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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 12 Antworten
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 Pro und Contra
Zettel Offline




Beiträge: 20.200

05.08.2006 00:04
Leben im Irak, Lage im Irak antworten

Als Antwort auf diesen Beitrag von Reader:

Zitat von Reader
-
THE NEW YORK TIMES
Correspondence | City of Dread
Where the Collateral Damage Is in the Mind
By KIRK SEMPLE
Published: July 30, 2006
...... the violence has reconfigured the emotional geography as well — and this is what Umm Hassan was saying. Iraqis live with the creeping, paralyzing dread that anything can happen at any time, and when it does, they will be powerless to stop it.
.....
“In Saddam’s time, I knew to keep my mouth shut, not to criticize the president, then I would be O.K.,” she said. “But now I don’t know what I should do. I’m threatened. I’m always in a threatened situation: for being Shiite, for having a Sunni son, for working in the media, for making a good salary, for cooperating with the Americans, for driving a car, for not wearing a hijab.”
...
“Once there was only one Saddam, now there are many,” she continued. “Everyone has their own reasons to kidnap or kill.”
.....
There is a new saying,” she went on. “ ‘We’re all sentenced to death but we don’t know when.’ ”
...
And this is what Iraq’s war feels like. Every decision becomes, on some level, a matter of life and death, and things that once seemed important are now entirely trivial.



Vielleicht zur Ergänzung: "Umm Hassan" - Hassans Mutter - ist der Deckname, den der Autor des Artikels seiner Informantin gegeben hat; sie ist eine irakische Mitarbeitern der NYT, die aus Angst anonym bleiben wollte.

Der Tenor des Artikels ist: Es ist nicht so sehr die konkrete Erfahrung von Gewalt als ihre ständige Drohung, die die Menschen zermürbt. Diese Drohungen kommen von allen Seiten, und deshalb fühlt man sich ihnen so ausgeliefert.

Noch zwei Zitate aus dem Artikel:

In Antwort auf:
The violence here is mercurial and episodic. A politician is assassinated in a drive-by shooting. Several men are pulled from a bus and are later found floating in the Tigris River with bullets in their heads. Militiamen clash with government forces in a running battle through a residential block. A suicide bomber walks into a mosque and wipes out the congregation.

Die Gewalt hier ist unkontrollierbar und tritt unversehens auf. Ein Politiker wird aus einem vorbeifahrenden Auto heraus ermordet. Mehrere Menschen werden aus einem Bus gezerrt und später, mit Kugeln im Kopf, im Tigris treibend gefunden. Milizionäre liefern sich, in einer anhaltenden Schlacht in einem Wohnblock, Gefechte mit Regierungstruppen. Ein Selbstmordbomber betritt eine Moschee und löscht die Gemeinde aus.

Iraqis ... struggle to control their environment by limiting their movement, cutting off all but the most essential contact with other people and staying indoors. The space in which people believe they can safely operate shrinks with every attack, no matter where it occurs.

Die Iraker mühen sich, ihre Umgebung unter Kontrolle zu halten, indem sie ihre Bewegungen einschränken, alle außer den unbedingt notwendigen Kontakte zu anderen Menschen abbrechen und zuhause bleiben. Der Raum, in dem die Menschen glauben in Sicherheit handeln zu können, schrumpft mit jedem Angriff, unabhängig davon, wo er sich zuträgt.



Dear Reader, aufgrund dessen, was ich in dem Blog von Mohammed und Omar lese - ich gehe darauf später in einem anderen Beitrag in diesem Thread ein - halte ich diese Schilderung für zutreffend und auch repräsentativ für die Befindlichkeit vieler Menschen in Bagdad. (In Bagdad und in zwei oder drei weiteren Provinzen, nicht im Irak als Ganzem - in den meisten Provinzen herrscht ja ein weitgehend normales Leben)

Der Irak hat noch einen weiten Weg vor sich, bis dort stabile demokratische Verhältnisse einkehren. Daß er so lang werden würde, hat sich die amerikanische Regierung wohl nicht vorgestellt; ich war auch zu optimistisch gewesen.

Es ist aber, davon bin ich fest überzeugt, ein Weg, der gegangen werden muß und der auch gegangen werden wird. Wären denn die Verhältnisse anders, wenn die Saddam-Diktatur nicht durch die Invasion gestürzt worden wäre, sondern durch eine Revolution?

Die Geschichte fast aller Revolutionen zeigt, daß es dann nicht besser, sondern sehr wahrscheinlich noch viel schlimmer gewesen wäre. Denn wenn eine solche barbarische Dikatur verschwindet, die die meisten sozialen Strukturen, die das Vertrauen zwischen den Menschen, die jeden Optimismus und alle Hoffnung vernichtet hatte, - dann entstehen halt erst einmal Chaos, Machtkämpfe, Elend und Leid.

Das war so nach der französischen Revolution, nach der russischen. Es ging nur dann vergleichsweise schnell zu Ende, wenn sich eine neue Diktatur etablierte, wie in vielen Ländern der Dritten Welt nach dem erfolgreichen Ende von "nationalen Befreiungskriegen".

Im Irak kommen noch die konfessionellen, die ethnischen, die Gegensätze zwischen den Städten und den Beduinenstämmen hinzu. Die ja alle genauso dagewesen wären, wenn Saddam durch eine Revolution gestürzt worden wäre.

Präsident Bush, die US-Regierung, viele von uns waren zu optimistisch in der Erwartung, daß durch die Anwesenheit der Besatzungstruppen, durch die schrittweise Einführung der Demokratie und des Rechtsstaats, wie nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Japan, diese Zeit der Wirren nach einer Diktatur sozusagen würde übersprungen werden können.

Das ist nicht gelungen. Aber die Lage ist doch sehr wahrscheinlich weit weniger schlimm, als wenn Saddam in einer blutigen Revolution gestürzt worden wäre.


Die jetzige Lage in Bagdad ist wohl so, wie es der Artikel in der NYT schildert. Was dort aber nicht thematisiert wird, das ist die Frage, wer eigentlich für diese Lage verantwortlich ist. Im Blog von Omar und Mohammed gibt es dazu interessante Informationen, auf die ich, wie gesagt, aber erst später in diesem Thread eingehen möchte, damit es jetzt nicht zu lang wird.

