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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 5 Antworten
und wurde 248 mal aufgerufen
 Pro und Contra
Lemmy Caution ( gelöscht )
Beiträge:

18.01.2010 20:49
socialismo siglo XXI hat fertig antworten

Hallo,

hier ein Beitrag einer dieser socialismo siglo XXI Apologeten.
http://blog.buzzflash.com/contributors/2191
Dieser Mann packt seine Sachen und geht... ich kanns verstehen. Intelligente Säugetiere verlassen halt ausreichend früh das sinkende Schiff.


- in besser entwickelten Ländern werden pragmatische Kandidaten gewählt. In Chile standen sich in der gestrigen Präsidentschaftswahl standen sich gestern 2 Kandidaten gegenüber, die in DER Kandidatenrunde Chávez klar als undemokratisch bezeichneten. In Brasilien wird im Oktober aller Voraussicht nach ein gemäßigter Konservativer gewählt (Gouverneur des Bundesstaates Sao Paulo). In Argentinien sind die Umfragewerte für Cristina Fernandez de Kirchner völlig im Keller. Dort finden die Wahlen 2011 statt. Im Kongreß haben die Linksperonisten keine Mehrheit mehr.
- die finanzielle Situation des Chávez-Regimes verschlechtert sich wöchentlich. Dazu beigetragen hat kurzfristig eine nach wie vor offenbar weiter um sich greifende Bankenkrise, von der vor allem Banken betroffen sind, die durch politische Freunden von Hugo I von Barinas geführt werden. Mittelfristig wirkt sich die massive Verstaatlichung allermöglicher Unternehmen desaströs aus. Nun werden auch schon Supermarktketten verstaatlicht.
- die Steigerung des Mindestlohns hält nun im 2. Jahr nicht mit der gallopierenden Inflation mit.
- in allen Gebieten ausser Caracas wurde Energie-Rationierung eingeführt, d.h. zu gewissen Stunden bleibt das Licht aus. Das wird mit der Trockenheit durch El Nino begründet. Jedoch hat die gerade erst angefangen. Bösartige Menschen könnten auf den Gedanken kommen, dass die Überlastung des Netzes damit zusammenhängen könnte, das in 10 Jahren keine neuen Kraftwerke ans Netz gebracht wurden... bei einem Bevölkerungswachstum von 1,5% pro Jahr und nach einem Ölpreisboom. Venezuela hängt in der Elektrizitätsgewinnung hochgradig von einem Staudamm im Osten ab (Guri). Laut Informationen der Opposition kann nicht mehr ausgeschlossen werden, dass der dortige Pegel im April oder Mai ein Niveau erreicht, das Stromgewinnung unmöglich macht. Das wär der große Knall.
- Auch so schmelzen Huguitos Mittel immer weiter ab... Und im Herbst sind Kongreßwahlen.
- gegen Rafael Correa bildet sich eine Opposition aus radikaleren Linken. Correas Politik ist eigentlich nicht mehr links.
- Nicaragua und Kuba geraten immer übler in eine Wirtschaftskrise, die nicht mehr mit Geldern aus Caracas abgefedert werden kann.

Gruß Lemmy

Gorgasal Offline




Beiträge: 3.930

18.01.2010 20:54
#2 RE: socialismo siglo XXI hat fertig antworten



Allerdings hätte ich auch nicht gedacht, dass der Sozialismus in Ostdeutschland in Gestalt der Neo-SED wieder salonfähig wird. Ich fürchte, das Ende der Geschichte ist auch jetzt noch nicht angebrochen.

--
La sabiduría se reduce a no olvidar jamás, ni la nada que es el hombre, ni la belleza que nace a veces en sus manos. - Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

18.01.2010 23:55
#3 RE: socialismo siglo XXI hat fertig antworten

Zitat von Lemmy Caution
- in besser entwickelten Ländern werden pragmatische Kandidaten gewählt. In Chile standen sich in der gestrigen Präsidentschaftswahl standen sich gestern 2 Kandidaten gegenüber, die in DER Kandidatenrunde Chávez klar als undemokratisch bezeichneten. In Brasilien wird im Oktober aller Voraussicht nach ein gemäßigter Konservativer gewählt (Gouverneur des Bundesstaates Sao Paulo).


