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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 6 Antworten
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Pro und Contra  
Zettel

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27.07.2007 16:23
Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Antworten

Lieber Libero,

Ihr Beitrag, für den ich Ihnen herzlich danke, enthält so viel Nachdenkenswertes, daß ich ihn sozusagen scheibchenweise, nach und nach, beantworten möchte.

Zitat von Libero
Mich beschäftigt seit langem die Frage, wieso der Marxismus nach der Entwicklung der Liberalismus aufkommen konnte? War die Entwicklung und der vorübergehende Erfolg des Marxismus wirklich so unvermeidlich?


Arbeiterbewegung und sozialistische Ideen waren, denke ich, wohl schon unvermeidlich. Daß sie unter den unglücklichen Einfluß des Marxismus, dann gar zum großen Teil des Leninismus gekommen sind, sehe ich eher als historische Zufälle.

Natürlich nicht in dem trivialen Sinn, daß das Auftreten gerade dieser beider Figuren Zufall war. Sondern ich glaube, daß es ohne diese beiden Unglücksmenschen auch in Europa eine Entwicklung hätte geben können wie in den USA.



Was John Locke und Adam Smith noch nicht wissen konnten, das war die Unmenschlichkeit, unter der sich die beginnende Industrialisierung vollziehen würde. Verhältnisse, wie sie heute in China herrschen, das sich ja halb noch im Früh- und halb schon im Hochkapitalismus befindet.

Das mußte gerechte Empörung hervorrufen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wimmelte es infolgedessen von Sozialisten.

Wo kam ihre Ideologie her? Ohne jetzt einen Etatisten wie Saint Simon und einen Anarchisten wie Proudhon über einen Kamm scheren zu wollen - mir scheint, daß entscheidend so etwas wie das nicht eingelöste Versprechen der Französischen Revolution war.



Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz zwischen zwei so kurzzeitig aufeinander folgenden Ereigenissen vorstellen wie den zwischen der Amerikanischen und der Französischen Revolution.

Die Amerikanische Revolution war die in politische Praxis umgesetzte politische Theorie des Liberalismus; von Locke, Smith, Montesquieu. Die Französische Revolution war ein egalitäres Aufbegehren, mit am ehesten Rousseau als philosophischem Vater.

Mit dem Egalitarismus war es aber bald vorbei. Erst waren alle gleich unter dem Terror, außer der jeweils gerade herrschenden Clique. Dann gab es die absolute Herrschaft von Bonaparte, dann die Rückkehr der Bourbonen.

Das Versprechen, die Hoffnung aber blieben. Saint Simon hatte die Revolution mitgemacht, Fourier sie als junger Mensch erlebt. Proudhon gehört schon zur nächsten Generation.

Mir scheint also, diese Frühsozialisten waren sozusagen die Nachhut der Französischen Revolution in einer Zeit, die längst über diese hinweggegangen war.



Und Marx? Er war ein schlechter Philosoph, ein lausiger Wissenschaftler in allen Bereichen, in denen er dilettierte. Er hatte aber die Überzeugungskraft eines biblischen Propheten. Er war ein Machtmensch, der eine Theorie erdachte, als Vehikel für die Durchsetzung seines Machtanspruchs.

Man mißversteht Marx, wenn man meint, daß er erst vorbehaltlos analysierte und dann aus den Ergebnissen die politischen Folgerungen zog. Es war umgekehrt: Er hatte bestimmte politische Ziele und fabrizierte dazu den theoretischen Unterbau.

Er mußte beispielsweise, um seiner Revoluzzerei eine theoretische Basis zu geben, "beweisen", daß im Kapitalismus notwendig Ausbeutung herrscht. Dazu stutzte er die Ricardo'sche Werttheorie so zurecht, daß es paßte: Dem Kapitalisten gehört der Wert der vom Arbeiter produzierten Waren. Dem Arbeiter bezahlt er aber nur den Wert von dessen Arbeitskraft, dh den zu ihrer Reproduktion erforderlichen Betrag. Dieser ist niedriger als der Wert der produzierten Waren. Den Mehrwert eignet sich der Kapitalist an, also beutet er den Arbeiter aus. Q.E.D.



Und der Liberalismus? Er war sozusagen als Theorie erschöpft, als er sich - in bestimmer Hinsicht - in der Praxis durchgesetzt hatte.

Freilich nur in gewisser, nämlich wirtschaftlicher Hinsicht. Die gesellschaftliche Sprengkraft, die, wie Sie es richtig sehen, im Liberalismus des 18. Jahrhunderts steckte, ging in Europa verloren. Sie brach sich sozusagen an den überkommenen gesellschaftlichen Strukturen.

Anders in den USA. Dort ist der Liberalismus im Grunde gesellschaftlicher Konsens.

Und das, lieber Libero, was Sie vermissen, gab und gibt es dort ja. Ronald Reagan, gewiß kein Theoretiker, war der vielleicht bedeutendste Praktiker dieses gesellschaftliche engagierten, am Wohl des Mitmenschen interessierten Liberalismus.

Sehr herzlich, Zettel


Themen Überblick
Betreff Absender Datum
Der Weg zur liberalen Gesellschaft Libero26.07.2007 19:21
RE: Der Weg zur liberalen Gesellschaft M.Schneider27.07.2007 11:03
RE: Der Weg zur liberalen Gesellschaft Libero27.07.2007 12:05
Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Zettel27.07.2007 16:23
RE: Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Libero27.07.2007 18:28
RE: Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Zettel30.07.2007 17:55
RE: Liberalismus, Sozialismus, Marxismus Libero30.07.2007 23:46
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