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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 13 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Straub

Beiträge: 44


25.02.2014 10:12
RE: Zettels erster Todestag Antworten

Andreas Doeding

"Ein Jahr ohne Zettel". Diese Formulierung nimmt sich auf den ersten Blick etwas merkwürdig für mich aus, währt meine Anwesenheit in diesem Blog und Forum "ohne ihn" nun doch schon mehr als viermal so lange wie die Zeit, die ich hier zu Zettels Lebzeiten verbracht habe. Tatsächlich habe ich mich erst im Dezember 2012 im Forum angemeldet, bin also mit Abstand der "jüngste" des aktiven Autorenkreises. Dennoch geht meine persönliche Geschichte mit Zettel zurück in das Jahr 2010; seitdem habe ich Zettels Raum nämlich in meiner Facebook-Freundesliste, und das kam folgendermaßen.

Damals tobte gerade der Höhepunkt der Sarrazindebatte, die in meiner politischen Sozialisation ein zentrales und erschütterndes Ereignis darstellt. In dieser Zeit sind für mich viele Überzeugungen zu Politik, Medien, Demokratie und Wissenschaft verloren gegangen (reichlich spät mag mancher jetzt denken ;-), und ich hing damals der aus heutiger Sicht naiven Vorstellung an, ich könnte in verschiedenen Facebookgruppen (auch dort hatte ich mich erst kurz zuvor angemeldet) manche der Unwahrheiten richtigstellen, die über sein Buch, etwa zum Thema Erblichkeit von Intelligenz oder Selektionseffekte von Migration, verbreitet worden sind. Und dabei fiel mir eben jemand namens "Zettels Raum" auf, der zur Sache äußerst kenntnisreich diskutierte und dabei ein ausgesprochen hübsches Profilbild eines ländlichen "Cottages" hatte. Kurz, ich "addete" ihn, und Zettel hat meine Freundschaftsanfrage umgehend positiv beantwortet. Der Spaß an Diskussionen auf Facebook ist mir jedoch alsbald nachhaltig vergangen, und ich hörte irgendwann damit auf. Es schienen sich nur noch Links- und Rechtsextreme, vulgo Vollpfosten, zu äußern, und mit beiden kann man nicht vernünftig diskutieren. Aber auch Zettel verstummte alsbald auf Facebook, ich mutmaße aus ähnlichen Gründen, so daß er nur noch sehr selten auf meiner "Timeline" auftauchte. Auf sein Blog bin ich damals jedenfalls nicht gestoßen, was ich heute sehr bedauere.

Erst durch das Interview mit Cora Stephan auf Welt Online im Herbst 2012 bin ich erneut auf ihn gestoßen; erst hier wurde mir seine Bedeutung für die deutschsprachige Blogosphäre klar, und danach ging eigentlich alles ganz schnell. Ich stöberte durch sein Blog, insbesondere durch die damals schon älteren Artikel zu Fukushima und zur Sarrazindebatte und war zunehmend begeistert von der für mich bis heute einmaligen Wissensfülle und -tiefe seiner Artikel. Dann entdeckte ich noch sein "Kleines Zimmer", in dem endlich so sachlich und höflich diskutiert wurde, wie ich es mir seit meinen mißglückten Facebookversuchen 2010 immer gewünscht hatte. Das war übrigens auch der Grund, weshalb ich mich damals gegen die Verwendung eines Nicknames entschieden habe: Zuweilen hatte ich früher durchaus die Neigung, in Diskussionen die Gürtellinien von Mitdiskutanten polemisch auszuloten, und damit wäre ich hier nicht alt geworden. Die Verwendung meines "richtigen" Namens sollte mich gemahnen, auf meinen Tonfall zu achten. Rückblickend eine unbegründete Sorge. Es macht einfach viel mehr Spaß, auch kontrovers, zu diskutieren, wenn man sich auf die Einhaltung von Höflichkeitsnormen beiderseits weitestgehend verlassen kann, und ich bin sehr glücklich, daß diese Eigenschaft des Forums sich auch im vergangenen Jahr erhalten hat.

Keine sechs Wochen im Forum, lud Zettel mich dann ein, einen Diskussionsbeitrag zum Thema Fehlerkultur in Deutschland zu einem Gastbeitrag auszubauen. Bis zu seinem Tod kam es dann noch zu einem weiteren Gastbeitrag. Zum Zeitpunkt des Todes von Zettel waren sowohl Blog als auch dieses Forum zu einer wesentlichen Freizeitbeschäftigung für mich geworden. Wenn ich z. B. meiner Vorliebe nach kurzen und mittellangen Wanderungen nachgegangen bin, diskutierte ich im Geiste oft weiter, wägte Argumente ab, revidierte zuweilen meine Positionen. Ich hatte in der kurzen Zeit einen für meine Verhältnisse sehr starken inneren Bezug hierher entwickelt. Sein Tod kam wie ein Hammerschlag für mich.

