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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 28 Antworten
und wurde 5.789 mal aufgerufen
 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Seiten 1 | 2
Zettel Offline




Beiträge: 20.200

29.09.2010 07:53
#26 RE: Zettels Meckerecke: Meine Skepsis war begründet Antworten

Zitat von Meister Petz
Lieber R.A., das ist eine Frage, die ich mir schon oft gestellt habe, wieso so viele Menschen, die ja qua Hochschulabschluss, Promotion und sonstiger hoher Qualifikationen nicht völlig - wie man bei uns im Süden sagt - "auf der Brennsupp'n dahergschwommen" sein können, so häufig a) linksgrüne Positionen vertreten und b) weitgehend ausschließlich Medien konsumieren, die diese Positionen widerspruchslos bestätigen. Ich glaube, man macht es sich zu einfach, hir nur einen irgendwie gearteten Dachschaden zu vermuten.
Meine Vermutung ist viel eher, dass diese - auch oft wissenschaftlich gebildeten Menschen - ein völlig anderes Politikverständnis haben als Liberale oder Konservative, deren Anforderungen an die Politik sich weitgehend im Funktionalen erschöpfen. Darum geht es diesen Menschen nicht, sondern sie begreifen Politik als Mittel, Wünsche, Emotionen und Weltanschauungen hinsichtlich einer "besseren Welt" zu transportieren, ohne Rücksicht auf das Machbare zu nehmen. Nicht umsonst heißt ein alter Che-Guevara-Sponti-Spruch "Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche". Und kommt dann ein Sarrazin mit Effizienzargumenten, so wird er als kalter Zahlenmensch verhöhnt, dem diese Wünsche und Emotionen fehlen.


Ich zitiere Sie ganz, lieber Petz, weil ich Ihnen ganz zustimme.

Ich komme gerade von einer Reise, wo ich mit einem der klügsten Menschen, die ich kenne, Wissenschaftler mit hohem Ansehen, ein paar Stunden über Aktuelles & Allgemeines diskutiert habe. Mitglied der SPD mit Neigungen zur Linkspartei.

Wir haben zum Beispiel über Israel diskutiert. Woher hat er seine Informationen? Aus der "Zeit" und der FAZ.

Mit dem Internet kommt er nicht zurecht, das hält er für modernistisches Teufelszeug. Seine Manuskripte schreibt er per Hand und läßt sie dann seine Sekretärin abtippen. Seine Mails schreibt und empfängt auch die Sekretärin. Sie bucht für ihn die Hotels und die Flüge; im Internet könnte er das selbst nicht.

Er spricht passabel Englisch und ist ständig international unterwegs, kürzlich als Berater der chinesischen Regierung. Aber er hat noch nie einen Blick in die Washington Post, die New York Times oder die Jerusalem Post geworfen. Er glaubt, daß die Israelis sich widerrechtlich in Palästina niedergelassen haben, daß der Iran a) Atomenergie nur für friedliche Zwecke nutzt und b) das Recht auf eine Atombombe hat; Israel hat sie ja auch. Er sagte mir, daß er dafür gewesen war, Rumsfeld und Cheney verhaften zu lassen, sobald sie nach Europa gekommen wären, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Er hält eine CIA-Verschwörung an 9/11 für möglich.

Der Horizont dieses immens intelligenten Mannes ist, was die internationale Politik angeht, durch das definiert, was er in der "Zeit" und der FAZ liest. Ich habe ihm dringend geraten, zu lernen, wie man den Computer (den er herumstehen hat, aber noch nicht einmal hochfahren kann) bedient und wie man sich im Internet bewegt. Aber das wird nichts werden. Er hat keine Beziehung dazu, er hat das nie gelernt und ist nun alt (wird nun auch bald emeritiert).

Also stehen ihm die Informationen nicht zur Verfügung, die er bräuchte, um sein Weltbild zu überprüfen.

Herzlich, Zettel

R.A. Offline



Beiträge: 8.171

29.09.2010 11:17
#27 RE: Zettels Meckerecke: Meine Skepsis war begründet Antworten

Zitat von Zettel
Ich zitiere Sie ganz, lieber Petz, weil ich Ihnen ganz zustimme.


Das tue ich auch - meine Anmerkung zur ZEIT-Leserschaft war natürlich ironisch gemeint.

Zitat
Woher hat er seine Informationen? Aus der "Zeit" und der FAZ.


Und das ist ja nicht einmal so schlecht, denn zumindestens die FAZ ist ja im Kern noch ein seriöses Medium. Er wird sich aber wohl als dritter Quelle auch noch der Staatssender bedienen, die sind mit ihrem einseitigem Agitprop ein viel größeres Problem.

Zitat
Ich habe ihm dringend geraten, zu lernen, wie man den Computer (den er herumstehen hat, aber noch nicht einmal hochfahren kann) bedient und wie man sich im Internet bewegt. Aber das wird nichts werden. Er hat keine Beziehung dazu, er hat das nie gelernt und ist nun alt (wird nun auch bald emeritiert).


Nicht untypisch.
Aber Alter ist eigentlich keine Entschuldigung, man wird ja weder dümmer noch weniger aufnahmefähig. Mein Vater hat nach seiner Pensionierung angefangen, sich mit Computern zu beschäftigen - und dann VHS-Kurs dazu abgehalten.

