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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 13 Antworten
und wurde 700 mal aufgerufen
 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Zettel Offline




Beiträge: 20.200

20.07.2008 16:11
Zitat des Tages: "Gegen die Wand" antworten

Ein Rückblick auf die Situation vor gut drei Jahren. Vielleicht auch ein Ausblick auf die Zeit nach 2009.

Während ich diesen Artikel schrieb, hat M. Schneider hier einen Beitrag verfaßt, dessen Lektüre ich zur Ergänzung sehr empfehle.

F.Alfonzo Offline



Beiträge: 514

20.07.2008 19:32
#2 RE: Zitat des Tages: "Gegen die Wand" antworten

Lieber Zettel,

ich zitiere eines ihre Zitate aus dem Spiegel:

In Antwort auf:
Ohne die Staatsschulden würde das Sozialprodukt des Landes schrumpfen.


Wer so etwas schreibt, hat sich m.E. schon für jegliche wirtschaftspolitische Debatten disqualifiziert. Wie soll das funktionieren? Oder ist der Verfasser etwa ein Anhäger der linken Theorie vom Voodoo-Wachstum (sprich: Man nimmt das Geld aus der linken Hosentasche, steckt es in die rechte und hat dann auf einmal mehr als vorher)?

Deutsche Wirtschafts-Journalisten sind schon traurige gestalten; jeder schreibt den Nonsens vom anderen ab und nichts wird hinterfragt.

Grüße,
F.Alfonzo

Rayson Offline




Beiträge: 2.367

20.07.2008 20:21
#3 RE: Zitat des Tages: "Gegen die Wand" antworten

Naja, das Zitat hat rein formal in einem gewissen Sinn was für sich, denn in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist jede nicht-distributive (also investive) Staatsausgabe BIP-erhöhend. Da aber ein sehr großer Teil der Staatsausgaben und damit auch der Schulden rein umverteilender Natur ist, ja man sogar sagen kann, dass die Schulden mit dem Wachstum der Umverteilung positiv korrelieren, ist es dennoch Voodoo-Economics.

--
L'État, c'est la grande fiction à travers laquelle tout le monde s'efforce de vivre aux dépens de tout le monde. (Frédéric Bastiat)

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

20.07.2008 20:22
#4 RE: Zitat des Tages: "Gegen die Wand" antworten

Zitat von F.Alfonzo
ich zitiere eines ihre Zitate aus dem Spiegel:
In Antwort auf:
Ohne die Staatsschulden würde das Sozialprodukt des Landes schrumpfen.

Wer so etwas schreibt, hat sich m.E. schon für jegliche wirtschaftspolitische Debatten disqualifiziert. Wie soll das funktionieren?

Beim Zitieren, lieber F. Alfonzo, versuche ich immer zu kürzen, so daß es a) nicht zu lang wird und ich b) nicht in Gefahr gerate, Urheberrechte zu verletzen. Dabei soll natürlich nicht nur der Sinn, sondern auch die Nachvollziehbarkeit der Argumentation erhalten bleiben. Aber vielleicht gelingt das nicht immer ganz.

Hier ist die vollständige Passage:
Zitat von Der Spiegel
Deutschland hat sich von der internationalen Konjunkturentwicklung praktisch entkoppelt. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Weltwirtschaft ein 25-Jahres-Hoch, derweil Deutschland nur ein Miniwachstum von 1,6 Prozent zustande brachte. Und auch das nur dank milliardenschwerer Kreditfinanzierung, die das Wachstum stimulierte. Ohne die Staatsschulden würde das Sozialprodukt des Landes schrumpfen.

Ich hatte die beiden Sätze ausgelassen, die ich vielleicht für das Verständnis hätte stehenlassen sollen.

Jedenfalls für das Verständnis von Ökonomen. Mit den ausgelassenen Sätzen scheint mir die Passage Sinn zu machen.

Aber ich kann das nicht so beurteilen wie Sie und die anderen studierten Ökonomen und Wirtschafspraktiker(innen), die hier schreiben - und aus deren Beiträgen ich schon viel gelernt habe und vermutlich noch viel lernen werde. Dank dafür!

Herzlich, Zettel

RexCramer ( gelöscht )
Beiträge:

21.07.2008 00:45
#5 RE: Zitat des Tages: "Gegen die Wand" antworten

Lieber F.Alfonzo,

Zitat von F.Alfonzo
Deutsche Wirtschafts-Journalisten sind schon traurige gestalten; jeder schreibt den Nonsens vom anderen ab und nichts wird hinterfragt.


ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich behauptete, ein VW Golf sei heute wesentlich günstiger als vor 10 Jahren, da er neu damals 20.000,-- kostete und heute nur noch 16.000,--, müßte ich mir sicher Fragen gefallen lassen, ob ich noch alle Latten am Zaun hätte, weil es sich 1998 um DM und heute um Euro handelt.

Solcher grober Unfug ist aber in der Berichterstattung in Sachen Wirtschaft kein Problem, auch wenn genauso offensichtlich. Siehe bspw. den von Zettel verlinkten Artikel, der mit "Arbeitslosenquote erreicht den niedrigsten Wert seit 15 Jahren" überschrieben ist. Im Text wird auf "die Zahl der registrierten Arbeitslosen" verwiesen. Nun, die Zahl von vor 15 Jahren ist aber keineswegs mit der von heute vergleichbar, denn die Politiker sind laufend damit beschäftigt, Gruppen zu definieren, die aus der Statistik fliegen. Zuletzt Menschen, die älter als 58 Jahre sind. (Siehe dazu insbesondere auch die Lesermeinungen "Korrekte Statistik? I, II und III" unten auf der Seite.) Man braucht nichtmal Fachmann zu sein, um nachzuvollziehen, daß die offizielle Statistik ein Witz ist, sondern müßte nur mal hinhören, was das Bundesarbeitsministerium dazu zu sagen hat: "Rund 3,2 Millionen Personen, die derzeit Arbeitslosengeld beziehen, tauchen in der Arbeitslosenstatistik nicht auf. Dies hat der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Klaus Brandner [SPD], jetzt auf eine kleine Anfrage der FDP mitgeteilt." Ich habe aber bis heute noch nicht einen einzigen Politiker sagen hören noch einen Journalisten in einem Artikel darauf hinweisen sehen, daß hier Zahlen miteinander verglichen werden, die gar nicht vergleichbar sind, weil sich die Kriterien, wann jemand als arbeitslos gilt, ganz erheblich geändert haben. Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß man weit über 99 % der Artikel, die solche Vergleiche zwischen Arbeitslosenzahlen anstellen, vergessen kann. Und wenn das ein Politiker macht, dann ist er entweder inkompetent oder ein Lügner.

Daß Bundesarbeitsminister Scholz von Vollbeschäftigung faselt und gleichzeitig weiter an seinen Mindestlöhnen bastelt, setzt dem bunten Treiben die Krone auf. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Soviel zum Thema "deutsche Wirtschafts-Journalisten".

MfG

F.Alfonzo Offline



Beiträge: 514

21.07.2008 04:26
#6 RE: Zitat des Tages: "Gegen die Wand" antworten

@ Zettel:

Danke für die Aufklärung, nun verstehe ich das ganze. Man könnte natürlich immer noch darüber streiten, in wie weit die Neuverschuldung wirklich zu Wachstum beigetragen hat (auch kurzfristig dürfte der Effekt wohl nicht allzu groß sein). Daher macht der zitierte Satz m.E. trotzdem keinen Sinn, denn das würde ja bedeuten, dass eine Verschuldung i.H.v. (weiss nicht genau, wieviel es in diesem Jahr war) sagen wir mal 3% ein Wachstum von über 1.6% generiert hat.

Grüße,
F.Alfonzo

F.Alfonzo Offline



Beiträge: 514

21.07.2008 04:44
#7 RE: Zitat des Tages: "Gegen die Wand" antworten
Lieber RexCramer,

die statistischen Manipulationen sind in der Tat ein Problem; Ökonomen lassen sich damit i.d.R. nicht täuschen (man kann ja statt der offiziellen Arbeitslosenzahl auch einfach mit der Zahl von Transfers-Empfängern rechnen), für Journalisten ist das vielleicht nicht so leicht durchschaubar.

Aber solche Dinge habe ich gar nicht gemeint; ein Journalist, der so etwas gut aufdeckt ist sich meines Respekts (und vermutlich auch des Respekts von Menschen, die sich besser auskennen als ich) sicher.
Es sind wesentlich einfachere Sachen: Beispielsweise die in allen Belangen völlig unreflektierte Berichterstattung über einen Jahre alten Armutsbericht, die inflationäre Verwendung des Begriffs "Globalisierung" (ich bin mir sicher, dass die meisten Journalisten nicht die geringste Ahnung haben, was hinter diesem Begriff steckt, das beweisen die dummen Fragen der Talkshow-Moderatoren), Fragen des Umweltschutzes oder auch die (ebenfalls gerade aktuell) Frage der Regulierung von Spekulationen.

