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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 7 Antworten
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Frank2000 Offline




Beiträge: 1.585

29.09.2016 21:47
Der schleichende Tod der Anonymität im Internet am Beispiel von myPass antworten

Welt online hat einen neuen Dienstleister für sein Leserforum: myPass. Die bisherigen Registrierungsdaten verfallen ersatzlos: man muss sich neu bei myPass registrieren, wenn man weiterhin bei Welt online Kommentare abgeben möchte.

Um sich bei myPass zu registrieren, verlangt die Webseite von Welt online:
Vorname, Nachname, E-Mail, Passwort.

Außerdem muss man folgenden Text anklicken:

"Ich willige ein, dass (a) WeltN24 GmbH und Axel Sspringer SE meine Kunden- und Webanalysedaten zusammen mit den Daten auswerten und verknüpfen, die (b) die myPass GmbH an die von mir genutzten myPass-Dienstanbieter übermittelt. Ich kann beide Einwilligungen jederzeit wiederrufen. Für die Nutzung von myPass gelten die Nutzungsbedingungen von myPass."

Wenn man jetzt noch die "Nutzungsbedingungen von myPass" durchliest, dann findet man:

"Die im Zuge der Registrierung angegebenen Daten müssen, sofern sie nicht wie das Passwort von dem Nutzer frei gewählt werden, richtig sein.
...
Wir sind berechtigt, die Zugangsdaten des Nutzers bei Verstößen gegen diese Allgemeinen Nutzungsbedingungen, insbesondere wegen falscher Angaben bei oder nach der Registrierung...
"

Nach eigener Aussage ist myPass nicht nur ein Foren-Host, sondern ein allgemeiner digitaler Dienstleister, einschließlich der Einbindung von Bezahldiensten.
Außerdem muss man initial zustimmen, dass myPass die Angaben zu Werbezwecken und zur "Information des Nutzers" verwenden darf. Mittels Opt-out kann man diesen Passus zwar wieder loswerden - allerdings erst NACH Vertragsabschluss.

Insgesamt ist die ganze Angelegenheit höchst unappetitlich. Rein nach Textlage würde ich Welt online Zugriff nicht nur auf meine Daten geben, die während des Besuchs der Webseite Welt online entstehen. Darüber hinaus würde ich Welt online Zugriff auf ALLE meine myPass-Daten geben UND die Auswertung und Verknüpfung der Daten erlauben. Wer so was akzeptiert, hat wohl die Nutzungsbedingungen nicht gelesen.

Außerdem müsste ich nach Textlage meinen Klarnamen angeben - ob das bei der Anmeldung tatsächlich auf Glaubwürdigkeit geprüft wird, habe ich nicht ausprobiert.

Und die Krone der Unverschämtheit ist ein verstecktes nachgelagertes Opt-out für die Freigabe der Daten zu Werbezwecken. myPass firmiert nach deutschem Recht.

Als (konservativem) Liberalen bleibt mir da die Spucke weg. Die Möglichkeit, weitgehend anonym oder wenigstens gekapselt anonym (wie zum Beispiel bei google) im Internet die Meinung zu äußern ist wieder ein Stück schwerer geworden. Nun, in Deutschland gibt es schon seit Jahren den massiven Wunsch von Politikern und Teilen der Meinungsmultiplikatoren, dass der Bürger digital überwacht werden müsse. myPass ist auf jeden Fall ein großer Schritt in diese Richtung.

___________________
Kommunismus mordet.
Ich bin bereit, über die Existenz von Einhörnern zu diskutieren. Aber dann verlange ich außergewöhnlich stichhaltige Beweise.

Dennis the Menace Offline




Beiträge: 382

30.09.2016 11:05
#2 RE: Der schleichende Tod der Anonymität im Internet am Beispiel von myPass antworten

Zitat von Frank2000 im Beitrag #1



Als (konservativem) Liberalen bleibt mir da die Spucke weg.


Mir eigentlich nicht, lieber Frank 2000.

