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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 6 Antworten
und wurde 738 mal aufgerufen
 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Kallias Offline




Beiträge: 2.204

21.10.2019 18:34
Peter Handkes Beschreibungslust Antworten

Der Schriftsteller Peter Handke, auch bekannt durch seine Provokationen, hat kürzlich einen bedeutenden Literaturpreis gewonnen, wodurch er wieder ins Gespräch kam. Streit natürlich, wie üblich.

Ludwig Weimer findet in seinem Werk Spuren von Theologie.

https://zettelsraum.blogspot.com/2019/10...ibungslust.html

Ulrich Elkmann Offline




Beiträge: 7.776

22.10.2019 13:39
#2 RE: Peter Handkes Beschreibungslust Antworten

Zitat
„Was für die Juden der weiterhin verheißene Erlöser ist, das ist, wenn auch grundanders und vor allem anders gerichtet, als Verheißung die Zeit“



(a. Handke-Zitat. b. Dazu noch Figurenrede. c (= Gegenthese): "Bei P.H. gibt es keine Figurenrede. Da spricht immer und überall er=selbst"). Frivolerweise erinnert das an den alten Witz: "Frage an den armenischen Rundfunk: Stimmt es, daß Iwanow aus Minsk in der Lotterie ein eigenes Auto gewonnen hat? - Im Prinzip ja. Aber es war mit Iwanow, sonder Petrow. Und es war nicht in Minsk, sondern in Omsk. Und es war kein Auto, sondern ein Fahrrad. Und er hat es nicht gewonnen, sondern es ist him gestohlen worden. Aber sonst trifft die Meldung zu."

Unfrivolerweise: P.H. wird ja immer, weil sich sonst kaum etwas dingfest machen läßt außer eben dem Sound seines Stils, als Beschreiber, geradezu als Beschwörer der Dinge, der Dinglichkeit genannt. Es fällt aber auf, daß sein Stil nicht nur ein wenig, sondern in toto seltsam blaß, unkonkret wirkt. Handke ist der Evokator des absoluten Stillstands; es gibt bei ihm keine Handlung (über angedeutete Veränderungen, die im Off stattfinden), keine Charaktere, die über mehr als bloße Etikettierungen hinausgehen ("der Soldat", "das Mädchen") keine Dialoge. Es gibt nur das, was man, im Zusaamenhang mit Trancezuständen oder mystischen Erfahrungen, als nunc stans bezeichnet. Handke versucht diese ewige, unmittelbare Präsenz, in der der Beobachter ganz Auge wird, durch eine stilistische Aufladung zu beschwören, durch eine Häufung von Adjektiva, die aber völlig abstrakt bleiben. (Ein ähnliches Verfahren kann man übrigens in den narrativen Texten bei Ernst Jünger finden; auch hier soll dem Leser durch oft nicht nachvollziehbare Non Sequiturs eine wie vage auch immer spürbare Ahnung der eigentlich Nichtsagbaren zuwachsen.) Das Verfahren selbst dürfte sich Handke bei Adalbert Stifter abgeschaut haben, von dem ihm aber zweierlei unterscheidet: Zum einen sind Stifters Landschaftsbeschreibungen durchaus konkret: der Leser sieht (nicht immer, aber nicht so selten - etwa in der ersten Hälfte des "Hochwalds" oder im "Heidedorf") die beschriebenen Wälder und Hänge in ihrer Dinglichkeit vor sich; man meint den Duft der Waldluft zu spüren - nichts davon bei Handke. Zudem sind Stifters Evokationen immer an der Schwelle des Schreckens, des existentiellen Entsetzens, angesiedelt: sobald er eine Landschaft beschwört, weiß man als Leser: der Einbruch des Furchtbaren lauert hinter der nächsten Wegkehre. Bei Handke fehlt (mir zumindest) diese Dingmagie, die in der Malerei im "magischen Realismus" zum Ausdruck kommt (etwa in Richard Oelzes bekannter "Erwartung", aber auch hier und hier). Bei Handke ist das Ganz-Auge-Werden die einzige Möglichkeit des Rückzugs aus einer Welt, in der keine Transzendenz mehr möglich ist, die keine Rückseite kennt. Zur Seelensuche, zur Selbstfindung fehlt aber ein entscheidendes Moment: da Betrachter wie Welt unveränderlich sind, kann es keine zielführende Suchbewegung geben. Auf der einen Seite ist da ein Fortschritt gegeüber den klassischen Texten dieser Gattung: dem "Taugenichts" etwa, Hesses Romanen: die Einsicht, daß die Suche nach einem lebensweltlichen oder persönlichen Utopia vergebens sein muß, weil man die Wüste in sich trägt (Kerouac - mit dem PH mehr verbindet, als man meinen sollte, hat das in "On the Road" auch so angelegt.) Auf der anderen Seite ist die absolute Spannungslosigkeit - ohne daß dem Leeser eine Ecke aus Welt und/oder Geschichte vorgeführt würde, die ihm bislang unbekannt war, ein triftiges Argument, auf diese Lektüre zu verzichten. Wer sich langweilen möchte, aber auf gediegenem Niveau und doch mit zeitgestigem Parlando angenehm unterhalten sein will, dürfte bei Thomas Mann oder Fontane besser aufgehoben sein.

