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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 10 Antworten
und wurde 854 mal aufgerufen
 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Zettel Offline




Beiträge: 20.200

07.05.2009 02:58
Zitat des Tages: "Krude Kapitalismuskritik" Antworten

Das Phänomen fasziniert und wundert mich schon lange: Menschen, die, wie es scheint, den demokratischen Rechtsstaat befürworten und sich zugleich bei den Kommunisten engagieren. Sind sie von Blindheit geschlagen? Sind sie hoffnungslos naiv? Oder haben sie vielleicht (das erscheint mir noch am plausibelsten) die Werte der Demokratie erst verstanden, nachdem sie sich zuvor bei den Kommunisten engagiert hatten?

Wie auch immer - hier ist ein aktuelles Beispiel.

vivendi Offline



Beiträge: 663

07.05.2009 11:09
#2 RE: Zitat des Tages: "Krude Kapitalismuskritik" Antworten
Das Phänom fasziniert mich ebenfalls. Insbesondere frage ich mich, welchen persönlichen Gewinn diese Menschen für sich ausrechnen, wenn sie tatsächlich am Ziel angekommen sein werden. Befürchten sie nicht, dass ihnen selbst dann ihre freie Meinungsäusserung, ihre freie Wahl, von der von ihnen angestrebten Staatsform weggenommen wird? Dass das, was sie jetzt ungehindert ausdrücken dürfen, sie zu Staatsfeinden stempeln würde?
R.A. Offline



Beiträge: 8.113

07.05.2009 11:30
#3 RE: Zitat des Tages: "Krude Kapitalismuskritik" Antworten

Das grundsätzliche Phänomen finde ich auch interessant.

Im konkreten Fall hier verstehe ich aber die Motivation:
Der Abgeordnete will keinen Kommunismus, sah die kommunistischen Elemente in der SED als unwichtige Reste und möchte, daß die Partei sich in Richtung SPD entwickelt.

Inzwischen hat er gemerkt, daß die Kommunisten noch deutlich stärker sind als von ihm erwartet und möchte konsequenterweise die Partei verlassen.
Aber er möchte damit nicht ausgerechnet die Koalition zum Platzen bringen, die seinen Zielen eigentlich am besten entspricht - mit einer etwas nach links gerückten SPD.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

07.05.2009 12:38
#4 RE: Zitat des Tages: "Krude Kapitalismuskritik" Antworten

Zitat von R.A.
Der Abgeordnete will keinen Kommunismus, sah die kommunistischen Elemente in der SED als unwichtige Reste und möchte, daß die Partei sich in Richtung SPD entwickelt.

Inzwischen hat er gemerkt, daß die Kommunisten noch deutlich stärker sind als von ihm erwartet und möchte konsequenterweise die Partei verlassen.

Es sieht so aus, lieber R.A., aber ich kann es nicht begreifen. Es gab doch nie auch nur den Schatten eines Hinweises darauf, daß Gysi, Bisky, Bartsch und Co keine Kommunisten mehr sind.

Sie haben das ja auch nie behauptet. Sie haben dazu einfach geschwiegen und haben lediglich Kritik an der DDR geäußert in dem Sinn, daß man Fehler gemacht habe. Von Anfang an hat die PDS eng mit den anderen kommunistischen Parteien Europas zusammengearbeitet; sie war die treibende Kraft bei der Gründung der europäischen kommunistischen Partei "Europäische Linke" und stellt heute deren Vorsitzenden, den Genossen Bisky.

Man hat es mit großem taktischen Geschick geschafft, das in der Öffentlichkeit nicht an die Große Glocke zu hängen - aber einem Funktionär und Abgeordneten kann es doch nicht entgangen sein.

Also, lieber R.A., ich kann das nicht nachvollziehen. Ich kann nicht glauben, daß da einer fast zwei Jahrzehnte in einer Partei ist, und jetzt wacht er auf, reibt sich die Augen und sagt: Huch, das sind ja Kommunisten!