Denn als Liberaler ("konservativ" lass ich bei mir mal weg , aber das spielt ja keine Rolle) frage ich mich, wieso ich überhaupt legitimiert bin, gegenüber welt-online irgendwelche, wie auch immer geartete Ansprüche geltend zu machen bzw. warum die nicht berechtigt sind, beliebige Restriktionen im Hinblick auf Kommentare geltend zu machen. Und die vielfache, um nicht zu sagen regelhafte Verwendung von Daten im Netz als Währung, mit der Leistungen bezahlt werden, ist auch nicht unbedingt 'ne Neuigkeit. Im Übrigen steht es ja jedem frei, die Kommentarspalten in den einschlägigen Netzpräsenzen nicht als eine Leistung sondern als verzichtbaren Quatsch aufzufassen und diesbezüglich tschüüss zu sagen. Man bewegt sich jedenfalls daselbst in einer Privatwohnng und nicht im öffentlichem Raum. Beachte: das Ganze korrespondiert mit den früheren Leserbriefen, und wie war's denn da ?

Aber womöglich ist es doch auch die schlechteste Lösung nicht, wenn man sein Geld behält und stattdessen ein paar lächerliche Daten abliefert, oder ?

Nehmen wir mal an, ich kann beim Bäcker meine e-mail Adresse bekannt machen und außerdem noch berichten, wohin ich gerne im Urlaub verreise, woraufhin der selbige Info an ein Reisebüro verscherbelt, woraufhin entsprechende Werbung in mein Postfach kommt. Is datt denn ein schlechtes Geschäft, wenn man dafür die Brötchen für lau kriegt? Wenn dergleichen Usus wäre, würde allerdings alle Welt glauben, hinter den Brötchen steckt eigentlich gar keine Leistung; vielmehr handelte es sich um eine Selbstverständlichkeit, die mir einfach so voraussetzungslos zusteht.

lich
Dennis

Myosotis Offline



Beiträge: 3

14.12.2016 15:08
#3 RE: Der schleichende Tod der Anonymität im Internet am Beispiel von myPass antworten

Ich hatte mich auch bei Welt online registrieren lassen. Daß jetzt neue Regel gelten, war mir nicht bekannt. Vielen Dank für die Informationen.

Da ich nicht unbedingt einen neuen Thread anlegen möchte, stelle ich in diesem Kommentar ein Buch zur Diskussion, das sich auch mit dem Internet und der Digitalisierung der Gesellschaft beschäftigt.

Anfang des Jahres ist neues Buch von Harald Welzer erschienen: „Die smarte Diktatur“ (S. Fischer).

Welzer beschreibt einen neuen Typus der digitalen Diktatur, dem sich viele Bürger nicht nur freiwillig ausliefern, sie verrichten auch einen wesentlichen Bereich des Unterdrückungsgeschäfts selbst. Sie liefern - ohne groß darüber nachzudenken - ihre Daten für die totale Überwachung. An Silicon-Valley-Unternehmen und an Geheimdienste. Es funktioniert, weil diese Diktatur auf das aufbaut, was westliche Menschen wirklich und leidenschaftlich gern machen: Dienstleistungen und Produkte konsumieren. Das ist Welzers Hauptthese Nummer 1.

Kritiker des Buches könnten sagen: "Da steht ja kaum etwas über Digitalisierung drin." In gewisser Weise stimmt diese Behauptung auch. Aber es geht dem Autor nicht um die Details der Digitalisierung, sondern um die Effekte. Die Digitalisierung ist in seinem Denken die Fortschreibung des Alten mit einer schön glänzenden Oberfläche.

Die Digitalisierung, sagt Welzer, löst kein einziges der großen Menschheitsprobleme.
„Diese Gesellschaft spricht über bestimmte Zusammenhänge nicht, die zu ihrem Stoffwechsel dazugehören“.

Ich würde mich über Meinungsäußerungen zu dem Buch freuen.

Martin Offline



Beiträge: 2.319

14.12.2016 17:19
#4 RE: Der schleichende Tod der Anonymität im Internet am Beispiel von myPass antworten

Tja, Frank, das waren noch Zeiten so um 2000, als wir auf Focus TdT frisch von der Leber schreiben konnten. Das wird sich nicht mehr wiederholen.

Ich frage mich aber, warum noch niemand ein freies Diskussionsforum eröffnet hat, auf dem nach Nachrichtenmedien sortiert deren Beiträge unabhängig diskutiert werden. Etwa so: Hier dürfen Sie den Beitrag xxxx auf Welt-online (oder in der Print-Ausgabe) diskutieren, wir moderieren sehr zurückhaltend.".

Dann können Medien ihre Kommentarfunktionen gleich abschalten.

