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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 6 Antworten
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Pro und Contra  
Libero

Beiträge: 393

26.07.2007 19:21
Der Weg zur liberalen Gesellschaft antworten

Friedrich von Hayek schrieb über den Weg zur Knechtschaft, ich schreibe über den Weg zur liberalen Gesellschaft. Das halte ich einfach für wichtiger.

Mich beschäftigt seit langem die Frage, wieso der Marxismus nach der Entwicklung der Liberalismus aufkommen konnte? War der Entwicklung und der vorübergehende Erfolg des Marxismus wirklich so unvermeidlich?

Ich empfinde den Liberalismus vor allem als eine Freiheitsbewegung, die um die Freiheit der noch unfreien Menschen kämpft. Also um genau die Menschen, die üblicherweise als Wähler und Gefolgsleute des Kommunismus eingeschätzt werden. Als wäre das eine Naturgesetz, eine Form von genetische Festsetzung, das der eine sich zum liberalen Menschen, der andere zum Kollektivmenschen entwickelt. Das ist es wohl kaum, weder ist der Mensch zum freien noch zum unfreien Menschen geboren. Er wird als ein Mensch geboren, der sich seine Freiheit erwerben muß, als schwaches und abhängiges Baby, das heranwächst und immer mehr Freiheiten genießen kann.

Was du ererbt hast von den Vätern erwirb es, um es zu besitzen

Ja und Nein. Wie ein Mensch wird, hängt nicht nur von ihm selbst ab. Gerade in den frühen ersten Jahren werden die Weichen nicht von ihm gestellt.

Wieviele erreichen dieses Stadium, wirklich ein freier Mensch zu sein und wieviel sind von sich und anderen gefesselt bis an ihr Lebensende.

Das ist doch ein merkwürdiger Widerspruch zum Beginn des Lebens. Fast jedes Baby, jedes Kleinkind trägt einen mit Neugiede und Staunen gefüllten Rucksack, die besten Voraussetzungen, um frei zu werden.

So empfinden ich bei den meisten Menschen, denen ich in ihren ersten Lebensjahren begegnete und wie sehr ändert sich bei einigen das Bild nur wenige Jahre darauf. Nicht sie selbst haben sich verändert, sie wurden verändert. Man muß sich nur die Älteren in ihrer Umgebung sich ansehen, um zu verstehen, was sich verändert hat.

Es ist aber äußerst unwahrscheinlich, das alle Heranwachsenden einer Gemeinschaft sich zu unfreien Menschen entwickeln. Trotzdem sind genau solche Gesellschaften entstanden, die den Menschen ihre Freiheit nahmen und nur noch eng begrenzte Freiräume in einer unfreien reglementierten Umgebung tolerierten. Auch nur dann, wenn man die Reglementierung akzeptierte.

Das ist doch eigenartig, daß sich diese Gesellschaften nach dem Aufkommen des Liberalismus auf der Basis der Theorien eines Marx und Zeitgenossen entwickeln konnten.

Was war der Auslöser für das Aufkommen sozialistischer und kommunistischer Organisationen? Nur das Wirken einiger Vordenker. Warum sollten sie wirken, wo sie doch die Konkurrenz der liberalen Denker gar nicht bestehen konnten.

Hayek und auch Mises behaupten, daß sie einfache Erklärungen für komplexe Zusammenhänge boten. Das impliziert, daß die damaligen Unfreien zu beschränkt waren, um die edlen komplexen Gedanken der beiden Vordenker des Liberalismus zu begreifen.

Ist die Idee der Freiheit eine rationale Wahrnehmung? Das glaube ich nicht. Es ist eine große Sehnsucht der Menschen, aller Menschen, vielleicht die größte Emotion überhaupt, zu der Menschen fähig sind. Allerdings verstehe ich, das weder Hayek noch Mises das wahrnehmen konnten. Weder waren sie in der Lage, Emotionen wahrzunehmen und zu verstehen, noch Emotionen auszulösen. Jedenfalls nicht bei Menschen, die gänzlich anders als sie selbst waren. Sie schreiben sehr rational, selbst dann, wenn sie über Emotionen schreiben.

Die biologische Ausstattung des Menschen beschränkt starr das Feld, in dem er dienen kann. Die Klasse derjenigen, die die Gabe haben, ihre eigenen Gedanken zu denken, ist durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt von derjenigen Klasse, die dies nicht können

Das hat Ludwig von Mises in den Wurzeln des Antikapitalismus tatsächlich geschrieben. Es steht auf S. 18. Es klingt sehr rational. Aber ich denke, diese Passage und viele andere Passagen in seinen Büchern geht auf sehr emotionale Erfahrungen zurück. Er kam mit Menschen nicht zurecht, die einen viel einfacheren Beruf als er betrieben. Die Kluft hat er selbst wahrgenommen, aber er hat nicht wahrgenommen, das Menschen, gleich gebildet wie er, diese Kluft sehr wohl überbrücken konnten. Ich schätze, daß Friedrich von Hayek das gleiche Handikap hatte.

