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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 9 Antworten
und wurde 979 mal aufgerufen
Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"  
Zettel

Beiträge: 20.200


11.02.2008 16:14
Motive für den Irak-Krieg - meine Auffassung dazu vor fünf Jahren Antworten

Zitat von Feynman
Es war ein Angriffskrieg.

Was, lieber Feynman, ist denn ein "Angriffskrieg"? So, wie das Wort in der Diskussion zum Irak-Krieg verwendet wird, soll es diesen Krieg verurteilen, ist es ein politischer Kampfbegriff.

Jeder Krieg ist ein Angriffskrieg, denn irgendwer muß ja angreifen. Meist sind es beide. Und man kann sich dann endlos darüber streiten, wer nun "eigentlich" der Aggressor gewesen ist. Selten liegen die Dinge so klar wie beim deutsch-sowjetischen Überfall auf Polen und dem sowjetischen Überfall auf Finnland.

Aus Sicht der USA (und Großbritanniens und anderer Staaten) war die Invasion des Irak eine Aktion der UNO, an der ja auch Dutzende von UNO-Staaten sich beteiligten; in der einen oder anderen Form. Gerechtfertigt durch die Resolution 1441, deren Forderungen der Irak nicht erfüllt hatte. Für diesen Fall hatte die Resolution "serious consequences" angedroht; in der Sprache der Diplomatie die Drohung mit einer Militäraktion.



Zitat von Feynman
Und natürlich diente der "Angriffskrieg" US-Interessen, sonst hätten sie ihn nicht durchgeführt. Aber welche US-Interessen? Unbedingt Üble? Mit Demokratisierung sollten sich linke Irakkriegsgegner anfreunden können. Und ein Regime, das schon WMDs eingesetzt hat, kann nun wirklich niemand ernsthaft unterstützen.

Lieber Feynman, manchmal sage und zitiere ich gern noch einmal, was ich früher schon geschrieben und zitiert hatte, weil ich vermute, daß immer neue Besucher mitlesen.

Zum Beispiel das, was ich vor dem Irak-Krieg zu dessen Motiven geschrieben habe; vor ziemlich genau fünf Jahren. Ich kopiere es jetzt hierher, weil das Infotalk-Forum, in dem ich das damals geschrieben habe, ja demnächst geschlossen werden soll, so daß der Link dann vermutlich ins Leere führen wird:




Geschrieben von Zettel am 20. Februar 2003 14:44:23:



Eigentlich war dieser Beitrag nur als Antwort auf sacco gedacht. Er ist dann aber etwas länger geworden. Sacco hatte geschrieben:



du stellst das agieren der us- regierung als von überlegener rationalität im kampf für die freiheit dar, das agieren der kontrahenten als von dilettantimsus oder machtinteressen bestimmt, das ist keine stellungahme?


Mir scheint, das muß man a bisserl aufdröseln:




1. Welche Ziele verfolgt die US-Regierung? Bestimmt nicht das Ziel eines "Kampfs für die Freiheit". Es geht ihr, soweit ich es beurteilen kann,



  • primär um eine langfristige Stabilisierung des Nahen Ostens


    * als Voraussetzung für eine Lösung des Palästinakonflikts



    * und mit dem Ziel einer Stabilisierung der gesamten Region, einschließlich Iran, Pakistan, Afghanistan.


  • zweitens um eine Schwächung des islamistischen Terrorismus. Und zwar

    * indem der Irak Husseins als jetzige oder potentielle Unterstützermacht ausgeschaltet wird; vor allem als Lieferant von B- und C-Waffen



    * indem die Quasi-Monopolstellung von Saudi-Arabien auf dem Ölmarkt geschwächt und damit die Möglichkeiten verbessert werden, Druck auf es auszuüben.


  • Drittens geht es um eine Machtdemonstration.



    * Der Welt soll die Führungsstärke der amerikanischen Hegemonialmacht vorgeführt werden.


    * Es soll ihre militärische Überlegenheit gezeigt werden.


    * Und innenpolitisch soll den Amerikanern bewiesen werden, daß ihr Land sich durch den 11. September nicht hat unterkriegen lassen.


  • Viertens spielt die langfristige Sicherung der Ölreserven vielleicht eine Rolle. Dieses Motiv scheint mir das am wenigsten bedeutsame zu sein, weil die irakischen Ölreserven erst in Jahrzehnten kritisch werden, wenn den Saddam Hussein längst der Wüstensand deckt. - Daß irgendwelche Öl-Interessen der Familie Bush eine Rolle spielen, halte ich für ein teils böswillig, teils aus Dummheit in die Welt gesetztes Propagandamärchen.



  • 2. Wie sind diese Ziele zu bewerten? Das hängt natürlich von den eigenen politischen Werten und Zielen ab.



  • Man kann sie als Versuch des US-Kapitalismus bewerten, die Welt zu unterjochen. Dann wird man sie bekämpfen.


