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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 6 Antworten
und wurde 3.310 mal aufgerufen
Pro und Contra  
Libero

Beiträge: 393

27.07.2007 12:05
RE: Der Weg zur liberalen Gesellschaft Antworten
Lieber M. Schneider

Genau diesen Preis wollen aber die meisten Menschen nicht zahlen. Sie möchten lieber das anheimelnde, kuschelige Gefühl des Sozialstaates, der sozialen Gemeinschaft haben, die mich schützt, mir Risiken abnimmt und so weiter.

Freiheit heißt nicht Abwesenheit von jeder sozialen Gemeinschaft. So wird aber Individualismus zunehmend gelebt. An die Stelle der Distanzlosigkeit in einer repressive Gesellschaft trat nach 1945 bzw 1990 die Beziehungslosigkeit. Ich habe die aufkommende Beziehungslosigkeit und des falsch verstandenen Individualismus, der nur ein Egoismus in Freiheit ist, in der DDR erlebt. Als die Repression und der Mangel wegfiel, der eine gegenseitige Hilfe erzwang, dauerte es nur wenige Monate und es war der Zustand da, der mich in Deutschland West anwiderte. Das Ichwohl siegte über das Gemeinwohl.

Es wird allgemein akzeptiert, daß der Staat daran schuld ist. Ich bestreite das und sehe den Sozialstaat nicht als Ursache, sondern als Wirkung einer gegenseitige Entfremdung der Menschen.

Individualismus heißt ja nicht Beziehungslosigkeit, wird aber zunehmend so verstanden. Den Idealfall hat wohl Kant mit der schönen Metapher ungesellige Geselligkeit überschrieben, auf den mich Alexander Rüstow aufmerksam machte. Das ist eine Fähigkeit, die man lernen muß, ungesellig gesellig zu sein, ohne in die Extreme der Distanzlosigkeit oder Beziehungsflüchtigkeit zu verfallen.

Viele von uns haben diese Fähigkeit weder während des Heranwachsens erworben noch können sie als Erwachsene ungesellige Geselligkeit leben und Heranwachsenden vorleben.

Zweifelsohne, es ist schwierig

Beziehung zu leben, ohne die Distanz zu unterschreiten.
Beziehung zu leben, ohne sich bei zu geringer Distanz aufzugeben.

Das ist eigentlich das, worum es geht. Sich zwischen den Extremen einzupendeln.

Eine Fähigkeit, die für mich zum elementare Bestand der Bildung gehört

Was hat nun der Wohlfahrtsstaat damit zu tun?

Ich denke, viele Deutsche sind in einer Welt herangewachsen, in der Distanzlosigkeit ihre prägende Erfahrung war. Das hängt auch mit den Erfahrungen der Eltern zusammen. Man sollte nicht den Trugschluß erliegen, daß die Nachkriegszeit abgeschlossen ist, in den einzelnen Menschen ist sie es nicht. Sie endet bei ihnen erst mit dem Tod. Das mag regional verschieden sein und hat sicherlich auch viel damit zu tun, welche Traditionen des Miteinanderumgehens in der Familie bestand und welche überwunden wurden.

Die bloße Flucht aus der Distanzlosigkeit führt ja nicht zur deren Überwindung, so daß man in der Beziehungslosigkeit verharrt oder die Erfahrung macht, in Beziehungen zu leben, in denen die Distanz unterschritten wird oder man sich in der zu geringen Distanz aufgibt. Logisch, das bei so fragilen Grundlagen für Beziehungen deren Beständigkeit und der Zutritt weiterer Menschen zu dieser Beziehung einbrach.

Sind nicht viele Ehen derart, daß man sich keinen Zeugen wünscht. Und ist dieser Zeuge nicht fast immer vorhanden, das Kind

Sagte der manchmal doch recht hellsichtige Nietzsche zu recht.

Wie lebt man in der Beziehungslosigkeit. Ist der große Freundeskreis gelebte ungesellige Gesellschaft? Er ist selten verbindlich. Wenn man ihn braucht, ist es kein gegenseitiges Geben und Nehmen und Stützen.

Wie lebt es sich also als Beziehungsflüchter, als Nestflüchter, den kein neues Nest hält, geschweige denn, das er eins bauen kann?

