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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 1 Antworten
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 Pro und Contra
M.Schneider Offline



Beiträge: 672

22.08.2008 12:45
Teil II, Unsere Abhängigkeit von Russland. antworten
Liebe Leser, nach dem ich gestern mal beleuchtet habe, wie stark sind die energiepolitischen Abhängigkeiten Deutschlands von Russland und zu einem katastrophalen Ergebnis gekommen bin, stellt sich natürlich nun die Frage, könnte Deutschland bei Erpressungsversuchen von Seiten Russlands auf anderem Gebiet mit gleicher Münze zurückzahlen, sprich Wirtschaftssanktionen.

Also sehen wir uns das Wirtschafts- Szenario ebenfalls mal an.

Für das Jahr 2007 sah es so aus, dass Deutschland Waren im Wert von 28, 7 Mrd. € aus Russland importierte.

Der Löwenanteil war dabei mit rund 2/3 der Importe die Energieträger, mit 20 Mrd. €.
Gefolgt von Metall und Halberzeugnissen, mit etwa 4,3 Mrd. € und Kokerei und Mineralölerzeugnissen im Wert von 2,3 Mrd. €.
Die restlichen Posten belaufen sich dann nur noch im Millionenbereich.

Halten wir also fest, der gesamte Import von Russland beläuft sich auf rund 29 Mrd. €.

Wie sieht die Bilanz des Exportes für Russland insgesamt aus?

Im Jahr 2007 exportierte Russland insgesamt Waren im Wert von 365 Mrd. $.
Das entspricht rund 245 Mrd. €.

Das bedeutet also, die gesamten Importe Deutschlands betragen nur wenig mehr als 10% der Gesamtexporte Russlands. Selbst wenn wir, was völlig unmöglich ist, den gesamten Import von Russland abbrechen würden, würde der russischen Industrie damit nur 10% ihrer Einnahmen wegbrechen.
Kurz gesagt, das würde Russland nicht im geringsten beeindrucken.

Da wir jedoch den Energieimport mit 20 Milliarden überhaupt nicht anrühren könnten, bliebe rein theoretisch überhaupt nur ein Volumen von knapp 9 Mrd. € mit dem wir Druck ausüben können, das entspräche nur noch knapp 4% der russischen Gesamtexporte.

Wenn man dann noch mit einbezieht, dass wir derzeit von Diesel- Importen aus Russland und der Ukraine sehr stark abhängig sind, und dass ist noch einmal ein Bereich von circa 2 Mrd. €, dann schmälern sich diese 4% noch einmal deutlich.

Das bedeutet also, Deutschland könnte im besten Falle mit 2 bis 3% des russischen Gesamtexportes Gegendruck ausüben, wenn Russland uns mit Reduzierung der Energielieferungen erpresst. Das ist überhaupt nichts, das würde von Russland nicht mal zur Kenntnis genommen.

Das vernichtende Urteil also, Deutschland ist zu fast 50% seines Gasbedarfes und zu rund 34% seines Ölbedarfes vollständig von Russland abhängig, und wäre bezüglich des Gasbedarfes nicht mal in der Lage, und schon gar nicht kurzfristig, Gas aus anderen Quellen zu beziehen, weil wir auch noch versäumt haben, LNG- Anlandeterminals zu bauen, und unser importiertes Erdgas ausschließlich über Pipelines aus Russland bekommen.

Hier ist Deutschland also zu 100% erpressbar.


Beim Öl könnte man theoretisch auf Drittanbieter ausweichen, bei kurzfristigen Erpressungen durch Russland wären aber die Reaktionszeiten zu lang und auch die Reserven zu knapp, um Schäden in der Wirtschaft zu vermeiden.

Umgekehrt haben wir selber keine Möglichkeiten Russlands mit Zurückfahren von Importen zu begegnen.


Bleibt also nur die theoretische Möglichkeit Europa und USA tun sich zusammen um Russland mit Wirtschaftssanktionen zu begegnen.
Beleuchten wir also auch noch diese Möglichkeit.

(Anmerkung: Die Zahlen stammen von 2005, daher ist bei Deutschland eine kleine Abweichung zu den Zahlen oben zu sehen.)

Die Exporte von Russland belaufen sich in folgende Länder auf:

USA 5%
Deutschland 8%
Niederlande 9,1%
Italien 6,2%

die Exporte von Russland in alle anderen EU-Länder sind dagegen so bedeutungslos, dass sie in den Wirtschafts- Statistiken nicht mehr einzeln erwähnt werden.

Dazu kommt noch ein Bezug, den Russland von den USA als Wirtschaftshilfe bekommt, im Jahr 2006 knapp einer Milliarde Dollar.


Man kann also sagen, täten sich USA und die EU zusammen, dann kämen sie knapp auf 30% des russischen Exportvolumens.