PS: Der beste Text, für den Handke verantwortlich ist, ist der Verrriß, den John Updike der englischen Übersetzung von Nachmittag eines Schriftsstellers gewidmet hat.

Zitat von John Updike
Peter Handke, in The Afternoon of a Writer, presents a texture that is almost alarmingly immediate. Handke can be hysterical - indeed, hysteria is his métier. [---] "To himself, he was a puzzle, a long-forgotten wonderment." To a cold-eyed reader, however, he is in danger of seeming a self-dramatizing solipsist. (Odd Jobs, 1991, S. 714-15)



"Les hommes seront toujours fous; et ceux qui croient les guérir sont les plus fous de la bande." - Voltaire

Ludwig Weimer Offline



Beiträge: 292

22.10.2019 21:50
#3 RE: Peter Handkes Beschreibungslust Antworten

Wie Sie über Stifter urteilen, das stimmt so sehr mit meinem Gefühl und meiner Seele überein, dass ich Ihnen das harte Urteil über Handke verzeihe.

Ludwig Weimer

Simon Offline



Beiträge: 274

27.10.2019 17:26
#4 RE: Peter Handkes Beschreibungslust Antworten

Zitat von Ulrich Elkmann im Beitrag #2
Auf der anderen Seite ist die absolute Spannungslosigkeit - ohne daß dem Leeser eine Ecke aus Welt und/oder Geschichte vorgeführt würde, die ihm bislang unbekannt war, ein triftiges Argument, auf diese Lektüre zu verzichten. Wer sich langweilen möchte, aber auf gediegenem Niveau und doch mit zeitgestigem Parlando angenehm unterhalten sein will, dürfte bei Thomas Mann oder Fontane besser aufgehoben sein.