Entscheidend ist der Wille, sich auf etwas Neues einzulassen. Und da besteht bei Ihrem Bekannten noch eine gewisse Hoffnung: Nach der Emeritierung wird er nämlich keine Sekretärin mehr haben, die alle möglichen Sachen für ihn erledigt. Und nur Zeitung lesen wird ihm für die Kommunikation wohl nicht reichen. Die Entzugserscheinungen können ein gutes Motiv sein, sich doch auf das Teufelszeug mit den Computern einzulassen.
Eine mir gut bekannte Ex-Landesministerin hat gerade diese Phase hinter sich. Sie hat sich immer mit Händen und Füßen gegen das moderne Zeug gewehrt - solange sie noch ein Büro hatte, daß für sie arbeitete. Das ist nun vorbei, und plötzlich hat sie sich von ihrem Neffen den PC einrichten lassen und fängt an, sich einzuarbeiten.

Also stehen ihm die Informationen nicht zur Verfügung, die er bräuchte, um sein Weltbild zu überprüfen.
Herzlich, Zettel
[/quote]

Meister Petz Offline




Beiträge: 3.923

29.09.2010 13:23
#28 RE: Zettels Meckerecke: Meine Skepsis war begründet Antworten

Zitat von Zettel
Ich komme gerade von einer Reise, wo ich mit einem der klügsten Menschen, die ich kenne, Wissenschaftler mit hohem Ansehen, ein paar Stunden über Aktuelles & Allgemeines diskutiert habe. Mitglied der SPD mit Neigungen zur Linkspartei.
Wir haben zum Beispiel über Israel diskutiert. Woher hat er seine Informationen? Aus der "Zeit" und der FAZ.



Danke für die Zustimmung!
Darf ich fragen, ob dieser Herr ein Naturwissenschaftler ist? Das ist nämlich auch eine Frage, mit der ich mich beschäftigt habe, denn es gibt glaube ich unterschiedliche Begründungen für dieses Weltbild. Ich kenne nämlich auch eine hochintelligente Naturwissenschaftlerin, die in ihrer Wissenschaft hochgradig exakt arbeitet und jede nicht bewiesene Behauptung zu vermeiden bzw. aus ihrer Arbeit auszuschließen versucht. Ihr Politikverständnis ist dagegen genau das von mir beschriebene, das umgekehrt jeden Funktionszusammenhang ignoriert und Wahlentscheidungen und Einschätzung von Parteien und Mandatsträgern nur aufgrund von der Sympathie der Positionen zulässt. Als Beispiel; ob eine Partei als fortschrittlich oder rückständig eingeschätzt wird, macht sie lediglich an Positionen zu Homo-Ehe und Klimawandel fest. Vielleicht ist es ja bei manchen Naturwissenschaftlern so, dass sie Politik sowieso nicht als mit wissenschaftlich erklärbaren Funktionszusammenhängen beschreibbaren Bereich ansehen, und dann vertreten sie so eine "Anything goes"-Haltung?

Umgekehrt hatte ich einmal das zweifelhafte Vergnügen, mit einem Professor für Politikwissenschaften am Tisch zu sitzen, und da ging es um das Thema Obama. Der wurde, wie nicht anders zu erwarten, gegen alle Angriffe in Schutz genommen, weil ihm ja bei dem Vorgänger-Regime die Hände gebunden sind. Auffällig war folgendes: Wie kommt ein Professor, der es eigentlich besser wissen müsste, eine demokratisch gewählte Regierung (und sei es Bush II) als "Regime" zu bezeichnen? Wieso lässt er die seinem Bereich eigenen definitorischen Standards über Bord fallen? Jedenfalls war das der Tag des WM-Achtelfinales USA-Ghana, und das erquickliche Gespräch endete mit der Aussage "Schön, dass Ghana gewonnen hat. Aber noch mehr hätte es mich gefreut, wenn diese Niederlage noch zur Bush-Zeit passiert wäre". Da ist mir nichts mehr eingefallen...

Nun ist aber ein Politikwissenschaftler sicher keiner, der bestreitet, dass es in der Politik Funktionszusammenhänge gibt (edit: Satz weniger verschachtelt). Sonderlich weltabgewandt wie der Herr in Ihrem Beispiel wirkte er auch nicht, immerhin hat er selber die USA auch bereist und wusste durchaus differenziert zu berichten. Und auch über die Mechanismen von Ideologie und Propaganda und die Wirkung von Feindbildern müsste er Bescheid wissen. Nun die Frage: Wieso reden intelligente Menschen so oft in politischen Diskussionen so dummes Zeug daher? Selbst wenn sie es besser wissen müssten?

Gruß Petz

Thomas Pauli Offline




Beiträge: 1.486

30.09.2010 13:12
#29 RE: Zettels Meckerecke: Meine Skepsis war begründet Antworten

Das hier ist wohl on topic:

Zitat von Samizdata
I have a simple explanation for the issue that Tim confronts here: folk like Williams believe they are above the fray of grubby advertising, and are free of being persuaded by the evil, silent tricksters of the ad trade. But the unwashed plebs, with their love of glossy magazines, game shows and the rest, need to be protected by their betters, you see.

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