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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 33 Antworten
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 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Seiten 1 | 2
Zettel Offline




Beiträge: 20.200

27.07.2009 17:59
#26 RE: Wanderungsbewegungen und "historische Rechte" Antworten

Zitat von FTT_2.0
Einen Überbegriff, der offenbar einen dauerhaften Ortswechsel ohne Unterschied für den dessen Grund beschreibt, als Grundlage für die Aussage "Für und gegen fast jeden Anspruch auf ein Gebiet kann man eine "historische Begründung" finden; das ist beliebig und fruchtlos. Es gibt nun einmal Wanderungsbewegungen und wird sie immer geben." zu verwenden, ist sehr fragwürdig. Wenn die Hamas heute alle Juden "erfolgreich" aus Israel vertreiben würde, könnten letztere demzufolge aus ihrer "Wanderungsbewegung" keine durchsetzungsfähigen Ansprüche auf Rückkehr ableiten.

Man kann solche Ansprüche immer erheben, lieber FTT. Aber das Ergebnis hängt nicht davon ab, ob ein Anspruch gerechtfertigt ist, sondern ob man ihn durchsetzen kann. Wenn der von Ihnen geschilderte Fall einträte - er wird nie eintreten -, dann gäbe es nur ein Mittel: Die Hamas mit überlegener militärischer Macht wieder zu verjagen.

Wer aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und aus dem Sudentenland vertrieben wurde, der hat Unrecht erfahren. Daß dieses Unrecht das Ergebnis der Kriegspolitik Hitlers war, ändert daran nichts. Auch erbitterte Gegner der Nazis wurden vertrieben.

Die Vertriebenen hatten folglich einen persönlichen, einen moralischen, vielleicht auch einen rechtlichen Anspruch auf Rückkehr. Aber dieser war nicht durchsetzbar. Es war politisch ríchtig, auch gar nicht den Versuch zu machen, ihn durchzusetzen. Die Vertriebenen waren Opfer dieses Kriegs, so wie andere Opfer waren, indem sie ihr Leben ließen oder verstümmelt aus dem Feld zurückkamen.

Wo haben überhaupt im Zwanzigsten Jahrhundert Vertriebene wieder in die alte Heimat zurückkehren können? Mir fällt auf Anhieb kein einziges Beispiel ein.

Das ist bitter, es ist empörend. Es ist die Ungerechtigkeit der Welt, so wie sie nun einmal ist.

Und nochmals, lieber FTT: Die Wanderungsbewegungen waren und sind viel zu zahlreich, als daß man "historische Rechte" definieren könnte. Das ist so wenig sinnvoll, wie daß Deutschland Anspruch auf Mailand erhebt, weil es einmal zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte.

Herzlich, Zettel

Ungelt ( gelöscht )
Beiträge:

27.07.2009 18:33
#27 RE: Wanderungsbewegungen und "historische Rechte" Antworten

Zitat von Zettel
Auch erbitterte Gegner der Nazis wurden vertrieben.

Nur eine kleine Anmerkung: Das trifft zu, wenn diejenigen keine Möglichkeit hatten, es zu beweisen, z.B. weil sie in einheitlich deutschen Gebieten siedelten, sich naturgemäß nicht trauten ihre Einstellung öffentlich zu machen, oder es aus sonstigen Gründen nicht beweisen konnten. In Prag z.B. war es in der Beziehung etwas anders, sonst würde ich das jetzt nicht schreiben können.
Meine Mutter war dafür aber von der sonst kaum thematisierten Vertreibung aller den Nazis nicht genehmen Menschen (und deren Familienangehörigen) aus dem Sudetenland 1938 betroffen. Diese wurde zwar nicht erzwungen, aber oft einfach lebensnotwendig.
Schönen Gruß, Ungelt

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

27.07.2009 18:43
#28 RE: Wanderungsbewegungen und "historische Rechte" Antworten

Zitat von Ungelt
Meine Mutter war dafür aber von der sonst kaum thematisierten Vertreibung aller den Nazis nicht genehmen Menschen (und deren Familienangehörigen) aus dem Sudetenland 1938 betroffen. Diese wurde zwar nicht erzwungen, aber oft einfach lebensnotwendig.