Man muß, lieber Lemmy Caution, aber dazusagen, daß in Chile die ungeheuer populäre linke Präsidentin Michelle Bachelet, die ein Zustimmung von, wenn ich mich recht erinnere, 80 Prozent hat, nicht wieder antreten durfte. Dasselbe in Brasilien, wo der Linke Lula wohl auch mühelos gewinnen würde, wenn er sich wieder zur Wahl stellen dürfte.

Zitat von Lemmy Caution
- die finanzielle Situation des Chávez-Regimes verschlechtert sich wöchentlich. Dazu beigetragen hat kurzfristig eine nach wie vor offenbar weiter um sich greifende Bankenkrise, von der vor allem Banken betroffen sind, die durch politische Freunden von Hugo I von Barinas geführt werden. Mittelfristig wirkt sich die massive Verstaatlichung allermöglicher Unternehmen desaströs aus. Nun werden auch schon Supermarktketten verstaatlicht.
- die Steigerung des Mindestlohns hält nun im 2. Jahr nicht mit der gallopierenden Inflation mit.
- in allen Gebieten ausser Caracas wurde Energie-Rationierung eingeführt, d.h. zu gewissen Stunden bleibt das Licht aus. Das wird mit der Trockenheit durch El Nino begründet. Jedoch hat die gerade erst angefangen. Bösartige Menschen könnten auf den Gedanken kommen, dass die Überlastung des Netzes damit zusammenhängen könnte, das in 10 Jahren keine neuen Kraftwerke ans Netz gebracht wurden... bei einem Bevölkerungswachstum von 1,5% pro Jahr und nach einem Ölpreisboom. Venezuela hängt in der Elektrizitätsgewinnung hochgradig von einem Staudamm im Osten ab (Guri). Laut Informationen der Opposition kann nicht mehr ausgeschlossen werden, dass der dortige Pegel im April oder Mai ein Niveau erreicht, das Stromgewinnung unmöglich macht. Das wär der große Knall.


Ich sammle seit ein paar Tagen Material für einen Artikel zur Lage in Venezuela. Deshalb besonderen Dank für diesen Beitrag.

Zitat von Lemmy Caution
- Nicaragua und Kuba geraten immer übler in eine Wirtschaftskrise, die nicht mehr mit Geldern aus Caracas abgefedert werden kann.


Ja, über die Krise in Cuba habe ich ja auch in ZR im vergangenen August berichtet. Die Hoffnungen, die man auf Raúl Castro gesetzt hatte, haben sich als ganz unbegründet erwiesen.

Die Frage ist halt, wie sich diese zunehmend instabile Lage entwickeln wird. Sie, lieber Lemmy Caution, neigen ja, glaube ich, dazu, mit einem Zusammenbrechen des Sozialismus jedenfalls in Venezuela zu rechnen. Ich gebe zu bedenken, daß sozialistische Systeme immer die gewaltsame Lösung bevorzugt haben - DDR 1953, Posen 1956, Ungarn 1956, Prag 1968, Peking 1989. Auch in Osteuropa 1989 hätte es wohl eine Pekinger Lösung gegeben, wenn nicht Gorbatschow klargemacht hätte, daß für die gewaltsame Niederschlagung der Opposition von der UdSSR keine Unterstützung zu erwarten sei.

Raúl Castro, der alte Stalinist, wird wohl den Kommunismus nicht kampflos aufgeben. Und Chávez ist ja nicht der jolly good fellow, als der er sich gern präsentiert, sondern ein knallharter Berufssoldat, der systematisch seine Kontrolle über die Armee ausgebaut hat und der eine sehr effiziente, von Cuba aufgebaute und teilweise aus Cubanern bestehende Geheimpolizei besitzt.

Warten wir ab. Ich wünsche, daß Sie derjenige sind, der Recht behält.

Herzlich, Zettel

Lemmy Caution ( gelöscht )
Beiträge:

19.01.2010 18:14
#4 RE: socialismo siglo XXI hat fertig antworten

Zitat
Man muß, lieber Lemmy Caution, aber dazusagen, daß in Chile die ungeheuer populäre linke Präsidentin Michelle Bachelet, die ein Zustimmung von, wenn ich mich recht erinnere, 80 Prozent hat, nicht wieder antreten durfte. Dasselbe in Brasilien, wo der Linke Lula wohl auch mühelos gewinnen würde, wenn er sich wieder zur Wahl stellen dürfte.