Gruß, Martin

Ulrich Elkmann Offline




Beiträge: 6.845

14.12.2016 20:19
#5 RE: Der schleichende Tod der Anonymität im Internet am Beispiel von myPass antworten

Zitat von Myosotis im Beitrag #3
Die Digitalisierung, sagt Welzer, löst kein einziges der großen Menschheitsprobleme.


Diese Probleme sind auch gar nicht dazu da, gelöst zu werden. Pas de chance. Von der Fragilität des Lebens (Stichwort: negentropischer Prozess) auf allen seinen Ebenen & alle Ungleichheiten, über die Kluft zwischen Hoffnung & Wirklichkeit über die Grausamkeit der menschlichen Natur über alle Friktionen. Das einzusehen gehört zum geistigen Erwachsenwerden. Aber: Werkzeuge, in jedem Sinn, vom gewebten Stoff über die Schrift, soziale Organisationen, das akkumulierte Weltwissen & der Zugriff darauf, solche Petitessen wie Rechtssicherheit & Gewaltenteilung, die wissenschaftliche Methode, R&D - all das macht dem Umgang damit, die Einhegung der Risiken & das Leben in unseren großen sozialen Verbänden bis hin zur Megalopolis (auch hier: auf allen Ebenen, von der warmen Mahlzeit, Bespaßung, Informationsbeschaffung, bis zur Wahlkampa oder #aufschrei) leichter & profitabler für alle Teilnehmer. Und die Digitalisierung ist die bislang letzte Etappe & die, die gleich nach dem Buchdruck an Bedeutung kommt. Die erste Digitalisierung war die Erfindung der Zahlen. Man kann auch ohne Nummern & Medizin, nur nicht ganz so gut. Egal ob nun gestikulierend vor der Lehmhütte oder vorm Bildschirm (oder vllt. in Zukunft per Chip direkt in die Broca- & Wernickezentren): es wird immer 2 Jahre dauern, in einer neuen Sprache zu radebrechen & 5 Jahre, in ihr geläufig sein. Ich plädiere in solchen Fällen dafür, solchen Leuten mal 6 Monate Email, WattsApp & Schreibprogramm vorzuenthalten, wenn sie ihr nächstes Buch rescherschieren/schreiben/lektorieren.

Welzers Sorge ist ja nur der x-te Aufguß der alten Befangenheit, die schon überständig war, als die Grünen sie 1986 in ihr offizielles Parteiprogramm geschrieben haben: Big Brother, Überwachungsstaat, Kontrolle, "Rasterfahndung", Ede Zimmermann. Genkontrolle! Aktuell bescheren uns die damals hochgezogenen Verbote die maximale Komfortzone für Mörder & Gewalttäter. Wenn es nach dieser Befindlichkeit ginge - in dieser Haltung wird ja stets sofort auf das Hans Jonas'sche Prinzip Verantwortung abgehoben, gäbe es weder PC, Netz, Händi, bis runter zu den Technologien der industriellen Revolution (die waren immerhin brandgefährlich) bei uns. Nur spielt das Leben nicht so, wie die Gouvernanten wollen. Daß das bei der Gentechnik geklappt hat, liegt daran, daß sie eben keinen signifikanten Nutzen/Kostenersparnis/Produkterweiterung bietet gegenüber dem, was 1,5 Milliarden Jahre Evolution & 10.000 Jahre Pflanzenzucht hervorgebracht haben. PLUS des kollektiven Frankenstein-Reflexes bei uns. Die Welzerschen Aufwallungen haben da übrigens eine seltsam invariante Amplitude: das blitzt exakt alle 10 Jahre auf & versinkt dann wieder spurlos. Das letzte Mal rumpelte das unter dem Motto Google verblödet! durchs globale Dorf, davor 1994-96 (u.a. mit der letzten Jeremiade auf die Printkultur, Sven Birkerts The Gutenberg Elegies & Clifford Stolls Silicon Snake Oil), davor 84-86 zu Orwells Jahr (bei den Grünen stolpert man in den Erregungen dieses Durchgangs alle 3 Zeilen unweigerlich über die Vokabel "Glasfaserkabel"; das war das Symbol für alles Üble dieser Teufelstechnik; 10 Jahre später war das ROM, zehn Jahre davor die Worte "Lochkarte/stechen/Register"; 2004 fokussierte sich die Weltversklavung da auf die oberste Domänenvergabe in der Netzadresse : damit können die Amis uns ja a) unterjochen und b) komplett incommunicado setzen.) Die Voraussetzung für diese spezielle Angstprojektion ist, daß "die Zukunft" allgemein schwarz grundiert gesehen wird. Und daß "Digitalisierung/Computer" als alltägliche Faktoren in dieser Zukunft drohen. (Für 1964 ist das noch nicht der Fall: da waren Computer riesige Mainframes, die noch keiner gesehen hatte & die bloß klickten & blinkten: was die taten & ausspuckten, wußte keiner. Deshalb ist HAL 9000 bei Kubrick (1964/65 konzipiert) noch auf die klassische Meuchelweise unterwegs, "den Dolch im Gewande", der einen nach dem anderen aus dem Spiel nimmt.)