Herzlich, Zettel

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

07.08.2006 00:37
#2 RE: Leben im Irak, Lage im Irak: Harith al-Dhari antworten

Wer sind eigentlich diejenigen, die die Unsicherheit im Irak zu verantworten haben? Wer sind die Mörder und Entführer? Wer sind diejenigen, die junge Männer dazu abrichten, sich in Selbstmordattentaten zu "opfern"?

Was ich dazu aus der Presse weiß, ist ungefähr dies - und ich habe das oft im alten Schrippe-Forum geschrieben: Es sind im wesentlichen drei mehr oder weniger verfeindete, dann aber auch wieder punktuell zusammenarbeitende Gruppen, nämlich

  • so etwas wie die "Werwolf"-Organisation von Saddam - Überreste seiner Republikanischen Garde, seines Geheimdienstes, die noch über Teile ihres alten Waffenarsenals verfügen und für eine Rückkehr der Baathisten an die Macht kämpfen

  • religiöse Fanatiker wie die Schiiten um Al Sadr

  • internationale Terroristen, mehr oder wenige eng an die Al Kaida gebunden, deren Anführe Al Sarkawi gewesen war.
  • Im Groben scheint mir das immer noch richtig zu sein. Im Einzelnen ist die Situation aber offenbar viel komplizierter; und ein Schlaglicht darauf wirft der im folgenden dokumentierte Blog von Omar.

    Dieser Text bestätigt aber auch das, was andere Quellen sagen (z.B. kürzlich der Staatspräsident Talabani, der eine Übergabe der Sicherheits-Verantwortung in allen Provinzen an die Irakische Armee bis Jahresende angekündigt hat): Das Kräfteverhältnis im Irak ändert sich langsam, aber stetig zugunsten der Regierungstruppen. Davon, daß die Terroristen "siegen" könnten, kann heute weniger als je die Rede sein.


    Auszugsweise Übersetzung von mir:

    Saturday, July 22, 2006

    50%? Actually I'd say more than that.
    Another sign that factions that prefer violence over dialogue are getting more isolated; this time the radical 'association of Muslim scholars' is being renounced by no less than their former allies in the Islamic Party.

    This report from Radio Sawa quotes Omar al-Jubori the head of the human rights office in the Iraqi Islamic Party as saying that Harith al-Dhari, secretary of the association of Muslim scholars was "responsible for 50% of the blood of Sunni Iraqis who were killed in Iraq". In his statement Mr. Jubori said that Sunni political and religious leaderships were wrong when they prohibited Sunni men from enlisting in the Iraqi police and army (Arabic audio available).

    Fünfzig Prozent? Eigentlich mehr.
    Ein weiteres Anzeichen dafür, daß diejenigen Gruppen, die die Gewalt anstelle des Dialogs bevorzugen, immer mehr isoliert werden: Jetzt wird die die radikale "Gemeinschaft moslemischer Gelehrter" von niemandem anderen als ihren früheren Verbündeten in der Islamischen Partei zurückgewiesen.

    Dieser Bericht von Radio Sawa zitiert Omar al-Jubori, den Führer des Menschenrechtsbüros in der Irakischen Islamischen Partei mit der Äußerung, daß Harith al-Dhari, der Sekretär der Gemeinschaft Moslemischer Gelehrter, "für das Blut von mehr als 50 % der Sunniten" verantwortlich sei, die im Irak ermordet wurden. In seiner Erklärung sagte Jubori, daß die politische und religiöse Führung der Sunniten im Irrtum gewesen sei, als sie es sunnitischen Männern verboten, in die irakische Polizei oder Armee einzutreten. (arabische Audioversion verfügbar).

    I realize that most of you do not know Arabic so I'm going to pick excerpts from that statement, in a part I found interesting. Mr. Jubori said:

    [Es folgen Zitate aus dieser Audio-Aufzeichnung; Zettel]:

    Sunni political powers now demand that American troops remain in Iraq for some time.…The American forces represent a balancing element between the people and the security forces that are not balanced in their sectarian composition.…The Americans should work on correcting this imbalance. [...] Harith al-Dhari is responsible for 50% of Sunni deaths in Iraq, the Americans are responsible for 25% and the Shia militias are responsible for the other 25% and this is something that most Sunnis admit.

    Sunnitische politische Kräfte fordern jetzt, daß die amerikanischen Truppen einige Zeit im Irak bleiben. Die amerikanischen Streitkräfte bilden ein Element des Ausgleichs zwischen dem Volk und den Sicherheitskräften, die in ihrer konfessionellen Zusammensetzung nicht ausgeglichen sind. Die Amerikaner dürften dieses Ungleichgewicht ausgleichen. [...] Harith al-Dhari ist für 50% der toten Sunniten im Irak verantwortlich, die Amerikaner sind für 25% verantwortlich, und die schiitischen Milizen sind für die restlichen 25% verantwortlich, und das geben die meisten Sunniten zu.

    I kind of agree with the above statement but in somewhat a different way; it is probably correct that al-Dhari and his gangs were responsible directly for 50% of Sunni deaths but they are equally responsible for the other 50% but rather indirectly. Ever since Saddam was toppled the al-Dhari's association was involved in most of the violence in Iraq in more than one way; they allied with Ba'athists, Saddamists and foreign terrorists and provided them with shelter and support. They preached hatred and sectarianism and provoked violence that we saw in the form of attacks in various regions in Iraq that killed thousands of Iraqis.

    Ich stimme der obigen Feststellung grob zu, aber in etwas anderer Hinsicht. Es ist wahrscheinlich zutreffend, daß al-Dhari und seine Banden unmittelbar für 50% der Toten bei den Sunniten verantwortlich waren, aber sie sind ebenso für die anderen 50% verantwortlich, wenn auch indirekt. Schon seit dem Sturz Saddams war die Vereinigung al-Dharis auf verschiedene Weisen in den größten Teil der Gewalttätigkeit im Irak verwickelt; sie tat sich mit den Ba'athisten, den Saddamisten und ausländischen Terroristen zusammen und versorgte sie mit Unterkunft und Unterstützung. Sie predigte Haß und Konfessionalismus und provozierten die Gewalt, die wir in Gestalt von Angriffen in verschiedenen Regionen des Irak gesehen haben, denen Tausende von Irakern zum Opfer fielen.

