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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 557 mal aufgerufen
Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


25.01.2008 02:04
RE: I - tá - lia! Antworten

Lieber nerone,

interessante Site; werde immer mal wieder gucken, was Sie zu der Entwicklung schreiben, die Italien jetzt bevorsteht.

Als Sie das Risorgimento so groß hervorgehoben haben, ist mir einmal wieder die Parallele zwischen Deutschland und Italien durch den Kopf gegangen: Beides "verspätete Nationen", die ihre nationale Einheit erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erreichten.

Irgendwie scheinen die beiden Einigungsprozesse ja sogar ineinander verwoben zu sein. Theodor Fontane war als Kriegsberichterstatter im Krieg 1870/71, und da ist er von Garibaldi-Truppen festgenommen worden. Garibaldi war damals unter Gambetta Kommandeur einer Armee namens Armée des Vosges.

Ob nicht, lieber nerone, die politischen Schwierigkeiten Italiens und Deutschlands immer noch etwas mit dieser "verspäteten Nation" zu tun haben? Es fehlen die stabilen Traditionen, wie es sie zB in den USA und in GB gibt, mit ihrem langen Erfahrungen mit der Demokratie.

Allerdings scheinen Deutsche und Italiener diesen Mangel an demokratischer Tradition gegensätzlich zu verarbeiten: In Deutschland sind wir um nichts mehr bemüht als Stabilität. "Keine Experimente" ist so etwas wie das Motto unserer Bundesrepublik, und wir sind ja gut damit gefahren. Noch nicht einmal nach der Wiedervereinigung hat man ernsthaft daran gedacht, eine neue Verfassung einzuführen oder auch nur die alte substantiell zu modifizieren.

In Italien dagegen, so scheint mir, ist man sozusagen immer noch auf der Suche nach der eigenen demokratischen Identität.

Es wird ständig experimentiert. Es wird ständig der Neuanfang versucht; das, was Sie treffend den "Ursprungsmythos" nennen, wird immer noch gesucht. (Das Resorgimento reicht offenbar nicht).

Apertura a Sinistra, Compromesso Storico,, die Wende in den Neunziger Jahren, in der PCI und CI untergingen - das waren alles solche Versuche des radikalen Neuanfangs. Aber wie heißt es bei Wilhelm Busch:

Wenn wer sich wo als Lump erwiesen,
dann schickt man in der Regel diesen
zum Zwecke moralischer Erhebung
in eine andere Umgebung.
Die Luft ist gut, der Ort ist neu.
Der alte Lump ist auch dabei.

Oder so ähnlich, ich zitiere das jetzt aus dem Gedächtnis.

Viel geändert scheint sich bei allen diesen Neuanfängen ja nicht geändert zu haben. (Hat Benedetto Craxi nicht auch mal einen versucht, bevor er als Schurke entlarvt wurde?).

Aber spannend ist sie schon, die Politik in Italien.



Noch etwas, was nur indirekt mit der jetzigen Situation zu tun hat, lieber nerone: Was ich wirklich skandalös finde an der italienischen Politik, das ist die Art, wie man mit den Terroristen der siebziger Jahre umgeht. Toni Negri, einer der schlimmsten Schreibtischtäter, genießt offenbar weiter hohes Ansehen. Die meisten Täter sind längst wieder frei. Was zum Glück in Deutschland allmählich Konsens wird - daß das Mörder waren und nicht Leute, die eine bestimmte "Politik" verfolgt haben -, das scheint mir in Italien noch nicht selbstverständlich zu sein.

Herzlich, Zettel



Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Zitat: "Wahlen oder Revolution" Zettel23.01.2008 19:22
RE: Zitat: "Wahlen oder Revolution" nerone23.01.2008 21:46
I - tá - lia! Zettel24.01.2008 02:06
RE: I - tá - lia! nerone25.01.2008 00:55
RE: I - tá - lia! Zettel25.01.2008 02:04
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