Als dann Kallias anfragte, ob ich mich an der Fortführung des Blogs beteiligen würde, kam für mich eine Absage nicht in Frage, wenngleich ich dem Projekt zunächst eher skeptisch gegenüberstand. Aber zum einen war eine Fortführung des Blogs Zettels ausdrücklicher Wunsch gewesen, zum anderen fand ich den Versuch, das Forum zu erhalten, ungemein wichtig, was ohne entsprechende "feeds" eben nicht funktioniert. Heute bin ich froh, daß wir es gemacht haben, und ich lese die Artikel der geschätzten Kollegen und die sich daran anschließenden Diskussionen immer wieder mit dem größten Vergnügen und immer wieder großem Erkenntnisgewinn. Natürlich, die Reichweite des Blogs ist heute deutlich geringer als vor einem Jahr, hat sich aber auf einem Niveau stabilisiert, das für ein Blog immer noch sehr ordentlich ist. Das gleiche gilt für das Forum, das ich nach wie vor einzigartig finde. Das "Kleine Zimmer" atmet immer noch Zettels Geist, und so kommt es mir, nachdem ich dies geschrieben habe, fast noch merkwürdiger vor, wenn ich für mich selbst "Ein Jahr ohne Zettel" sage, denn irgendwie ist er für mich immer noch da.




Erling Plaethe

Am 25.02. gab es hier auf diesem Blog eine Nachricht, die ich im ersten Moment nicht glauben konnte. Obwohl für mich ein Blog nur hinsichtlich des geschriebenen Wortes real ist, war Zettels Tod zuviel Realität auf einmal.
Ich war geschockt und dann in tiefer Trauer. Er war für mich der erste Mensch dessen physische Existenz kein Kriterium war für menschliche Nähe.
Diese entstand nur über den Austausch von Gedanken, nur über das geschriebene Wort.
Was Zettels Raum und Zettels kleines Zimmer durch Zettel geworden war, hatte dies ermöglicht.
Ich denke kein anderer Blog hat oder hätte dies gekonnt.
Nicht bei mir jedenfalls.

Jeder der diesen Blog kannte, als Zettel noch lebte, hat vielleicht auch solche persönlichen Erinnerungen.
Man vergleicht natürlich das Vorher und das Nachher. Und bei diesen Vergleichen wird klar, was auch schon klar war, als der Entschluss reifte, seine Arbeit fortzuführen - weil er es so wollte und die Autoren auch.
Dass seine Arbeit nicht ersetzt werden kann.

In dem Versuch das Unmögliche zu versuchen, auch mit einiger Gewissheit es nicht schaffen zu können, haben die Autoren einfach begonnen daran zu arbeiten, fortzuführen was Zettel hinterlassen hat.
Zettels Raum ist zu einem sehr offenen Blog geworden. Prinzipiell ist es jedem Mitglied möglich, hier Artikel in Zettels kleinem Zimmer zur Diskussion zu stellen, als Gastautor einen Artikel in Zettels Raum zu veröffentlichen oder als fester Autor mitzuarbeiten. Oder einfach mitzudiskutieren.
Um vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt, individuell in Worte zu fassen.
Und sich vielleicht auch näher zu kommen.




Calimero

Es muss Anfang, Mitte des Jahres 2007 gewesen sein, als ich mich das erste Mal in Zettels Raum verirrte. Ich bin, glaube ich, über einen Text von Henryk M. Broder auf die Achse des Guten gestoßen. Dort war irgendwann mal ein Text aus dem Blog Oekologismus.de verlinkt. Das war dann auch der erste Blog, dem ich überhaupt regelmäßig folgte. Der Nickname Calimero stammt daher; einfach nur ein Lautgebilde, ohne tiefere Bedeutung.
Blogs bieten ja nun dankenswerterweise meist eine Blogroll mit nahestehenden publizistischen Spielwiesen ähnlich gestrickter Tastaturbearbeiter an, so dass ich einfach mal wahllos den dortigen Empfehlungen folgen konnte. Verständlicherweise führte der dort verlinkte Blog-Kosmos vor allem in den Nicht-Mainstream, auch in die liberale Blogosphäre; das was Zettel seine liberale Blogokugelzone nannte.
Und dort, am Ende eines beliebigen Blogbeitrages, wenn das Auge zielsuchend zur rechten oder linken Seite der Seitenoberfläche schweifte, stand sehr oft, ganz am Schluss der dortigen Blogroll der Name "Zettels Raum". Danach kam nichts mehr.
Es war zuerst also einfach der alphabetische Listenplatz, der ZR so auffällig machte, aber was so oft verlinkt war, schien doch interessant zu sein.

Welcher mein erster gelesener ZR-Artikel war, weiß ich nicht mehr. Irgendwas sehr Kluges und Vernünftiges wird es gewesen sein, das war es ja immer. Und es muss mich in den Kommentarbereich gezogen haben - das kleine Zimmer - denn ich weiß, dass ich bei diesem Blog nicht einfach kommentierenderweise, sofort in die Tasten gehauen habe. Nicht wie im Oekologismus-Blog. Hier war etwas anders, anspruchsvoller.
Zettels Blog-Artikel waren ja in sich schonmal "rund", da gab es kaum etwas zu ergänzen und selten etwas zu erwidern. Zettel hatte die Dinge schon von allen Seiten betrachtet, sich vor dem Schreiben schon ein umfassendes Bild vom Objekt seiner Betrachtung gemacht. Da war keine Lücke in seiner Argumentation, in die man naseweis hineinstoßen konnte. Überhaupt waren seine Artikel sehr oft vor allem Lehrstücke, behandelten Sachverhalte, die ich so noch nie gesehen hatte. Alles was ich wusste schien Zettel schon lange bekannt zu sein. Hier war ich vor allem erstaunter Zuschauer, hier gab es was zu lernen.