    That's the direct way. The indirect way on the other hand is that the violence they stirred left the US military with no choice but to attack at some cities and those attacks left a lot of collateral damage including the deaths of many Iraqis who were trapped in the crossfire of those battles like what happened in Fallujah or Ramadi or Mosul. Those civilians were mostly Sunni and al-Dhari is to blame for their death. And when Dhari and his allies send their gangs to massacre civilians in mixed or Shia neighborhoods in Iraq they had also invited angry militias to take revenge and murder similar numbers of mostly Sunni civilians. Same applies to Shia militias who I also want to hold accountable for civilian deaths among Shia civilians in almost the same manner.

    Das ist die der direkte Weg. Der indirekte Weg andererseits besteht darin, daß die Gewalt, die sie entfachten, dem US-Militär keine Wahl ließ, als verschiedene Städte anzugreifen. Diese Angriffe führten in großem Umfang zu unbeabsichtigten Schäden wie dem Tod vieler Iraker, die ins Kreuzfeuer von Kämpfen gerieten, wie in Falludschah, Ramadi und Mossul. Diese Zivilisten waren überwiegend Sunniten, und al-Dhari ist schuld an ihrem Tod. Und wenn Dhari und seine Verbündeten ihre Banden losschicken, um Zivilisten in gemischten und schiitischen Wohngegenden im Irak zu massakrieren, dann haben sie damit auch zornige Militärs eingeladen, Rache zu üben und ähnlichviele vorwiegend sunnitische Zivilisten zu ermorden. Dasselbe gilt für die schiitischen Milizen, die ich ebenfalls in fast derselben Art als als verantwortlich für den Tod von schiitischen Zivilisten ansehen möchte.

    When Sadr fought the US military in Najaf or Baghdad he was responsible for the collateral casualties among civilians and whenever he sent his militias or death squads to snatch people off the street and shoot them in cold blood he had also invited Sunni extremists like Dhari to send their gangs to kill more or less an equal number of Shia civilians. What I want to say is that it's good to finally see Sunni political parties renounce the doings of fellow Sunnis who took the far end of extremism And I'd so much like to see Shia political parties do the same and renounce Sadr and whatever other violent factions within the Shia community.

    See, addressing the bad elements is the key to having good plans but in contrast with that you read reports such as this one from the Daily Telegraph (via Pajamas) that talks about some Iraqi politicians considering plans to partition Baghdad into a Sunni west and Shia east. That idea is totally unacceptable and is not inline with the reconciliation plan some of them ironically support. What these politicians are saying is equal to saying that people of different sects should reconcile but at the same time they should not come near districts of other sects!

    And what about the million Shia who live in the west, or the million Sunni who live in the east? Does it make sense at all to tell them to simply relocate because the government and the coalition cannot or don't want to put in enough effort to stop the fanatics form slaughtering them? What makes sense in my opinion is to neutralize the gangs that commit atrocities on both sides and that's the only plan we should have and implement if we still want to keep Iraq in one piece.

    Relocating civilians will be a humanitarian catastrophe and cannot solve the real problem because unless troublemakers are defeated or neutralized they will keep causing troubles no matter how many partitions are in place.

    Although late, it was a bit of a relief to see Iraqi and US commanders planning to move more troops into the Baghdad area (also via Pajamas).

    I was thinking the other day that military priorities of the US and Iraqi forces need to be reorganized according to the challenges imposed by the intentions of the bad guys to take over Baghdad. I mean why does the US keeps thousands of combat troops in relatively less turbulent areas that are of much less strategic value to the bigger picture!? This redistribution of forces should've been considered months ago.

    Mir ging kürzlich durch den Kopf, daß die militärischen Prioritäten der US- und irakischen Streitkräfte gemäß den Herausfordernungen reorganisiert werden müssen, die durch die Absichten der Schurken gesetzt werden, Bagdad in ihre Gewalt zu bekommen. Also, warum unterhalten die USA Tausende Kampftruppen in vergleichsweise weniger unsicheren Gegenden, die für das Gesamtbild von viel geringerer strategischer Bedeutung sind? Diese Umgruppierung der Streitkräfte hätte schon vor Monaten erwogen werden sollen.

    Posted by Omar @ 21:15



    Kommentar: Über diesen Harith al-Dhari, den Omar als den schlimmsten Drahtzieher des Terrorismus betrachtet, findet man noch nicht einmal einen Eintrag in der Wikipedia. Ein bißchen über ihn erfährt man bei Al Jazeera. Offenbar ein "Gelehrter", der sich selbst die Hände nicht schmutzig macht, der aber andere, die ihm vertrauen, in den Tod schickt. Ein Schreibtischtäter also.


    Natürlich kann ich, können wir alle nicht beurteilen, ob Omars Einschätzung zutreffend ist. Aber plausibel erscheint sie mir. Denn dieses ungeheure Ausmaß an Aggression, auch an Selbstvernichtungswillen, vor allem an Bereitschaft, beliebige Opfer, die es gerade trifft, zu ermorden - das haben Menschen ja nicht einfach so.

    Dazu muß man sie abrichten, indoktrinieren, fanatisieren. Das haben alle totalitären Systeme verstanden. "Fanatisch" war eines der Lieblingswörter Hitlers. "Schulung" und nochmal Schulung war das Geheimnis der Kommunisten; die Voraussetzung dafür, daß Menschen in allen Teilen der Welt sich für das marxistische Wahnsystem opferten.


    Die Religion ist, was die Möglichkeiten der Fanatisierung angeht, allen weltlichen Ideologien überlegen. Jedenfalls eine Religion wie der Islam, der ja im Kern in Lebensvorschriften besteht und in Jenseits-Versprechungen an diejenigen, die sich diesen Vorschriften unterwerfen.

    Was hilft dagegen? Nur Aufklärung; davon bin ich überzeugt. Menschen lassen sich fanatisieren; aber weder läßt sich jemals die Mehrheit der Menschen fanatisieren, noch ist dieser Zustand des Fanatisiertseins einer, der über längere Zeit anhält. Die meisten Menschen sind die meiste Zeit über der Aufklärung zugänglich.

    Das ist einer der Gründe dafür, daß totalitäre Systeme, daß totalitäre Ideologien wie der Kommunismus, der Nazismus, der Islamismus zwar vorübergehend spektakuläre Erfolge erzielen können, sie langfristig aber nicht lebensfähig sind.