All diese Themen werden von den Redakteuren, wie mir scheint, nicht mal 5 Minuten fundamental hinterfragt; man schließt sich dem unfundierten Mainstream an (der vermutlich je nach Zeitung direkt die Pamphlete von Politikern übernimmt) und versucht die Konkurrenz durch Quantität zu übertrumpfen.

P.S.: Es scheint in Deutschland wirklich besonders schlimm zu sein; ich lese (beruflich notwendig) so gut wie alle englischsprachigen Wirtschaftsmedien; man muss gar nicht nach England oder die USA ausweichen, selbst indische Medien sind qualitativ um Längen besser als jene hierzulande (Ich würde eher die Hindu Times abonnieren, als jede deutsche Zeitung). Es gibt tatsächlich Länder, in denen sich die Redakteure mit einem Thema auseinandersetzen, bevor sie einen Artikel hinklatschen.

Grüße,
F.Alfonzo
Zettel Offline




Beiträge: 20.200

21.07.2008 15:44
#8 Warum sind viele deutsche Zeitungen und Zeitschriften so schlecht? antworten
Zitat von F.Alfonzo
Es scheint in Deutschland wirklich besonders schlimm zu sein; ich lese (beruflich notwendig) so gut wie alle englischsprachigen Wirtschaftsmedien; man muss gar nicht nach England oder die USA ausweichen, selbst indische Medien sind qualitativ um Längen besser als jene hierzulande (Ich würde eher die Hindu Times abonnieren, als jede deutsche Zeitung). Es gibt tatsächlich Länder, in denen sich die Redakteure mit einem Thema auseinandersetzen, bevor sie einen Artikel hinklatschen.

Das ist auch mein Eindruck, lieber F. Alfonzo. Mir ist unklar, woran das eigentlich liegt.

Liegt es an der Größenordnung? Das Wall Street Journal hat zum Beispiel eine Auflage von mehr als zwei Millionen, die New York Times von mehr als einer Million. Da hat man andere Möglichkeiten als die FAZ oder die SZ mit ihren paar Hunderttausend.

Oder liegt es - was ich für wahrscheinlicher halte - am Werdegang der Journalisten? Ich kenne dazu keine Zahlen, aber lange Zeit fingen viele bei der taz an und arbeiteten sich dann voran zum "Spiegel" usw. Damit waren sie für Qualitätsjournalismus verdorben. Die taz ist ein Musterbeispiel für schlechten Journalismus, mit einer geradezu notorischen, mutwilligen Vermischung von Nachricht und Meinung, mit einer ungehemmt selektiven Berichterstattung. Erbärmlich, aber wirkungsvoll.

Viele andere kommen direkt von der Uni, wo sie Politologie, Germanistik oder dergleichen studiert haben. Oft mit der Zielsetzung, mit ihrer Arbeit nicht zu informieren, sondern "in die Gesellschaft hineinzuwirken", also zu agitieren.

Oder liegt es am kaufenden Publikum? Haben wir keine bessere Journalistik verdient, weil wir keine bessere verlangen?

Oder liegt es - das halte ich für den wichtigsten Faktor - vor allem an der unterschiedlichen Tradition? In den USA war die Presse dazu da, die Leute in dem weiten Land über das zu informieren, was in ihrer Gemeinde und andernorts geschah. In Europa, vor allem in Deutschland, stand dagegen die politische Agitation im 19. Jahrhundert im Vordergrund. Mehr nach Art der "Neuen Rheinischen Zeitung" von Karl Marx (oder auf der anderen Seite der "Kreuzzeitung", "Neue Preußischen Zeitung") als nach Art der (freilich früher liegenden) "Berliner Abendblätter" Kleists, um es mit Beispielen zu illustrieren.

Mir geht es wie Ihnen, lieber F. Alfonzo. Beruflich habe ich zwar nichts mit der Publikumspresse zu tun. Aber privat hatte ich schon als Schüler Time Magazine, dann Newsweek abonniert, dann dazu den Nouvel Observateur. Seit es das Internet gibt, verlasse ich mich auf keine deutsche Quelle mehr.

Herzlich, Zettel
F.Alfonzo Offline



Beiträge: 514

23.07.2008 01:27
#9 RE: Warum sind viele deutsche Zeitungen und Zeitschriften so schlecht? antworten

Lieber Zettel,

das ist eine gute Frage. Ich habe mir diese Frage bisher noch nicht gestellt.