Lieber Zettel,

Michelle Bachelet hat nun wirklich nichts mit dem Socialismo Siglo XXI zu tun. Die Concertación hat über 20 Jahre eine liberale Wirtschaftspolitik mit oft linksliberaler Rhetorik verbunden. Zum Wohle der Entwicklung des Landes, wie ich nach wie vor denke (http://en.wikipedia.org/wiki/File:Chile_GDP_growth.png). Nur hab ich halt ein paar Details mitbekommen, die nicht zum normalen Erfahrungshorizont eines Mitteleuropäers gehören. Zum Beispiel häufige Gespräche mit Ärzten und Krankenschwestern eines öffentlichen Krankenhauses. Ich halte es für wahrscheinlich, dass Chile in 20 Jahren ein wirklich entwickeltes Land mit akzeptablen Sozialsystem sein wird. Dann werde ich in irgendeiner Untere-Mittelschichts Villa (Stadtviertel oft in suburbia) mit eigenen Händen ein Denkmal für die Leidensfähigkeit der unbekannten alleinerziehenden und arbeitenden chilenischen Mutter errichten. Libertäre können sich dann gerne von wegen "Sozialistischer Realismus" mockieren.

Wir reden hier über ein Land mit so gut wie keiner Sozialhilfe, einem Mindestlohn von ca. 240 €, haufenweise Haushaltshilfen für die dieser Mindestlohn nicht gilt, einer sehr lückenhaften öffentlichen Krankenversicherung und viel privater Krankenversicherung, einer Arbeitslosenhilfe von 3 Monaten, geringer gewerkschaftlicher Organisation, ohne Staatsschulden, mit Rentensystem mit Kapitaldeckungssystem, mit einem sehr liberalen Aussenhandelssystem, Freihandelsverträge mit allemöglichen Ländern (u.a. USA), etc. Dort regiert seit über 20 Jahren eine Koalition mit Sozialisten. Diese Form von Sozialismus würde in gewissen Gebieten Ostdeutschlands oder des Ruhrgebiets zu Überschwemmungen führen -> einfach durch die Tränen des Selbstmitleids von weiten Teilen der dortigen Bevölkerung.

Socialimo a lo Lula ist so ähnlich...

Btw. haben beide - Pinera UND Frei - Venezuela als undemokratischen Staat bezeichnet: Chávez ist zwar demokratisch gewählt, benutzt aber undemokratische Mittel.
Und zwar in DER Fernsehdebatte vor der Wahl. Unmissverständlich...
http://tinyurl.com/ychrpcg
-> 1:05

Zitat

Ich sammle seit ein paar Tagen Material für einen Artikel zur Lage in Venezuela. Deshalb besonderen Dank für diesen Beitrag.


Liefere Links:
- http://devilsexcrement.com/ (EIN VÖLLIGES MUSS)
- http://caracasgringo.wordpress.com/
- http://venepiramides.blogspot.com/ (detaillierte Finanzanalysen in spanisch, sonst alles englisch)
- http://www.caracaschronicles.com/

Ein paar Dinge, die mit der aktuellen Lage nur bedingt etwas zu tun haben:

-
Die linken berufen sich immer wieder auf den "Putsch" gegen Chávez im Jahr 2002. Das ist eine schamlose Lüge. Insbesondere hier haben die zahlreichen Chávez-Apologeten (existieren eine Menge Bücher) gezeigt, dass George Orwell einige sehr prophetische Bücher geschrieben hat. Dies reicht bis in sich akademisch gebende Werke wie das gerne zitierte Büchlein von Professor Michael Zeuske: Von Bolívar zu Chávez: Die Geschichte Venezuelas. Im Kapitel zum sehr umstrittenen "Putsch" am 11.4.2002 enthält es eine Darstellung, die sich so stark an die Regierungspropaganda anlehnt und so viele bekannte in eine andere Richtung hinweisende Fakten ausspart... Das ist Agitprop unter profesoralen Deckmantel. Es existiert ein Film, der in ARTE und im ZDF ausgestrahlt wurde... Zu diesem Film gibt es einen Aufklärungsfilm über diesen Film von venezoelanischen Intelektuellen. ECHT EMPFEHLENSWERT: http://tinyurl.com/ygnrfsg . Die mit europäischen Kulturpreisen dekorierten europäischen Propagandisten haben nicht nur Dinge weggelassen, falsch dargestellt, verkürzt. Nein. Sie sind nicht einmal davor zurückgeschreckt, Bildmaterial nachträglich zu retouchieren. Die Langfassung zur Richtigstellung des Putsches ist das Buch: The Silence and the Scorpion von Brian Nelson. Der Mann hat mit vielen Augenzeugen gesprochen. Es ist sehr sachlich, nüchtern und trotzdem flott geschrieben. Wer sich über eine wildgewordene "Linke" gruseln möchte, sollte dieses Buch lesen.