    Das müssen die Menschen verstehen lernen. Sie müssen lernen, daß Politik nicht darin besteht, irgendeinen Himmel auf Erden einzurichten, sondern sich fair und nach gemeinsam akzeptierten Regeln um die Macht zu bemühen.

    In Europa haben wir rund zweihundert Jahre - zwischen dem Ende des 18. und dem Ende des 20. Jahrhunderts - gebraucht, um das zu lernen. Zu hoffen ist, daß es anderswo, mit unserer Hilfe und nach unserem Vorbild (und vor allem mit der Hilfe und nach dem Vorbild der USA) schneller geht.


    Reader Offline



    Beiträge: 803

    08.08.2006 16:55
    #3 Patrick Cockburn's "Requiem for Baghdad" antworten

    -


    Requiem for Baghdad
    Patrick Cockburn examines the city that seduced him:


    THE INDEPENDENT
    Then and now: Requiem for Baghdad
    Baghdad was never the prettiest of places. But in the 1970s it sure had life. People flocked to its cafés and markets. The wide boulevards teemed with traffic. Books and paintings proclaimed the wealth of Iraq's cultural heritage. Patrick Cockburn, who witnessed it all, remembers the city that seduced him - and wonders if the great metropolis on the banks of the Tigris can ever rise again
    Published: 08 August 2006

    -> Zum Artikel



    Zettel Offline




    Beiträge: 20.200

    11.08.2006 19:59
    #4 RE: Patrick Cockburn's "Requiem for Baghdad" antworten

    Dear Reader,

    Danke für diesen informativen Bericht von Patrick Cockburn, der lange in Bagdad gelebt hat; offenbar bis vor Kurzem. Genau so etwas hatte ich gesucht. Hier ein paar Auszüge; Übersetzungen von mir:


    This vast city of seven million people, almost the size of London, is breaking up into a dozen cities, each one of which is becoming a heavily armed Shia or Sunni stronghold. Every morning brings its terrible harvest of bodies. Many lie in the street for hours, bloating in the 120F heat, while others are found floating in the Tigris river.

    In June, 1,595 bodies, often tortured with an electric drill or by fire, were delivered to the Baghdad morgue. In July, the violence was far worse.

    In all of Iraq, in June, 3,149 civilians are known to have been killed, more in one month than the total death toll in Northern Ireland in 30 years of violence.

    Into this maelstrom, President George Bush is ordering 4,000 extra American troops in a bid to control the civil war in Baghdad (absurdly, Bush and Tony Blair reject the phrase "civil war" despite the all-too-visible sectarian carnage). Many embattled Sunni districts will welcome the Americans, but the majority in Baghdad are Shia and they already see the US as playing sectarian politics in order to shore up imperial control.

    Diese riesige Stadt mit sieben Millionen Einwohnern, fast so groß wie London, zerbricht in ein Dutzend Städte, deren jede eine massiv bewaffnete schiitische oder sunnitische Festung wird. Jeder Morgen bringt seine fürchterliche Ernte von Leichen. Viele liegen stundenlang auf der Straße, in der Hitze von fast 50 Grad aufgedunsen, während andere im Tigris treibend gefunden werden.

    Im Juni wurden 1595 Leichen, oft von mit einem Akkuschrauber oder mit Verbrennungen gefolterten Menschen, in das Bagdader Leichenschauhaus eingeliefert. Im Juli war die Gewalt noch weitaus schlimmer.

    Im gesamten Irak sind Morde an 3149 Zivilisten bekanntgeworden; in einem Monat war das mehr als die Gesamtzahl der Opfer, die 30 Jahre Gewalt in Nordirland gefordert haben.

    In diesen Maelstrom hinein schickt Präsident Bush weitere 4000 amerikanische Soldaten und versucht damit, den Bürgerkrieg in Bagdad zu kontrollieren (absurderweise lehnen Bush und Blair das Wort Bürgerkrieg trotz des nur allzu sichtbaren konfessionellen Gemetzels ab). Viele umkämpfte sunnitische Stadtteile werden die Amerikaner willkommen heißen, aber die Mehrheit der Bagdader sind Schiiten, und sie sehen schon jetzt die USA als an der Konfessionspolitik Beteiligte, die damit ihre imperiale Kontrolle absichern wollen.


    Baghdad is joining other cosmopolitan cities in the Middle East - Alexandria in Egypt, Smyrna in Turkey and Beirut in Lebanon - which have been torn apart by sectarian and ethnic cleansing over the last century.

    Bagdad tritt jetzt hinzu zu den anderen kosmopolitischen Städten im Mittleren Osten - Alexandrien in Ägypten, Smyrna in der Türkei und Beirut im Libanon -, die über das vergangene Jahrhundert hinweg durch konfessionelle und ethnische Säuberungen zerrissen wurden.

    On the surface, Baghdad recovered swiftly from the 1991 Gulf War. (...) But the recovery was never as complete as it looked. (...) Soon there were millions of people in Baghdad living on the edge of destitution. I saw men standing in the market during the furnace-like summer heat trying to sell a few plates or ungainly gilt furniture. Crime became common. The government started cutting off the hands and ears of thieves and showing the results on television. Iraqi society became like a lump of wet sugar ready to dissolve as soon as Saddam's iron rule was ended.

    Even so, the ferocity of the looting in April 2003 after Saddam fled was astonishing. Iraqis, both Arabs and Kurds, have always looted when they could get away with it. But the savage destructiveness with which ministries, government offices, museums and even hospitals were torn apart by the poor of Baghdad was like a social revolution. It was as if they were taking revenge against the Iraqi state that had oppressed them for so long.

    An der Oberfläche erholte sich Bagdad schnell vom Golfkrieg von 1991. (...) Aber die Erholung war nie so vollständig, wie es den Anschein hatte. (...) Bald gab es in Bagdad Millionen von Menschen, die am Rande der Armut lebten. Ich sah Menschen in der Backofenhitze des Sommers auf dem Markt stehen, die ein paar Teller oder häßliche goldschimmernde Möbel zu verkaufen versuchten. Das Verbrechen wurde allgemein. Die Regierung begann damit, Dieben die Ohre und Hände abzuschneiden und das Ergebnis im Fernsehen zu zeigen. Die irakische Gesellschaft entwickelte sich zu so etwas wie einem nassen Zuckerwürfel, nah daran, sich aufzulösen, sobald das eiserne Regime Saddams zu Ende gehen würde.