Könnte man dies tatsächlich maßgeblich als Druckmittel verwenden, wäre damit sicherlich eine Position zu machen. Da aber wie schon gezeigt dort eine Menge Posten rausfallen, die zu kappen sich verschiedene Länder gar nicht leisten können, wie zum Beispiel deren Energieimporte aus Russland, bleibt unterm Strich nur ein sehr geringer Teil übrig mit dem man wirklich Gegendruck aufbauen könnte.


Außenwirtschaftlich hat sich zwar die Abhängigkeit der russischen Wirtschaft vom Energiesektor in den letzten Jahren stark verstärkt. Nach Angaben der Zollstatistik stieg der Anteil der Energieexporte beim Handel mit Ländern außerhalb der GUS von 60 Prozent auf 67 Prozent aller Ausfuhren.

Dies ist also, wenn man so will, ein tönerner Fuß der russischen Wirtschaft, das Problem ist aber wiederum, dass der gleiche tönerner Fuß bei den Handelspartnern Russlands liegt, die es sich eben genau in diesem Punkt nicht leisten können, diese Schwachstelle Russlands anzugreifen, es sei denn sie wären tatsächlich in der Lage, den Energiebezug über Drittanbieter umzulegen.

Für Deutschland und insbesondere beim Gasbezug ist das unmöglich.

Die staatlichen Auslandsschulden Russlands sind bis Ende 2005 auf rund 82 Mrd. $ verringert worden, während die Währungsreserven binnen Jahresfrist bis Ende 2005 um knapp die Hälfte auf 182 Mrd. $ gewachsen sind. Deutlich höhere Währungsreserven haben jetzt nur noch Japan und China.

Also auch in diesem Punkt ist nichts Rechtes zu erreichen, von Deutschland schon gar nicht.

Die Schwachstellen, die man bezüglich Russlands Wirtschaft ausnutzen könnte liegen also nicht so sehr im materiellen Bereich der Exporte und Importe, sondern gegebenenfalls auf anderer Ebene.

Russlands Wirtschaft krankt an folgenden Problemen:

· Veraltete Produktionsanlagen

· Veraltete Infrastruktur

· Es gibt keine vernünftige Bankenstruktur, wodurch sich eigene mittelständische Betriebe nicht aufbauen können. Die Schwächen des russischen Bankensystems zeigten sich im Frühsommer 2004, als ein Ansturm verunsicherter Anleger auf die Banken schnell zu Liquiditätsproblemen führte und das Land an den Rand einer Bankenkrise brachte.

· die Rahmenbedingungen für insbesondere ausländische Investoren sind zu schlecht, wodurch die russische Wirtschaft an zu geringen Investitionen krankt.

· Es fehlen kleine und mittelständische Betriebe, und somit das maßgebliche Rückgrat in Sachen Flexibilität und Know-how.

· Man ist darauf bedacht ausländischen Konzernen so wenig Macht wie möglich einzuräumen. Das gilt ganz besonders für den Energiesektor. Längerfristig wird das zu einer Schwächung der russischen Wirtschaft führen, weil dadurch erst recht Know-how und Kapital aus dem Ausland abgehalten werden.

Hier liegen wohl die maßgeblichen Schwachstellen Russlands, die angegriffen werden könnten. Will Russland diese Punkte in den Griff bekommen, benötigte es westliches Know-how und vor allen Dingen westliche Investitionen sowie Ansiedlung westlicher Industrie.

Obwohl Russland dies seit Jahren mit vielen wirtschaftlichen Reformen versucht hat, ist es an diesem Problem nach wie vor gescheitert.

Des weiteren bleibt festzustellen, dass sich Russland sein unverschämtes Auftreten derzeit nur deshalb leisten kann, weil die extrem gestiegenen Rohstoffpreise Russlands Einnahmen geradezu haben explodieren lassen.
Bei sinkenden Preisen schlägt dies durch den sehr hohen Exportanteil Russlands sofort und zwar sehr maßgeblich auf die Einnahmesituationen durch.

Zwar ist dieser Preis vom Westen nicht unmittelbar beeinflussbar, dennoch ergibt sich hier für Russland eine Abhängigkeit, die den Höhenflug sehr schnell bremsen kann. Hier gilt also für den Westen, Geduld haben.

Resümierend kann man in der derzeitigen Situation folgende Dinge feststellen.

Deutschlands Politik hat in den letzten Jahren eine regelrechte Katastrophe heraufbeschwört.

Deutschland ist derartig stark von Russland abhängig, dass es schon existenzbedrohende ist und es hätte niemals dazu kommen dürfen.
Erschwerend ist, wie ich hier gezeigt habe, dass Deutschland gegenüber Russland keinerlei Möglichkeiten hat im Erpressungsfall wirklich maßgeblich eine Gegenkraft aufzubauen, nicht mal wenn die USA und die EU helfen würden.