- Enrique Krauze, El delirio y el poder
Wirklich lesenswert, aber vielleicht schon wieder ein bischen speziell.
- die Misiones bezeichneten Sozialprogramme sind schlecht organisiert und dienen eher der Propaganda als der Linderung der Not.
- kennzeichnend für Chávez ist die Bereitschaft Weggefährten abzuservieren, sobald sie eine andere Meinung vertreten.
- Er berichtet von einem Treffen zwischen Betancourt und Castro 1960. Betancourt galt auch irgendwie als Linker. Castro fühlte sich als der neue Stern der Linken und forderte Erdöl. Betancourt sagte, dass das Erdöl dem venezoelanischen Volk gehört... Chávez verschenkte Erdöl.


Zitat

Ja, über die Krise in Cuba habe ich ja auch in ZR im vergangenen August berichtet. Die Hoffnungen, die man auf Raúl Castro gesetzt hatte, haben sich als ganz unbegründet erwiesen.

Die Frage ist halt, wie sich diese zunehmend instabile Lage entwickeln wird. Sie, lieber Lemmy Caution, neigen ja, glaube ich, dazu, mit einem Zusammenbrechen des Sozialismus jedenfalls in Venezuela zu rechnen. Ich gebe zu bedenken, daß sozialistische Systeme immer die gewaltsame Lösung bevorzugt haben - DDR 1953, Posen 1956, Ungarn 1956, Prag 1968, Peking 1989. Auch in Osteuropa 1989 hätte es wohl eine Pekinger Lösung gegeben, wenn nicht Gorbatschow klargemacht hätte, daß für die gewaltsame Niederschlagung der Opposition von der UdSSR keine Unterstützung zu erwarten sei.

Raúl Castro, der alte Stalinist, wird wohl den Kommunismus nicht kampflos aufgeben. Und Chávez ist ja nicht der jolly good fellow, als der er sich gern präsentiert, sondern ein knallharter Berufssoldat, der systematisch seine Kontrolle über die Armee ausgebaut hat und der eine sehr effiziente, von Cuba aufgebaute und teilweise aus Cubanern bestehende Geheimpolizei besitzt.



Vermutlich wirkt der Schatten des Bruders... Jedoch haben sie in Kuba keinen Nachwuchs aufgebaut. Alles was nach Raúl kommt, wird noch weniger Charisma besitzen. Von Leuten, die die Insel besuchen, höre ich, dass die Leute zwar nicht an das System glauben, aber Angst vor einem Wandel haben.
Kuba wurde in den letzten Jahren massiv aus Venezuela unterstützt. Venezuela bohrt sich immer tiefer in eine Wirtschaftskrise. Die Bankenprobleme hören nicht auf. Die verstaatlichen inzwischen Supermarktketten... Zur Inflationsbekämpfung... Kuba war ein Sonderfall... Alle übrigen Versuche linksextremer Wirtschaftspolitik sind in einem grandiosen Chaos geendet (Perón, Brasilien 60er, Chile unter Allende, Argentinien unter Alfonsín, Peru unter Alán García und vorher unter einer linken Militärregierung in den 70ern). Das sieht in Venezuela so ähnlich aus. Erstmal ein paar Jahre Party, da nicht ausgelastete Kapazitäten voll genutzt werden. Dann aber keine Investitionen, immer mehr Inflation, immer kühnere Eingriffe des Staates und dann völliges Chaos. Lefties machen dafür immer die bösen Unternehmer verantwortlich. Hab wirklich mal mit einem jener kleinen chilenischen Transportunternehmer gesprochen, dem die Allende Regierung vorschreiben wollte für lau zu arbeiten, weil es die Experten in Santiago ausgerechnet haben, dass er einen Gewinn macht. Der Mann hatte Frau und Kinder. Er wollte nicht für lau arbeiten und konnte es auch nicht. Er war einer jener konterrevolutionären Transportunternehmer, die nach Sicht einiger europäischer Klugscheißer den Fortschritt der Menschheit aufgehalten hat.

