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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 193 mal aufgerufen
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Daska Offline




Beiträge: 241

01.08.2017 21:41
Konrad Klapheck, L'homme dans la femme antworten

Weshalb nennt Konrad Klapheck eine Lithographie aus dem Jahr 1996 „L’homme dans la femme“ ?

Die Mitte des Kunstwerks wird beherrscht von einer roten Fläche mit abgerundeten Kanten. Durch die asymetrisch-konisch verlaufende Linienführung sowie ein angedeutetes Spiel von Licht und Schatten entsteht der Eindruck eines dreidimensionalen Gegenstandes. Auf seiner Oberfläche sind vier mal sechs Quader in Reih und Glied angeordnet. Deren Kanten sind akkurat und scharf, wie mit einer harten Stanze aus dem ursprünglichen Rohling herausgestanzt. Warme Brauntöne schmiegen sich an das sinnliche Rot der Bildmitte. Der virtuelle Fluchtpunkt des Ensembles liegt außerhalb des Bildes, sodass der Eindruck einer großen Tiefe entsteht, die durch das satte Blau des Hintergrunds noch verstärkt wird. Die Quader sind mit hebräischen Lettern besetzt. Die hintere Oberkante des verfremdeten Objekts ist nach oben gezogen und scheint in einen in einen querliegenden Zylinder zu fließen. Dieser wird von oben durch eine Art dreidimensionalem Haken gehalten.

Die Anordnung der hebräischen Buchstaben auf den Quadern, Zeile für Zeile von rechts oben nach links unten, lassen den Betrachter sofort an eine Schreibmaschine denken. Das rote Objekt wäre demnach der Corpus der Maschine, der Zylinder stellte die Walze dar, die Quader stünden für die Tasten. Der Haken im Hintergrund stört das Ensemble. Bei einer Schreibmaschine sucht man ein derartiges Teil vergeblich. Es erinnert vielmehr ganz entfernt an den Aufbau einer Nähmaschine.

Der Titel des Bildes „L’homme dans la femme“ (Der Mann in der Frau) stößt den Betrachter zunächst vor den Kopf. Klischees, die sich zum Thema der Dualität der Geschlechter aufdrängen, lassen sich zwar einzelnen Bildelementen zuordnen: Der rote, runde Korpus der Maschine könnte für das Weibliche stehen, die harten, eckigen Quader mit den Lettern für das Männliche. Aber müsste das Bild von der Anordnung der Gegenstände her dann nicht heißen: Der Mann auf der Frau? Nicht weniger verstörend, nicht weniger unpassend als der Originaltitel. Das Bild vermittelt in keinster Weise den Eindruck, als setzte es sich mit sexuell-erotisch aufgeladenen dualistischen Kontexten auseinander.

Da die Sprache des Kunstwerks auf den ersten Blick nicht eindeutig ist, stellen wir es in den Kontext einer Aussage des Künstlers: „Mit Hilfe meiner Maschinenbilder konnte ich, ohne zu suchen, die Vergangenheit wieder finden und die Lebensprobleme der Gegenwart bewältigen. Unter jedem gelungenen Bild lag ein anderes, nur zu ahnendes Bild, das dem Geschehen an der Oberfläche seine Bedeutung gab.“ „L’homme dans la femme“ entstand 1996. Was ereignete sich Mitte der Neunziger Jahre im Leben von Konrad Klapheck? Um welchen Mann, um welche Frau könnte es sich bei dem Bild handeln? Denn legt der Titel nicht nahe, dass es sich um zwei Personen, einen Mann und eine Frau handelt? Andererseits wird nur ein einziger Gegenstand dargestellt: Eine durch Farbe und Form eher weiblich anmutende Schreibmaschine mit einer eher männlich gestalteten Tastatur. Auch die Farben, das weiche Rot, das warme Braun und die Tiefe des Blaus sind so harmonisch aufeinander abgestimmt, als stellte der Künstler etwas Einzelnes, Einzigartiges, in sich selbst zur Ruhe Gekommenes dar.