Ginge es nur darum, das ignorante Urteil eines Lehnstuhlliteraten über den Nobelpreisträger Handke zurückzuweisen, so könnte man es bei der noblen Antwort Weimers belassen: dass nicht wahrgenommen wurde, was Inhalt und Sinn der Beschreibungslust Handkes ist. - Man muss es deutlich aussprechen: hinter dem krassen Urteil steht Besserwisserei, was Beschreiben heißt, welche Themen ein Dichter zu wählen hat. Zu vermuten ist ein völlig unbegründbares Vorurteil, an dem der Literaturpapst Reich-Ranitzki über Jahre wesentlich mitgestrickt hat. Über Sigrid Löffler, die im "Literarischen Quartett" immer wieder P. Handke zu verteidigen suchte, ergoss sich die Wut R.-R.s, bis sie schließlich kapitulierte und das "Quartett" verließ. Das Vorurteil R.-R.s entspringt einer tiefen Verletztheit aus der Zeit, als der junge Peter Handke im April des Jahres 1966 der versammelten "Gruppe 47", unter der sich Walter Jens und R.-R.befand, aus der hintersten Ecke des Saales "Beschreibungsimpotenz" vorwarf, was ihn schlagartig bekannt machte. In der Juni-Nummer der Zeitschrift "Konkret" präzisierte Handke seinen Vorwurf: "Ich habe nichts gegendie Beschreibung, ich sehe vielmehr die Beschreibung als notwendiges Mittel an, um zur Reflexion zu gelangen. Ich bin für die Beschreibung, aber nicht für die Art der Beschreibung, wie sie heutzutage in Deutschland als "Neuer Realismus" proklamirt wird. Es wird nämlich verkannt, dass die Literatur mit der Sprache gemacht wird und nicht mit den Dingen, die mit der Sprache beschrieben werden" - Das Hantieren und Eperimentieren mit der Sprache wird Handke seitdem zum Progamm: vgl. seine Sprechstücke "Publikumsbeschimpfung" bis hin zum "Kaspar". Sein Programm kann man in dem Satz gipfeln sehen: "Ich erwarte von der Literatur ein Zerbrechen aller endgültig scheinenden Weltbilder." (Uwe Schultz, P. Handke, dtv, S.8 und 11)

Paradoxer Weise hat dann all das in den Werken Handkes Platz, wonach er sich im Innersten sehnt (Weimer: "nach einer liebevollen, edlen, beflügelnden Welt), es aber hinter der Erzähler-Maske verstecken muss, weil Handke seine Erzählmaxime unbedingt ernst nimmt.

Soviel für heute zur Ehrenrettung des Schriftstellers Handke. Es wäre zu schade, wenn durch das unbedachte Urteil das überschattet, lahmgelegt oder ausgelöscht würde, was Weimer aus mannigfaltigen Werken Handkes herausdestilliert hat.

Hören wir noch, was der unbestechliche Theaterkritiker Walter Stadelmaier im Feuilleton der FAZ über eine Aufführung (Inszenierung: Luc Bondy, Berliner Schaubühne) des stummen Spiels "Stunde, da wir nichts voneinander wussten" (in dem der Autor durch exakte Regieanweisungen umso mehr spricht und zum Nachdenken anregt) schreibt:
"Bei Handke ereigenen sich tausend kleine Nichtdramen. Bondy entdeckt tausend Minidramen, die alle der großen Albtraumdramaturgie folgen: Verrate alles, übersteig das Bild! - Die Logik ist zwar aufgehoben, nicht aber die Ordnung. Der Platz, der Wind, der Gott bestimmen, wer herbeigerufen und wieder entlssen wird ... Papageno, Moses, Aeneas, Tarzan, Charly Chaplin sind hier keine bedeutsamen Mythenblitze in den Alltag hinein. Sie laufen fast beiläufig mit. ... Bei der Pfingswunderszene an Heideggers Feldweg müssen alle warten, keiner darf den Raum verlassen, um den Schwarzen Heiligen (sc. den heiligen drei Königen) im Nachen zu folgen, die offenbar irgendwo das Heil versprechen. Denn die Hölle braucht auch Personal, der Himmel kann warten. ..." (FAZ, 5.2.1994)

