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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 24 Antworten
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Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Simon

Beiträge: 334

01.02.2017 19:56
RE: Grundsätzliches (1): Heimat Antworten

Zitat von Ludwig Weimer im Beitrag #7


am 25. 1. habe ich hier im kleinen Zimmer in einer Antwort auf Emulgator den autobiogr. Satz geschrieben: "Ich war ein eigenartiger Patriot: Meine Herze(t)nsheimat war als Gymnasiast das alte Griechenland, dann wurde es das alte Israel ..."

Heimat ist für mich ein Begriff für die Denk- und Wertewelt. Die lokale Heimat ist mir zum Herkunfts- und Auszugsland geworden, teils Paradies der Kindheit, teils - ich will es mit Thomas Bernhard sagen - leider auch übliche Hölle.
Mit Grüßen
Ludwig Weimer



Lieber Herr Weimer,
am 25. 1. dieses Jahres haben Sie nicht nur diese Sätze eines eigenartigen Patrioten geschrieben, sondern sie verwiesen auch auf den Diogetbrief, genauer: auf einen Satz daraus, den Sie mit den Augen Nietsches gelesen haben woll(t)en: bodenständig: "Bleibt der Erde treu!" - Jetzt, wo Sie sich noch einmal in neuem Zusammenhang - eben zum Thema "Heimat" äußern, erinnere ich mich daran. -
Nun ist seinerzeit eher verhüllt geblieben, was Sie mit dem Zitat gemeint haben könnten. Sicher hatten Sie das im Sinn, was Sie nun mit "ein Begriff für die Denk- und Wertewelt" umschreiben.
Zum besseren Verständnis für die Leser des kleinen Zimmers darf ich den Passus aus dem sog. Diognetbrief zitieren, in dem sich das Zitat befindet.



Zitat
Der Brief an Diognet

5,1 Die Christen nämlich sind weder durch Heimat noch durch Sprache noch durch Sitten von den übrigen Menschen unterschieden.
5,2 Denn sie bewohnen weder irgendwo eigene Städte noch verwenden sie eine abweichende Sprache noch führen sie ein absonderliches Leben.
5,3 Wahrlich nicht durch irgendeine Einbildung oder Träumerei vorwitziger Menschen ist ihnen diese Lehre ersonnen worden, auch machen sie sich nicht zum Kämpfer einer menschlichen Lehre wie manche andere.
5,4 Und sie bewohnen griechische und nichtgriechische Städte, wie es ein jeder zugeteilt erhalten hat; dabei folgen sie den einheimischen Bräuchen in Kleidung, Nahrung und der übrigen Lebensweise, befolgen aber dabei die außerordentlichen und paradoxen Gesetze ihres eigenen Staatswesens.
5,5 Sie bewohnen ihr jeweiliges Vaterland, aber nur wie fremde Ansässige; sie erfüllen alle Aufgaben eines Bürgers und erdulden alle Lasten wie Fremde; jede Fremde ist für sie Vaterland und jede Heimat ist für sie Fremde.
5,6 Sie heiraten wie alle und zeugen Kinder, jedoch setzen sie die Neugeborenen nicht aus.
5,7 Sie haben gemeinsamen Tisch, kein gemeinsames Lager.
5,8 Sie sind im Fleische, aber sie leben nicht nach dem Fleisch.
5,9 Auf Erden halten sie sich auf, aber im Himmel sind sie Bürger.
5,10 Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten durch ihre eigene Lebensweise die Gesetze.
5,11 Sie lieben alle und werden von allen verfolgt.
5,12 Sie werden verkannt und verurteilt, sie werden getötet und dadurch gewinnen sie das Leben.
5,13 Arm sind sie und machen doch viele reich; an allem leiden sie Mangel und zugleich haben sie Überfluß an allem.
5,14 Mißachtet werden sie und in der Verachtung gerühmt; verlästert werden sie und doch für gerecht befunden.
5,15 Geschmäht werden sie und segnen; sie werden verhöhnt und erweisen Ehre.
5,16 Obwohl sie Gutes tun, werden sie wie Übeltäter bestraft; mit dem Tode bestraft, freuen sie sich, als ob sie zum Leben geboren würden.


Aber ich möchte ergänzen: Ich hatte aufgrund meiner Geschichte nie ganz das Erlebnis "Heimat" verspürt, wie es viele Menschen prägt und wie Sie es auch als Ihren frühen oder früheren Lebensraum andeuten. Ich verließ im Januar des letzten Jahres des 2. Weltkriegs zusammen mit meinen Schwestern und meiner Mutter im Alter von 7 Jahren mein Geburtsland und bin rein geographisch gesehen nie mehr so recht sesshaft geworden. - Ein Erlebnis aus der Zeit der Evakuierung blieb mir im Gedächtnis: Während eines Zwischenaufenthalts und einer ca. 6-wöchigen Einquartierung in einem sächsischen Bauernhof ließ meine Mutter meine erst zweijährige und eine etwas ältere Schwester und mich an einem Sonntagmorgen allein zurück, um - wie ich später erfuhr - in einem kilometerweit entfernten Ort, im damals eisigkalten Winter, eine katholische Messe zu besuchen. Dieses Faktum, das sich auf uns Kinder übertrug, erkannte ich - auch erst später - als grundsätzlich stabilisierend in meinem ansonsten entwurzelten Leben.

Mit vielen Grüßen!
Simon


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Grundsätzliches (1): Heimat Noricus29.01.2017 17:14
RE: Grundsätzliches (1): Heimat Martin30.01.2017 06:28
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RE: Grundsätzliches (1): Heimat Simon01.02.2017 19:56
RE: Grundsätzliches (1): Heimat Daska01.02.2017 21:23
RE: Grundsätzliches (1): Heimat Noricus02.02.2017 20:36
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RE: Grundsätzliches (1): Heimat Simon03.02.2017 19:16
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RE: Grundsätzliches (1): Heimat Daska04.02.2017 15:03
RE: Grundsätzliches (1): Heimat Ludwig Weimer05.02.2017 18:32
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RE: Grundsätzliches (1): Heimat Daska03.02.2017 22:30
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