    People who thought that occupation meant liberation were rapidly disillusioned when the US took over Saddam's palace complex and renamed it the Green Zone. It instantly became a symbol of foreign conquest, whose inhabitants were notoriously isolated from the grim reality of Iraq. Ghazi al-Yawer, the US-appointed president of Iraq in 2004-05, remarked scathingly: "The difference between the Green Zone and the rest of Baghdad is like that between a safari park and the real jungle."

    The physical face of Baghdad was changing in another way. In August 2003, the first suicide bombers driving vehicles packed with explosives attacked the Jordanian embassy and the UN headquarters on Canal Street. Nobody was safe. Again and again, queues of young men, desperate for jobs, were targeted as they waited at recruitment centres for the army and police.

    Leute, die dachten, daß die Besatzung Befreiung bedeuten würde, wurden schnell desillusioniert, als die USA den Palastkomplex Saddams übernahmen und ihn in Grüne Zone umbenannten. Diese wurde sofort zum Symbol fremder Eroberung, dessen Bewohner offenkundig von der grimmigen Realität des Irak isoliert waren. Ghazi Allawi, der von den USA ernannte Präsident des Irak von 2004 bis 2005, bemerkte gallig: "Der Unterschied zwischen der Grünen Zone und dem übrigen Bagdad ist der zwischen einem Safaripark und dem wirklichen Dschungel".

    Das Äußere Bagdads änderte sich in anderer Hinsicht. Im August 2003 wurden die Jordanische Botschaft und das UN-Hauptquartier in der Kanalstraße von den ersten Selbstmordbombern angegriffen, die mit Sprengmaterial bepackte Fahrzeuge fuhren. Niemand war mehr sicher. Wieder und wieder wurden Warteschlangen junger Männer, die verzweifelt nach einem Job suchten, vor den Rekrutierungszentren der Armee und der Polizei attackiert.


    I do not know if I will go back to Baghdad. The occupation, sectarian warfare and collapse of the economy have destroyed it. Most of my friends have fled. The few that have stayed tell terrible stories of atrocities. (...) Baghdad may rise again, but it will be a different city.

    Ich weiß nicht, ob ich nach Bagdad zurückkehre. Die Besatzung, Konfessionsklämpfe und der Zusammenbruch der Wirtschaft haben es zerstört. Die meisten meiner Freunde sind geflohen. Die wenigen, die noch da sind, erzählen entsetzliche Geschichten von Grausamkeiten. (...) Bagdad mag wieder auferstehen, aber als eine andere Stadt.




    Kommentar: Vieles von dem, was Cockburn schreibt, entspricht dem, was auch in den Blogs steht und was Korrespondenen berichten.

    Besonders wichtig scheint mir aber zu sein, daß Cockburn die Verbindung zur Situation unter Saddam herstellt: Damals war die Gesellschaft schon aufgelöst, aber sie wurde noch durch die Diktatur zusammengehalten.

    Und als die unterging, da brach sich alles das Bahn, was schon zuvor dagewesen war, aber eben unterdrückt. So, wie die Völker der Sowjetunion durch die Dikatur zwangsweise zusammengehalten worden waren, oder die Jugoslawiens.

    Zweifellos haben die USA unterschätzt, wie desolat die irakische Gesellschaft unter Saddam geworden war. Ich habe das auch unterschätzt, wie schon geschrieben. So, wie wir fast alle unterschätzt haben, wie marode die "sozialistischen Länder " 1989 gewesen waren.

    Aber Gorbatschow war nicht schuld an dem Chaos in der Ex-UdSSR, das nach dem Ende des Kommunismus ausbrach. Und die USA sind nicht schuld an dem, was sich im Irak entwickelt hat, nachdem die Diktatur Saddams - ungleich grausamer als der Kommunismus nach Stalin - gestürzt worden war.

    Immerhin, sie haben diesen Prozeß ausgelöst und sind jetzt verantwortlich für das, was sie damit in Gang gesetzt haben. Ich hoffe, sie bleiben standhaft und halten durch, bis der Irak in der Lage ist, sich selbst gegen den Terrorismus zu verteidigen.

    Herzlich, Zettel

    Reader Offline



    Beiträge: 803

    11.08.2006 20:23
    #5 RE: Patrick Cockburn's "Requiem for Baghdad" antworten



    Eigentlich wollte ich nur schnell einen Buchtipp geben, aber so auf die Schnelle kann ich im Internet keine Informationen dazu finden. Kann sein, dass es offiziell noch nicht erschienen ist und leider habe ich im Moment nicht mehr Zeit zum Nachforschen zur Verfügung. Ich habe im Folder "Aus der amerikanischen Presse" ein paar Links zu Büchern vermerkt, die mir bei der Suche begegnet sind. Nur so, nicht, dass ich sie besonders empfehle (da ich sie nicht gelesen habe).

    Auf ein ander Mal,
    lieben Gruß,
    R.r

    Reader Offline



    Beiträge: 803

    12.08.2006 00:04
    #6 Peter W. Galbraith, The End of Iraq ... antworten

    Hier nun das Buch, auf das ich vorhin hinweisen wollte:

    THE END OF IRAQ
    How American Incompetence Created a War Without End.
    By Peter W. Galbraith.
    260 pp. Simon & Schuster. $26.

    Zwei Rezensionen dazu, eine in der New York Times Book Review, eine in der Washington Times:
    "To anticipate your first question, no, this is not another quickie hindsight book about how some former enthusiast went sour on the intervention in Iraq. Peter Galbraith was arguing for the overthrow of Saddam Hussein when Donald Rumsfeld and Dick Cheney were opposed to it, and before George W. Bush was even the governor of Texas. Among Kurdish revolutionaries and secular Iraqi democrats, his is a name that commands appreciable respect." So beginnt der Rezensent der Washington Times, von dessen Rezension ich noch diese zwei Sätze herausheben möchte: "Thus, Mr. Galbraith knew that a final confrontation with Saddam was not so much desirable (as it was) but inescapable. Why, then, was it so ill-prepared and so clumsily executed?"