Ulrich Elkmann Offline




Beiträge: 7.776

27.10.2019 18:15
#5 RE: Peter Handkes Beschreibungslust Antworten

Ich sollte mich jetzt eigentlich auf den Schlips getreten fühlen; das ist mitnichten der Fall. Das Stichwort "Besserwisserei" trifft es exakt. Ich weiß es nämlich besser. Ich habe nämlich, als Einziger, in meiner Einlassung versucht, Handkes poetisches Programm herauszuarbeiten, und argumentativ begründet, warum es mir untauglich erscheint. Und zwar auf zwei Ebenen: zum einen als literarische Zielsetzung überhaupt (es ist natürlich legitim, dergleichen zu versuchen, nur wird solche Literatur für mich dadurch uninteressant) und zum anderen, weil er nicht fähig ist, dieses literarische Programm einzulösen. (Ob das überhaupt möglich ist, ist eine andere Frage; letztlich läuft es auf eine Parallele zu mystischen Erfahrungen hinaus, deren Unsagbarkeit, deren Nichtkommunizierbarkeit ihren Kern ausmachen - soweit es andere angeht; für den, der diese Selbsttäuschung der Hirnchemie durchmacht, ist es selbstverständlich von unmittelbarer Realität.) Daß Handkes Ouevre - und damit er selbst - sich aus lauter Paradoxa zusammensetzen: Innerlichkeit, also Ablehnung der Menschenwelt, plus Predigerton (das kam bei seinem Serbien-Schlenker nur wieder in greller Form zum Ausdruck, war aber natürlich besonders im Frühwerk, vor der Innerlichkeits-Kehre etwa ab der "Langsamen Heimkehr" stets präsent), Eremit plus Guru: das ist trivial.

In der erwähnten Sendung hat Frau Löffler ja mit dem Satz aufgemacht, daß Handke "ein Dichter mit Gemeinde" ist.* Eine kleine Richtigstellung: bei diesem Sparring aus Anlaß des "Jahrs in der Niemandsbucht" herrschte ausnahmsweise bei allen Trumpfen des Quartetts - vom König MRR, über die Dame, den Buben Karasek und das As des Gastes - Einmütigkeit über das gänzliche Mißlingen dieser Scharteke. Das Zerwürfnis, das zum brüsken Ausscheiden Frau Löfflers geführt hat, war der Streit um Haruki Murakamis "Gefährliche Geliebte".

* Die Spezies kommt immer wieder vor. Es gibt sie mit und ohne Gemeinde. Das Urbild für den ersten Fall ist Stefan George; für den zweiten Fall etwa Saint Pol-Roux und Robinson Jeffers.



"Les hommes seront toujours fous; et ceux qui croient les guérir sont les plus fous de la bande." - Voltaire

Ulrich Elkmann Offline




Beiträge: 7.776

11.11.2019 14:21
#6 RE: Peter Handkes Beschreibungslust Antworten

Aus der Rubrik "Das wirklich absolut unnützeste Wissen der Welt":

Zitat von ZR: Taku Mayumura
...ein japanischer Scheinanglizismus, aus den englischen Sprachkorpuskeln zusammen gesetzt, Diese Wasei-eigo bilden, wie bei uns, den größten Teil dieses Vokabulars, den Garaigo; aber manche kommen auch aus dem Deutschen, etwa アルバイト, arubeito/Arbeit oder エネルギー/Enerugii/Energie - Liebhaber ethnischer Klischees dürfen sich bestätigt fühlen -



https://zettelsraum.blogspot.com/2019/11...-1934-2019.html

Die erste Übertragung eines Handke'schen Werks ins Japanische, 1971 im Verlag Sanshusha erschienen und von Yukio Habira besorgt, war Die Angst des Torwarts beim Elfmeter. Der japanische Titel lautet:

不安:ペナルティキックを受けるゴールキーパーの

Transliteriert: Fuan: Penarutikikku o ukeru gōrukīpā-no = Fuan (= Angst): Penalty kick o ukeru goalkeeper-no.



"Les hommes seront toujours fous; et ceux qui croient les guérir sont les plus fous de la bande." - Voltaire

Ulrich Elkmann Offline




Beiträge: 7.776

11.11.2019 15:42
#7 RE: Peter Handkes Beschreibungslust Antworten

Video stream is live.



"Les hommes seront toujours fous; et ceux qui croient les guérir sont les plus fous de la bande." - Voltaire

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