Ich vermute aber (ohne dazu wirklich Fakten zu kennen), dass das Fachwissen der Journalisten eine große Rolle spielt.

Als Beispiel sei die Debatte um Spekulationsverbote genannt. Wäre der Unterschied hauptsächlich die politische Agitation, dann würde ein Journalist von Bloomberg wohl zu einer anderen politischen Einschätzung kommen, als sein Pendant bei der SZ. Es gibt aber definitiv einen qualitativen Unterschied.
Ich habe im Wall Street Journal und der Financial Times Kommentare zu diesem Thema gefunden, die mich schlichtweg sprachlos gemacht haben. Man merkt sofort, dass der Verfasser sich mit dem Thema auskennt. So etwas sucht man selbst in deutschen "Fachzeitungen" wie der FTD oder dem Handelsblatt vergebens, von Massenmedien wie der SZ o.Ä. ganz zu schweigen (die wiederum von der NY Times o.Ä. um Längen geschlagen würden).
Ich vermute es liegt daran, dass man in anderen Ländern eher Leute mit einschlägiger Berufserfahrung für ein bestimmtes Ressort wählt. Zumindest kann man meist herauslesen, dass es sich um solche Leute handelt.

Die Auflage spielt aber sicher auch eine Rolle: Die Grenzkosten (also Kosten einer zusätzlich produzierten Zeitung) dürften gegen Null gehen, der Grenzgewinn dem Preis entsprechen, relevant sind dort wohl vor allem die Fixkosten.
Das macht es für Zeitungen mit extrem hohen Auflagen auch leichter, "qualifiziertes" (=teures) Personal zu beschäftigen. Die Hindu Times habe ich bereits genannt, die passt da ganz gut ins Bild.
...auf Hochdeutsch (nachdem ich jetzt weiss, dass einige Leser hier mit dem Fachchinesisch nicht viel anfangen können): Ob ein Artikel 5000 mal oder 50 Millionen mal gedruckt wird, ändert nichts an dessen Herstellungskosten (die ja hauptsächlich die Vergütung des Verfassers und seiner Mitarbeiter/Vorgesetzten beinhalten). Eine höhere Auflage bietet den Zeitungen aber deshalb auch die Möglichkeit, gute Redakteure auszuwählen.

Schöne Grüße,
F.Alfonzo

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

23.07.2008 08:58
#10 RE: Warum sind viele deutsche Zeitungen und Zeitschriften so schlecht? antworten

Zitat von F.Alfonzo
Ich habe im Wall Street Journal und der Financial Times Kommentare zu diesem Thema gefunden, die mich schlichtweg sprachlos gemacht haben. Man merkt sofort, dass der Verfasser sich mit dem Thema auskennt. So etwas sucht man selbst in deutschen "Fachzeitungen" wie der FTD oder dem Handelsblatt vergebens, von Massenmedien wie der SZ o.Ä. ganz zu schweigen (die wiederum von der NY Times o.Ä. um Längen geschlagen würden).

Bei den Nachrichtenmagazinen ist es inzwischen ähnlich. Über die Verschlechterung des "Spiegel" haben wir ja immer mal wieder diskutiert; in FdoG hat Daniel Fallenstein gerade darauf hingewiesen. (Die Wissenschaftsredaktion würde ich übrigens ausnehmen; die ist im naturwissenschaftlichen Bereich ausgezeichnet, im historischen weniger. Die Kulturredaktion hatte unter Matussek einen Aufschwung erlebt und kehrt jetzt wieder zur alten Langeweile zurück. Die Wirtschaftsredaktion ist schlecht geworden; am besten ist vermutlich neben der Wissenschaft die Berichterstattung aus Berlin).

Aber mit dem Nouvel Observateur, dem Economist, mit Newsweek und Time Magazine ist das alles nicht zu vergleichen. Obwohl der Apparat des "Spiegel" mindestens genauso groß ist.
Zitat von F.Alfonzo
Ich vermute es liegt daran, dass man in anderen Ländern eher Leute mit einschlägiger Berufserfahrung für ein bestimmtes Ressort wählt. Zumindest kann man meist herauslesen, dass es sich um solche Leute handelt.