Die hebräischen Lettern weisen den Weg in das jüdische Milieu, in dem sich der Künstler offenbar bewegt. Klapheck konvertierte erst spät zum Judentum. Seine Frau wurde in eine jüdische Familie in Rotterdam hineingeboren. Die gemeinsame Tochter Elisa ist ebenfalls Jüdin und arbeitet als Rabbinerin an einer liberalen Synagoge in Berlin, an der seit 1998 egalitäre Gottesdienste durchgeführt werden. „Als jüdische Feministin initiierte sie im Mai 1999 gemeinsam mit Lara Dämmig und Rachel Monika Herweg ,Bet Debora’ – eine historisch erste ,Tagung europäischer Rabbinerinnen, Kantorinnen und rabbinisch gelehrter Jüdinnen und Juden’ in Berlin. Es folgten hierauf noch zwei weitere Tagungen von ,Bet Debora’ in Berlin sowie darauf folgend auch in anderen europäischen Städten.“ (wikipedia). Mitte der Neunziger Jahre begann Elisa Klaphecks Engagement für dieses Bethaus. In dieselbe Zeit fällt die Entstehung von „L’homme dans la femme.“

Insofern scheint sich Folgendes abzuzeichnen: Vor dem Hintergrund der Biografie von Klaphecks Tochter, die sich ab Mitte der Neunziger Jahre als Frau eine typische Männerdomäne erobert hat, kann das Bild als Chiffre für diese emanzipierte Jüdin stehen. In Anlehnung an das deutsche Bildwort: „Das Kind im Mann“, bei dem es ja um eine Art Dualismus einer einzige Person geht, weist auch dieser Bildtitel, „Der Mann in der Frau“, auf eine einzige Person hin: Elisa Klapheck, die Tochter des Künstlers. Sie integriert in sich nicht nur animus und anima, um in der Sprache C.G. Jungs zu verweilen, sondern sie übt als emanzipierte Frau einen typischen Männerberuf aus. Weitere Details aus ihrem Leben könnten diese Deutung noch erweitern und bereichern. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein ander Mal erzählt werden.

Kallias Offline




Beiträge: 2.085

02.08.2017 10:36
#2 RE: Konrad Klapheck, L'homme dans la femme antworten

Möglicherweise könnte die Bedeutung der Schriftzeichen nähreren Aufschluss über den Sinn des Kunstwerks geben?

Störoperator Offline




Beiträge: 88

02.08.2017 10:47
#3 RE: Konrad Klapheck, L'homme dans la femme antworten

Zitat von Kallias im Beitrag #2
Möglicherweise könnte die Bedeutung der Schriftzeichen nähreren Aufschluss über den Sinn des Kunstwerks geben?

Eher nicht. Also zumindest für mich nicht. Das ist einfach das hebräische Alef-Beit der Reihe nach. (Einschließlich Schluss-Mem und Schluss-Pe, aber ohne Schluss-Kaf, Schluss-Nun und Schluss-Zadik.)

korr.

Daska Offline




Beiträge: 241

02.08.2017 22:15
#4 RE: Konrad Klapheck, L'homme dans la femme antworten

Zitat von Störoperator im Beitrag #3
Zitat von Kallias im Beitrag #2
Möglicherweise könnte die Bedeutung der Schriftzeichen nähreren Aufschluss über den Sinn des Kunstwerks geben?

Eher nicht. Also zumindest für mich nicht. Das ist einfach das hebräische Alef-Beit der Reihe nach. (Einschließlich Schluss-Mem und Schluss-Pe, aber ohne Schluss-Kaf, Schluss-Nun und Schluss-Zadik.)

korr.

Genauso sehe ich das auch. Es gibt wohl auch keinen Sinn, aus den drei fehlenden Final-Buchstaben eine hebräische Wurzel bilden zu wollen, oder gar ein deutsches Wort. Wenn er reguläre Buchstaben ausgelassen hätte: o.k. Aber so scheint mir die Anzahl der Tasten eher der Kompositiion geschuldet zu sein, denn irgendwlechen kryptischen Buchstaben-Spielereien. Oder besitzen die fehlenden Buchstaben Zahlenwerte, die eine Zahl ergäben?
- Allerdings räume ich gerne ein, dass Herr Klapheck alles ganz anders gemeint haben könnte, als von mir beschrieben. Jedenfalls gefällt mir das Bild, dem ich täglich in meinem Büro gegenübersitze. Daher auch die Inspiration zum Textbeitrag.

Störoperator Offline




Beiträge: 88

03.08.2017 10:27
#5 RE: Konrad Klapheck, L'homme dans la femme antworten

Zitat von Daska im Beitrag #4
Oder besitzen die fehlenden Buchstaben Zahlenwerte, die eine Zahl ergäben?

In der – ich nenn sie mal – Basis-Notation von Zahlen mit hebr. Buchstaben kommen die Schlussbuchstaben nicht vor. Es gibt allerdings eine Erweiterung, die die Schlussbuchstaben für größere Zahlen benutzt. Schluss-Kaf, Schluss-Nun und Schluss-Zadik müssten dabei, wenn ich mich nicht irre, 500, 700 bzw. 900 bedeuten – ich kann da beim besten Willen nichts drin sehen.

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