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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 2 Antworten
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 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Ulrich Elkmann Offline




Beiträge: 9.637

28.07.2020 23:49
魯迅 《鴨的喜劇》 / Lu Xun, "Eine Entenkomödie" (1922) Antworten



"Les hommes seront toujours fous; et ceux qui croient les guérir sont les plus fous de la bande." - Voltaire

Ulrich Elkmann Offline




Beiträge: 9.637

29.07.2020 13:40
#2 RE: 魯迅 《鴨的喜劇》 / Lu Xun, "Eine Entenkomödie" (1922) Antworten

Kleiner bibliographischer Nachtrag. Die "Entenkomödie" erschien zuerst in der Dezemberausgabe 1922 der Zeitschrift 《妇女杂志》 Fùnǚ zázhì ("Frauenzeitschrift" oder "Magazin für Frauen").



"Les hommes seront toujours fous; et ceux qui croient les guérir sont les plus fous de la bande." - Voltaire

Ulrich Elkmann Offline




Beiträge: 9.637

02.09.2021 21:39
#3 RE: 魯迅 《鴨的喜劇》 / Lu Xun, "Eine Entenkomödie" (1922) Antworten

Zitat
Bei dem idealistischen, aber sichtlich wenig lebenspraktischen russischen Gast handelt es sich, wie oben angemerkt, um Wassili Jakowlewitsch Jeroschenko, einem von den Ideen Leo Tolstois beeinflußten Idealisten und Anarchisten im Sinne Pjotr Kropotkins - also nicht der militanten Zerstörung des Staates, sondern der Abnabelung von allen staatlichen Strukturen: mithin etwas, das zwei Generationen später im Umfeld der "Achtundsechziger" als "Aussteigertum" en vogue, aber letztlich so wenig praktisch ausgelebt war wie in der Generation Wandervogel. (Aus dem kleinen Text klingt ja an, daß Lu Xun der Lebenstauglichkeit solcher freundlichen Anarchisten wohl leicht skeptisch gegenüberstand.) Jeroschenko, 1890 in Obuchowska im Oblast Belgorod geboren, erblindete im Alter von vier Jahren vollständig als Folger einer Masernerkrankung. D̴e̴n̴ ̴F̴l̴o̴h̴ Die Begeisterung für das Zamenhofsche Esperanto als universalem menschlichen Kommunikationsmittel und Weg zum Weltfrieden vermittelte ihm Anna Schaparowa, die Schwägerin von Tolstois Biographen Pawel Birjukow, auf deren Anregung er auch von 1912 bis 1914 am Londoner Normal Royal College for the Blind Musik studierte. Den ersten Weltkrieg "verpaßte" er im fernen Osten, nachdem ihn die Rusa Esperanto-Fereracio als Lehrer für das Kunstidiom nach Japan geschickt hatte, und in Siam und Birma. Während eines zweiten Japanaufenthalts fing er an, Kinderbücher zu veröffentlichen, die von Kamika Ichiko (神近 市子) aus dem Russischen ins Japanische übersetzt wurden. Es liegt eine überaus nette Ironie darin, daß sich die Bekanntschaft mit den Brüdern Zhuo eben diesen Publikationen auf Japanisch verdankt. Im Juni 1921 wurde Jeroschenko von den japanischen Behörden nach Wladiwostok ausgewiesen, weil er sich auffällig in den japanischen Anarchistenkreisen engagiert hatte (diese lokalen Cercles wurden bis zum Kanto-Erdbeben 1923 weitgehend geduldet, aber das politische Engagement eines Ausländers, noch dazu eines "linken" Russen, während die japanische Armee noch mit dem Kampf gegen die Kommunisten im Gebiet um Wladiwostok verwickelt war - die letzten japanischen Truppen wurden 1922 aus Russland abgezogen) war ein No-go. Jeroschenko, der von den "Weißen" als Kommunist verhaftet worden war, gelang es im Oktober 1921, als chinesischer Arbeiter verkleidet, zu fliehen und sich nach Süden bis nach Harbin durchzuschlagen. Lu Xun vermittelte ihm im Februar 1922 eine Stellung als Dozent für Esperanto an der Universität Peking. In Shanghai begann worden war.er auch, auf Esperanto zu schreiben, in dem er seine weiteren Werke verfaßte. 1922 erschien in Beijing eine Sammlung seiner Texte in chinesischer Übersetzung; die japanischen Texte hatte Lu Xun übertragen; die in Esperanto 胡愈之, Hu Yuzhi.
...
Die von Lu Xun erwähnte Erzählung Jeroschenkos trägt auf Esperanto den Titel "La kokido: la tragedio de la kokido". In der sechsbändigen Ausgabe seiner Werke, die von der Japanischen Esperanto-Vereinigung durch Miyamoto Masao besorgt wurde und ab Ende der 1970er Jahre erschien erschienen ist, findet sich im sechsten Band die Titelvariante "La tragedio de kokido," mit dem Hinweis: "aus dem Chinesischen ins Esperanto übersetzt Shi Cheng-Tai und Guo Zhu." Die kleine Fabel dreht sich um ein Hühnerküken, das die Enten im Teich schwimmen sieht, es ihnen gleichtun will und dabei ertrinkt. Lu Xun hat nebenbei ein Gedicht auf Esperanto über Jeroschenko verfaßt: "Homarano".