Gut möglich, daß das eine Rolle spielt. Ich glaube aber, daß das Publikum nicht mehr erwartet. Die FAZ, in der Qualität immer noch weit vorn, müßte eigentlich soviele Leser haben wie die SZ, die "Welt" und die FR zusammen. Warum ist das nicht so?
Zitat von F.Alfonzo
Die Auflage spielt aber sicher auch eine Rolle: Die Grenzkosten (also Kosten einer zusätzlich produzierten Zeitung) dürften gegen Null gehen, der Grenzgewinn dem Preis entsprechen, relevant sind dort wohl vor allem die Fixkosten.

Exakt. Zumal mit der Auflage ja auch das Anzeigenaufkommen und die Anzeigenpreise steigen.

Just deshalb gibt es beim "Spiegel" mit seiner Auflage von um eine Million keine Entschuldigung.

Vielleicht ist gerade der riesige Apparat, den der "Spiegel" inzwischen hat, das Hemmnis. Wenn ein halbes Dutzend, manchmal fast schon ein Dutzend Leute an einem Artikel mitschreiben, dann enthält er vielleicht mehr Material, aber die Analyse, die Stringenz eines Artikels, den ein kleineres Autorenteam verfaßt, geht da leicht verloren.

Der Nouvel Observateur beschäftigt ungleich weniger Journalisten als der "Spiegel" (außer im Kulturressort, da sind es erheblich mehr). Aber diese schreiben überwiegend ihre persönlichen Artikel mit ihrem eigenen Stil. Also mehr wie in der "Zeit", die aber unter ihrer Geschwätzigkeit und der für ein liberales Blatt erstaunlich homogenen Redaktionslinie leidet.

Herzlich, Zettel

Llarian Offline



Beiträge: 3.659

23.07.2008 10:50
#11 RE: Warum sind viele deutsche Zeitungen und Zeitschriften so schlecht? antworten
In Antwort auf:
Die FAZ, in der Qualität immer noch weit vorn, müßte eigentlich soviele Leser haben wie die SZ, die "Welt" und die FR zusammen. Warum ist das nicht so?

Weil es nicht Sinn einer Zeitung ist qualitativ zu informieren. Zumindest nicht, wenn man einer breiten Mehrheit ihrer Käufer folgt. Wenn es rein um Qualität ginge, dann dürften Zeitungen wie die TAZ oder ähnliche Postillen gar nicht verkauft werden. Werden sie aber doch ganz ordentlich. Weil der Leser dieser Zeitungen nicht in erster Linie an Information interessiert ist, sondern an Unterhaltung und der Bestätigung der eigenen Weltsicht.
Gerade der letztere Aspekt scheint mir ungemein wichtig zu sein, es ist und bleibt vielen Menschen wichtig, aus dem von ihnen favorisierten Medium eine Selbstbestätigung zu erfahren. Das ist übrigens in der sogenannten "Blogokugelsphäre" gar nicht so viel anders, wenn man eine ganze Weile Blogs liest, stellt man fest, dass es vielen Lesern nicht um alternative Information, sondern um eine alternative Meinung, die möglichst mit der eigenen korreliert, geht. Für einen schlecht gemachten Artikel gibt es oft wenig Kritik, während es richtig kracht, wenn der Autor mal seine Meinung in eine andere Richtung schweifen lässt.
Zettel Offline




Beiträge: 20.200

23.07.2008 13:46
#12 RE: Warum sind viele deutsche Zeitungen und Zeitschriften so schlecht? antworten

Zitat von Llarian
Zitat:Weil der Leser dieser Zeitungen nicht in erster Linie an Information interessiert ist, sondern an Unterhaltung und der Bestätigung der eigenen Weltsicht. Gerade der letztere Aspekt scheint mir ungemein wichtig zu sein, es ist und bleibt vielen Menschen wichtig, aus dem von ihnen favorisierten Medium eine Selbstbestätigung zu erfahren.

Das stimmt sicherlich. Und es ist ja auch legitim. Nur bin ich, lieber Llarian, altmodisch und wünsche mir, daß dieses gemeinsame Kopfnicken bei einer Tageszeitung über der Meinungsspalte (Op-Ed bei den Englischsprachigen) stattfindet, und nicht über dem Nachrichtenteil.
Zitat von Llarian
Das ist übrigens in der sogenannten "Blogokugelsphäre" gar nicht so viel anders, wenn man eine ganze Weile Blogs liest, stellt man fest, dass es vielen Lesern nicht um alternative Information, sondern um eine alternative Meinung, die möglichst mit der eigenen korreliert, geht.