    Galbraith selber schreibt in einem Artikel vom 12. Juli 2006 unter dem Titel "Mindless in Iraq" in der NEW YORK BOOK REVIEW (http://www.nybooks.com/articles/19197) über diese Bücher zum Thema Irak:

    Cobra II: The Inside Story of the Invasion and Occupation of Iraq
    by Michael R. Gordon and Bernard E. Trainor
    Pantheon, 640 pp., $27.95

    Losing Iraq: Inside the Postwar Reconstruction Fiasco
    by David L. Phillips
    Perseus, 292 pp., $15.95 (paper)

    The Foreigner's Gift: The Americans, the Arabs, and the Iraqis in Iraq
    by Fouad Ajami
    Free Press, 378 pp., $26.00

    Ahmad's War, Ahmad's Peace: Surviving Under Saddam, Dying in the New Iraq
    by Michael Goldfarb
    Carroll and Graf, 354 pp., $15.95 (paper)

    THE FOREIGNER’S GIFT
    The Americans, the Arabs, and the Iraqis in Iraq.
    By Fouad Ajami.

    -

    Zettel Offline




    Beiträge: 20.200

    04.09.2006 00:25
    #7 Lage im Irak - George F. Will über Senator Warner antworten

    Zu dem Kommentar von George F. Will, auf den Reader hier aufmerksam gemacht hat:

    Berichtet wird über einen der Senior-Senatoren in den USA - eine dieser Gestalten, wie es sie im europäischen Parlamentarismus kaum gibt. John Warner, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Senats.

    Wer die Senat-Hearings zum Irak-Krieg gesehen hat, der kennt diesen knorrigen, hageren Hünen mit schlohweißen Haaren, mit seinen 79 Jahren noch immer ein souveräner Sitzungsleiter. Er hat noch im Zweiten Weltkrieg gekämpft, war dann Freiwilliger im Korea-Krieg, Regierungsmitglied unter Nixon, seit 1979 (!) Senator.



    In dem von Reader verlinkten Artikel äußert er sich gegenüber dem Autor, George F. Will, sehr differenziert zum Irak-Krieg. Er betont, daß der Kongreß erneut eingeschaltet werden müsse, falls es im Irak zu einem Bürgerkrieg käme - aber gegenwärtig sei das nicht der Fall. Die Regierung funktioniere, die Sicherheitskräfte würden besser, und es gebe im Militär keine Bestrebungen, die Regierung zu stürzen.

    Besonders der letzte Punkt scheint mir wichtig zu sein. Ich habe oft den Eindruck, daß viele Kommentatoren in Deutschland sich gar nicht fragen, welches denn eigentlich die politischen Alternativen sind:

  • Die Terroristen kontrollieren keine einzige Provinz, keine einzige Stadt. Sie haben keine regulären Truppen und null Chance, jemals welche aufzustellen. Wie also sollen die Terroristen jemals die gewählte Regierung stürzen?

  • Das Volk will in seiner großen Mehrheit nur eines - daß endlich Frieden herrscht. Wenn es jemals in einem Land nicht die Spur einer revolutionären Stimmung gegeben hat, dann jetzt im Irak. Daß die - mit breiter Mehrheit bei sehr großer Wahlbeteiligung - gewählte Regierung durch eine Revolution gestürzt wird, ist ebenfalls ausgeschlossen.

  • Bliebe ein Militärputsch. Aber auch dafür gibt es nicht die geringsten Anzeichen. Die neue irakische Armee ist sicherlich in den unteren Rängen teilweise von alten Baathisten und vielleicht auch Sympathisanten der Terroristen infiltriert. Aber daß die Armeeführung die gewählte Regierung stürzen wird, ist ebenfalls extrem unwahrscheinlich.




  • Warner sagt - Reader hat das schon zitiert -, daß das US-Ziel im Irak jetzt nicht ein glitzernder Erfolg sei, sondern das Vermeiden von etwas Entsetzlichen - die Ölfelder im Irak in der Hand von Dschihadisten.

    Für die nächste Zukunft ist es das sicher. Mittelfristig stehen meines Erachtens die Chancen immer noch gut (70:30 schätze ich sie seit langem ein), daß im Irak zwar nicht eine Demokratie nach westlichen Standards sich stabilisiert, daß es aber doch auch weiterhin demokratischere Verhältnisse gibt als irgendwo in der arabischen Welt.

    Was ja überfällig ist. Osteuropa ist demokratisch geworden, fast ganz Lateinamerika ist es, viele Staaten Ostasiens sind demokratisch geworden oder auf dem Weg dorthin. Daß die arabische Welt sich diesem säkularen Trend dauerhaft entgegenstellen kann, glaube ich nicht.


    Sparrowhawk ( Gast )
    Beiträge:

    04.09.2006 20:45
    #8 RE: Lage im Irak - George F. Will über Senator Warner antworten

    In Antwort auf:
    Osteuropa ist demokratisch geworden,


    Naja, jedenfalls das allermeiste... ob man den Herrn Lukaschenko in dem kleinen osteuropäischen Dorf namens Minsk als demokratisch bezeichnen kann, so wie er das Land führt, darüber ließe sich sicherlich diskutieren.

    Zettel Offline




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    04.09.2006 22:25
    #9 Das Ex-Sowjetimperium antworten

    Zitat von Sparrowhawk
    In Antwort auf:
    Osteuropa ist demokratisch geworden,

    Naja, jedenfalls das allermeiste... ob man den Herrn Lukaschenko in dem kleinen osteuropäischen Dorf namens Minsk als demokratisch bezeichnen kann, so wie er das Land führt, darüber ließe sich sicherlich diskutieren.

    Im Grunde, lieber Sparrowhawk, finde ich es erstaunlich, daß es so wenig Lukatschenkos gibt. Also daß die Demokratisierung fast flächendeckend in Angriff genommen wurde; außer eben in Weißrußland, bis vor kurzem in der Ukraine, in Kirgisien und wohl Usbekistan.

    Und interessant ist, wie alte nationale Tradiitonen wieder aufleben. Estland orientiert sich wieder nach Finnland hin, Litauen und Lettland nach dem Westen, wie schon zur Zeit der Hanse. In Polen regiert wieder die Kirche, und der traditionelle polnische Nationalismus ist bestimmend. Tschechien ist wieder der alte Standort für Hochtechnologie geworden oder auf dem Weg dorthin, auf dem Balkan streiten sich wiede die Völker, wie seit Jahrhunderten.

    Plus ça chance, plus c'est la même chose.