Herzlich, Zettel

PeterCoyote ( Gast )
Beiträge:

07.05.2009 22:04
#5 RE: Zitat des Tages: "Krude Kapitalismuskritik" Antworten

In Antwort auf:
ich kann das nicht nachvollziehen. Ich kann nicht glauben, daß da einer fast zwei Jahrzehnte in einer Partei ist, und jetzt wacht er auf, reibt sich die Augen und sagt: Huch, das sind ja Kommunisten!


sehen sie, da sind wir ausnahmsweise einmal einer Meinung. Ich gebe sogar noch eins drauf: so einer entmündigt sich eben damit selbst. So einen kann man doch nicht ernst nehmen. Anno 1921 hat ein Paul Levy noch glaubwürdig machen können, dass ihm endlich die Augen aufgegangen sind, aber 2009 kann das keiner mehr. Man kann über das Ausmass des sozialistischen Massenmords streiten, aber das Fakt als solches nicht und Mauer und die Todesschützen bekommt man damit auch nicht wegdiskutiert.

Wechselberg ist auch nicht kuriert. Er unterstützt Rot-Rot in Berlin und wird deshalb vorerst seinerseits Partei und Fraktion nicht verlassen. Wenn die Sache politisch motiviert sein sollte, was ich auf gar keinen Fall glaube, dann hat sich lediglich eine vernachlässigbar geringfügige Veränderung in seinem politischen Bewusstsein ergeben. Wem wirklich bewusst wird, dass er in einer Partei zusammen mit Kommunisten ist, der unterstützt eine Koalition mit der SED nicht, sondern bekämpft sie mit allen Mitteln. Mit Wechselberg hätte man wenigstens noch reden können, hätte er bewusst durch seinen Austritt Rot-Rot geschadet und damit wirklich etwas Gutes für Demokratie und Freiheit getan.

PeterCoyote ( Gast )
Beiträge:

07.05.2009 23:30
#6 RE: Zitat des Tages: "Krude Kapitalismuskritik" Antworten

In Antwort auf:
Das Phänom fasziniert mich ebenfalls. Insbesondere frage ich mich, welchen persönlichen Gewinn diese Menschen für sich ausrechnen, wenn sie tatsächlich am Ziel angekommen sein werden. Befürchten sie nicht, dass ihnen selbst dann ihre freie Meinungsäusserung, ihre freie Wahl, von der von ihnen angestrebten Staatsform weggenommen wird? Dass das, was sie jetzt ungehindert ausdrücken dürfen, sie zu Staatsfeinden stempeln würde?


wir reden jetzt über solche langjährigen Gesinnungstäter und nicht über Leute, die spontan der Propaganda auf dem Leim gehen und nach kurzer Zeit wieder Abstand davon nehmen. Dies sei vorausgeschickt.

Ihre momentane Methode ist es Hinweise auf Freiheitsberaubung und Massenmord zunächst mit dem Aufrechnen mit angeblichen Verbrechen freiheitlicher Demokratien zu relativieren. Also recht ähnlich der Vorgehensweise der Neonazis. Dementsprechend erfolgt unmittelbar im Anschluss an die Relativierung die Verharmlosung der Schreckensbilanz des Sozialismus. Diese relativiert und auf ein erträgliches Mass abgesenkt, erfolgt schlussendlich die Bekundung, selbstverständlich Freiheit und Demokratie zu achten und es dieses Mal besser zu machen.

In Wirklichkeit denken sie ganz anders. Man kann es herausfinden, indem man sich unter sie mischt. Teilnehmende Beobachtung nennt es der Kriminologe. Eine bewährte Methode. Auf diese Weise findet man heraus, dass sie zur Rechtfertigung sozialistischer Verbrechen neigen und nicht befürchten, dass ihnen selbst das Recht auf freie Meinungsäusserung, ihre freie Wahl, von der von ihnen angestrebten Staatsform weggenommen wird, weil sie sich auf der Seite des Siegers befinden. Den persönliche Gewinn sehen sie darin Recht zu bekommen und Macht über andere Menschen ausüben zu können. Das Recht zur Repression leitet sich aus der Ideologie ab, welche ihnen sowohl das Feindbilder, als auch das Bewusstsein, mit Repression und Menschenvernichtung nur Gutes zu tun, suggeriert.

