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Dieses Thema hat 5 Antworten
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 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Zettel Offline




Beiträge: 20.200

21.06.2009 19:38
Marginalie: Revolutionsführer Mussawi? Antworten

Hossein Mussawi war bis vor zwei Wochen eine der Stützen des Mullah-Regimes; sonst wäre er ja gar nicht als Kandidat zugelassen worden. Jetzt ist er der Held derer, die dieses Regime abschaffen wollen.

Wie kommt so etwas? Dazu in dieser Marginalie einige Gedanken und Parallelen.

str1977 ( gelöscht )
Beiträge:

21.06.2009 22:23
#2 RE: Marginalie: Revolutionsführer Mussawi? Antworten

Ich sehe da schon einen Unterschied:

Washington rebellierte notgedrungen gegen ein System und wollte es gegen ein neues austauschen.

Dubcek wollte kein neues, er wollte nur das bestehende System, dem er in Treue verbunden war, reformieren bzw. nach seinen Vorstellungen gestalten.

Darin gleicht der Iraner Musawi dem Slovaken, nicht aber dem Mann aus Virgina.

Gruß,
str1977

Faschismus und Antifaschismus sind nicht dasselbe, genausowenig wie Libanon und Antilibanon. Aber beide sind aus Stein gemacht.

Liberalismus ist die Ideologie, die, wenn etwas zu verderben droht, nicht nur nichts unternimmt, sondern auch anderen von Gegenmaßnahmen abrät, um anschließend das verfaulte Resultat zum Ideal zu erklären.

The business of Progressives is to go on making mistakes. The business of the Conservatives is to prevent the mistakes from being corrected. (G.K. Chesterton)

Verfassungsfeinde ... in den Tschad!!!

Ungelt ( gelöscht )
Beiträge:

21.06.2009 23:16
#3 RE: Marginalie: Revolutionsführer Mussawi? Antworten


Ich bin mit den Aussagen im Prinzip einverstanden, muß aber doch meine zwei Heller drauflegen ;-)

In Antwort auf:
Deren Held Alexander Dubcek war in der Sowjetunion aufgewachsen, hatte die Parteischule in Moskau besucht, in der CSSR eine lupenreine Funktionärs- Karriere hinter sich gebracht und bis zum Januar 1969, als er zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei aufstieg,

Dubcek war 1967 (und den ersten Tagen 1968) im Zentralkommitee der KPC ein Verlegenheitskandidat, auf den sich die Reformisten und Opportunisten einigen konnten: weil er Slovake war, hatte er die Stimmen der vom Novotný beleidigten Slovaken sicher und sonst war er so unbekannt, daß vermutlich keiner heftig widersprochen hatte. Er wurde hauptsächlich zum Symbol, insbesondere durch den Einfluß der Presse. Ein ehrlicher, offener Mensch, wie mir scheint, aber kein geschickter Politiker und in meinen Augen auch kein Revolutionär. Ein Getriebener schon, da bin ich einverstanden, der nach und nach gefallen an seiner neuen Rolle gefunden hat. "Revolutionäre" innerhalb der KPC, wenn man so will, waren in meinen Augen andere, z.B. Ota Sik, Frantisek Kriegel, Josef Smrkovský.
In Antwort auf:
(Dubcek, der) nie etwas anderes gewollt als die Herrschaft der Kommunistischen Partei.

Ja, die wollte er vermutlich unverändert auch während des Prager Frühlings, nur wollte er sie im Einklang mit der Bevölkerung und nicht gegen sie. Es muß ja auch für empfindsamere Naturen auf Dauer unerfreulich sein, von den Menschen gehaßt zu werden. Manches läuft ja dann auch anders, als man sich es zuvor vorgestellt hat. So nach und nach wechselt man dann die Seiten. Das kann ich mir auch bei Mussawi sehr gut vorstellen.
In Antwort auf:
Sein Mitstreiter Ludvik Svoboda, Staatspräsident während des "Prager Frühlings", hatte es in der Roten Armee bis zum Brigadegeneral gebracht und besaß die sowjetische Staatsbürgerschaft.

Es war eine tschechoslowakiasche Einheit innerhalb der Roten Armee, das wurde uns in meiner Schulzeit in jeder Jahrgangsstufe mehrmals in verschiedenen Fächern durchgenommen ;-) Für mich ist er trotzdem schwer einzuschätzen. Er war wohl so etwas wie der von Curd Jürgens verkörperte "Oberst" in "Jakobowsky und der Oberst". Dazu paßt folgende Episode:

Im Moskauer Kreml wollte der schreiende und fluchende Sowjet-Parteichef Breschnew nicht nachgeben. CSSR-Präsident Svoboda knallte seine sowjetischen Orden auf den Verhandlungstisch, zog die Pistole und drohte: "Wenn ihr mir nicht erlaubt, meine Regierungs-Mitglieder sofort zu sehen, werde ich mich töten. Mit dieser Pistole, die Stalin mir für den gemeinsamen Kampf gegen Hitler verliehen hat."
(Spiegel)

Für mich ist Svoboda also leider auch kein Revolutionär, nur ein Soldat durch und durch.