Im Gas- Sektor würde Deutschland komplett einbrechen!


Von deutscher Seite muss also alles darangesetzt werden, diese katastrophale Abhängigkeit drastisch nach unten zu fahren. Die Möglichkeiten dazu erläuterte ich schon in Teil 1.

Ob diese Abhängigkeiten und des Preis- Niveaus für Energie auf den Weltmärkten stellt sich mir sogar die Frage, ob nicht eine Renaissance der deutschen Kohle als weiterer Punkt die Abhängigkeiten zu senken, sinnvoll wäre.
Rechnen würde es sich wahrscheinlich schon, das müsste im einzelnen untersucht werden.

Wir sollten uns dabei daran erinnern, dass mit der Fischer- Tropsch- Synthese das Verfahren zur Treibstoff-Produktion aus Kohle in Deutschland erfunden wurde.
Es wurde übrigens in Südafrika aufgrund der Wirtschaftsembargos in der Zeit der Apartheid nicht nur angewendet, sondern auch deutlich verbessert.

Eines jedoch steht hundertprozentig fest. Die Reden deutscher Politiker diese Energieabhängigkeit mit alternativen Quellen zu senken sind dümmer als die Polizei erlaubt.

Selbst wenn diese Politiker an diese Illusion selber glauben würden, zeigt sich ihre Unfähigkeit die Realität einzuschätzen darin, dass sie Pläne aufstellen, den Anteil der alternativen Energien auf 25% erhöhen zu wollen, dafür aber einen Zeitraum bis circa 2020 anstreben.

Das sind gleich zwei Illusionen, a) klappt diese Erhöhung über alternative Energien nicht, b) muss die Abhängigkeit innerhalb kürzester Zeit, lieber in einem- als in vier Jahren beseitigt werden, um unter diesem Damoklesschwert hinweg zu tauchen.

Früher hätte man Politikern die so verantwortungslos handeln wegen, wie das damals hieß, staatsfeindlicher Umtriebe abgesetzt und verurteilt.

Hier stellt sich gleich ein neues Thema für einen andern Verfasser, mit der Fragestellung, wie kann man ein solches den Staat schädigendes Verhalten von Politikern verhindern, beziehungsweise ahnden?
- und die Antwort lautet nicht, über das Wahlverhalten des Bürgers oder die Kontrolle der Opposition!



Herzliche
M. Schneider
Nola ( gelöscht )
Beiträge:

22.08.2008 18:21
#2 RE: Teil II, Unsere Abhängigkeit von Russland. antworten
In Antwort auf:
Ziatat M.Schneider
Früher hätte man Politikern die so verantwortungslos handeln wegen, wie das damals hieß, staatsfeindlicher Umtriebe abgesetzt und verurteilt.

Hier stellt sich gleich ein neues Thema für einen andern Verfasser, mit der Fragestellung, wie kann man ein solches den Staat schädigendes Verhalten von Politikern verhindern, beziehungsweise ahnden?
- und die Antwort lautet nicht, über das Wahlverhalten des Bürgers oder die Kontrolle der Opposition!



Lieber M.Schneider, eine mögliche Antwort hätte ich hier aus folgender Diskussion anzubieten. Beim Lesen folgender Zitate, kam mir der Gedanke, das es hier auch paßt. Allerdings könnte man Franks Frage auch umformulieren in: "Ich soll also MEINE Sicherheit senken, um Russland einen Gefallen zu tun?"
Das paßt doch hier schon mal hervorragend. Wie siehts denn mit der Hinterfragung nach dem Amtseid aus? Wenn man als Kanzler in dieser Funktion sein Land ohne Not erpressbar macht, müßte das doch geahndet werden können, zumal man die Gasprom schon mal als Beweis ansehen kann. So was wird ja auch nicht von heute auf morgen geplant. Allerdings müßte man dann die alten Zahlen unter Kohl auch noch mal auf den Status prüfen. (Hervorhebungen sind von mir).



Zitat von Frank2000
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Mich interessiert zunächst mal Deutschland und im weiteren noch Kerneuropa. MEINE Sicherheit wird durch einen Beitritt Georgiens wahrscheinlich nicht erhöht, Georgiens Sicherheit vielleicht schon. Ich soll also MEINE Sicherheit senken, um georgien einen Gefallen zu tun?
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Darauf Antwort Zettel:
Gefallen, lieber Frank, tun Staaten einander nicht; jedenfalls nicht, wenn sie gute Politik machen. Jeder Staatsmann ist schon durch seinen Amtseid verpflichtet, seine Entscheidungen von den Interessen des eigenen Landes leiten zu lassen.

♥lich Nola

 Sprung  



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