Was auch sofort auffiel, war Zettels Umgangston. Das distanzierte Sie, seine persönliche Anrede mit Liebe/r, sein Herzlich, Zettel - alles war irgendwie so altertümlich, gediegen, höflich. Kein emotionales Aufbrausen, kein Satz mal eben so dahingeworfen. Hier war man unter Gentlemen, das war ein Debattierclub, keine Internet-Eckkneipe. Es war faszinierend, der Hausherr war faszinierend.
Es dauerte bis zum Februar des Jahres 2008, als ich endlich etwas beitragen wollte und konnte. Zettel bedauerte das DDR-Loch, welches er unter seinen Lesern ausgemacht haben wollte. Er entwarf 5 Hypothesen und er bat um Hilfe:

Zitat von Zettel
"Ich weiß nicht, welche dieser Hypothesen stimmt, welche Kombination von ihnen, oder ob es vielleicht eine ganz andere Erklärung gibt. Ich habe noch nicht einmal eine Präferenz für eine dieser möglichen Erklärungen. Ich bin schlicht ratlos.
Das Phänomen des DDR-Lochs selbst ist jedenfalls unbestreitbar.
Für Ideen und Hinweise dazu, wie dieses Phänomen zustandekommen könnte, wäre ich sehr dankbar. Wie üblich ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen.
Wer sich nicht registrieren, mir aber dennoch seine / ihre Meinung mitteilen möchte, kann das gern auch per Mail tun (Oben rechts: View my complete profile --> Email). Dann bitte mit dem Hinweis, ob ich diese Meinung (anonym) zitieren darf, oder ob ich sie für mich behalten soll."

Da war ich angesprochen! Da konnte ich etwas beitragen, da bat der große Weise ratlos um Hilfe. Ich schrieb ihm also eine E-Mail, die er auch prompt veröffentlichte. Damit stand mein Kommentar nun plötzlich gleichberechtigt in diesem Forum, eingestellt von Zettel selbst. Rückblickend mag es seltsam erscheinen, aber damals war das so eine Art Prädikat für mich. Was ich schrieb konnte also auch in diesem Forum auftauchen, neben den Kommentaren von Zettel selbst und all den anderen eloquenten Foristen. Zettel hatte mir eine Brücke gebaut und ich stand nun auf der anderen Seite. Und es war gar nicht schwer! Obwohl Zettel so unglaublich klug, belesen und eloquent war, - ich ihm also kaum jemals das Wasser reichen würde können - erschien er nie "von oben herab". Er war immer auch neugierig darauf, was andere zu sagen hatten. Man konnte unglaublich viel von ihm lernen, aber er war selbst auch stets bereit fremden Input aufzunehmen.

Solange dieser sachlich war und höflich formuliert wurde. Darauf wurde von ihm Wert gelegt und das prägte und prägt auch heute noch die Diskussionen im kleinen Zimmer. Auch die internen Nachrichten Zettels, der persönlichste Austausch den man mit ihm haben konnte, waren stets freundlich-höflich, aber mit dieser gewissen Distanz. Bis zum Ende blieb das so. Wir siezten uns selbstverständlich, obwohl am Ende durchaus auch der Mensch hinter Zettel mit mir kommunizierte.
Und dieser Mensch blieb anonym. Emeritierter Professor, habilitierter Naturwissenschaftler, Kriegskind der letzten Tage. Als junger Mann ein Sozialdemokrat, später zum Liberalen konvertiert, der seinen eigenen liberal-konservativen Vermittlungsausschuss beschäftigte. Viel mehr wusste man von ihm nicht. Ab und zu ein Lebenslaufschnipsel, aber die bürgerliche Existenz Zettels blieb im Dunklen. Wer weiß, wieviele Leute versucht haben ihn mithilfe seiner spärlich hinterlassenen Infoschnipsel zu googeln? Ich gebe jedenfalls zu, dies anfangs auch versucht zu haben. Ohne Erfolg übrigens. Irgendwann war mir das aber auch egal. Er wollte die Trennung von Person und Blogger aufrecht erhalten und er hat dies auch geschafft. Keine Chance, ihn zu enttarnen. Zettel war ein Mysterium und blieb es bis heute. So hat er es gewollt.

Heute vor einem Jahr hat uns Zettel für immer verlassen. Für mich ein Schock, der bittere Verlust eines Freundes. Wie oft habe ich früh um vier Uhr den Rechner hochgefahren um als erstes nachzuschauen ob es was Neues in ZR gab? Wenn nicht dort, dann auf jeden Fall im kleinen Zimmer. Und wie oft war Zettel noch oder schon online? Genau konnte man das ja nicht sagen, Zettel schien manchmal ganz ohne Schlaf auszukommen. Wie oft haben wir uns früh oder spät nachts noch ein paar kurze PN geschickt? Neuer Artikel, Tippfehler entdeckt (selten) - schnell per PN aufmerksam machen. "Danke, lieber Calimero! Herzlich, Ihr Zettel"

Liebgewonnene Gewohnheiten, eine Bank, wenn es um Informationen ging; die richtungsweisende Nachricht des Tages kam meist von Zettel. Die Diskussionen im kleinen Zimmer, Leute mit denen man sich schon seit Jahren austauschte - alles stand plötzlich in Frage. Da war dieser Avatar, dieser Schattenriss eines fotografierenden Mannes vor herbstlichem Gestrüpp. Und darüber war dieses kleine Männchen, welches mir in grün signalisierte, dass da irgendwo in Deutschland dieser bekannt-unbekannte Mann namens Zettel wach war und wahrscheinlich gerade irgendwas Kluges las oder schrieb. Und dieses Männchen sollte nun für immer rot bleiben? Unfassbar!