Irgendwo habe ich noch eine in den ersten Tagen nach der Besetzung irgendwo in Prag amateurhaft gestanzte Plakette mit den beiden Namen "Dubcek - Svoboda", aber schon damals wurde vermutlich gerade Svoboda ausgewählt, weil sein Name gleichzeitig "Freiheit" bedeutet, und weil seine Person gegenüber dem Feind gut als "schlagendes Argument" verwendbar war. So wie Mussawi im Iran möglicherweise zuerst vorrangig ein "gutes Argument" war. Was ja nicht ausschließt, daß er seiner neuen Rolle nachträglich doch gerecht wird, seine Aussagen sprechen sehr dafür.

In Antwort auf:
Ich fürchte, sie war ein Mißerfolg, und das Regime hat sein Ziel erreicht.


Es entspricht nicht meinem Empfinden, es als Mißerfolg zu bezeichnen, auch wenn die Ziele nicht sofort erreicht werden. In den Köpfen der Leute hat sich sicher viel bewegt, was früher oder später zu Veränderungen führen wird. Das Regime hat seine "innere Unschuld" verloren. "Solidarität" ist ein abgedroschenes, kaputtes Wort, aber hier passt es für mich ausnahmsweise. Daher würde ich nicht von Mißerfolg reden. Erfolg und Mißerfolg ist nur die Frage des Augenblickes, in dem man etwas bewertet (Hat sicher schon jemand vor mir und eleganter gesagt ;-)

califax Offline




Beiträge: 1.502

21.06.2009 23:36
#4 RE: Marginalie: Revolutionsführer Mussawi? Antworten

Zitat von Ungelt

In Antwort auf:
Ich fürchte, sie war ein Mißerfolg, und das Regime hat sein Ziel erreicht.

Es entspricht nicht meinem Empfinden, es als Mißerfolg zu bezeichnen, auch wenn die Ziele nicht sofort erreicht werden. In den Köpfen der Leute hat sich sicher viel bewegt, was früher oder später zu Veränderungen führen wird. Das Regime hat seine "innere Unschuld" verloren. "Solidarität" ist ein abgedroschenes, kaputtes Wort, aber hier passt es für mich ausnahmsweise. Daher würde ich nicht von Mißerfolg reden. Erfolg und Mißerfolg ist nur die Frage des Augenblickes, in dem man etwas bewertet (Hat sicher schon jemand vor mir und eleganter gesagt ;-)


Die Proteste und das Ausmaß an blinder Gewalt durch die Milizen haben ein Ausmaß erreicht, das sich nicht mehr wegpropagandieren läßt. Mit Neda ist ein Märtyrer entstanden. Ganze Stadtviertel in Teheran werden von Basiji mit Randale und Terror überzogen. Die Leute werden sich merken, wer ihre Wohnviertel demoliert, zumal es auf etliche Bildern dokumentiert wurde. Die Bazari streiken. Die Busfahrer streiken. Die Öl- und Automobilarbeiter wollen streiken. In den Reihen der Demonstranten tauchen Mullahs auf.
Und die Proteste und Ausschreitungen finden nicht nur in Teheran statt, sondern sind im ganzen Land verbreitet.
Die Berichte über Hamas und libanesische Hisbollah in den Reihen der Regierungstruppen klingen so überzeugt (sic), daß es für ihre Wirkung schon wurscht ist, ob sie stimmen.
Es gibt Steckbriefe, in denen nach Basiji gefahndet wird, Mordaufrufe inklusive.
Ahmadinedschaft hat für alle, die nur ein klein wenig mitbekommen, endgültig sein Gesicht verloren, da Khamenei ganz offen das Ruder ergriffen hat, während AN regelrecht abgetaucht war.
Damit ist aber auch eine Systemlüge enttarnt, wonach der Supreme Leader niemals in die Tagespolitik eingreifen darf, da dies die Aufgabe des Präsidenten ist. Khamenei ist jetzt ganz offen Feindbild.
Die Gerüchte über Armeetruppen und sogar IRG- und Basiji-Truppen auf Seiten der Protestierer sind bisher komplett unbestätigt, werden aber auch ihre Wirkung hinterlassen.
Das Regime hatte den Nimbus der Unbesiegbarkeit. Der ist weg.
Die Sache ist noch nicht vorbei.
Es kann durchaus sein, daß die Straßenproteste tatsächlich noch niedergeschlagen werden. Iran hat die wahrscheinlich effizenteste Riot Control der Welt.
Aber diesmal ist es eben kein isolierter Studentenprotest. Selbst wenn die Geschichte erstmal wieder niedergeschlagen wird, bleibt einiges hängen. Und man darf nicht vergessen, daß das System zum dauerhaften Funktionieren auf eben die Studenten angewiesen ist, die gerade besonders heftig terrorisiert werden.

Klug und fleißig - Illusion
Dumm und faul - das eher schon
Klug und faul - der meisten Laster
Dumm und fleißig - ein Desaster
<hl>
The Outside of the Asylum

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

22.06.2009 00:00
#5 RE: Marginalie: Revolutionsführer Mussawi? Antworten

Danke, lieber Ungelt, für diese Ergänzungen und Korrekturen.