Ja, diese Vertreibung gehört zu den Schandtaten der Nazis. Und Sie haben Recht, sie wird zB im Schulunterricht zu wenig thematisiert; wie überhaupt das Schicksal der Tschechoslowakei nach dem Münchner Abkommen. (Jedenfalls war das zu meiner Schulzeit so).

Ich glaube gar nicht einmal, daß das böser Wille ist. Vom Münchner Abkommen aus, das Hitler den Weg in den Krieg ebnete, geht man eben sofort zum Zweiten Weltkrieg über.

Herzlich, Zettel

Ungelt ( gelöscht )
Beiträge:

27.07.2009 19:26
#29 RE: Wanderungsbewegungen und "historische Rechte" Antworten

Zitat von Zettel
Und Sie haben Recht, sie wird zB im Schulunterricht zu wenig thematisiert;

Dazu noch etwas: Ich nehme Frau Steinbach übel, daß sie meinem Eindruck nach immer nur das Thema der eigenen Vertreibung als etwas Einmaliges thematisiert. (Ich bekomme natürlich in der Regel nur die besonders "knackigen" Zitate mit, die eben die Medien so transportieren) Jedenfalls habe ich von ihr nie etwas relativierendes, ausgleichendes gehört.

Wie es manche Politiker eben so machen. Die anderen sollen selbst ihren Standpunkt formulieren.

Diese anderen haben aber keine Lust, dauernd zu schreien "Wir sind aber auch benachteiligt, mißhandelt, getötet worden, unser Leben ist auch zerstört worden, und wir haben bis heute daran zu knabbern, weil uns die Nazis indirekt den Russen zum Fraß vorgeworfen haben."

Das ist leider ein Grundproblem, daß manche Leute nicht reflektieren und wohl auch der Meinung sind, daß jeder nur kräftig die eigenen Interessen vertreten muß. Eine Welt aber, die so funktionieren würde, finde ich aber einfach abstoßend und destruktiv. Arbeitgeber/Gewerkschaften Schaukämpfe flächendeckend. "Wir sind die Benachteiligten!" auf allen Kanälen, zu jeder Zeit.

Bin etwas zu weit vom Thema geraten, tschuldigung.

Schönen Gruß, Ungelt

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

27.07.2009 21:30
#30 Vertreibungen Antworten

Zitat von Ungelt
Zitat von Zettel
Und Sie haben Recht, sie wird zB im Schulunterricht zu wenig thematisiert;

Dazu noch etwas: Ich nehme Frau Steinbach übel, daß sie meinem Eindruck nach immer nur das Thema der eigenen Vertreibung als etwas Einmaliges thematisiert. (Ich bekomme natürlich in der Regel nur die besonders "knackigen" Zitate mit, die eben die Medien so transportieren) Jedenfalls habe ich von ihr nie etwas relativierendes, ausgleichendes gehört.

Ich glaube, da tun Sie Frau Steinbach Unrecht, lieber Ungelt. Nach meinem Eindruck ist sie sehr um Ausgleich bemüht und sieht auch nicht einseitig nur das Schicksal der deutschen Vertriebenen. Hier ein Zitat von ihr aus dem Jahr 2006:
Zitat von Erika Steinbach
Die jetzt hier in Berlin laufende Ausstellung „Erzwungene Wege“ unserer Stiftung widmet sich der schwergewichtigen vierten Aufgabe, den Blick auf die vielfältigen Vertreibungen in Europa und seinen Grenzgebieten im 20. Jahrhundert zu öffnen. Sie ist keine Ausstellung, die Totalitarismus, Nationalsozialismus und Kommunismus zum Kernthema hat, da Vertreibungen nicht nur in solchen Systemen oder als Folge solcher Systeme erfolgten, sondern durchaus auch in vermeintlich zivilisierten Herrschaftsformen oder gar durch den Völkerbund. Der jeweilige Kontext ist wesentlich. Viele der Geschehnisse sind in Vergessenheit geraten. Wir wollen mit unserer Stiftung, beginnend mit dieser Ausstellung, die Vertreibungsopfer der Vergessenheit entreißen. Wir wollen ihnen Fürsprecher sein. Alle Opfer von Genozid und Vertreibung brauchen einen Platz im historischen Gedächtnis Europas. Von Anbeginn gehörte der europäische Blick zu den Anliegen unserer Stiftung.