str1977 ( gelöscht )
Beiträge:

08.05.2009 10:53
#7 RE: Zitat des Tages: "Krude Kapitalismuskritik" Antworten
Seltsam dieser Abgeordenete - da findet er Gründe, warum er die PDS verlassen müßte, geht dann aber doch nicht weil eine andere ähnliches tut und dem rosaroten Senat die Mehrheit kosten würde.

Hat ihm niemand gesagt, daß er auch als partei- und fraktionsloser mit der bisherigen Mehrheit stimmen kann?

Oder daß er ja auch von einer zur anderen Koalitionspartei wechseln könnte? Damit könnte er sich ja gleichzeitig von der PDS abwenden und etwas gegen den Linkskurs in der SPD tun.

Die oben attestierte Verwunderung über diese Biographie wird aber sehr stark nachlassen, wenn man mal akzeptiert, daß sich Wechselberg eben nicht bei "den Kommunisten" engagiert hat sondern bei der PDS. Und diese schrieb ja eben nie "Abschaffung der Meinungsfreiheit" auf ihre Fahnen (und ob sie es insgeheim doch will, spielt für den Wechselbergschen Lebensweg keine Rolle). Auch der Umzug von Bremen, wo die PDS eher in der Diaspora sein dürfte, nach Berlin, wo noch die Nachwirkungen der SED-Herrschaft noch präsent sind, spielt bestimmt eine Rolle: in Bremen eingetreten, tritt er nun in Berlin aus.

Mit Massenmorden hat das ganze gar nichts zu tun, denn W. war weder zur Zeit der Massenmorde war Teil der Parteien, die dergleichen unterstützten, noch jemals "Kommunist".

Gruß,
str1977

Faschismus und Antifaschismus sind nicht dasselbe, genausowenig wie Libanon und Antilibanon. Aber beide sind aus Stein gemacht.

Liberalismus ist die Ideologie, die, wenn etwas zu verderben droht, nicht nur nichts unternimmt, sondern auch anderen von Gegenmaßnahmen abrät, um anschließend das verfaulte Resultat zum Ideal zu erklären.

The business of Progressives is to go on making mistakes. The business of the Conservatives is to prevent the mistakes from being corrected. (G.K. Chesterton)

Verfassungsfeinde ... in den Tschad!!!

R.A. Offline



Beiträge: 8.113

08.05.2009 11:54
#8 RE: Zitat des Tages: "Krude Kapitalismuskritik" Antworten

Zitat von str1977
Oder daß er ja auch von einer zur anderen Koalitionspartei wechseln könnte? Damit könnte er sich ja gleichzeitig von der PDS abwenden und etwas gegen den Linkskurs in der SPD tun.

Das habe ich mich auch gefragt. Das wäre die absolut naheliegende Option.
Daß er sie nicht nutzt, macht seine Darlegungen recht unglaubwürdig.

Ansonsten Zustimmung: Er ist in ein anderes Umfeld eingetreten - und hat nun in Berlin für ihn überraschende Erfahrungen gemacht.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

10.05.2009 15:36
#9 AKTUELLE ERGÄNZUNG: Wechselberg erklärt sich Antworten
In "Spiegel-Online"erläutert Wechselberg jetzt seine Kritik am Kurs der Linkspartei.

Er ist, so kann man daraus entnehmen, ganz auf der Linie der Altkommunisten aus der DDR; der "Ost-Realos". Diese fahren die alte DKP-Strategie, Bündnisse zu schließen, sich anzupassen, um nur einen Fuß in die Tür zur Macht zu bekommen. Die Gegenspieler haben ebenso ihre Tradition; diejenige der K-Gruppen, die auf eine bedingungslose Fundamentalopposition setzten.