Als Kallias die traurige Nachricht veröffentlichte habe ich geheult, ich gebe es zu. Und es ging nicht nur mir so. Der Kommentartsunami im kleinen Zimmer war nur der sichtbare Teil der Anteilnahme, unglaublich viele persönliche Mails gingen in den darauffolgenden Tagen über meinen Rechner, in denen mir sehr offen geschrieben wurde, welche Trauer der Tod Zettels bei jedem einzelnen ausgelöst hatte. Es war überwältigend und bewegend.
Unsere Sammelaktion für die Traueranzeige in der FAZ zeigte schon, dass Zettel nicht nur irgendein anonymer Blogger war. Seine Leser, die Mitkommentatoren nahmen wirklich Anteil! Und das, obwohl sie durch nichts an einen nun herrenlosen Blog gebunden waren. Das Gravitationszentrum, das Zentralgestirn war zwar verloschen, aber das System blieb erstaunlicherweise stabil. Zettels Vermächtnis:

Zitat von Zettel
"... es gibt so viele tolle Menschen, die das weiterführen können, was ich angefangen habe. ZR und das Kleine Zimmer hängen ja nicht daran, wie lange das Herz eines Menschen noch pumpt. Ihr sollt das gefälligst weiterführen. Meines Erachtens ist das Kleine Zimmer einmalig im deutschen Netz. Da müßt Ihr alle euch halt a bisserl engagieren."

hat gewirkt. Wir haben das weitergeführt! Natürlich kann niemand Zettel ersetzen, das war von Beginn an klar. So allumfassend und tagesaktuell wie ZR zu Zettels Lebzeiten war, kann auch ein Autorenteam es nicht erhalten, dafür braucht es einen Solitär. Aber wir haben Zettels Raum am Leben erhalten und vor allem das Kleine Zimmer. Denn, und das ist sein ewiger Verdienst, einen solchen Debattierclub kann man nicht so einfach zusammenbringen.

Ich glaube Zettel wäre schon a bisserl stolz auf uns.




Noricus

Der Link, der mich mit Zettels Raum bekannt gemacht hat, war der Beleg für ein Zitat, das Neugier entfachte. Und ich wurde nicht enttäuscht: Da äußerte also ein Mann, der sich Zettel nannte, „vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt“. Was er schrieb und wie er schrieb, gefiel mir. Ich fasste den Entschluss, diesen Raum fortan öfter zu betreten.

Allein, es blieb zunächst bei diesem Entschluss. Aus verschiedenen Gründen pendelte sich mein Blogkonsum zu jener Zeit auf einem sehr bescheidenen Niveau ein. Zwischen meinen Besuchen auf den einschlägigen Seiten vergingen oft Wochen, bisweilen auch Monate.

Dann stieß ich eines Tages wieder auf einen Link, der zu Zettels Raum führte. Und nun wurde die Lektüre dieses ungemein produktiven Online-Auftritts zu einem (fast) täglichen Ritual. Da stellte sich ein Mann gegen die linke Meinungsdominanz in der Presse und hatte zumeist die besseren Argumente. Da zeigte dieser Zettel den mit Korrespondenten- und Agenturnetzwerken gesegneten Leitmedien, was man an Information aus dem Internet heraussaugen kann, wenn man den Blick über den Tellerrand wagt. Da gab es feuilletonistische und wissenschaftsjournalistische Beiträge, die den Vergleich mit den besten Erzeugnissen bekannter Edelfedern nicht scheuen mussten.

Es war mir nicht entgangen, dass dieses Blog durch ein Diskussionsforum namens Zettels kleines Zimmer ergänzt wurde. Doch es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich als heimlicher (will heißen: unangemeldeter) Leser in diese Kammer der Konversation wagte. Meine Erfahrungen in den Kommentarsträngen diverser Online-Präsenzen waren durchwegs negativ: Ich hatte das Gefühl, dass es die meisten Blogger auf ideologische Fellpflege und politische Selbstvergewisserung abgesehen hatten, weshalb Dissidenten vom Moderator und seinen Getreuen mit enervierender Regelmäßigkeit verbellt wurden.

Meine Angst, dass es in diesem Kleinen Zimmer ebenso zuging, erwies sich als unbegründet. Zwar bildete sich auch hier häufig eine Mehrheitsmeinung, zu der es aber (fast) immer eine Gegenrede gab. Benutzer, die schnell als Stammkommentatoren ausgemacht waren, oder selbst die Mitautoren von Zettels Raum kamen inhaltlich sehr oft auf keinen gemeinsamen Nenner. Doch so hart auch in der Sache debattiert wurde, so höflich blieb der Ton des Austauschs.

Langsam erkannte ich die Symbiose-Beziehung, die zwischen dem Blog und dem Diskussionsforum bestand: Zettels Raum und Zettels kleines Zimmer gehörten zusammen, das eine wäre ohne das andere nur etwas Halbes gewesen. Zettel hatte dies offensichtlich so geplant. Die außerordentliche Wertschätzung, die er den Zimmerleuten entgegenbrachte, beruhte zweifellos auch darauf, dass diese keine Statisten oder Claqueure sein sollten (wie die Kommentatoren in so vielen anderen Blogs), sondern dass sie Hauptdarsteller waren, die am Gelingen dieses Projekts einen maßgeblichen, nicht wegzudenkenden Anteil hatten.