Man muß, glaube ich, auch sehen, daß die Vertreibungen und die Flucht vor der Roten Armee lange Zeit in der Bundesrepublik geradezu ein Tabu gewesen sind.

In der Schule habe ich kaum etwas davon erfahren; vom Untergang der Wilhelm Gustloff zum Beispiel erst vor ein paare Jahren, als ein TV-Film darüber gedreht wurde. Das Leid der Vertriebenen und Flüchtlinge, die Zahl der Todesopfer - das wurde alles ausgeblendet, weil man sich nicht dem Vorwurf des "Revanchismus" aussetzen wollte. Der ja regelmäßig gegen die Vertriebenenverbände erhoben wurde, vor allem von der Linken. Obwohl diese in der Charta der Vertriebenen ausdrücklich nicht nur auf Revanche, sondern überhaupt auf jede Gewalt verzichtet hatten.

Es dauerr, lieber Ungelt, wohl Generationen, bis man über alle diese Dinge offen sprechen kann. Das können wohl erst diejenigen, die nicht selbst alle diese Entsetzlichkeiten erlebt haben.

Ich kann es oft nicht fassen, welche Glück meine und die nachfolgenden Generationen in Europa haben, daß uns das alles erspart geblieben ist.

Herzlich, Zettel

Ungelt ( gelöscht )
Beiträge:

27.07.2009 22:17
#31 RE: Vertreibungen Antworten

Zitat von Zettel
Ich glaube, da tun Sie Frau Steinbach Unrecht, lieber Ungelt.


Ich kann im Moment nur meinen zugegebenermaßen etwas oberflächlichen Eindruck schildern, wenn ich wieder etwas mehr Zeit habe, komme ich gerne darauf zurück. Es gibt jedenfalls in meinen Augen (aber offensichtlich nicht nur in meinen) etwas an ihrer Art, was (bei etlichen Leuten aus dem "Osten") eine starke Emotionalisierung erzeugt. Ich habe jedenfalls schon Rundfunkinterviews mit ihr gehört, naja, lassen wir das jetzt.

Zitat von Zettel
Es dauerr, lieber Ungelt, wohl Generationen, bis man über alle diese Dinge offen sprechen kann. Das können wohl erst diejenigen, die nicht selbst alle diese Entsetzlichkeiten erlebt haben.


Ich habe manchmal den entgegengesetzten Eindruck: Gerade die, die es nicht erlebt haben, tun sich oft als besonders eindimensional, rigoros und unversöhnlich hervor. Die, die es erlebt haben, wissen ganz genau, daß es auf allen Seiten solche und solche gab.

Das Problem sind die "professionalisierten Interessenvertretungen", die handeln eben wie die Gewerkschaften bei Arbeitskämpfen oder andere Lobby's auch. Die Wahrheit ist nebensächlich, so lange es dem eigenem Erfolg dient.

Den Rest sehe ich genau so, natürlich gibt es diesen Nachholbedarf, das ist überhaupt nicht mein Problem.

Schönen Gruß, Ungelt

Ungelt ( gelöscht )
Beiträge:

17.11.2009 09:35
#32 RE: Vertreibungen Antworten

Zitat von Zettel
Ich glaube, da tun Sie Frau Steinbach Unrecht, lieber Ungelt.


