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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 4 Antworten
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 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Zettel Offline




Beiträge: 20.200

19.05.2008 05:25
Wir Achtundsechziger (7): Eine deutsche Bewegung antworten

Zum Schluß dieser Serie der Versuch, die Achtundsechziger Bewegung in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts einzuordnen.

Dagny Offline



Beiträge: 1.096

19.05.2008 10:40
#2 RE: Wir Achtundsechziger (7): Eine deutsche Bewegung antworten

Als late 20 und Kind von Eltern, die keine 68er waren, ist das von Ihnen, Zettel, beschriebene sehr weit von mir entfernt.
Beim Lesen Ihrer Einordnung in die Geschichte faellt mir der alte Spruch 'am Deutschen Wesen, soll die Welt genesen' ein. (An dieser Haltung, mit der nicht nur Kaiser Wilhelm in den Kampf gezogen ist hat sich nicht viel geaendert, wenn ich mir die 'deutsche Vorreiterrolle' bei Muelltrennung, Windenergie, Waldsterben und anderen Umweltthemen so ansehe).

Zwei weitere Fragen haette ich: Haben die 68er ihren Eltern schlicht die Kriegsniederlage nicht verziehen, wie es Frau Dannenberg (?) formulierte? Und war die Adenauerzeit wirklich so schlimm, vielleicht einmal im Vergleich zu den 20er Jahren?

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

19.05.2008 15:14
#3 RE: Wir Achtundsechziger (7): Eine deutsche Bewegung antworten

Zitat von Dagny
Als late 20 und Kind von Eltern, die keine 68er waren, ist das von Ihnen, Zettel, beschriebene sehr weit von mir entfernt.

So ist es, denke ich, bei vielen, die ZR lesen und die hier schreiben und lesen. Das, liebe Dagny, ist ein Hauptgrund dafür, daß ich mich immer wieder mit dieser Zeit befasse. Der andere ist, daß ich dabei auch versuche, manches besser zu verstehen, was ich selbst damals gedacht und getan habe.
Zitat von Dagny
Beim Lesen Ihrer Einordnung in die Geschichte faellt mir der alte Spruch 'am Deutschen Wesen, soll die Welt genesen' ein. (An dieser Haltung, mit der nicht nur Kaiser Wilhelm in den Kampf gezogen ist hat sich nicht viel geaendert, wenn ich mir die 'deutsche Vorreiterrolle' bei Muelltrennung, Windenergie, Waldsterben und anderen Umweltthemen so ansehe).

So sehe ich das auch. Plus ça change, plus c'est la même chose. Das ist einer meiner Lieblingssätze - je mehr es sich ändert, umso mehr bleibt es sich gleich.

Die Achtundsechziger waren ihren Eltern viel ähnlicher, als sie es wahrhaben wollten. Die RAF setzte die Mentalität der SS fort, auch wenn man sich einen anderen Feind suchte.

Und die Verbissenheit, mit der heute in Deutschland die "Umwelt geschützt" wird - ich versuche das in der Serie "Deutschland im Öko-Würgegriff ein wenig in seine Absurditäten hinein zu verfolgen -, ist eben nur allzu deutsch. Auch diese verfluchte Neigung zur Gleichmacherei, zum Zurechtstutzen von allem, das von der jeweiligen PC abweicht.

Deren Inhalte ändern sich. Der Stil bleibt. Wenn heute die Kommunistin Petra Pau die Position der Evangelikalen zur Homosexualität für grundgesetzwidrig erklärt, dann ist das Ausdruck derselben Geisteshaltung, die einst der Kriminalisierung der Homosexualität zugrundegelegen hatte.
Zitat von Dagny
Zwei weitere Fragen haette ich: Haben die 68er ihren Eltern schlicht die Kriegsniederlage nicht verziehen, wie es Frau Dannenberg (?) formulierte?

Das halte ich für abwegig. Ich kenne diese Frau Dannenberg allerdings leider nicht und weiß deshalb nicht, wie sie diese Vermutung begründet.