Liberale, die die unüberbrückbare Kluft überbrücken konnten, hat es vor Ludwig von Mises sehr wohl gegeben. Zum Beispiel einen Richard Cobden, der aus einfachen Verhältnissen stammend, zu Wohlstand, ja Reichtum gelangte. Er wurde von den Armen Champion of the poor genannt.

Champion of the poor! Ein Liberaler

Welcher Liberale von heute käme auch nur in die Nähe eines solche Ehrung. Westerwelle? Graf Lambdorf? Von Hayek oder von Mises?

Gab es andere bekannte Liberale, die man Champion of the poor hätte nennen können?

Ja, mit Sicherheit Rudolf Virchow aus dem pommerschen Schivelbein. Ein von Hayek oder von Mises hätte die Denkschrift über die Zustände in Oberschlesien gar nicht schreiben können.

Auch einer der Stammväter der Liberalen war ein Champion of the poor. Zu der Beerdigung eines Menschen, mit dem man nicht verwandt ist, geht man nur dann, wenn man einen schweren persönlichen Verlust erlitten hat.

Als Adam Smith beerdigt wurde, drängten sich ganz andere Menschen um den Sarg, als man es bei seinem gesellschaftlichen Stellung hätte erwartet. Arme, deren Familien er unterstützt hatte. So sehr unterstützt, das für den Erbneffen nicht viel blieb. Das ist äußerst ungewöhnlich, aber verständlich, wenn man sein Hauptwerk liest und den Wohlstand der Nationen aufmerksam liest.

Was hat sich nach dem Aufkommen der liberalen Bewegung in ihr verändert, daß die sozialistischen und kommunistischen Organisationen überhaupt eine Chance hatten, die Aufmerksamkeit der Armen und Unfreien Menschen auf sich zu ziehen?

Ich habe den Eindruck, daß sehr früh nach dem Aufkommen der liberalen Bewegung zu viele Liberale sehr genau unterschieden haben zwischen der Freiheit für alle, auch für die noch Unfreien, und ihrer persönlichen Freiheit, die sie, vor allem ökonomisch oder beruflich, für sich errungen hatten. Es reichte ihnen, ihre persönliche Freiheit errungen zu haben, die Freiheit der noch Unfreien war ihnen gar mehr nicht so wichtig.

Der Aufstieg aus ärmlichen Verhältnissen, errungen durch Bildung und Wohlstand. Oder wie es Virchow in seiner Denkschrift über Oberschlesien sagte. Freiheit mit ihren Töchtern Bildung und Wohlstand. Dabei sind beide auch die Mütter der Freiheit.

Wie mußten sich noch Unfreie Menschen fühlen, wenn sie andere Menschen hörten, die sich mit salbungsvollen Worten für Freiheit aussprachen, aber deutlich zu erkennen war, das sie die Freiheit der noch Unfreien damit nicht meinten? Das sie sehr genau unterschieden.

Die Hinwendung der noch Unfreien zu den sozialistischen und kommunistischen Organisationen ist nach meinem Eindruck nicht alleine mit der rationalen Überzeugung und emotionalen Zuneigung zu den Agitatoren zu erklären.

Da muß ein ganz anderes Gefühl eine Rolle spielen. Das der Enttäuschung und der bitteren Einsicht, das man von den Liberalen für seine Befreiung aus der Unfreiheit keine Unterstützung zu erwarten hatte. Das die Liberalen die noch Unfreien im Stich gelassen hatten. Man kann vielleicht sogar von Verrat sprechen. An der Idee der Freiheit und an denen, die der Freiheit am meistens bedürften.

Den Unfreien.

Ich habe den Eindruck, der Liberale Gedanke wird erst dann wieder zu einer mächtigen geistigen Kraft werden, wenn er über sein Klientel hinausgeht, wenn es Liberalen wieder ein ernstgemeintes Anliegen ist, die Freiheit aller anzustreben, auch der Menschen, die heute sozialistische oder kommunistische Parteien wählen.

Man mag einwenden, daß das das Ziel liberaler Politiker ist. Das mag sein, aber die liberalen Parteien haben keine Politiker, die die Wähler sozialistischer oder kommunistischer Parteien erreichen können. Glaubwürdigkeit erreicht man nicht durch rationale Argumente, sondern die Fähigkeit, Menschen emotional zu rühren und zu öffnen. Wer sollte das sein?

Herr Westerwelle?

Wer also?

Wer überbrückt die unüberbrückbare Kluft?

Wer ist der pontifex der Liberalen Bewegung?

Solange sich daran nichts ändern wird, solange die unüberbrückbare Kluft eines Ludwig von Mises, eines Friedrich von Hayek besteht, bleiben die Liberalen eine Marginalie der Politik.

Lerne Denken mit dem Herzen
Und fühlen mit dem Geist

Theodor Fontane hat recht

Libero
































Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Der Weg zur liberalen Gesellschaft Libero26.07.2007 19:21
RE: Der Weg zur liberalen Gesellschaft M.Schneider27.07.2007 11:03
RE: Der Weg zur liberalen Gesellschaft Libero27.07.2007 12:05
Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Zettel27.07.2007 16:23
RE: Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Libero27.07.2007 18:28
RE: Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Zettel30.07.2007 17:55
RE: Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Libero30.07.2007 23:46
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