Derart gewitzigt, überwand ich endlich meine Abneigung gegen Registrierungen und Mitgliedschaften und meldete mich für das Kleine Zimmer an. Nach Jahren des Lauerns und des vorsichtigen Hineintastens war ich nun ein Teil dieses Zettel-Universums geworden, und die Geschichte hatte ein glückliches Ende genommen. Vorerst.

Denn viel zu früh ließ Zettel die irdischen Dinge hinter sich. Mit einem Mal schien diese „Oase der Vernunft“ (Cora Stephan) auszutrocknen. Doch Zettels Raum und das Kleine Zimmer sind immer noch da, aber freilich anders als zuvor. „Da müßt Ihr alle euch halt a bisserl engagieren“, hat Zettel im Hinblick auf die Zukunft seines Projekts einmal geschrieben. Was wir, die wir in Zettels Raum und/oder im Kleinen Zimmer schreiben, auch tun, jeder auf seine Weise.

Bei aller Verzweiflung, die ihn gelegentlich überkam, wenn die Deutschen wieder ihrem Hang zur „kollektiven Besoffenheit“ nachgingen, war Zettel im Grunde ein Zukunftsoptimist. Und vielleicht bilden dieses Vertrauen in die menschliche Entwicklung und diese freudige Erwartung dessen, was sein wird, den Kern seines Vermächtnisses.




Herr

Ich weiß nicht, wann es war, als ich das erste Mal auf Zettels Raum stieß. Aber es muss im Laufe des Jahres 2009 gewesen sein, dass mir auffiel, wie da einer auf höchst gebildete Weise Debattenbeiträge fomulierte, wie ich sie so noch nicht gelesen hatte. „Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele, auch allen Dingen überhaupt“ stand darüber; das war der augenzwinkernde Anspruch, sich in die Traditionen aufklärerischen und enzyklopädischen Denkens zu stellen, eines Denkens, das seine Herkunft und auch seine metaphysischen Wurzeln noch nicht vergessen hat. Dass Zettel diesem Anspruch weitgehend gerecht wurde, lernte ich schnell, als sein Blog dann bald zu meiner täglichen Lektüre gehörte.

Ins kleine Zimmer eingestiegen bin ich im Zusammenhang der Bundestagswahl 2009; meine Sicht als DDR-sozialisierter Pfarrer fand Zettel immer höchst spannend. Bald aber waren es vor allem die theologischen und philosophischen Fragen, über die wir ins Gespräch kamen: Martin Luther und sein Bibel- und Staatsverständnis, Kants Erkenntnistheorie, die Zettel als Naturwissenschaftler anders interpretierte als der Theologe Herr. Es war für mich immer wieder erstaunlich, wie umfassend Zettels Kenntnisse auch in diesen Bereichen waren und wie interessiert und neugierig er zugleich war für die wenigen Dinge, die er von mir seiner Meinung nach noch lernen konnte.

Worin wir uns immer trafen und einig waren war das sapere aude. Zettel war einer, der – auch indem er Zettels Kleines Zimmer als Diskussions- und Seminarraum zur Verfügung stellte –, dem Selbst-Denken Raum und Futter gegeben hat.
Auch wenn ich mich in den politischen Diskussionen seltener geäußert habe, so hat Zettel doch vor allem mein politisches Denken mit seinen praktisch täglichen Beiträgen zum Zeitgeschehen in hohem Maße beeinflusst. Ich bin dankbar, dass mit diesem wunderbaren Blog Zettel meinen Weg gekreuzt hat. Er zählt zu meinen großen Lehrern.


Heute habe ich ein schlechtes Gewissen. Es war Zettels Vermächtnis, dass wir weiterführen, was er begonnen hat – mit Zettels Raum und Zettels Kleinem Zimmer. Im letzten Jahr vor seinem Tod hatte er begonnen, das Autorenteam zu erweitern und auch mich zur Mitarbeit eingeladen. Seit Zettel nicht mehr unter uns ist, bin ich nicht mehr als Autor in Erscheinung getreten, habe nur noch gelesen, was andere geschrieben habe, mich kaum noch an Diskussionen beteiligt. – Brauchte es die faszinierende Person Zettel, um mich bei der Stange zu halten? Oder waren es Veränderungen in meinen eigenen Prioritäten? Beides? Ich weiß es nicht. Aber ich habe ein schlechtes Gewissen, weniger den Mitautoren des Blogs gegenüber als ihm, dem ich mich verpflichtet fühl(t)e.

Ich bringe es nicht übers Herz, mich aus der Mitverantwortung für Zettels Raum ganz zurückzuziehen. Wer weiß, vielleicht gibt es ja doch mal wieder auch von mir was zu lesen.

Herzliche Grüße an alle Zimmerleute
Herr




Kallias

"Zettels Raum" habe ich entdeckt, als mir im Frühjahr 2007 auffiel, wie wenig über den französischen Präsidentschaftswahlkampf berichtet wurde. Von Ségolène Royal war oberflächlich die Rede, weil sie als "erste Frau" Präsidentin der Republik vielleicht hätte werden können, ein Umstand, der hiesigen Journalisten ja bereits als "Politikum" gilt. Beim Googeln kam ich dann entsprechend mühelos auf Zettel, der erstaunlich ausdauernd und tiefschürfend über den Wahlkampf - und Frankreich generell - berichtete.

