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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 420 mal aufgerufen
 Pro und Contra
Zettel Offline




Beiträge: 20.200

25.06.2006 16:05
Natur und Kultur antworten

Dies ist der zweite Teil meiner Antwort auf diesen Beitrag von Turbofee.


In Antwort auf:
Zettel schrieb weiter, daß man keinem Kind wünschen kann, ungeliebt und ungewollt diese Welt betreten zu müssen. Ich möchte noch weiter gehen: Man kann keiner Frau wünschen, ihr Leben durch ein ungewolltes Kind in einem extremen Maß beeinflussen lassen zu müssen.

Exakt.

In Antwort auf:
Seit die Menschheit besteht, ist wahrscheinlich ein nicht unerheblicher Teil der Menschen ungeplant oder ungewollt oder ungeplant und ungewollt (von der Mutter oder den Eltern) in dieses Leben gekommen. Erst in den letzten Jahrzehnten gibt es die Möglichkeit, die Fortpflanzung zu regeln. Wahrscheinlich sind auch unter uns eine ganze Reihe, deren Existenz "einfach so passiert" ist. Ist das wirklich so schlimm? Ist das nicht vielleicht von der Natur so vorgesehen?

Was, liebe Turbofee, meinst du mit "von der Natur so vorgesehen"?

Es ist in der (belebten) Natur halt so, wie es sich aufgrund von Jahrmillionen der Evolution ergeben hat.

Nicht vorgesehen, aber eben auch nicht nicht vorgesehen. Einfach der Fall. Das Ergebnis von zufälligen Mutationen und der Auslese, wie sie in einer gegebenen Umwelt nun einmal stattfindet. Gene, die ihren Träger in die Lage versetzen, sie weiterzugeben, werden weitergegeben. Diese Tautologie ist das Geheimnis der Evolution.


Bei uns brütet im Augenblick, wie jedes Jahr, ein Amselpärchen über der Terrasse (dh seit ein paar Tagen sind die Jungen da und werden jetzt gefüttert). Jedes Jahr kommen dort, vier, fünf kleine Amselchen zur Welt, im Lauf des Lebens einer Mutteramsel also ein Dutzend oder zwei. Wenn die Population stabil bleibt, überleben im Schnitt zwei davon.

Eine gute Quote. Von den Tausenden kleiner Schildkröten, die an einem Strand von der Sonne ausgebrütet werden, überleben vielleicht vier oder fünf das erste Jahr. Das ist "von der Natur so vorgesehen".

Es ist - um noch einmal auf das Abtreibungsthema zu kommen - "von der Natur so vorgesehen", daß bei einer Frau, die häufig Geschlechtsverkehr hat, ständig befruchtete Eier entstehen, die sich nicht einnisten und folglich nicht zu einer Schwangerschaft führen. "Frühabtreibung" ist, wenn man denn mit "Natur" argumentieren will, etwas völlig Natürliches.


Laß es mich allgemeiner sagen:

Die menschliche Kultur, liebe Turbofee, ist gegen die Natur entstanden. Alles Kulturelle ist unnatürlich. Zum Glück. Und dazu gehört auch, daß wir in der Lage sind, ungewollte Schwangerschaften abzubrechen.

In Antwort auf:
Wenn nur die Leute Kinder bekommen sollten, die das wirklich wollen und wirklich geplant haben, so hätte die Natur doch nicht einen so starken und heftigen Trieb davor setzen müssen, dem kaum jemand entgehen kann! Oder auch will, von mir aus.

Wie bei allen Arten ist auch bei den Primaten das Fortpflanzungsverhalten ein Ergebnis der Evolution. Je geringer die Überlebenschancen, umso mehr Nachkommen müssen produziert werden, wenn die betreffenden Gene weitergegeben werden sollen. (Dh wenn das nicht der Fall ist, dann werden diese Gene eben nicht weitergegeben, und die Art verschwindet).

In der Primatenhorde sind die Jungen relativ gut geschützt und haben eine gute Chance, ausreichend ernährt zu werden. Die "Kindersterblichkeit" ist also - verglichen mit vielen anderen Arten - gering. Deshalb können Primaten mit nur einer Schwangerschaft pro Jahr und in der Regel nur einem Nachkommen pro Schwangerschaft überleben. Kaninchen könnten das nicht. Unsere Amseln könnten das Überleben der Art nicht sichern, wenn sie pro Jahr nur ein Ei legen würden.