  • Ich bewerte sie als den Versuch, in der Übergangszeit zwischen der amerikanisch-russischen und der amerikanisch-chinesischen Konfrontation eine von der amerikanischen Hegemonie bestimmte Weltordnung zu etablieren. Diese Ordnung würde den Interessen der westlichen Kultur ebenso dienen wie den europäischen und speziell den deutschen Interessen. Deshalb unterstütze ich diese Ziele.



  • 3. Mit welcher Strategie wollten die USA diese Ziele erreichen? Allgemein natürlich durch den Sturz des Saddam-Regimes und die Einsetzung einer USA-freundlichen und mittelfristig außerdem demokratisch legitimierten Regierung. Der Sturz Saddam Husseins sollte ursprünglich erfolgen


  • durch den Aufmarsch einer absolut überlegenen Militärmacht


  • durch eine UNO-Resolution, die deren Eingreifen legitimiert, falls der Irak nicht seinen Abrüstungsverpflichtungen nachkommt.



  • Saddam Hussein sollte dadurch in eine Zwickmühle gebracht werden: Er hätte seine Massenvernichtungswaffen nicht deklarieren können, ohne zuzugeben, daß er zwölf Jahre lang gegen die UNO-Auflagen massiv verstoßen hatte.


  • Aus dieser Zwickmühle hätte sich Saddam Hussein nur durch die Flucht befreien können, und widrigenfalls der Irak nur durch den Sturz Saddam Husseins. Die absolut glaubwürdige Drohung hätte mit sehr großer Sicherheit dazu geführt, daß sie nicht hätte realisiert werden müssen.




  • 4. Wie ist diese Strategie zu bewerten?


  • Es war eine rationale Strategie, wie aus dem Lehrbuch der politischen Wissenschaft.


  • Sie ist aber dennoch gescheitert, weil die US-Regierung nicht mit der Möglichkeit gerechnet hatte, daß Deutschland mit seiner Obstruktionspolitik Ernst machen und daß sich Frankreich und Rußland anschließen würden. Es war der berühmte eine Fehler im Kalkül.


  • Eine möglicherweise fatale Schwäche dieser Strategie war die Frage, ob eine stabile Nachkriegsordnung hinzubekommen ist. Ich war da, und habe es hier geschrieben, immer skeptisch. Aber jedes politische Handeln ist mit dem Risiko des Scheiterns behaftet. Die Analysten der US-Administration sind eben zu dem Schluß gekommen, daß der Plan vernünftige Erfolgschancen hatte, und sie können das vermutlich nicht schlechter beurteilen als ich oder Peter Scholl-Latour.




  • 5. Welches sind die Ziele und die Strategie der deutschen Regierung, und wie sind sie zu bewerten?


  • Ziele und Strategie - das habe ich hier schon zu beantworten versucht. Kurz gesagt: Anfangs ging es um einen Wahlkampfknüller. Dann mußte Schröder zu seinem Wort stehen. Schließlich siegten in der französischen Regierung die Gaullisten, und es kam mit Rußland zusammen zur Triple-Allianz. Am Anfang war es reines Dilettantentum, das Deutschland in die Isolierung führte. Jetzt scheint mir so etwas wie eine Strategie hinzugekommen zu sein, vielleicht aus dem Planungsstab des AA: Die Triple-Allianz als den neuen weltpolitischen Gegenspieler der USA zu etablieren.


  • Wie ist das zu bewerten? Auch da hängt die Bewertung natürlich von den eigenen Zielen und Werten ab. Deutsche Nationalisten sehen einen Traum sich erfüllen. Linke USA-Feinde ebenfalls. Aus meiner Sicht wäre das eine verheerende Entwicklung.


    * Statt gemeinsam für unsere Interessen einzutreten, würden sich die USA und die Triple-Allianz im Kampf gegeneinander schwächen.



    * In Europa entstünde in den kleinen Ländern wieder die Angst vor der Übermacht der drei Großen. Sie würden Schutz bei den USA suchen. Es würde das alte europäische Spiel wieder beginnen, das zweimal in einen Weltkrieg geführt hat.



  • Herzlich, Zettel


    Themen Überblick
    Betreff Absender Datum
    Zitat des Tages: Kein Retter auf einem weißen Pferd Zettel09.02.2008 05:32
    RE: Zitat des Tages: Kein Retter auf einem weißen Pferd Kaa09.02.2008 20:02
    Irak-Krieg und Antiamerikanismús Zettel10.02.2008 22:41
    RE: Irak-Krieg und Antiamerikanismús Thomas Pauli11.02.2008 09:30
    RE: Irak-Krieg und Antiamerikanismús Feynman11.02.2008 10:48
    RE: Irak-Krieg und Antiamerikanismús Sparrowhawk11.02.2008 13:39
    RE: Irak-Krieg und Antiamerikanismús Zettel11.02.2008 16:40
    Motive für den Irak-Krieg - meine Auffassung dazu vor fünf Jahren Zettel11.02.2008 16:14
    RE: Motive für den Irak-Krieg - meine Auffassung dazu vor fünf Jahren Feynman11.02.2008 16:47
    RE: Motive für den Irak-Krieg - meine Auffassung dazu vor fünf Jahren Sparrowhawk11.02.2008 17:26
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