Ja, auch das ist wahr (Sie sehen, ich stimme immer zu ). Mein Ideal für die Blogobkugelzone als Teil der Blogosphäre ist es eigentlich, daß Leute mit sehr verschiedenen Auffassungen diskutieren, aber fair und ohne persönliche Attacken.

Ich freue mich zwar, lieber Llarian, daß hier im kleinen Zimmer sich viele Leute treffen, die gemeinsame Grundüberzeugungen haben. Das braucht man auch, vor allem, wenn man nicht gerade konformistisch denkt. Aber ich freue mich auch besonders, wenn Poster wie Omni oder - sozusagen gegenüber - str1977 hier schreiben, die zB meine Auffassungen heftig kritisieren.

Es ist nur wohl für alle Beteiligte immer schwer und auch a bisserl anstrengend, auch dann, wenn man sehr verschiedener Meinung ist, freundlich und höflich zu bleiben. Aber es geht, wie diese Beispiele zeigen.
Und das ist gut so.

Herzlich, Zettel

Llarian Offline



Beiträge: 3.659

23.07.2008 15:54
#13 RE: Warum sind viele deutsche Zeitungen und Zeitschriften so schlecht? antworten

In Antwort auf:
Nur bin ich, lieber Llarian, altmodisch und wünsche mir, daß dieses gemeinsame Kopfnicken bei einer Tageszeitung über der Meinungsspalte (Op-Ed bei den Englischsprachigen) stattfindet, und nicht über dem Nachrichtenteil.

Tja, lieber Zettel, aber da haben Sie eben das alte "Problem" der Marktwirtschaft. Das, was Sie nachfragen, wird eben nicht von vielen, zumindest nicht von genügend vielen, nachgefragt. Das ist zwar traurig, aber man muss wohl damit leben.

In Antwort auf:
Aber ich freue mich auch besonders, wenn Poster wie Omni oder - sozusagen gegenüber - str1977 hier schreiben, die zB meine Auffassungen heftig kritisieren.

Ja, das ist in der Tat erfreulich. Es ist sehr schade, dass das nicht öfter vorkommt. Ich sage ja auch nicht, dass es generell keine Menschen gibt, die keine Lust haben sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen, nur dass es ein sehr starkes Bestreben gibt, sich in seiner eigenen bestätigen zu lassen.
In Antwort auf:
Es ist nur wohl für alle Beteiligte immer schwer und auch a bisserl anstrengend, auch dann, wenn man sehr verschiedener Meinung ist, freundlich und höflich zu bleiben.

Letzteres lässt sich bewerkstelligen (dafür haben Sie ja Wamba mit dem warnenden Zeigefinger :) ), das freundliche dagegen ist schwierig. Ich habe nun mitlerweise fast 15 Jahre Erfahrung mit dem anonymen Austausch im Netz. Und dabei sind mir schon allerhand seltsame Gestalten begegnet. Es ist schwer freundlich zu bleiben, wenn man jemandem begegnet, der offen einen Völkermord für gut befindet oder einem ins (virtuelle) Gesicht sagt, dass er es eine gute Idee findet Menschen zu enteignen. Es gibt Meinungen mit denen man nur schwer umgehen kann. Wirklich schwer.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

23.07.2008 16:10
#14 Mit anderen Meinungen umgehen antworten

Zitat von Llarian
Ich habe nun mitlerweise fast 15 Jahre Erfahrung mit dem anonymen Austausch im Netz. Und dabei sind mir schon allerhand seltsame Gestalten begegnet. Es ist schwer freundlich zu bleiben, wenn man jemandem begegnet, der offen einen Völkermord für gut befindet oder einem ins (virtuelle) Gesicht sagt, dass er es eine gute Idee findet Menschen zu enteignen. Es gibt Meinungen mit denen man nur schwer umgehen kann. Wirklich schwer.

Meine Erfahrung, lieber Llarian, ist ungefähr diese: Ich versuche eine rationale Diskussion. Dann gibt es erfahrungsgemäß eine von zwei Entwicklungen. Entweder läßt sich der andere darauf ein, dann kann es interessant und auch ergiebig werden. Oder gerade meine Weigerung, mich aufzuregen, reget den anderen besonders auf. Dann ist es meist schnell zu Ende.

Vor ZR und diesem Forum habe ich mich lange dort im Web aufgehalten, wo es zeitweilig sehr ruppig und persönlich zuging. Es war eine interessante Erfahrung; ich habe da wohl den Kindergarten nachgeholt, in den ich nie gegangen bin.

Herzlich, Zettel

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