In der modernen Zeit gibt es eine Alternative zur ungeselligen Gesellschaft

Die Dienstleistung

Ob privat oder staatlich, ist nach meinem Empfinden zweitrangig. Entscheidend ist, wenn es sich um Dienstleistungen handelt, die ursprünglich zur gegenseitige Hilfe zählten. An Stelle des Nachbarn oder des Mitmenschen tritt ein bezahlter Mitarbeiter in ihr Leben und damit zwischen Sie und ihren Mitmenschen. Der Abstand zwischen ihnen und ihren Mitmenschen wächst.

Mit dem gegenseitigen Helfen schwindet das Miteinanderreden und geht erst in ein Aneinandervorbeireden, dann in ein Monolog oder Dialog mit Dritten in Abwesenheit des Mitmenschen über.

Das Ergebnis ist Mißtrauen gegenüber Nachbarn und Mitmenschen, so daß die gegenseitige Hilfe an der wachsenden gegenseitigen Befangenheit scheitert. Es muß nicht mehr Vertrauen ausgebaut werden, das ist durch die Entfremdung ohne verschlissen. Es muß Mißtrauen abgebaut werden.

Die bezahlte Dienstleistung wird propagiert. Aber sie darf nicht die elementare gegenseitigen Hilfe, die jede ungesellige Geselligkeit braucht, um als liberale Gesellschaft zu überleben, ersetzen. Nur sie schafft Vertrauen. Fehlt sie, wächst Mißtrauen.

Es ist völlig unerheblich, ob eine Dienstleistung privat oder staatlich ist. Mit meiner Familie suchte ich mal nach einer Bekannten, die deren Familie ins Altenheim abgeschoben hatte. Bei dieser Odyssee durch die privaten sehr noblen Altenheime im Süden Deutschlands habe ich bittere Erfahrungen gemacht. Menschen, die im Leben etwas geleistet haben, werden nominell noch mit Achtung behandelt. Die Titel werden verwendet. Aber die Achtung im Umgang mit den meistens hilflosen Menschen lässt Nächstenliebe völlig vermissen

Vorteil der USA ist das Leben in der Gemeinde. Das Gemeindeleben ist ja nur zum Teil religiös und gläubig, es geht weit darüberhinaus. Es ist vorallem die ungesellige Geselligkeit, die Sie bei Festen und Tagen der offenen Tür erleben können.

Der Liberalismus hat die Freiheit des Einzeln gegenüber Staat und Kirche propagiert. Mit der Kirche und dem Glauben schwand auch das Gemeindeleben.

Der Liberalismus hat zu spät, wenn überhaupt erkannt, daß an die Stelle der Gemeinde der Gläubigen eine säkuläre Gemeinde der Nachbarn und Gleichgesinnten treten muß, in dem die ungeselliges Geselligkeit von individuellen Menschen lebt.

In der weder die Distanz unterschritten wird noch sich das Individuum in der Distanzlosigkeit auflöst.

Einige der Ordoliberalen wie Rüstow, Röpke und auch Erhard haben das Verschwinden des Gemeinsinnes sehr wohl die Gefahr erkannt und bewußt eine liberale Gesellschaft jenseits von Angebot und Nachfrage entworfen. Leider hat man ihre Mahnungen nicht ernstgenommen.

Zu ihrer Nachfrage. Ich suche seit Monaten nach meinen digitalen Unterlagen und links zu dem Thema interkulturelle Kompetenz. Ich kann ihnen nur empfehlen nach Intercultural Competence und intercultural education zu suchen. Ich kann mich an ein Institut an der Westküste erinnern, daß eine ganz ausgezeichnete Einführung in die japanischen Besonderheiten bot. Wenn ich mich recht erinnere, finden Sie Artikel zu dem Thema auch in dem Archiv des Handelsblattes, aber wahrscheinlich nur im bezahlten Bereich.

Herzlichst
Libero

Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Der Weg zur liberalen Gesellschaft Libero26.07.2007 19:21
RE: Der Weg zur liberalen Gesellschaft M.Schneider27.07.2007 11:03
RE: Der Weg zur liberalen Gesellschaft Libero27.07.2007 12:05
Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Zettel27.07.2007 16:23
RE: Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Libero27.07.2007 18:28
RE: Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Zettel30.07.2007 17:55
RE: Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Libero30.07.2007 23:46
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