Sehr geehrter Zettel,

seinerzeit konnte ich hier aus Zeitgründen nicht auf die Gründe eingehen, warum ich Frau Steinbach kritisch sehe. Jetzt ist das Thema wieder hochgekocht und ich fand auch mehr zufällig ein SPON Gespräch vom 07. März 2009. Anhand dieses Textes kann ich meinen Standpunkt relativ gut erläutern, auch wenn ich noch wesentlich schlimmere Entgleisungen im Kopf habe. (Die ich aber jetzt nicht belegen kann.) Ich kommentiere einfach einige Abschnitte, es könnten aber auch andere sein, die Auswahl ist aus meiner Sicht sehr groß. Alle Hervorhebungen stammen von mir. (Ich hoffe, daß der Zitierumfang noch im tolerablen Rahmen ist.)

Als Reaktion auf Fragen zur Situaton im Zusammenhang mit dem "Zentrum" und ihren Standpunkt dazu, ein längerer Abschnitt, sagt Frau Steinbach:

Zitat von Steinbach
Tusk hat die Nationalisten in seinem Lande nicht ruhiggestellt.

Wie stellt sich das Frau Steinbach vor?? Eine Art Redeverbot? Zwangsjacken?

Zitat von Steinbach
Es kann aber nicht die Aufgabe einer Opferorganisation sein, ihr eigenes Schicksal zu verleugnen, um zu besseren internationalen Beziehungen zu gelangen. Gegenseitige Empathie – das ist der Weg.

Das könnte "gegenseitiges Einfühlungsvermögen" bedeuten, wenn ich mich mal auf die Wikipedia stütze, die Fähigkeit und das Bemühen die Dinge aus der Perspektive der anderen zu sehen. Diese Fähigkeit muß Frau Steinbach, da sie ja die Vertreibung nich bewußt miterlebt hatte und deren Eltern auch nicht im eigentlichen Sinne vertrieben wurden, bereits einsetzen, um sich in die Lage der tatsächlichen Opfer der Vertreibung hineinzudenken, die auf diese tragische Weise ihre Heimat verloren haben. Das macht sie vermutlich nicht schlecht, daran habe ich jedenfalls nichts zu kritisieren. (Auch wenn ich gegenüber "Opfern aus zweiter Hand" auf allen Seiten generell kritisch eingestellt bin.) Sie müßte sich aber auch in die Lage der Polen hineinversetzen, und mit dieser "doppelten Empathie" scheint sie überfordert zu sein.

Sie versteht, wie weiter unter deutlich wird, "Empathie" eher als eine Art "klärendes Gewitter", bei dem sich beide Seiten gegenseitig ihre Vorurteile an den Kopf werfen. Diese Art der Vergangenheitsbewältigung ist aber nicht jedermanns Sache, meine auch nicht. Kaum einer hat diese Jahre überstanden ohne Opfer geworden zu sein und oft auch nicht ohne schuldig geworden zu sein. Diese Einsichten müssen von innen kommen, ein Überstülpen von Schuldgefühlen durch den ehemaligen Feind funktioniert nicht.

Zitat von Spiegel Online
Ihr Vater war Besatzungssoldat in Polen. Das stößt vielen Polen bitter auf, wenn Sie als Vertriebenenchefin sprechen. Verstehen Sie das?

Zitat von Steinbach
Die Entscheidungen damaliger Regierungen sind wohl kaum bei der Zivilbevölkerung abzuladen. Wenn Soldaten keine Wahl hatten, ist das bei Frauen und Kindern auch nicht anzunehmen.

Frau Steinbach antwortet hier nicht auf die gestellte Frage - "die Polen" lasten ihr nicht an, daß ihr Vater in Polen stationiert war und sie daher sie dort geboren wurde. Würde sie Lobbyarbeit für die Kaninchenzüchter machen, wäre alles in Ordnung. In gleich polemischer Weise reagiert sie auch weiter unten: "Aber ich soll mich rechtfertigen, wo ich als Säugling geboren bin?"