Das kleine Zimmer ignorierte ich lange aufgrund meiner Gewohnheit, Diskussionen im Internet als Schlammschlacht der Beteiligten und folglich Zeitverschwendung für die Leser anzusehen. Irgendwann war ich doch mal neugierig, und stellte fest, dass unter den (damals noch sehr wenigen) Kommentatoren ein angenehmer Umgangston herrschte, so als sei man gar nicht in dem Internet.

Mehr noch: es wurde erstaunlich selten kontrovers diskutiert; sondern der Stil war mehr so, dass jeder etwas heranschleppte, eine Information, eine persönliche Erfahrung, einen anderen Blickwinkel, vielleicht einen Scherz. Man konnte richtig viel lernen, erfahren und sich unterhalten lassen. Ich weiß, viele lieben Streitgespräche, führen diese leidenschaftlich und ziehen sogar einen Erkenntnisgewinn daraus. Ich gehöre nicht dazu. Nach zweimal Hin-und-Her bringt nach meiner Erfahrung Streiten kaum noch was. Zettel war ein guter und harter Debattierer, aber er konnte es auch gut sein lassen, sobald die gegensätzlichen Meinungen klar geworden sind.


Was hat mir Zettel eigentlich gebracht? Wir sind uns in sehr vielen Fragen einig gewesen. Als ich den Blog kennenlernte, hatte ich mich von der Linken bereits verabschiedet. Aus dem grünen Sumpfloch haben mich Maxeiner und Miersch gezogen, aus der Anarchoecke erst Ayn Rand , dann Norberg und die liberalen Blogs. Eine kleine geistige Skoliose hat Zettel mir dann trotzdem noch gerichtet. Lassen Sie mich etwas ausholen.


Zettel, Jahrgang 1938, war ein Kind der Bundesrepublik. Er hat das ja alles seit seiner Jugend miterlebt, die Debatten der ersten Jahre, die Spiegelaffäre, die Studentenbewegung, die Wiedervereinigung, die ganze Geschichte. Und er gehörte zu jenen, die den neuen Staat emphatisch bejaht haben. Selbstverständlich war das nicht. Die "BRD" wurde Zeit ihrer Existenz misstrauisch beäugt: sind da nicht zuviele alte Nazis tätig? wird vom hohen Ideal der Freiheit und des Rechts nicht schon wieder ein Iota abgewichen? müsste nicht, damit es gut werde, das ganz Andere Einzug halten? oder ist sie nicht gar nur ein Provisorium bis zur Wiederherstellung des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937? ist sie nicht auf Sand gebaut, ein fragiles Gebilde, nur vom zeitweiligen wirtschaftlichen Erfolg zusammengehalten?

Nichts dergleichen traf zu. Die Bundesrepublik ist eine Erfolgsgeschichte gewesen: seit immerhin schon 65 Jahren. Die Unkenchöre lagen alle falsch. Weit und breit ist kein Grund zu erblicken, etwas Anderes zu wollen als gerade diesen Staat. Da liegt es wirklich nahe, sich zu ihm dann auch zu bekennen und sich seinen Feinden entgegenzustellen, nicht wahr?

Zettel war in dieser Frage völlig eindeutig. Für ihn galt es nicht, über eine gelungene Wirklichkeit noch ein Ideal zu stellen, das sie ins Unrecht rückt. Sondern sich für sie einzusetzen.

Er war ein Bundesrepublikaner. Wenn er im Kleinen Zimmer verbot, sich "gegen den demokratischen Rechtsstaat" auszusprechen, meinte er nicht das Prinzip eines solchen Staates, sondern direkt und konkret die Bundesrepublik Deutschland (und ähnlich aufgebaute westliche Staaten). Haltungen wie: "Ich bin für den Rechtsstaat, aber das ist hier keiner mehr" oder herabsetzende Vergleiche mit Diktaturen duldete er nicht.

Das ist, wie mir in den Jahren der Lektüre recht langsam dämmerte, eine vernünftige, richtige Haltung, der ich mich allmählich angeschlossen habe.

Sicherlich trägt sie auch noch die Unsicherheit der frühen Jahre mit sich. Man hatte ja damals den raschen Zusammenbruch der Weimarer Republik vor Augen. Später wurde das Gemeinwesen noch von der grundsätzlichen Feindschaft der marxistischen und grünen Bewegung gegen diesen Staat behelligt.

Inzwischen ist das jedoch weitgehend Geschichte. Kaum jemand arbeitet noch darauf hin, den Staat zu zerstören und etwas anderes an seine Stelle zu setzen. Man möchte in ihm Einfluss gewinnen, um die eigenen Ziele mit seinen Mitteln durchzusetzen. So könnte einem Zettels Haltung in der heutigen Zeit ein wenig übertrieben vorkommen. Ein gelassen-negatives Verhältnis zum Staat mag sogar weniger verkrampft wirken als diese entschiedene Bejahung, gerade für Liberale liegt das nahe.

