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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 16 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Ulrich Elkmann

Beiträge: 12.283


06.04.2012 16:59
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Antworten

Zitat von Zettel

Der alte Mime ist noch einmal über die Bühne gesolpert und hat gelallt. Aber statt daß das Publikum kopfschüttelnd den Saal verlassen hat, veranstaltete es den von ihm ersehnten Theaterskandal.



Genau dieser "dialektische Doppelschritt" zeichnet aber sämtliche Folgen der Grass'schen chronique scandaleuse aus, die ich, seit 1986, mit Unmut zur Kenntnis genommen habe und die er im regelmässigem Abstand von 6 Jahren (plus/minus 1 Jahr) im Gestus einer Abschiedsvorstellung zu inszenieren beliebt: Damals war es der einhellige Verriß der Rättin, (da ging es ja um die Nachrüstung, den Atomtod, Mutlangen, das Waldsterben und die Umweltverschmutzung), nach dem er sich beleidigt nach Indien zurückzog, um der deutschen Plebs seine Gunst zu entziehen; das war so, als er "wegen Auschwitz" die Wiedervereinigung verdammte (und als imperialistische Geste dazu: "Ein Schnäppchen namens DDR"); das war bei seiner Laudatio 1997 bei der Friedenspreisverleihung für Yasar Kemal so ("Es ist wohl so, daß wir alle untätige Zeugen einer abermaligen, diesmal demokratisch abgesicherten Barbarei sind"); das war auch bei seiner "mutigen", d.h. reichlich verdrucksten Selbstentlarvung als Alter Kämpfer (und bei seiner zahlenmäßigen Gleichsetzung der Anzahl deutscher gefallenener Soldaten mit den Opfern des Holocaust): Jedesmal hat er lutherisch "mit der Sauglocke geläutet", dann eine noch-nie-dagewesene Mundtot-Machung der Medien beklagt und die nachgeschobene Verteidigung kleinen Adlaten wie Staeck oder Steinfeld überlassen.

Das Passende zur Öffentlichen Gestalt Grass hat Kurt Scheel anläßlich der Friedenspreisrede gesagt (das war eine der Sternstunden der taz - ich bitte um Nachsicht für das Längere Zitat, aber der Text ist nicht im Netz zu finden [vielleicht weiß man bei der taz ganz gut, warum man die gesammelten Irrtümer der letzten 30 Jahre nicht coram publico servieren möchte]):


"Günter Grass hat wie so oft in den letzten Jahren verkündet, daß die Bunzreplik praktisch-faktisch eine geschickt, nämlich demokratisch maskierte Form faschstischer Barbarei ist, und diesmal hat es geklappt, alle sind drauf angesprungen. 'Es ist wohl so, daß wir alle untätige Zeugen einer abermaligen, diesmal demokratisch abgesicherten Barbarei sind.'
Wenn er recht hätte, gäbe es die bekannte Möglichkeit, er löste das Volk auf und wählte ein anderes. Aber glücklicherweise übertreibt unser Levitenleser ein wenig, sind doch nicht 'wir alle' untätige Zeugen der neuen Barbarei - er ist ja noch da, der unermüdliche Praezeptor Germaniae, der Roß und Reiter nennt, Flagge zeigt, mahnt und warnt - und darüber hinaus schämt er sich er sich auch noch für uns, die Mitläufer, die Schreibtischtäter, öffentlich, in der Paulskirche!
Danke, Günter Grass! Aber Ihre Scham ist unsere Schande, denn Sie als einziger (neben Staeck, Christa Wolf usw.) sind ja unschuldig. Schämt sich für mich, nimmt meine Schuld auf sich - das kann ich ja gar nicht annnehmen, das hat ja schon etwas Jesusmäßiges...
Grass spricht eben oft und gerne wie die anderen Intellektuellen seines Schlages in der Tradition alttestamentarischer Propheten, die sich ja auch mit einer gewissen Lust von der moralischen Verkommenheit ihres Volkes nährten und und dick und fett dabei wurden. 'Ich schäme mich meines zum bloßen Wirtschaftsstandort verkommenen Landes' - schön, daß es wenigstens diesen einen Gerechten unter uns gibt, der an einen anderen, älteren Gerechten erinnert: 'Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, untätige Zeugen...'
Dieses letzte Zitat ist nicht aus Grass' Friedenspreis-Laudatio, sondern aus der Bibel (Lukas 18), und gesprochen wird das Satz von einem Pharisäer. Das ist eigentlich ein Schriftgelehrter, im übertragenen Sinn versteht man darunter laut Duden einen dünkelhaften, selbstgerechten Heuchler, jemanden, der hauptsächlich damit beschäftigt ist, seine moralische Überlegenheit ins rechte Licht zu setzen.
Aber ich schweife ab, zurück zu Grass. Warum ist sein ranziger Moralismus nicht nur zum Lachen? Weil er damit so erfolgreich ist, weil sein eitles Gerede eben nicht taktvoll übergangen wird ('ein bedeutender Schriftsteller, aber leider hat er politische Wahnvorstellungen'), sondern es immer wieder auf die erste Seite der Zeitungen schafft." ("Jenseits der Meinungsfreude," taz, 13.1.1998; zitiert nach: Volker Hage u.a., hgg. Deutsche Literatur 1997 - Jahreüberblick 1997, Stuttgart: Reclam,1998, S.274f.)


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Betreff Absender Datum
Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Zettel05.04.2012 16:14
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Zettel05.04.2012 16:20
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran C.05.04.2012 19:18
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Tischler05.04.2012 20:19
Meckerecken Zettel05.04.2012 21:37
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran danielphoffmann06.04.2012 08:20
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Zettel06.04.2012 09:40
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Noricus06.04.2012 11:26
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Chefkoch06.04.2012 12:09
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Zettel06.04.2012 14:51
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Zettel06.04.2012 14:47
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Ulrich Elkmann06.04.2012 16:59
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Llarian06.04.2012 17:23
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran C.06.04.2012 18:12
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Thanatos06.04.2012 19:49
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Noricus07.04.2012 08:57
RE: Zitat des Tages: Lob (nicht nur) aus dem Iran Ulrich Elkmann06.04.2012 19:54
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