    Herzlich, Zettel

    Zettel Offline




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    14.09.2006 19:21
    #10 Kofi Annan und die Lage im Irak antworten

    Kofi Annan ist durch den Nahen (bzw., in internationaler Termonologie, Mittleren) Osten gereist und hat dann vor der Presse wiedergegeben, wie die dortigen politischen Führer die Lage im Irak sehen. Dazu gibt es heute in Iraq the Model einen interessanten Kommentar von Omar:


    Thursday, September 14, 2006
    For the first time ever, they spoke the truth!

    After finishing his tour in the Middle East, Kofi Annan says most region leaders told him the invasion of Iraq and its aftermath have been a disaster.
    A disaster for whom, is the question…

    Speaking about his tour of Middle East nations, Mr Annan told reporters:
    "Most of the leaders I spoke to felt that the invasion of Iraq and its aftermath have been a real disaster for THEM...They believe it has destabilised the region."

    For the first time I agree with what dictators, despots and apocalyptic nutcases said!
    I'd just replace "the region" with "their thrones" to make the statement correct.

    Did the "invasion and its aftermath" destabilize the region from those leaders' perspective?
    Absolutely yes! The Syrian Baath regime lost its eastern twin, Iran lost its anti-American, anti-Semitic western neighbor and the family-state in Saudi Arabia suddenly found itslef with a northern neighbor where minorities and majorities both have shares in governance.
    Moreover, the peoples of the region, since then, became more daring in demanding their rights and criticizing the policy of their governments.

    If this is not instability, then what is it?

    Posted by Omar @ 15:45

    Donnerstag, 14. September 2006
    Zum ersten Mal haben sie die Wahrheit gesagt!

    Nach Beendigung seiner Reise durch den Mitteleren Osten sagt Kofi Annan, daß die meisten Führer der Region die Invasion des Irak und dessen Folgen als ein Desaster bezeichneten.

    Die Frage ist, ein Desaster für wen.
    Hinsichtlich seiner Reise durch die Länder des Mittleren Ostens sagte Annan gegenüber Reportern: "Die meisten der Führer, mit denen ich gesprochen habe, hatten den Eindruck, daß die Invasion des Irak und seine Folgen ein wirkliches Desaster für SIE waren. ... Sie glauben, daß dies die Region destabilisiert hat.


    Erstmals stimme ich mit dem überein, was diese Diktatoren, Despoten und apokalyptischen Spinner sagen! Ich ersetze nur "die Region" durch "ihre Throne", und die Aussage wird richtig.

    Haben die "Invasion und ihre Folgen" die Region aus der Perspektive dieser Führer destabilisiert?

    Absolut ja! Das syrische Baath-Regime verlor seinen östlichen Zwilling, der Iran verlor seinen antiamerikanischen, antisemitischen westlichen Nachbarn und der Familienstaat in Saudi-Arabien fand sich plötzlich einem nördlichen Nachbarn gegenüber, bei dem Minderheiten und Mehrheiten gemeinsam an der Regierung beteiligt sind. Mehr noch, die Völker der Region sind seitdem mutiger darin geworden, ihre Rechte zu fordern und die Politik ihrer Regierungen zu kritisieren.

    Wenn das keine Instabilität ist, was dann?

    Geposted von Omar um 15:45




    Kommentar: Wer die Lage im Nahen Osten und speziell im Irak nach dem beurteilt, was hier SPON und ähnliche tendenziös berichtende Medien schreiben, der kann damit zwar sein - so vorhanden - antiamerikanisches und oft auch antisemitisches Weltbild bestätigt sehen; aber von der Realität hat er ungefähr so viel Ahnung wie ein Maulwurf vom Regenbogen.

    Die Lage im Irak ist schwieriger, als man es nach der Invasion hoffen konnte. Das heißt, daß es länger als erwartet dauern wird, bis eine stabile Demokratie entstanden ist.

    Nur gibt es zu diesem Prozeß keine Alternative. Das ahnen die Diktatoren, und deshalb ist ihnen der Irak ein Stachel im Fleisch.

    Daß unsere deutschen Antiamerikaner und Antisemiten die Demokratie im Irak scheitern sehen möchten, kann man ihnen gern glauben. Natürlich ist dieser Ausgang möglich, aber er ist nach wie vor unwahrscheinlich - solange die USA nicht wieder, wie seinerzeit in Vietnam, einen Verbündeten, der ihnen vertraut, fallenlassen.


    Reader Offline



    Beiträge: 803

    14.09.2006 21:14
    #11 RE: Kofi Annan und die Lage im Irak antworten
    Zitat von Zettel
    Nur gibt es zu diesem Prozeß keine Alternative. Das ahnen die Diktatoren, und deshalb ist ihnen der Irak ein Stachel im Fleisch.
    Daß unsere deutschen Antiamerikaner und Antisemiten die Demokratie im Irak scheitern sehen möchten, kann man ihnen gern glauben. Natürlich ist dieser Ausgang möglich, aber er ist nach wie vor unwahrscheinlich - solange die USA nicht wieder, wie seinerzeit in Vietnam, einen Verbündeten, der ihnen vertraut, fallenlassen.


    Wie lange sollen denn amerikanische Soldaten verheizt werden? Bis deren 50.000 Tote zu beklagen sind, so wie im Vietnamkrieg oder mehr?

    -

    Zettel Offline




    Beiträge: 20.200

    14.09.2006 22:22
    #12 RE: Kofi Annan und die Lage im Irak antworten
    Zitat von Reader
    Wie lange sollen denn amerikanische Soldaten verheizt werden? Bis deren 50.000 Tote zu beklagen sind, so wie im Vietnamkrieg oder mehr?

    Dear Reader, wir sind uns sicher einig darin, daß jeder Krieg etwas Entsetzliches ist - so, wie eine Diktatur wie die Saddams etwas Entsetzliches war.

    "Verheizt" werden nach meinem Verständnis Soldaten dann, wenn sie sinnlos sterben; wenn also am Ende des Kriegs die Lage nicht besser, vielleicht sogar schlechter ist als vorher.

    Das wäre der Fall, wenn es den Terroristen gelingen würde, durch ihre "Propaganda der Tat" in den USA eine innenpolitische Situation zu erzeugen, in der die Truppen abgezogen werden, bevor die irakischen Streitkräfte ihre Aufgabe übernehmen können.

    Dann, dear Reader, wären die Gefallenen wirklich verzeizt worden - sie wären für nichts gestorben.