Und dennoch gibt es immer noch eine innere Distanz, einen seltsamen inneren Vorbehalt gegen die Bundesrepublik. Man will eigentlich nichts Anderes, aber man mag auch nicht zu dem stehen, was da ist. Und während man so distanziert zusieht, gleitet das Gemeinwesen immer mehr in eine autoritäre Richtung, breitet sich das süße Gift des "Konsenses" immer weiter aus, und wächst allmählich die Gefahr, daß die Grenze zu einer Ökodiktatur oder einem weiteren Sozialismusversuch überschritten wird.

Diese Gefahr fürchtete Zettel am Ende seines Lebens sehr. Mir scheint das nicht so klar ausgemacht. Ich halte es immer noch für erfolgversprechend, sich gegen solche Fehlentwicklungen zu stemmen. Ich gebe Zettel jedoch recht darin, dass man für die eigenen Auffassungen kämpfen muss, ohne die öffentlichen Einrichtungen selbst anzugreifen, nur weil sich dort Gegner festgesetzt haben. Denn auf der anderen Seite steht die Gefahr, daß Kritiker des bevormundenden Staates ihrerseits das Maß verlieren und das süße Gift der "Obrigkeitskritik" gegen den demokratischen Rechtsstaat verbreiten können.


Davon abgesehen ließ sich natürlich unendlich viel in Zettels Raum & Zimmer lernen, freundliche und witzige Menschen konnte man dort antreffen und sich von ihnen unterhalten lassen; dazu das beglückende Erlebnis dieses freigebigen Menschen, der sich täglich disziplinierte, damit ein paar Hundert oder Tausend Leute etwas zu erfahren, lernen, belächeln, bedenken und zu besprechen haben.

Durch Zettel, durch die täglichen Morgenlektüre von ZR, bekam das Netz so etwas wie einen Portier, einen Concierge. Den täglichen Hinweis auf etwas Wichtiges, oder wenigstens ein interessantes Stück Welt. Ein schlagendes Argument, ein kräftiger Schuß Polemik. Die beruhigende Gegenwart einer vernünftigen Stimme inmitten der Verrücktheiten.


Und er war einer der wenigen Menschen, die mich vorbehaltlos gemocht haben.



Llarian

Ich finde es schwierig Gedanken zu Zettel zu formulieren, ohne einerseits zu sehr ins persönliche (und vielleicht langweilige) zu gehen oder andererseits einen Nachruf zu schreiben, von denen inzwischen etliche geschrieben wurden und die keiner Ergänzung bedürfen. Ich habe die letzten Tage darüber nachgedacht, was ich dazu schreiben könnte, mir ist zugegeben nicht unbedingt etwas eingefallen, was ich „unbedingt einmal loswerden“ wollte. Zumal ich lieber etwas zu Geburtstagen schreibe als zu Todestagen.

Eine Sache ist mir denn doch eingefallen und das ist der „liberalkonservative Vermittlungsausschuss“. Ich weiß nicht woher der Begriff stammt, aber ich kann mich entsinnen, dass Zettel ihn recht häufig verwendete um die Zerrissenheit zu verdeutlichen mit denen Menschen konfrontiert sind, die einerseits liberal empfinden und andererseits konservativ denken. Er rief seinen Vermittlungsausschuss immer dann an, wenn zwei Herzen in seiner Brust schlugen und die liberale und konservative Antwort eben nicht identisch waren (was oft genug der Fall ist).

Zettel selbst war nach meinem Dafürhalten, zumindest in der Zeit den ich ihn kennengelernt habe, eher ein konservativ denkender Mensch gewesen. Er hat klare Wertvorstellungen gehabt, diese artikuliert und auch keinen Hehl daraus gemacht was er im Einzelnen für richtig oder falsch hielt. Das ist nicht unbedingt per se eine seltene Haltung. Was dagegen eher selten ist, war der Gegensatz dazu, denn Zettel hatte, im Unterschied zu vielen Konservativen, ein durch und durch liberales Herz. Das „Agree to disagree“ ist mir dabei mindestens ebenso in Erinnerung geblieben wir der besagte Vermittlungsausschuss.

Das klingt nach nichts besonderem? Doch, das ist es. Es gehört nach meinem Dafürhalten viel mehr liberales Empfinden dazu aus einer eigenen Wertevorstellung heraus, einem Menschen, der andere Werte vertritt als man selber, zuzuhören und ihm das Recht einzuräumen anders zu denken, als es für jemanden benötigt, der selber an nichts so recht glaubt. Wer von vorneherein keine Werte für besonders wichtig hält, kann auch leicht damit umgehen, wenn andere anders denken. In der Beliebigkeit liegt aber keine Liberalität.