Wenn die Achtundsechziger - quer über alle Strömungen - über etwas gemeinsam froh waren, dann war es die Niederlage 1945. Das ging so weit, daß ja sogar alle die schrecklichen Aspekte dieser Niederlage, vor allem die Vertreibungen, nicht nur ignoriert, sondern oft gutgeheißen wurden.

Schon allein, daß die Vertriebenen und Flüchtlinge sich an die "alte Heimat" erinnerten, daß sie ihre Trachten, ihre Folklore, ihren Dialekt pflegen wollten, galt als "faschistoid". Das Leid der Vertreibung, der Flucht, wurde ignoriert oder geleugnet.

Jedem, der auch nur begann, davon zu reden, wurde sofort geradezu reflexhaft entgegengehalten: Aber Hitler hat doch den Krieg angefangen. Das ware eben die Quittung dafür. Als wenn die Menschen, die von Soldaten der Roten Armee ermordet und vergewaltigt, die gekreuzigt und denen die Augen ausgestochen wurden, dafür verantwortlich gewesen wären, daß ein größenwahnsinniger Diktator einen Krieg begonnen hatte.

Nein, liebe Dagny, verübelt hat man den Eltern gewiß nicht die Niederlage; man hat sie ihnen viel eher gegönnt. Verübelt hat man ihnen, daß sie nicht allesamt heldenhafte Widerständler gewesen sind.
Zitat von Dagny
Und war die Adenauerzeit wirklich so schlimm, vielleicht einmal im Vergleich zu den 20er Jahren?

Das wird offensichtlich sehr unterschiedlich gesehen; je nachdem, welche eigenen Erinnerungen man an diese Zeit hat.

Wie jede Zeit hatte sie trivialerweise ihre Licht- und Schattenseiten. Nach meiner persönlichen Überzeugung war sie weit besser, als sie oft heute gesehen wird.

Es war eine Zeit - das hab eich ja geschrieben -, in der alles immer besser wurde, eine Zeit mit einer ungeheuer optimistischen Grundströmung. Eine Erinnerung, die das vielleicht illustriert:

Meine Großeltern hatten im Krieg alles verloren. Sie waren "ausgebombt" worden, waren als Flüchtlinge auf dem Land untergekommen, dann in ihre Heimtstadt zurückgekehrt, wo sie als Rentner als Untermieter ein Zimmer bewohnten; naja, eineinhalb, denn man hatte eine Wand gezogen. Mit ein paar zusammengebettelten Möbeln. Mit dem Recht, das zur Untermiete gehörte, daß meine Großmutter zu bestimmten Zeiten die Küche nutzen durfte.

Das war aus heutiger Sicht ein erbärmliches Leben, weit unterhalb dessen, was heute absurderweise als "Armutsgrenze" definiert ist. Aber jedesmal, wenn ich die Großeltern besuchte, hatte sich etwas verbessert. Mal hatte mein Großvater einen Schreibtisch erworben, an dem er ein Zubrot verdienen konnte, indem er einen Kaufmann die "Journale" führte. Mal hatten meine Großeltern es sich erstmals wieder leisten können, ein Abonnement für den Zoo zu kaufen.

Und dann kam der große Tag, an dem sie ein paar hundert Mark "Lastenausgleich" erhielten und sich davon zwei uralte, aber sehr schöne Gebrauchtmöbel kauften: Ein Büffet und eine "Kredenz". Irgendwie wurde das in dem kleinen Zimmer untergebracht. Als ich - ich war vielleicht zehn oder elf - zu Besuch kam, staunte ich und sagte: "Ihr macht euch". Das wurde dann zu geflügelten Wort.

Aber ich komme ins Plaudern.

Also, es ging ständig aufwärts. Und es herrschte auch eine viel größere geistige Freiheit, als heute oft behauptet wird. So regierungskritisch, wie damals der "Spiegel" war, ist heute keine Zeitung oder Zeitschrift mit einer Massenauflage mehr. So viele Intellektuelle, die gegen die herrschenden Verhältnisse waren und das auch frei artikulieren durften, gibt es heute nicht.

Herzlich, Zettel

str1977 ( gelöscht )
Beiträge:

21.05.2008 08:37
#4 RE: Wir Achtundsechziger (7): Eine deutsche Bewegung antworten

Sie meinen doch eher die klammheimliche Freude des Mescalero, nicht wahr?