Versendet sich & kommt 2024/26 garantiert zurück, wenn die Auto-Nomen mit den 4 Rädern die Weltherrschaft übernehmen.

Wenn man es mit der richtigen Seelenruhe betrachtet, hat so ein Phänomen selbst etwas Beruhigendes: weil es immer, und immer unverändert, wiederkehrt, egal, wie die Welt seitdem gelaufen ist. Das ist wie mit dem modischen Jugendirresein, das seit der "Erfindung der Jugend" um 1895 herum wiederkehrt, und jedesmal glaubt, den Aufstand gegen die spießigen Ahnen als erste erfunden zu haben.



"Les hommes seront toujours fous; et ceux qui croient les guérir sont les plus fous de la bande." - Voltaire

Myosotis Offline



Beiträge: 3

16.12.2016 21:13
#6 RE: Der schleichende Tod der Anonymität im Internet am Beispiel von myPass antworten

Ich war mir nicht sicher, ob ich mich in diesem Forum anmelden soll. Gestört hat mich die teilweise übertriebene "Wortakrobatik", die manche Autoren hier zelebrieren. Anstatt auf ein Thema wirklich einzugehen, demonstrieren viele Autoren von Beiträgen ihre über lange Jahre angesammelten Kenntnisse.

So hatte ich mich auch auf Beiträge von Menschen gefreut, die Welzers Buch auch wirklich gelesen haben. Das folgende Zitat läßt mich daran zweifeln, dass der Autor sich mit dem Inhalt des genannten Buches auseinander gesetzt hat:

"Welzers Sorge ist ja nur der x-te Aufguß der alten Befangenheit, die schon überständig war, als die Grünen sie 1986 in ihr offizielles Parteiprogramm geschrieben haben: Big Brother, Überwachungsstaat, Kontrolle, "Rasterfahndung", Ede Zimmermann. Genkontrolle!"

Nein, Welzers Sorge ist nicht der x-te Aufguß eines schon oft thematisierten Themas. Er verknüpft die Globalisierung mit anderen aktuellen Themen und unterscheidet sich dadurch von vielen anderen Denkern, die ziemlich eindimensional über die Digitalisierung schreiben.

Ulrich Elkmann Offline




Beiträge: 6.845

17.12.2016 02:17
#7 RE: Der schleichende Tod der Anonymität im Internet am Beispiel von myPass antworten