Das wirklich liberale Empfinden und Handeln kann nur erfolgen, wenn man sich seiner Andersartigkeit bewusst ist. Und diese Andersartigkeit zuzulassen war von vorneherein die größte Stärke von Zettels Raum und dem späteren kleinen Zimmer gewesen. Ich habe viele Foren kennengelernt, seit ich meinen ersten Account in 1994 erhalten habe. Liberale, konservative, neutrale, linke, rechte, von einem politischen Extrem über die normalen Ausgestaltungen bis zum anderen Extrem. Dabei auch sehr viel aus der sich selbst wahrnehmenden liberalen Blogosphäre. Und retrospektiv betrachtet verdiente nur ein einziges dieser Foren wirklich den Namen liberal zu sein. Und das war Zettels Raum. Nicht weil die Themen hier besonders breit waren (das sind sie eigentlich nicht), auch nicht weil hier intelligenter dahergeredet wird als anderswo (auch das ist nicht der Fall), nein, der Grund ist viel simpler: Weil Zettel ein Herzensliberaler war, der die erste Wahrheit des Liberalismus für sich aufgenommen hat: Höre dem anderen zu. Und versuche das zu ertragen was er denkt.
Dieser Geist ist ein ganz besonderer, der Ton in Zettels Raum und kleinem Zimmer ist ein ungewöhnlicher. Ob es uns gelingt das immer zu bewahren oder ob wir von geborgter Zeit leben, so lange noch das Echo von Zettel im Raum steht (no pun intended), das wird erst die Zeit zeigen. Ich bin so sicher nicht. Wie dem auch immer sei, ich habe viel von Zettel gelernt. Nicht unbedingt in jedem Thema, viel zu oft bin ich anderer Meinung gewesen (und bin es bis heute). Aber seine Ruhe mit dem Gegenüber umzugehen, das ist etwas, dass man nur hoffen kann, irgendwann auch zu beherrschen. Sich nicht dazu zu zwingen den anderen höflich zu behandeln, auch wenn er gegen alles verstößt an das man selber glaubt, das ist eine sehr hohe Kunst.

Liberalität ist nicht einfach. Und sie wird umso schwerer, umso mehr man an Wertvorstellungen verinnerlicht hat. Umso stärker sind wir, wenn wir beides zu vereinen wissen.




Meister Petz

Gedankens Blässe, Bloggers Bemühen

So hieß der Beitrag, der mich ins kleine Zimmer gebracht hat. Ob es der erste war, den ich Im Blog gelesen habe, weiß ich nicht mehr, denn das war bereits 2007. Auf jeden Fall war es der erste, den ich kommentiert habe. Ein typischer Zettel, der bereits alles Wesentliche in sich trägt, was Zettels Wesen ausmachte. Aber auch ein wenig über den Mann verriet, der Zettel war.

Ich war damals Ende 20, zwei Jahre aus der Uni draußen und erstmals auf eigenen Füßen. Die Welt der akademischen Philosophie war nicht mehr meine. Ich hatte zwar das Glück, ein Fach studiert zu haben, dass mir die meiste Zeit großes Vergnügen bereitete. Aber ebenso klar war es, dass ich nicht in den Elfenbeinturm gehöre. Ich hatte einen ganz annehmbaren Brotberuf gefunden, der mich vorerst nicht langweilte und finanziell unabhängig machte. Aber eines vermisste ich - zu diskutieren. Nicht um eines Scheins willen, nicht um irgendjemanden zu beeindrucken, sondern einfach zum Spaß. Dies formulierte ich mehr oder weniger geschliffen in meinem ersten Beitrag. Dann passierte etwas, womit man, wenn man die Kultur von Foren und Kommentarspalten hierzulande kennt, nicht unbedingt rechnet: Ich bekam eine ausführliche Antwort vom - mir damals noch völlig unbekannten - Zettel. Diese Antwort zeigte nicht nur Freundlichkeit und Wertschätzung - die Eigenschaften, die das kleine Zimmer einzigartig machen. Ich fühlte mich einfach verstanden.

Dass Zettel ein großartiger Gesprächspartner war, mit allem, was dazugehört - klug, witzig, interessant und universal belesen, ist das Eine. Aber seine unendliche Bereitschaft zu geben - seine Zeit, sein Wissen und noch so viel mehr, macht ihn zu einem wahren Menschenfreund. Zettel hatte die Gabe, nur durch seinen schriftlichen Umgang mit anderen Menschen Wärme auszustrahlen. Natürlich hätte ich gerne den Menschen hinter Zettel kennengelernt. Aber zu respektieren, dass er es nicht wollte, ist einer der wenigen Dienste, die man ihm erweisen konnte.

Zettels Tod war eine Zäsur, und er fehlt mir. Dass das kleine Zimmer nach wie vor noch eine Heimat für mich ist, dafür danke ich den anderen Kollegen. Und was den Blog angeht, bin ich als Mitautor ein Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen steht. Dabei schließt sich der Kreis zum Anfang, und die Worte bekommen eine neue Bedeutung. Aber es trifft auf mich zu: Gedankens Blässe, Bloggers Bemühen.


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Zettels erster Todestag Kallias25.02.2014 10:06
RE: Zettels erster Todestag Straub25.02.2014 10:12
RE: Zettels erster Todestag Frank Böhmert25.02.2014 10:56
RE: Zettels erster Todestag Kallias25.02.2014 11:12
RE: Zettels erster Todestag nachdenken_schmerzt_nicht25.02.2014 16:47
RE: Zettels erster Todestag Rayson25.02.2014 22:18
RE: Zettels erster Todestag nachdenken_schmerzt_nicht26.02.2014 06:23
RE: Zettels erster Todestag Doeding01.03.2014 07:54
RE: Zettels erster Todestag Nola01.03.2014 11:13
RE: Zettels erster Todestag Erling Plaethe01.03.2014 21:35
RE: Zettels erster Todestag Doeding01.03.2014 21:47
RE: Zettels erster Todestag Erling Plaethe01.03.2014 22:42
RE: Zettels erster Todestag Nola01.03.2014 22:41
RE: Zettels erster Todestag Erling Plaethe01.03.2014 22:45
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