In Antwort auf:
Dort, in Frankreich kann man ganz überwiegend mit Stolz, die Jüngeren wohl auch ein wenig mit Neid, auf diese bewegte Zeit zurückblicken.


Warum? Was war denn so toll am Pariser Mai 1968? Worauf sollte man denn da so stolz sein?

Auch in Frankreich bewunderte man Pol Pot - dort hat er ja auch seine ideologische Prägung erhalten.

Sie schreiben ja auch ganz so als sei "Muff der tausend Jahre" ein Faktum und nicht ein Kampfbegriff.

Gruß,
str1977

Faschismus und Antifaschismus sind nicht dasselbe, genausowenig wie Libanon und Antilibanon.
Aber beide sind aus Stein gemacht.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

21.05.2008 14:35
#5 RE: Wir Achtundsechziger (7): Eine deutsche Bewegung antworten

Zitat von str1977
Sie meinen doch eher die klammheimliche Freude des Mescalero, nicht wahr?

Ja, natürlich. Habe ich mich da irgendwo vertippt? Wären Sie so nett und sagen mir noch, wo? Beim Suchen konnte ich es nicht finden - vielleicht eben deshalb, weil ich mich vertippt hatte.
Zitat von str1977
In Antwort auf:
Dort, in Frankreich kann man ganz überwiegend mit Stolz, die Jüngeren wohl auch ein wenig mit Neid, auf diese bewegte Zeit zurückblicken.

Warum? Was war denn so toll am Pariser Mai 1968? Worauf sollte man denn da so stolz sein?

Gute Frage, lieber str1977. Ich verfolge das ja a bisserl. Es ist tatsächlich so, daß dieser Stolz weit über die Linke hinaus da ist.

Ich glaube, das hat etwas mit dem spezifisch französischen Verhältnis zur eigenen nationalen Geschichte zu tun: Im Rückblick sieht man es alles als groß und schön und gelungen an, was passierte.

Schauen Sie, wenn Sie Paris durchstreifen, dann finden Sie Orte, an denen der Glanz der Bourbonen gepflegt wird (jeder Tourist fährt nach Versailles und soll dort gebührend staunen; Son et Lumière). Sie finden natürlich massenhaft die Beweihräucherung (falls dieses Wort hier erlaubt ist) der Grande Révolution, am glanzvollsten am Nationalfeiertag. Sie finden aber ebenso, daß Napoléon geehrt wird, zB im Invalidendom.

Und so fort, bis zur Verehrung von sowohl Jean Jaurès als auch Charles de Gaulle. Man schätzt in Frankreich die Größe, die Bedeutung einer Epoche, ganz unabhängig davon, wo man selbst politisch steht.
Zitat von str1977
Sie schreiben ja auch ganz so als sei "Muff der tausend Jahre" ein Faktum und nicht ein Kampfbegriff.

Es war vor allem ein Happening. Sie müssen sich das mal vorstellen: Eine würdige Feier in der Universität, und dann kommen da zwei Hanseln (einer davon wurde später selbst Professor) die Treppe herab und zeigen dieses Transparen: "Unter den Talaren Muff von Tausend Jahren". Selbst im schwarzen Anzug, die beiden, wie es sich eben damals für Studenten bei feierlichen Anlässen gehörte.

Ja, es gab diesen Muff. Ich habe ihn ja erlebt. Ich habe es erlebt, wie man als Student in jenem schwarzen Anzug zur Prüfung erschien, silbergrau der Schlips. Die Mutigeren mit Fliege. Und die Damen im Kleinen Schwarzen, oft dem Konfirmationskleid.

Wenn es Sie interessiert, dan erzähle ich gelegentlich mal darüber, wie es Anfang der sechziger Jahren an deutschen Unis zuging.

Aber nur, wenn Sie ganz brav sind. Sonst kommt der Pedell und haut Ihnen (buchstäblich, nicht im übertragenen Sinn) auf die Finger. Ich hab's erlebt, lieber str1977.

Herzlich, Zettel

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