Da muß ich mich entschuldigen. Ich hätte schreiben sollen: "nach dem, was Sie schreiben, sieht es aus, als ob Welzers Hauptanliegen im Großen und Ganzen auf eine Wiederaufnahme dieser alten Sicht ist..." - eine Sicht, die mir, in den letzten 35 Jahren, immer wieder, wenn man einmal über die Oberflächenphänomene hinausgeht, an denen sich das zunächst festmacht (die wechseln mit den Jahrzehnten, und die habe ich mit "Rasterfahndung" ppp. ganz kurz & äußerst selektiv aufgezählt) in Buch nach Buch herausgeschält hat, das mir untergekommen ist. Diese im Grunde zukunftspessimistische Sicht findet sich seit den 60er Jahren im Westen überall, sie hat drei unterschiedliche Ausprägungen (man könnte sagen "Geschmacksrichtungen", im Englischen würde ich hier von "flavors of pessimism" sprechen): die eher gegenkulturell-blumenkinderhaft unterfütterten in der amerikanisch/englischen Tradition; die prinzipiell auf eine apodiktische philosophische, die das viel tiefer und grundsätzlicher ablehnt: das ist die Französische Schiene mit Foucault als Mittelpunkt & die deutschsprachige der Frankfurter Schule (die ist dann zumeist gepaart mit einem kulturprotestantischen Impetus, der aus Max Weber und dessen Zeitgenossen hergeleitet ist): in dem Fall etwa Hans Jonas, den ich erwähnt habe, aber auch Leute wie Heidegger. Aber die Sicht, daß sich die Menschheit das eigene Grab gräbt, indem sie sich selbst haltlos an, tja, Dämonen ausliefert, gegen die sie sich nicht wehren kann & die sie durch ihr blindes Tun erschaffen hat: das bleibt über die Jahrzehnte gleich. Diese "Dämonen" sind drei verschiedene: zum einen die Katastrophe, die "von außen" her der Menschheit oder der Erde die Lebensgrundlage wegziehen wird, also die Malthus'sche Knappheitsbefürchtung: Erschöpfung der Ressourcen, Vernichtung der Lebenswelt (durch Atomkrieg, durch Überbevölkerung, durchs Ende des ls, und seit 30 Jahren durch den "menschengemachten Klimawandel"). Die zweite Art von Bedrohung wird in der Entseelung durch die Technik, die moderne Lebenswelt, die Massengesellschaft, die Massenkultur gesehen: das ist der Aspekt, den die Kritiker der Digitaliserung, des Netzes, der "evrwalteten Gesellschaft" unweigerlich im Fokus haben. Das war bei Heidegger so, das war bei R.D.Laing oder Charles Reich um 1970 herum der Fall; das hat 1999 Ray Kurzweil umgetrieben. Und ich bin, nach Ihrer Schilderung, davon ausgegangen, daß das auch die Hauptstoßrichtung von Welzer sein würde - ohne diesen bestimmten Text nun gelesen zu haben - schon deshalb, weil mir hier in Texten dieser Warndystopien seit deren Hochzeit während der siebziger Jahre keine neuen Aspekte untergekommen sind. (Der 3. Variante kann man die "Spenglersche" nennen; die leitet sich aus zyklischen Geschichtsvorstellungen ab.) Und ja, es sammelt sich über die Jahre einiges an Leseerfahrung an, das mir einen grundsätzlichen Zweifel an der Triftigkeit all dieser Zukunftswarnungen eingepflanzt hat. Intrinsisch, weil es, wie gesagt, "alter Wein in neuen Schläuchen" ist; extrinsisch, außerhalb des jeweiligen Textuniversums, weil sich keine einzige dieser Warnungen, Befürchtungen, Dystopien, als zutreffend erwiesen hat. Nicht im Großen-Ganzen, nicht im Partikularen - die Menschheit hat sich nicht durch Technik (oder durch soziale Techniken, oder durch weltweite umfassende politische Tyrannis, oder durch "den Tod der Umwelt", man kann da jeden einzelnen befürchteten Aspekt nehmen) entmündigen, vermindern, verarmen lassen. Gerade die Technik war immer ein Hilfsmittel, eine Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten, ein Wohlstandvermehrer. Und natürlich habe ich mir, mittlerweile auch einige Jahrzehnte lang, Gedanken darüber gemacht, warum das so ist & warum die Pessimisten & Schwarzseher da immer falsch gelegen haben. Und dieses immer kann man ganz fett und unterlegt schreiben. Sie hatten mit ihrem Generalpessimismus unrecht, und sie haben in jedem einzelnen Detail ihrer imaginierten Zukünfte falsch gelegen. (Ich habe da mal, halb im Scherz, ein "generelles Gesetz" formuliert: wenn in einer Zukunftsvision, ob nun im SF-Film, ob in gedruckter Science Fiction, in "Visionen", also angeblicher Prophezeiungen wie bei Edgar Cayce oder Irlmaier oder solchen Leuten, wo dann eine Zukunft mal so geschrieben wird, daß sich Details ausmachen lassen; oder Futurologischen Entwürfen à la "Die Welt in 50 Jahren": egal wie das daherkommt: wenn da ein konkretes Detail geschildert wird, vom Beamen bis zum Computer des Jahres 2050; vom Kleidungsstil bis zum Städtebau: dann ist das Detail, wenn man es mit der späteren Wirklichkeit vergleicht, komplett falsch. Immer.)