Vor allem traut die überwiegende Mehrheit der Latinos Chávez nicht. Nach letzten Umfragen bekommt er in der gesamten Region eine Zustimmung von 27%. Angesichts der immer deutlicher zu Tage tretenden Probleme, wird er immer unglaubwürdiger. Auch in einer Region, in der es nach wie vor viele ungelöste soziale Probleme gibt. Chávez hat keine Lösungen.
Rafael Correa ist nochmal ein sehr interessantes eigenes Thema. Der Mann macht einfach keine chavistische Politik.

Chávez wird die Macht nicht freiwillig abgeben. Aber es wird zum Knall kommen. Ich rechne damit bereits dieses Jahr. Weil wenn so eine heterodoxe lefty Latino-Wirtschaft einmal ans rutschen gerät, dann ist das Erdbeben nicht weit. Venezuela ist ja nach wie vor eine gemischte Wirtschaft. Castro hat die Transformation ein paar Jahre nach der Revolution durchgeführt. Ich denke, die Salami-Taktik funktioniert einfach nicht. Und ja: Der Estatismus wird härter und reiner. So ein Ökonom in El Nacional. Nur wird der Chavismus trotzdem irgendwann zusammenbrechen.


Ich kann Chávez nur noch in Kontext von: "Aguirre, der Zorn Gottes" von Werner Herzog mit Klaus Kinsky denken. Als Lope de Aguirre auf einem verotteten Floß auf dem Amazonas... der am Ende den das Boot bevölkernden Affen seine Visionen vom El Dorado deklamiert. Ein Don Quijote, der durch zu viel schlecht verdaute Lefty-Lektüre irgendwann wahnsinnig geworden ist.
Sozialismus war nie wirklich stark und dieser socialismo siglo XXI ist ein schlechter Witz.

Gruß Lemmy

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

19.01.2010 19:16
#5 RE: socialismo siglo XXI hat fertig antworten

Zitat von Lemmy Caution

Zitat
Man muß, lieber Lemmy Caution, aber dazusagen, daß in Chile die ungeheuer populäre linke Präsidentin Michelle Bachelet, die ein Zustimmung von, wenn ich mich recht erinnere, 80 Prozent hat, nicht wieder antreten durfte. Dasselbe in Brasilien, wo der Linke Lula wohl auch mühelos gewinnen würde, wenn er sich wieder zur Wahl stellen dürfte.


Michelle Bachelet hat nun wirklich nichts mit dem Socialismo Siglo XXI zu tun. Die Concertación hat über 20 Jahre eine liberale Wirtschaftspolitik mit oft linksliberaler Rhetorik verbunden. Zum Wohle der Entwicklung des Landes, wie ich nach wie vor denke (http://en.wikipedia.org/wiki/File:Chile_GDP_growth.png).



Ja, das sehe ich auch so. Ich hatte ja auch keine Verbindung zum Socialismo Siglo XXI hergestellt, sondern nur darauf hingewiesen, daß der jetzige Sieg von Sebastián Piñera nicht möglich gewesen wäre, wenn die - gemäßigte, da gebe ich Ihnen recht - Linke Michelle Bachelet noch einmal hätte antreten dürfen.

Zitat von Lemmy Caution

Zitat von Zettel
Ich sammle seit ein paar Tagen Material für einen Artikel zur Lage in Venezuela. Deshalb besonderen Dank für diesen Beitrag.