Jeroschenko verbrachte die Jahre nach seiner Ausreise in Westeuropa; trat allerdings der kommunistischen Partei bei und übersetzte Werke von Marx, Engels und Lenin ins Japanische. 1930 kehrte er nach Russland zurück und arbeitete in der Sowjetunion, wo der fünf Jahre als Blindenlehrer und Lektor für Braille in Nischni Nowgorod uund Moskau arbeitete und dann ab 1935 als Blindenlehrer, unter anderem in Mathematik, in Taschkent und Kushga ind Turkmenistan. Es ist möglich, sogar wahrscheinlich, daß ihn das Leben an der Peripherie und seine "Unabkömmlichkeit" als Blindenlehrer davon bewahrt hat, in die Todesmühlen des stalinistischen Vernichtungsmaschinerie zu geraten, zu einer Zeit, da "Internationalist" ein Freibrief füür Entrechtung und Verfolgung war. Im Dezember 1952 starb er in seinem Geburtsort Obuchowska, wo er in den letzten Monaten seines Leben an seinem letzten Buch gearbeitet hatte.




Und da beschäftige ich mich huete, zum ersten Mal, mit dem Oeuvre von Clemens J. Setz, weil mir heute dessen letzte Veröffentlichung "Die Bienen und das Unsichtbare" in die Finger fiel und das Thema künstliche Sprachen, Plansprachen, ein altes, wenig gepflegtes Interessengebiet darstellt. Und was finde ich beim allerersten Stöbern zu dem Titel?

https://austria-forum.org/af/Wissenssamm...he_Clemens_Setz

Zitat
Unentdeckte Kontinente warten

Ein Plädoyer für die Beschäftigung mit Plansprachen: Clemens Setz bietet in seiner neuen Veröffentlichung „Die Bienen und das Unsichtbare“ einen Streifzug durch künstlich gewachsene Sprach- und Literaturwelten.

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: Die Furche (20. Oktober 2020)

Mag sein, dass Setz diesen Band, an dem er schon vor sechs Jahren zu arbeiten begonnen hat, zunächst als Sachbuch konzipiert hat, schlussendlich hat er aber zu einer ungewöhnlichen Hybridform gefunden. Durch diesen Text mäandern zahlreiche persönliche Spuren als locker gestricktes und zwanglos entfaltetes Crossover von Tagebuchaufzeichnungen, Lektüreerfahrungen, Erinnerungen oder Begegnungen mit Menschen, die in der Kunstsprache für eine kleine Community schreiben.

Setz hat intensiv recherchiert und dieses sprachliche Paralleluniversum mittels Studien, Artikeln aus Fachjournalen oder zahlreichen literarischen Beispielen gründlich und innovativ erforscht. Bevor Karl Blitz sein eigenes Symbolsystem entworfen hat, ist er davon überzeugt, dass Sprache, solange sie „eine klangliche Oberfläche“ besitze, „anfällig und korrumpierbar“ sei. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wird er deportiert, er kommt mit Hilfe seiner Freundin frei und kann nach England fliehen. Dort löst sein Nachname Angst aus, „weil ‚Blitz‘ auf Englisch ‚Bombardierung‘ bedeutet“. Als sich das Kriegsgeschehen ausweitet, flieht er nach Shanghai, das damals noch Juden aufnimmt. Dort lernt er sofort Chinesisch. Die neuen Schriftzeichen inspirieren ihn zur Kreation „einer allein aus Symbolen bestehenden Sprache“, die frei von idiomatischen Ausdrücken, von „Vieldeutigkeit und Unschärfe“ sein sollte, um nicht instrumentalisiert werden zu können. Sie wird später Blissymbolics genannt. Und dennoch kann man in dieser Sprache auch dichten. Setz bringt als Beispiel Texte von Mustafa aus Somaliland, der heute in Malmö lebt. Blissymbolics ermöglicht ihm die Kommunikation trotz schwerer Zerebralparese. Dessen Gedichte „Rollstuhlmann“ und „Spastiker“ hat Setz übersetzt. Die bloßen Symbole fokussieren die Bedeutung: pure meaning, pure poetry. „Du siehst, was die Welt wirklich ist.“
...
Über die Nonsens-Sprache, wie sie etwa der Künstler August Walla auf zahlreichen Gegenständen, Steinen oder Bänken in Gugging hinterlassen hat, spinnt Setz den Faden schließlich zu Esperanto. Im Zentrum dieses Kapitels stehen die abenteuerlichen Erfahrungen des erblindeten russischen Anarchisten und Autors Eroschenko. Der Verlust des „aktiven Blicks“ hat sein Leben elementar erschüttert. Dass er auf den Rat einer Lehrerin hin Esperanto gelernt hat, rettet ihn. Diese Sprache fungiert für ihn als Katalysator und schenkt ihm aufgrund der Esperanto-Freundschaften auf der ganzen Welt wieder Selbstständigkeit. Native Speaker berichten von einem heute noch aktiven Esperanto-Netz. Denn „Esperanto“ ist „ein vor Möglichkeiten berstendes System“. Die zahlreichen Dichtungen in dieser Sprache, die Setz auch in seiner eigenen Übersetzung vorstellt, zeigen zudem einen blühenden poetischen Kosmos.

Dieser dichte und anregende Streifzug durch das Universum der Plansprachen liest sich überdies als experimentelle Reise durch unbekanntes literarisches Terrain in künstlich gewachsenen Wortlandschaften. Ganz nebenbei generiert er ein Nachdenken über den Zusammenhang von Sprache, Denken, Wirklichkeit – zwischen Frames und bloßer Wortbedeutung.



https://austria-forum.org/af/Wissenssamm...he_Clemens_Setz

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