.2011 00:48
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RE: RAF, Dschihad, Breivik Erling Plaethe02.08.2011 10:11
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RE: RAF, Dschihad, Breivik Zettel03.08.2011 00:35
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