So wiederholt sich die Geschichte; oder vielmehr: Wir sehen mal wieder den Antagonismus zwischen den beiden uralten kommunistischen Strategien.

Sie sind mir aus Juso-Zeiten vertraut; damals wurde die jetzige Linie der Ost-Realos von den DKP-nahen Stamokaps vertreten. Ihr Widerpart, die Revolutionäre, nannten sich "Antirevisionisten" und hatten ihre Hochburg übrigens dort, wo Gerhard Schröder damals am Karrieremachen war, in Hannover.

F.Alfonzo Offline



Beiträge: 657

10.05.2009 17:46
#10 RE: AKTUELLE ERGÄNZUNG: Wechselberg erklärt sich Antworten

Lieber Zettel, wenn man seinen SpOn-Artikel liest, wird recht schnell klar: Es geht ihm nicht um inhaltliche Dinge oder fundamentale Fragen wie Rechtsstaat vs. Kommunismus, sondern darum, dass der Lafontainsche Haudrauf-Populismus seiner Ansicht nach einfach nicht so gut funktioniert wie der Schmusekurs der Altkommunisten. Er will halt regieren, der gute Mann. Versteh ich, das will jeder Kommunist, was soll er auch sonst machen?

Naja, sei's drum. Eigentlich kann es jedem Menschen, der noch halbwegs bei Verstand ist ja nur recht sein, wenn sich die Linkspartei selbst entleibt. In diesem Sinne hat Wechselbergs Artikel auch was gutes: Er gewährt einen klitzekleinen Insiderblick in die Partei, die es, wie Sie selbst es schon oft erwähnt haben, in der Vergangenheit sehr gut verstanden hat, ihr wahres Antlitz zu verbergen.
Es wäre aus meiner Sicht sehr wünschenswert, wenn Mitglieder verschiedener Strömungen ihr parteiinternen Probleme, ähnlich wie er, in Zukunft in der Öffentlichkeit diskutieren würden; dann würde ich der SED vielleicht auch irgendwann mal die Sache mit der Meinungsfreiheit abkaufen, hehe...

Grüße,
F. Alfonzo

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

10.05.2009 18:41
#11 RE: AKTUELLE ERGÄNZUNG: Wechselberg erklärt sich Antworten

Zitat von F.Alfonzo
Lieber Zettel, wenn man seinen SpOn-Artikel liest, wird recht schnell klar: Es geht ihm nicht um inhaltliche Dinge oder fundamentale Fragen wie Rechtsstaat vs. Kommunismus, sondern darum, dass der Lafontainsche Haudrauf-Populismus seiner Ansicht nach einfach nicht so gut funktioniert wie der Schmusekurs der Altkommunisten.

Genau das ist der Punkt. Diese Auseinandersetzung bei den Kommunisten werden oft so mißverstanden, als wollten die einen den Sozialismus und die anderen eine Mitarbeit im demokratischen Rechtsstaat.

Sie wollen aber alle den Sozialismus, eine neue DDR, die deren damalige "Fehler" vermeidet. Nur gibt es eben seit der Zeit Lenins zwei große strategische Entwürfe: Auf der einen Seite die Bündnispolitik, auf der anderen die sofortige komplette Machtergreifung.

Die orthodoxen kommunistischen Parteien, früher "moskautreu" genannt, heute in der "Europäischen Linken" organisiert, haben sich seit Jahrzehnten für die Bündnispolitik entschieden, seit man das um 1980 herum zeitgleich in Italien ("compromeso storico") und Frankreich ("programme commun") versucht hat; auch für Portugal und Spanien war es geplant.

Aber daneben gibt es eben eine radikale Linke, die diese Poltik ablehnt und aufs Ganze gehen will. In Frankreich im Augenblick (in Gestalt der trotzkistischen LCR) stärker als die orthodoxen Kommunisten; bei den deutschen Kommunisten durch die Vereinigung der WASG mit PDS mit den Orthodoxen in derselben Partei. Undenkbar in Frankreich.

Herzlich, Zettel

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