Ich habe aber, da haben Sie recht, daß es mir eigentlich nicht ansteht, mich über einen ungelesenen Text auszulassen, gegen Welzer selbst auf diesem Gebiet Vorbehalte. Auch gegen Soziologen-überhaupt als Warner: die können die Gegenwart halbwegs deskriptiv beschreiben: wie die Menschen miteinander umgehen, welches die Elemente einer Gesellschaft sind, wie die "Subsysteme" - um Luhmanns Vokabel zu gebrauchen - ineinandergreifen: aber warum die das ergeben, was sie ergeben: da wirds schon zweifelhaft: wer etwa aus einer Subkultur bzw. gesellschaftlichen Teilmenge kommt, ob nun Punker, Soldat, Büromensch oder Programmierer, der erkennt sich in den Beschreibungen dieser Branche einfach nicht wieder. Warum die Chaoten genau dann losschlagen, wenns sies tun; welche Faktoren ausschlaggebend sind; warum manche Gesellschaften scheitern, wenige prosperieren, warum die sich wandeln. Bei Darstellungen der Vergangenheit wird das sehr zweifelhaft; denen bleibt zumeist nur das wenige zu beschreiben, was die archäologische oder urkundliche Quellenlage hergibt: aber "wie das war", ein römischer Soldat, ein Beamter im Alten China gewesen zu sein: das kann dieses Metier schlicht nicht leisten. Und zur Prophetie taugt ein System, das die Gegenwart nicht aus früheren Zuständen herleiten kann, nicht ansatzweise, schlicht a priori nicht. G. K. Chesterton hat das am besten vor 112 Jahren in seinen "Introductory Remarks on the Art of Prophecy" zum Roman The Napoleon of Notting Hill ausgedrückt:

Zitat
The human race, to which so many of my readers belong, has been playing at children's games from the beginning, and will probably do it till the end, which is a nuisance for the few people who grow up. And one of the games to which it is most attached is called "Keep to-morrow dark," and which is also named (by the rustics in Shropshire, I have no doubt) "Cheat the Prophet." The players listen very carefully and respectfully to all that the clever men have to say about what is to happen in the next generation. The players then wait until all the clever men are dead, and bury them nicely. They then go and do something else. That is all. For a race of simple tastes, however, it is great fun.



Mein spezieller Impetus gegen Welzer stammt von seinem Buch "Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird" von 2008 her. Nicht nur, weil er die "Klimakatastrophe", die "menschengemachte globale Erwärmung" als unbezweifelbar annimmt, als feststehende, unausweichliche Bedrohung, ganz im Sinn Al Gores oder des IPCC - er leitet dann daraus auch in ganz schlichter Sicht, mit roboterhafter Linearität, großflächige Kriege um Resourcen, um noch bewohnbare Lebenszonen auf einer versteppenden Erde ab, mörderische Wanderungsbewegungen. Nicht nur, daß jegliche Evidenz fehlt, daß eine solche Entwicklung sich nirgendwo abzeichnet; es ist auch nicht so, daß ersichtlich ist, wie auf die reine Existenz reduzierte Opfer, die nichts als ihre bloße Masse für sich reklamieren könnten, das dem entwickelten Teil der Welt aufzwingen könnten. Die "luke-warmer"-Position eines Björn Lomborg etwa, der ja die Erwärmung nicht in Zweifel zieht, sieht in den Möglichkeiten des technischen Fortschritts und des rasant zunehmenden Wohlstands auf der Welt die Möglichkeit, sich völlig problemlos auf die verändernden Bedingungen einzustellen. Wir haben zwar rasante & in diesem Umfang noch nie in der Geschichte gesehene Wanderbewegungen auf der Welt - aber die gehen, völlig unabhängig von "Klima" oder malthusianischen Krisen, immer von Armut zu Reichtum, vom Mangel zum Überfluss. Kriege gibt es genug (übrigens mit beständig abnehmender Frequenz & Opferzahl): aber das Klima hat damit nichts, gar nichts zu tun. Und das, was wir etwa momentan in Syrien sehen, hat mitnichten irgendeine "neue Qualität", zeigt kein niegesehenes "Versagen der Humanität": es ist für 90% der Weltgeschichte, seit 7000 Jahren, der immer wiederkehrende Zustand - zumal im Fruchtbaren Halbmond und einem Gürtel von Spanien über Nordafrika bis zu den Steppen Innerasiens.