Zitat von Spiegel Online
... In einem Interview haben sie erklärt, dass die Polen ihre Wünsche, die Deutschen zu vertreiben, ohne Hitler nie in die Tat hätten umsetzen können. Der Führer als williger Vollstrecker des polnischen Volksempfindens? Meinen Sie das ernst?[/quote[quote="Steinbach"]Wir sind weit gekommen, wenn Wahrheit schon zur Provokation umgedeutet wird. Es ist nun mal eine Tatsache, dass schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in Polen Postkarten verschickt wurden, wo die Grenzen des Landes bei Berlin lagen. Und polnische Politiker wollten die "fremden Elemente" – damit waren neben den Deutschen auch Ukrainer und Weißrussen gemeint – auf unter 1 Prozent drücken. Das sind Aussagen, die belegt sind.

"ohne Hitler [hätten sie diese Tat] nicht umsetzen können" bedeutet für mich, daß die Aggression von Polen ausging und Hitler nur als Vorwand war, eine "günstige Gelegenheit" darstellt. Selbst mir, als "Nichtpole" hebt das meinen Puls. Wenn ich mir vorstelle, daß Frau Steinbach mir gegenüber so argumentieren würde, würde ich das Gespräch mit ihr umgehend beenden.

Mein geschichtliches Wissen ist ja relativ begrenzt und zusätzlich möglicherweise immer noch von der kommunistischen Propaganda durchsetzt, gerade auch in dieser Beziehung. Aber mit Postkarten zu kommen, die von irgendwelchen Leuten verschickt wurden? Und mit Aussagen irgenwelcher polnischer Politiker zur polnischen Bevölkerungspolitik? Und Hitler so als "nützlichen Idioten" bzw. "Werkzeug" der Polen umzudeuten? Natürlich gab es und gibt es zu allen Zeiten in allen Ländern nationalistische Volltrottel. Die Katastrophe nahm ihren Lauf aber nicht, weil es diese Leute gab, sondern deswegen, weil so einer an die Macht gekommen ist und die Mittel hatte, seine Vorstellungen umzusetzen. Es hätte vielleicht auch andersherum passieren können, es geht doch aber nicht darum, was u.U. hätte alles eintreten können.

Zitat von Steinbach
Der BdV hat auch eine Veranstaltung über den Warschauer Aufstand gemacht, eine Premiere in Deutschland. Aber die Reaktion in Polen war: Eine Unverschämtheit, der BdV nimmt uns unser Heiligtum weg.

Den Warschauer Aufstand ironisch als "Heiligtum" zu bezeichnen ist eine dieser Glanzleistungen, die der "Empathie" von Frau Steinbach entsprechen. Die davon zeugt, daß sie leider nur die "eigenen Opfer" sieht.

Zitat von Steinbach
Die Polen müssen sich selbst beruhigen, ich kann dazu nichts mehr beitragen.

In Tschechien war es unter den Kommunisten üblich von "den Deutschen" zu sprechen, wenn vom Krieg die Rede war. Teilweise ist es bis heute so, bei Leuten, die etwas einfacher gestrickt sind. Auch ich mußte nach und nach lernen, daß man, wenn man auf die kritischen Dinge zu sprechen kommt, differenzierter formulieren muß. Es würde bei dieser heiklen Mission auch einer international tätigen Spitzenfunktionärin gut anstehen, sich nicht wie ein tschechischer Maurer zu artikulieren. (Womit ich nichts gegen tschechische Maurer sagen will ;-)

Sie könnte zur "Beruhigung der Polen" allerdings schon beitragen - z.B. wenn sie einfach den Vorsitz des BdV einer berufeneren Person überlassen würde. Ich glaube kaum, daß da noch etwas zu heilen ist.

Zitat von Spiegel Online
Kann es sein, dass Sie vielleicht nicht diplomatisch genug für diesen Job sind?

Zitat von Steinbach
Ich glaube schon, dass es mir in aller Regel gelingt, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Ich will die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit. Wenn ich mich wie ein Diplomat äußern würde, würde es nicht gehört werden.

Das kann nur bedeuten, daß sie provozieren will. Dann darf sie sich aber auch nicht beschweren, wenn ihr "die Polen" mit gleicher Münze antworten. Im Ergebnis bestätigt sie damit leider das in den vielen Köpfen immer noch vorhandenen Bild des "selbstgerechten Deutschen", ein Bild, daß sonst wirklich nicht der Realität entspricht. Daß Gegenteil trifft ansonsten eher zu, und es ist ebenfalls schädlich. Warum ist es denn so schwer, die nationalen Belange ruhig, sachlich und ohne Herabwürdigung des Gegenübers zu vertreten?

