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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 1 Antworten
und wurde 144 mal aufgerufen
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Frank2000 Offline




Beiträge: 1.570

14.07.2017 12:30
Deutsche Kultur gibt es doch gar nicht - oder doch? antworten

Die Diskussion der letzten Monate drehte sich auch immer wieder um die Frage, warum sich so viele Deutsche eigentlich aufregen, wenn Millionen ungelernte, kein Deutsch sprechende Muslime nach Deutschland kämen.
Da es keine deutsche Kultur gäbe, wäre es auch egal, wenn einfach alle Grenzen abgerissen werden und Deutschland von Grund auf neu besiedelt wird mit den Menschen, die halt aktuell stark genug wären, die Macht über die Straße an sich zu reißen.
Die schon länger hier Lebenden wäre halt total arrogant und verwöhnt und glaubten, so eine Art "historisches Vorrecht" auf dieses Gebiet zu haben, was natürlich Quatsch sei - so der Tenor des Merkelisimus.

Allerdings scheint es eine sehr deutsche Sichtweise zu sein, dass es keine deutsche Sichtweise gibt. Es ist also Teil der deutschen Kultur zu negieren, dass es eine deutsche Kultur gibt.
Wie sehen das Nicht-Deutsche?

Da bin ich durch Zufall über den Geert Hofstede gestolpert, der sich mit Nationen-spezifischen Verhaltensweisen beschäftigt hat:
https://geert-hofstede.com/germany.html

Hofstede verwendet ein Modell aus sechs Kennzeichen:

"Power distance": Die Akzeptanz oder Negierung von sozialen und politischen Klassenunterschieden sowie persönlicher Macht

"Individualism": Die Betonung eines individuellen Lebensentwurfs contra der Akzeptanz sozialer&familiärer Verpflichtungen

"Masculinity": Dieser Punkt umfasst alles, was mit Wettbewerb, Gewinnen wollen und Anhäufen materiller Statussymbole zu tun hat. Die Gegenposition -die "weibliche Position"- würde dagegen nicht-materielle Ziele betonen, Aufopferung und Stoizismus.

"Uncertainty Avoidance": Bei diesem Thema geht es um die Akzeptanz von Unsicherheit und Unvorhersagbarkeit. Die Gegenposition dazu wäre, dass eine Gesellschaft in erheblichem Ausmaß Ressourcen aufwendet, um Veränderung vorherzusagen, zu zu verhindern oder zu negieren.

"Long Term Orientation": Hier geht vor allem um die Orientierung an der Vergangenheit als Vorlage für gegenwärtiges und zukünftiges Handeln. Die Gegenpsoition dazu wäre, dass so was wie Tradition, Kultur und gesellschaftliche Konstanz keine Rolle haben dürfe und jederzeit alle Regeln neu geschrieben werden dürfen (und müssen).

"Indulgence": das sechste Kennzeichen behandelt die Erziehung: eher Autoritär oder Anti-Autoritär?

Was mir an Hofstedes Arbeit gefällt, ist dass er manche Sichtweisen bestätigt, die wir hier im Forum auch schon thematisiert hatten.
zum Beispiel wird in Deutschland das Bild geprägt, dass die USA sehr stark Machtunterschiede betonen würden ("Power dicstance"), also soziale, wirtschaftliche und politische Klassenunterschiede bewusst gepflegt und begrüßt würden.
Während eigentlich alle USA-Kenner das genaue Gegenteil berichten und den USA genauso eine Abneigung gegen tradierte Klassenunterschiede bescheinigen wie Deutschland. Man denke nur an die Grundrissplanung von New York... das hat schon einen Grund, warum das Stadtbild in "Blocks" eingeteilt ist...

Was sagt ihr zu Hofstedes Arbeit?

___________________
Kommunismus mordet.
Ich bin bereit, über die Existenz von Einhörnern zu diskutieren. Aber dann verlange ich außergewöhnlich stichhaltige Beweise.

Emulgator Offline



Beiträge: 1.920

14.07.2017 16:36
#2 RE: Deutsche Kultur gibt es doch gar nicht - oder doch? antworten

Zitat von Frank2000 im Beitrag #1
Da es keine deutsche Kultur gäbe, wäre es auch egal, wenn einfach alle Grenzen abgerissen werden und Deutschland von Grund auf neu besiedelt wird mit den Menschen, die halt aktuell stark genug wären, die Macht über die Straße an sich zu reißen.
Die schon länger hier Lebenden wäre halt total arrogant und verwöhnt und glaubten, so eine Art "historisches Vorrecht" auf dieses Gebiet zu haben, was natürlich Quatsch sei - so der Tenor des Merkelisimus.

Allerdings scheint es eine sehr deutsche Sichtweise zu sein, dass es keine deutsche Sichtweise gibt. Es ist also Teil der deutschen Kultur zu negieren, dass es eine deutsche Kultur gibt.
Inhaltlich-positiv negiert das keiner. Allenfalls ist einzuwenden, daß in Deutschland die kulturelle Homogenität eigentlich eher auf der Ebene der Länder liegt. Nur weil bei uns Hochdeutsch Lingua Franca ist, haben wir nicht dieselbe Kultur.

Der eigentliche Knackpunkt ist, worin sie genau bestehen und welchen (normativen) Schluß man aus dem vorliegen unterschiedlicher kultureller Prägungen zieht, insbesondere welchen Wert sie für das soziale Miteinander haben. Manche denken, ein verordneter GG-Kult würde ausreichen, um alle anderen, gesetzesfremden kulturellen Differenzen zuzukleistern, etwa die Frage nach Pünktlichkeit, Umgang mit Autoritäten, ob man beim Gespräch einander in die Augen blickt usw. Andere sprechen vorsichtshalber nur noch falsches Englisch (neulich gelesen auf einem Antifa-Spucki: "Truthahn = Befreit sie alle!" -- natürlich auf Englisch). Wieder andere haben eine fundierte Meinung zu der Frage, aber sie werden nicht verstanden wegen ihres Dialekts. Ich glaube, man muß erst einmal sich selbst erkennen.

Zitat von Frank2000 im Beitrag #1
Während eigentlich alle USA-Kenner das genaue Gegenteil berichten und den USA genauso eine Abneigung gegen tradierte Klassenunterschiede bescheinigen wie Deutschland. Man denke nur an die Grundrissplanung von New York... das hat schon einen Grund, warum das Stadtbild in "Blocks" eingeteilt ist...
Die Abneigung richtet sich ja nur gegen die Klassenunterschiede, die man irgendwie als störend wahrnimmt. Sofern der Adel nicht Freiherr/Graf/Fürst heißt sondern VIP/Star, sind die USA gut mit dabei. Da gibt es ja auch die Tendenz zur Erblichkeit.

Dichronauts »»
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