Liefere Links:
- http://devilsexcrement.com/ (EIN VÖLLIGES MUSS)
- http://caracasgringo.wordpress.com/
- http://venepiramides.blogspot.com/ (detaillierte Finanzanalysen in spanisch, sonst alles englisch)
- http://www.caracaschronicles.com/
Ein paar Dinge, die mit der aktuellen Lage nur bedingt etwas zu tun haben:
-
Die linken berufen sich immer wieder auf den "Putsch" gegen Chávez im Jahr 2002. Das ist eine schamlose Lüge. Insbesondere hier haben die zahlreichen Chávez-Apologeten (existieren eine Menge Bücher) gezeigt, dass George Orwell einige sehr prophetische Bücher geschrieben hat. Dies reicht bis in sich akademisch gebende Werke wie das gerne zitierte Büchlein von Professor Michael Zeuske: Von Bolívar zu Chávez: Die Geschichte Venezuelas. Im Kapitel zum sehr umstrittenen "Putsch" am 11.4.2002 enthält es eine Darstellung, die sich so stark an die Regierungspropaganda anlehnt und so viele bekannte in eine andere Richtung hinweisende Fakten ausspart... Das ist Agitprop unter profesoralen Deckmantel. Es existiert ein Film, der in ARTE und im ZDF ausgestrahlt wurde... Zu diesem Film gibt es einen Aufklärungsfilm über diesen Film von venezoelanischen Intelektuellen. ECHT EMPFEHLENSWERT: http://tinyurl.com/ygnrfsg . Die mit europäischen Kulturpreisen dekorierten europäischen Propagandisten haben nicht nur Dinge weggelassen, falsch dargestellt, verkürzt. Nein. Sie sind nicht einmal davor zurückgeschreckt, Bildmaterial nachträglich zu retouchieren. Die Langfassung zur Richtigstellung des Putsches ist das Buch: The Silence and the Scorpion von Brian Nelson. Der Mann hat mit vielen Augenzeugen gesprochen. Es ist sehr sachlich, nüchtern und trotzdem flott geschrieben. Wer sich über eine wildgewordene "Linke" gruseln möchte, sollte dieses Buch lesen.

- Enrique Krauze, El delirio y el poder
Wirklich lesenswert, aber vielleicht schon wieder ein bischen speziell.
- die Misiones bezeichneten Sozialprogramme sind schlecht organisiert und dienen eher der Propaganda als der Linderung der Not.
- kennzeichnend für Chávez ist die Bereitschaft Weggefährten abzuservieren, sobald sie eine andere Meinung vertreten.
- Er berichtet von einem Treffen zwischen Betancourt und Castro 1960. Betancourt galt auch irgendwie als Linker. Castro fühlte sich als der neue Stern der Linken und forderte Erdöl. Betancourt sagte, dass das Erdöl dem venezoelanischen Volk gehört... Chávez verschenkte Erdöl.



Vielen Dank! Ich merke schon, das wird ein langer Artikel werden, vielleicht eine kleine Serie.

Zitat von Lemmy Caution

Zitat von Zettel
Raúl Castro, der alte Stalinist, wird wohl den Kommunismus nicht kampflos aufgeben. Und Chávez ist ja nicht der jolly good fellow, als der er sich gern präsentiert, sondern ein knallharter Berufssoldat, der systematisch seine Kontrolle über die Armee ausgebaut hat und der eine sehr effiziente, von Cuba aufgebaute und teilweise aus Cubanern bestehende Geheimpolizei besitzt.


Vermutlich wirkt der Schatten des Bruders... Jedoch haben sie in Kuba keinen Nachwuchs aufgebaut. Alles was nach Raúl kommt, wird noch weniger Charisma besitzen. Von Leuten, die die Insel besuchen, höre ich, dass die Leute zwar nicht an das System glauben, aber Angst vor einem Wandel haben.



Ja, das ist ja häufig ein Motiv zum Stillhalten. Man weiß nicht, was in und nach einer Revolution alles passiert. Da hält man es mit Hamlet ("...rather bear those ills we have than fly to others that we know not of").