Das mit Dubcek 1969 statt 1968 war ein Tippfehler; ist korrigiert.

Zitat von Ungelt
Er wurde hauptsächlich zum Symbol, insbesondere durch den Einfluß der Presse. Ein ehrlicher, offener Mensch, wie mir scheint, aber kein geschickter Politiker und in meinen Augen auch kein Revolutionär. Ein Getriebener schon, da bin ich einverstanden, der nach und nach gefallen an seiner neuen Rolle gefunden hat.

Mich hat er schon damals an Willy Brandt erinnert.
Zitat von Ungelt
"Revolutionäre" innerhalb der KPC, wenn man so will, waren in meinen Augen andere, z.B. Ota Sik, Frantisek Kriegel, Josef Smrkovský.

Das habe ich damals auch so gesehen; es wurde wohl im Westen meist auch so gesehen. Wobei noch Jiri Pelikan genannt wurde. Aber Dubcek war war es wohl - so schien es mir jedenfalls - , der die Massen begeisterte. Vielleicht, weil er wie Brandt ehrlich wirkte. Kein "Politiker".
Zitat von Ungelt
In Antwort auf:
(Dubcek, der) nie etwas anderes gewollt als die Herrschaft der Kommunistischen Partei.

Ja, die wollte er vermutlich unverändert auch während des Prager Frühlings, nur wollte er sie im Einklang mit der Bevölkerung und nicht gegen sie. Es muß ja auch für empfindsamere Naturen auf Dauer unerfreulich sein, von den Menschen gehaßt zu werden. Manches läuft ja dann auch anders, als man sich es zuvor vorgestellt hat. So nach und nach wechselt man dann die Seiten. Das kann ich mir auch bei Mussawi sehr gut vorstellen.

Das genau wollte ich mit dem Artikel sagen, lieber Ungelt. Die Figur dieses Typs von "Revolutionär" (gern in Anführungszeichen) bildet sich erst in der Dynamik einer revolutionären Situation.
Zitat von Ungelt
In Antwort auf:
Sein Mitstreiter Ludvik Svoboda, Staatspräsident während des "Prager Frühlings", hatte es in der Roten Armee bis zum Brigadegeneral gebracht und besaß die sowjetische Staatsbürgerschaft.

Es war eine tschechoslowakiasche Einheit innerhalb der Roten Armee, das wurde uns in meiner Schulzeit in jeder Jahrgangsstufe mehrmals in verschiedenen Fächern durchgenommen ;-) Für mich ist er trotzdem schwer einzuschätzen. Er war wohl so etwas wie der von Curd Jürgens verkörperte "Oberst" in "Jakobowsky und der Oberst". Dazu paßt folgende Episode:
Im Moskauer Kreml wollte der schreiende und fluchende Sowjet-Parteichef Breschnew nicht nachgeben. CSSR-Präsident Svoboda knallte seine sowjetischen Orden auf den Verhandlungstisch, zog die Pistole und drohte: "Wenn ihr mir nicht erlaubt, meine Regierungs-Mitglieder sofort zu sehen, werde ich mich töten. Mit dieser Pistole, die Stalin mir für den gemeinsamen Kampf gegen Hitler verliehen hat."
(Spiegel)
Für mich ist Svoboda also leider auch kein Revolutionär, nur ein Soldat durch und durch.

Wieder die Anführungszeichen. Er geriet in diese Rolle.
Zitat von Ungelt
In Antwort auf:
Ich fürchte, sie war ein Mißerfolg, und das Regime hat sein Ziel erreicht.

Es entspricht nicht meinem Empfinden, es als Mißerfolg zu bezeichnen, auch wenn die Ziele nicht sofort erreicht werden. In den Köpfen der Leute hat sich sicher viel bewegt, was früher oder später zu Veränderungen führen wird. Das Regime hat seine "innere Unschuld" verloren. "Solidarität" ist ein abgedroschenes, kaputtes Wort, aber hier passt es für mich ausnahmsweise. Daher würde ich nicht von Mißerfolg reden. Erfolg und Mißerfolg ist nur die Frage des Augenblickes, in dem man etwas bewertet (Hat sicher schon jemand vor mir und eleganter gesagt ;-)

Da stimme ich Ihnen ausdrücklich zu. Ohne die Serie von "Mißerfolgen" in der DDR 1953, Ungarn 1956, Prag 1968, dann Polen wäre es nicht zum Erfolg von 1989 gekommen.

Herzlich, Zettel

R.A. Offline



Beiträge: 8.113

22.06.2009 12:16
#6 RE: Marginalie: Revolutionsführer Mussawi? Antworten

Zitat von califax
Das Regime hatte den Nimbus der Unbesiegbarkeit. Der ist weg.
Die Sache ist noch nicht vorbei.

Derzeit finde ich die Vorgänge fürchterlich deprimierend. Da ist es gut, mal eine andere, verhalten optimistische Sicht zu lesen.
Hoffentlich behältst Du recht.

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