Immerhin brauchen Primaten in der freien Natur eben diese ungefähr eine Schwangerschaft pro Jahr, um die Population stabil zu halten. Weil die Kindersterblichkeit eben doch hoch ist; weil die Gefahr, gefressen zu werden oder an einer Krankheit zu sterben, groß ist.


Aber die Kultur überlagert halt die Natur. Noch bis ins 18. Jahrhundert mußten die Frauen während der Zeit ihrer Fruchtbarkeit fast ständig schwanger sein, damit die menschliche Population stabil blieb. Nur vielleicht jedes vierte oder fünfte Kind überlebte.

Heute ist das anders. Deshalb ist heute Geburtenkontrolle nicht nur möglich, sondern auch hochgradig wünschenswert. Einschließlich der Abtreibung. Auch wenn die - darüber sind wir uns sicherlich einige - nur im Notfall in Frage kommt.

Herzlich, Zettel

Turbofee Offline



Beiträge: 329

26.06.2006 09:15
#2 RE: Natur und Kultur antworten
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Zettel Offline




Beiträge: 20.200

26.06.2006 12:48
#3 RE: Natur und Kultur antworten

In Antwort auf:
Es muß nicht sein, daß die Gesellschaft stets einen Fortschritt macht - es kann auch zwischendurch umgekehrt gehen, außer natürlich im technischen Bereich.

Das ist ein Thema, das mich sehr interessiert. Grundsätzlich stimme ich dir zu. Es wird dazu, denke ich, demnächst was Ausführlicheres in Zettels Raum zu lesen geben.

In Eile, Zettel

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

27.06.2006 02:41
#4 RE: Natur und Kultur antworten

Liebe Turbofee,

jetzt in der Nacht habe ich Zeit zu einer etwas genaueren Antwort:

In Antwort auf:
Richtig ist, daß Geburtenkontrolle wünschenswert ist, und wenn sie nicht möglich wäre oder nicht erfolgen würde, so würden früher oder später die Menschen auf diesem Erdenrund sich gegenseitig auf den Füßen stehen. Das ist eine ganz einfache Rechnung, wenn man die bisherige Entwicklung der menschlichen Population fortschreibt. Dies umso eher, als die Medizin beträchtliche Fortschritte gemacht hat, so daß z.B. die Kindersterblichkeit stark zurückgedrängt werden konnte.

Genau. Man kann es auch brutaler sagen: Bis ins 19. Jahrhundert erfolgte die Populationssteuerung nachgeburtlich - durch die hohe Kindersterblichkeit. Wenn wir sie jetzt vorgeburtlich oder, noch besser, präkonzeptiv, stattfinden lassen, dann ist das ein großer humanitärer Fortschritt.

In Antwort auf:
Eine Frage, die sich auf einer anderen Ebene bewegt, ist die Frage nach der Abtreibung. Hier geht es um Ethik und den Wert des menschlichen Lebens überhaupt. Ich muß allerdings sagen, daß mir an diesem Grenzbereich eine Diskussion nicht möglich ist, weil es so ein sensibler Bereich ist, für den man wohl eine allgemein gültige Aussage nicht machen kann. Das ist jedenfalls der derzeitige Stand meiner Meinung. Uneingeschränkt gilt für mich nach wie vor der Satz: "Lieber Verhütung statt Abtreibung".

Diesem Satz stimme ich auch zu. Jeder Vernünftige muß das eigentlich tun. Auch im übrigen sehe ich das wie du: Wie alle ethischen Entscheidung ist das die Sache jedes (hier jeder) Einzelnen.

Da darf der Staat nicht hineinreden, da darf eine Kirche oder eine islamische Geistlichkeit nicht hineinreden. "Freedom of choice" - das trifft es genau.

In Antwort auf:
Ein anderes Thema ist es auch, warum es immer mehr Abtreibungen, auch bei jungen und sehr jungen Mädchen gibt. Darüber haben wir uns ja an anderer Stelle bereits unterhalten (mehrfach sogar). Damit sollten wir hier die gute Stimmung nicht verderben - aber mir scheint, daß irgendetwas falsch läuft in unserer Gesellschaft. Es muß nicht sein, daß die Gesellschaft stets einen Fortschritt macht - es kann auch zwischendurch umgekehrt gehen, außer natürlich im technischen Bereich.

Wie schon heute Vormittag gesagt - über dieses "falsch laufen" will ich bald einmal einen Beitrag in Zettels Raum schreiben.

Herzlich, Zettel

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