Welzer hat auch sonst, wo er einen "ausgeweiteten Fokus" zeigt - also jenseits seiner akademischen Forschungstätigkeit über die Gruppendynamik von mörderischen Gruppen in Zustand, wo sie die absolute Enthemmung, das massenweise Töten Unbeteiligter, ausleben konnten, wo er sich auf Aussagen, auf Erinnerungen stützen kann - einen Hang zu Bescheidenheitsaufrufen, zu Konsumverzicht, zur Empfehlung einer quietistischen Demutshaltung: die Menschheit möge sich bitte mit weniger zufriedengeben. Und das ist natürlich nun gar nichts neues, das wird von allen Kanzeln, ob nun traditions-religiösen oder ökonaturfrommen, seit Jahrhunderten gepredigt & eingefordert. Aber ein Soziologe, der sich das zu eigen macht, recht eigentlich im normativen Sinn, sägt damit an seiner fachlichen Glaubwürdigkeit. Denn "die Menschheit" verhält sich nicht so, sie wird sich niemals so verhalten, sie ist nicht so gestrickt. Wo sie es tut, ist es der Mangel an Möglichkeiten, eiserne Zwänge, Tyrannei. Wer die Zukunft des Menschen und seine Bedrohungen einschätzen möchte, täte gut daran, die Leute so zu beschreiben, wie sie sich, aller gegenwärtigen und historischen Empirie nach, verhalten.

Das wären, das sind meine Vorbehalte gegen jeden Text dieser Gattung, die mir in 3 Jahrzehnten Lektüre zugewachsen sind. Die ich nicht ablegen kann, um an einen solchen Text "unbeleckt" herangehen zu können: das eben ist der Ertrag dieser Lektüreerfahrung. Möglich, daß Welzer hier ganz anders, offen, inspirierend, realistisch, souverän ist. Ich kenne aus diesem Metier unter all den aberhunderten, die es hervorgebracht hat, von H. G. Wells' Anticipations von 1902 bis zu Juval Noel Hararis Homo Deus: A Short History of Tomorrow aus diesem Jahr exakt nur zwei Titel, die das auch nur ansatzweise einlösen: Arthur C. Clarkes Profiles of the Future (1962) & Stanislaw Lems Summa Technologiae (1964). Und das liegt schlicht daran, daß beide Bücher darauf verzichten, uns die Zukunft auszumalen & damit zu drohen, sondern, unter Aufbietung von wissenschaftlicher Erkenntnis und Ingenieurserfahrung, den Lesern darlegen, womit sie auch in Zukunft - von "Eroberung des Alls" bis "Unsterblichkeit" - niemals zu rechnen haben.

PS. Die Gabe des nichtbarocken Anti-Gongorismus* haben mir die Götter leider vorenthalten (die 13. Fee bei meiner Taufe war Ernest Hemingway) & der Rückgriff auf Erfahrungen aus direkter wie vermittelter Art scheint mir bei der treffenden Einschätzung von Themen nicht völlig hinderlich.

* abgeleitet v. Luis de Gongóra, 1567-1627, span. Barockdichter, dessen im Deutschen vermeintliche Äquitur "Zopfstil" die rekursive Autogenese metagraphischer wie metonymischer Transgression referentieller Opazität im semantischen Verweiskontinuum textueller wie kontextueller Operanden echt nicht trifft.



"Les hommes seront toujours fous; et ceux qui croient les guérir sont les plus fous de la bande." - Voltaire

Fluminist Offline




Beiträge: 1.915

17.12.2016 10:58
#8 RE: Der schleichende Tod der Anonymität im Internet am Beispiel von myPass antworten

Zitat von Ulrich Elkmann im Beitrag #7
Da muß ich mich entschuldigen. Ich hätte schreiben sollen: "nach dem, was Sie schreiben, sieht es aus, als ob Welzers Hauptanliegen im Großen und Ganzen auf eine Wiederaufnahme dieser alten Sicht ist..." - eine Sicht, die mir, in den letzten 35 Jahren, immer wieder, wenn man einmal über die Oberflächenphänomene hinausgeht, an denen sich das zunächst festmacht [... pp ...] abgeleitet v. Luis de Gongóra, 1567-1627, span. Barockdichter, dessen im Deutschen vermeintliche Äquitur "Zopfstil" die rekursive Autogenese metagraphischer wie metonymischer Transgression referentieller Opazität im semantischen Verweiskontinuum textueller wie kontextueller Operanden echt nicht trifft.

Diese atemberaubende Paraphrase von "habe das Buch nicht gelesen" ist eine schöne Illustration der Beobachtung
Zitat von Myosotis im Beitrag #6
[...] demonstrieren viele Autoren von Beiträgen ihre über lange Jahre angesammelten Kenntnisse.


Auf Englisch wär's kürzer gegangen: 'The dog ate my homework'.

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