    Wenn die USA aber durchhalten, dann bestehen nach wie vor gute Chancen, daß die irakische Demokratie ein Erfolg wird. Ich poste dazu gleich noch die heutige Pressekonferenz des irakischen Vizepremiers.

    Man darf ja nicht vergessen, daß die Terroristen wirklich das sind, und nicht Guerrilleros. Sie sind militärisch nicht in der Lage, die US-Streitkräfte auch nur anzugreifen. Sie kämpfen auch nicht gegen die irakische Armee.

    Sondern sie kämpfen mit dem Mittel des Terrors, also durch das Erzeugen von Schrecken. Damit können sie, wie alle Terroristen, psychologisch erfolgreich sein. Sie sind aber völlig außerstande, die Regierung zu stürzen und selbst die Macht zu übernehmen. Die Iraker hassen sie ja in ihrer großen Mehrheit.



    Die militärische Situation im Irak ist, dear Reader, soweit ich es beurteilen kann, nicht mit der in Vietnam in den letzten Kriegsjahren zu vergleichen. Damals kämpfte die reguläre nordvietnamesische Armee, unterstützt von einer Partisanenarmee, gegen die Truppen der USA und Südvietnams, und sie hatte erhebliche Unterstützung in einem Teil der Bevölkerung.

    Auch diese Armee hätte sehr wahrscheinlich nicht militärisch gewinnen können; die Tet-Offensive hatte ja zu einer vernichtenden Niederlage für die Kommunisten geführt. Aber immerhin - es gab einen Staat, es gab eine große, homogene Partisanenarmee, die die Macht in Südvietnam übernehmen konnten, sobald die USA abzogen.

    Vielleicht war das das geringere Übel. (Sicher bin ich da nicht, angesichts des fürchterlichen Schicksals der demokratisch gesonnenen Vietnamesen nach der kommunistischen Machtübernahme). Aber im Irak gäbe es ja bei einem überstürzten Abzug der Koalitionstruppen nichts dergleichen.

    Der Krieg würde dann nicht enden, sondern es würde ein Krieg von einer Entsetzlichkeit beginnen, gegen die die jetzigen Anschläge harmlos wären. Mit unübersehbaren Folgen für den gesamten Nahen Osten, an deren Ende leicht der all-out war stehen könnte.

    Das ist leider so, jedenfalls aus meiner Sicht. Es gibt nicht die Wahl zwischen Krieg und Frieden, sondern nur zwischen Krieg und einem schlimmeren Krieg.

    Herzlich, Zettel

    Zettel Offline




    Beiträge: 20.200

    14.09.2006 22:53
    #13 Hier die Pressekonferenz des irakischen Vizepremiers antworten

    Im Augenblick besucht der irakische Vize-Premierminister Barham Salih die USA. Er hat gerade eine Pressekonferenz im Pentagon gegeben, aus deren Protokoll man auf der WebSite des Pentagon Auszüge lesen kann.

    Wieweit Salih die Situation realistisch sieht, kann ich nicht beurteilen. Aber es ist zumindest eine Sicht, die ja vielleicht auch nicht falscher ist als die Sicht von denjenigen, die eine Niederlage der USA im Irak wollen oder jedenfalls nichts dagegen hätten. Einige Passagen aus der Pressekonferenz (Hervorhebungen von mir; für Übersetzungen fehlt mir im Augenblick die Zeit):


    "No matter what criticism (is) here and there about the policy, … one thing fundamental for us Iraqis is that the United States has helped us overcome tyranny and gave us the greatest gift of all -- freedom," Salih said. "We all have to acknowledge that Iraqis are a lot better off without Saddam Hussein, the region is a lot better off without Saddam Hussein, the world is better off without Saddam Hussein.”

    Iraq’s transition to democracy comes at a difficult time, when the country is facing a fight against international terrorism and numerous changes and tensions in the Middle East, Salih said. These challenges make Iraq’s situation more difficult, but government leaders are aware of the problems and are working hard to overcome them, he said.

    "At the end of the day, it will be about Iraqi leadership; it is not about American leadership," he said. "American support is crucial, but at the end of the day, Iraqis will have to make the tough decisions in order to make their country more peaceful and deal with the problems that we have."

    The Iraqi government is making progress in forming an inclusive, balanced political process, Salih said. Last week, the country’s national security council agreed on a timetable to enact important legislation from now until March 2007. This legislation will begin to implement the national reconciliation plan announced by Prime Minister Nouri al-Maliki in June, he said.

    This month, the Iraqi government will set up a constitutional review committee and pass investment law, Salih said. By the end of the year, the government plans to pass a hydrocarbon law that will turn oil into a resource that unifies Iraqis, he said. This fall, the government will also be presenting legislation dealing with the disarmament of militias and reforming the de-Baathification commission, he added.

    "The reason I'm explaining this to you is that, despite the images of carnage on television that focuses on the car bombs day in, day out, there is a lot of work going on in very tough circumstances," Salih said. "Iraqi leaders are trying to make it happen."

    There is too much violence happening in Iraq, but it is important to note the progress Iraqi security forces have made, Salih said. Iraqi security forces now number almost 300,000, and by the end of this year, nearly half of Iraqi provinces will move to Iraqi security control, he said.

    While there are military aspects that need to be dealt with in Iraq, the ultimate solution will be a political process that includes the entire population of the country and denies terrorists and extremists the ability to operate, Salih said. (...)

    "At the end of the day, failure in Iraq will be catastrophic to the region," he said. "Success is not only possible, but it is a must to turn around the course of events in that part of the world."




    Dear Reader, muß man dieser Regierung nicht zumindest die Chance geben, das zu realisieren, was sie für realisierbar hält?

    Und noch eine Nachbemerkung zu Vietnam: Das ist, natürlich, ein amerikanisches Trauma - und führt wohl viele Menschen zu der pessimistischen Einschätzung, ein Krieg gegen Terroristen oder Guerrilleros könne nicht gewonnen werden.

    Aber dem ist ja nicht so. Der Krieg gegen die kommunistische Guerrilla-Truppe in Griechenland wurde gewonnen. Algerien hat den Krieg gegen die islamistische Guerilla- und Terroristentruppe gewonnen. In Malaysia, auf den Philippinen, fast überall in Lateinamerika wurden Terroristen und Guerrilleros besiegt.

    Warum sollte das nicht auch im Irak gelingen können?

    Herzlich, Zettel

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