Zitat von Steinbach
Ich will für diejenigen, die sich aufgrund ihres Leidensdrucks, ihres Schicksals nicht artikulieren können, natürlich ein Sprachrohr sein, das man hören kann.

Das ist das Hauptproblem: Ein Sprachrohr ist eben ein grobschlächtiges Instrument, ohne eigene Erfahrung und ohne Urteilsvermögen. Ein Kopf mit Mund und Ohren, und auch etwas zwischen den Ohren, ist erforderlich. Die Opfer auf beiden Seiten können miteinander leicht ins Gespräch kommen, zeigt sich immer wieder. Sprachrohre aber brüllen nur ihre Losungen heraus.
Menschen "mit Leidensdruck" gibt es auch in Polen, und die reagieren eben auf die "Sprachrohr-Sprache" entsprechend emotional.

Zitat von Steinbach
Wenn ich um den heißen Brei reden würde, wäre ihre Reaktion doch: Nett, aber langweilig.

Frau Steinbach sollte sich klarmachen, daß sie auch keine Unterhaltungskünstlerin ist. Politiker dürfen langweilig sein, wenn die Materie nichts spannendes hergibt. An diesem heißen Brei kann man sich nicht nur selbst die Finger verbrennen, man kann damit auch schon fast vergessene Stereotype wieder ins Bewußtsein der Leute zurückrufen. Genau das ist meiner Meinung nach in Polen leider erfolgt. Ich kann es ihnen nicht vorwerfen, denn manche ihrer Sprüche haben auch in mir heftige Antipathie erzeugt.

***

Frau Steinbach verwendet grundsätzlich die Meinungsäusserungen irgendwelcher Deutschenhasser in Polen, die es natürlich auch gibt, und deren Anzahl durch ihr Wirken vermutlich noch zugenommen hat, und schreibt dann diesen Unsinn "den Polen" zu. Als ob sich umgekehrt nicht ebenfalls genügend Trottel auf der deutschen Seite finden ließen, die das Gegenteil "dokumentieren". Dies Handeln hat kein "reinigendes Gewitter" zur Folge, sondern höchstens eine Klimavergiftung.

Sie ist für mich ausserdem ein typisches Beispiel für die "Opfer der zweiten Generation", über die wir weiter oben bereits diskutiert haben. Sie agieren oft wie Anwälte bzw. Technokraten, wo etwas Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl angebracht wäre. Sie sollten sich, wenn sie schon für die Elterngeneration sprechen wollen, auf die Aussöhnung zwischen den Völkern konzentrieren.

Ich hoffe, ich konnte meinen Standpunkt einigermaßen deutlich machen.

Schönen Tag noch, Ungelt

Edit: Ich entschuldige mich für manche "Dopplungen", der Text ist für meine aktuellen und sonstigen Verhältnisse eigentlich zu lang.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

18.11.2009 10:44
#33 RE: Vertreibungen Antworten

Lieber Ungelt,

danke für diese ausführliche Antwort.

Ich war aber ein wenig unschlüssig, wie ich reagieren soll. Ich habe von Frau Steinbach ein positives Bild, aber das ist keine sehr starke Überzeugung. Ich kenne sie nur aus TV-Auftritten und einigen Interviews wie dem von Ihnen zitierten.

Vielleicht haben Sie mit Ihrer Beurteilung recht; ich habe da eine viel zu wenig ausgeprägte Meinung, um Frau Steinbach mit jeder ihrer Äußerungen verteidigen zu können.