Zitat von Lemmy Caution
Kuba wurde in den letzten Jahren massiv aus Venezuela unterstützt. Venezuela bohrt sich immer tiefer in eine Wirtschaftskrise. Die Bankenprobleme hören nicht auf. Die verstaatlichen inzwischen Supermarktketten... Zur Inflationsbekämpfung... Kuba war ein Sonderfall... Alle übrigen Versuche linksextremer Wirtschaftspolitik sind in einem grandiosen Chaos geendet (Perón, Brasilien 60er, Chile unter Allende, Argentinien unter Alfonsín, Peru unter Alán García und vorher unter einer linken Militärregierung in den 70ern). Das sieht in Venezuela so ähnlich aus. Erstmal ein paar Jahre Party, da nicht ausgelastete Kapazitäten voll genutzt werden. Dann aber keine Investitionen, immer mehr Inflation, immer kühnere Eingriffe des Staates und dann völliges Chaos.


Ja, das wird so ungefähr die message meines geplanten Artikels sein: Der Sozialismus schafft Probleme, die man mit Mitteln zu lösen versucht, die nur immer schlimmere Probleme schaffen.

Zitat von Lemmy Caution
Chávez wird die Macht nicht freiwillig abgeben. Aber es wird zum Knall kommen. Ich rechne damit bereits dieses Jahr. Weil wenn so eine heterodoxe lefty Latino-Wirtschaft einmal ans rutschen gerät, dann ist das Erdbeben nicht weit. Venezuela ist ja nach wie vor eine gemischte Wirtschaft. Castro hat die Transformation ein paar Jahre nach der Revolution durchgeführt. Ich denke, die Salami-Taktik funktioniert einfach nicht. Und ja: Der Estatismus wird härter und reiner. So ein Ökonom in El Nacional. Nur wird der Chavismus trotzdem irgendwann zusammenbrechen.


Das sehe ich genauso, außer daß ich die Hoffnung, die Sie mit dem letzten Satz äußern, nicht unbedingt teile. Vielleicht haben Sie damit Recht; es wäre schön. Aber ich sehe nicht, mit welchen Waffen sich die verbliebene Opposition in Venezuela einem Putsch von Chávez entgegenstellen könnte, der nicht nur das Parlament und die meisten Gouverneursposten kontrolliert, sondern der vor allem auch das Ejército kontrolliert; dazu, wie schon gesagten, einen von Cuba aufgebauten Geheimdienst. Und eben aufgrund der engen Beziehungen, die Sie ansprechen, würde Raúl dem Genossen Hugo notfalls auch mit cubanischem Militär zur Hilfe kommen.

Wie soll da eine Konterrevolution gelingen?

Herzlich, Zettel

Lemmy Caution ( gelöscht )
Beiträge:

19.01.2010 19:35
#6 RE: socialismo siglo XXI hat fertig antworten

Zitat

Aber ich sehe nicht, mit welchen Waffen sich die verbliebene Opposition in Venezuela einem Putsch von Chávez entgegenstellen könnte, der nicht nur das Parlament und die meisten Gouverneursposten kontrolliert, sondern der vor allem auch das Ejército kontrolliert; dazu, wie schon gesagten, einen von Cuba aufgebauten Geheimdienst. Und eben aufgrund der engen Beziehungen, die Sie ansprechen, würde Raúl dem Genossen Hugo notfalls auch mit cubanischem Militär zur Hilfe kommen.

Wie soll da eine Konterrevolution gelingen?




Es gibt eine Menge Venezuelaner, die an Chávez geglaubt haben. Im Ölboom hats gut ausgesehen. Nun äußern diese naiven Idealisten Kritik. http://tinyurl.com/ya8ycs2
Venezuela hat noch eine freie Presse. Über die Bankenkrise wird informiert. Eine Hyperinflation kann nicht mehr ausgeschlossen werden. Was ist, wenn aufgrund der prekären Lage an den Stauseen im April oder Mai der Strom für mehrere Tage ausfällt. Lateinamerika ist nicht Afrika. Ich hab Mitte der 90er auf Kuba Stromausfälle erlebt. Im restlichen Lateinamerika ist dieses Phänomen seit Jahrzehnten unbekannt. In Venezuela nicht mehr.
Ich glaube nicht, dass man eine ent-täuschte Bevölkerung über eine längere Zeit militärisch in Schach halten kann. Noch sollen im September Kongreß-Wahlen stattfinden...

Chávez ist sicher zu härteren Mitteln bereit als Allende oder Alán García Ende der 80er. Trotzdem. Wir werden sehen.

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