Wichtiger als die Person scheint mir ein Punkt, den sie anschneidet, und dazu möchte ich gern etwas sagen (ganz ausgeklammert, daß Frau Steinbach es sagt):

Zitat von Erika Steinbach
Die Erinnerung an die Vertreibung der Deutschen tut vielen Polen natürlich weh. Es hat auch uns Deutschen wehgetan, als wir uns mit unserer eigenen miserablen Vergangenheit beschäftigt haben. Das ist nicht leicht. Die postkommunistischen Länder haben ihren Selbstfindungsprozess noch nicht hinter sich. Sie tragen ihre Traumata mit sich, sie tragen ihre wirtschaftlichen Probleme mit sich, ihre Identitätsfindung ist noch lange nicht abgeschlossen. (...)

Ich habe doch Verständnis für die Emotionen der Polen. Es wird in den postkommunistischen Ländern noch 20 Jahre dauern, bis sie mit sich selbst im Reinen sind. Bei uns Deutschen hat es doch auch so lange gedauert. Aber wenn man uns als Opferverband den guten Willen zur Versöhnung abspricht, wenn kein Mitgefühl erkennbar ist, wenn man auf polnischer Seite ständig übersieht, dass wir die Hand ausstrecken, bin ich mit meinem Latein am Ende.


Ich habe darüber nachgedacht, warum eigentlich die Aussöhnung mit Polen und Tschechien so viel schwerer ist, als es die mit Frankreich war.

Zwanzig Jahre nach 1945 war die deutsch-französische Versöhnung auch institutionell im vollen Gang; wenn ich mich recht erinnere, gab es zB schon das deutsch-französische Jugendwerk.

Mehr als sechzig Jahre seit 1945 wird das deutsche Verhältnis zu Polen und zu Tschechien immer noch schwer durch die Nazizeit belastet. Warum? Ich sehe u.a. diese Gründe:

* die Aufarbeitung konnte im Grunde erst 1990 beginnen; die Kommunisten haben ja alles durch Agitprop zugedeckt

* Frankreich ist ein ungefähr gleichstarker Nachbar. Polen und Tschechien sind kleinere Länder mit einer berechtigten historisch begründeten Angst sowohl vor Deutschland als auch vor Rußland

* in beiden Ländern mußte die Aufarbeitung der Nazizeit parallel mit derjenigen des Kommunismus erfolgen; da hat sich viel überlagert

* die Problematik der Schuld ist weit komplexer. Die deutsche Besatzung hat in Polen und Tschechien ungleich schlimmer gehaust als in Frankreich (wobei man aber die barbarischen Judendeportationen in Frankreich nicht übersehen sollte). Beide Länder waren, anders als Frankeich, Opfer des Nazi-Wahns vom überlegenen "Arier". Andererseits gab es aber auch die Vertreibungen, deren Opfer Millionen deutsche Zivilisten waren.

Es ist also Schuld auf beiden Seiten da; es ist eine Ungleichzeitigkeit der Aufarbeitung da; es ist die historisch begründete Furcht vor einem übermächtigen Deutschland da, gar vielleicht wieder im Bund mit Rußland.

Das alles macht den Dialog so schwer. Er braucht Zeit, vielleicht noch eine Generation. Und er braucht eine Ehrlichkeit, die ich - anders als möglicherweise Sie - bei Frau Steinbach wahrnehme. Die Bereitschaft, über die Vertretung der eigenen Interessen hinaus zu sehen, daß im Grunde alle Völker Opfer der Barbarei der braunen und roten Unmenschen waren.

Herzlich, Zettel

Ungelt ( gelöscht )
Beiträge:

18.11.2009 11:16
#34 RE: Vertreibungen Antworten

Sehr geehrter Zettel,

herzlichen danke für die ausführliche Antwort. Bezüglich der Gründe für die schwierige Aufarbeitung sind wir uns absolut einig, ich habe da kein Wort entdeckt, mit dem ich nicht einverstanden wäre. Zur Frage aber, warum gerade Frau Steinbach diese Emotionen auslöst und ihrer "Ehrlichkeit" wird von mir noch eine längere und nicht leicht zu formulierende Antwort nötig sein. Dazu bin ich jetzt leider leider nicht in der Lage, ich verspreche sie aber.

Einen schönen Tag noch, Ungelt

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