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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 41 Antworten
und wurde 3.202 mal aufgerufen
 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Seiten 1 | 2
Gorgasal Online




Beiträge: 4.032

17.09.2010 17:36
#26 RE: Wie funktioniert peer reviewing? Antworten

Zitat von Zettel
Ich habe das jetzt einmal so ausführlich beschrieben, lieber Gansguoter, weil nach meinem Eindruck außerhalb der Sciences (zu denen übrigens auch die Sozialpsychologie gehört) oft nicht bekannt ist, welch ein Aufwand betrieben wird, bis ein Artikel in einer seriösen Fachzeitschrift erschienen ist (Gorgasal ist es bekannt ).


In meinem Fachgebiet sind beispielsweise zwei Gutachterrunden Usus - die erste Revision wird noch einmal an die ursprünglichen Gutachter versandt, die dann entscheiden, ob ihre Vorschläge im Manuskript auf befriedigende Weise umgesetzt sind. Nach dieser zweiten Runde bleiben meist nur noch Schönheitskorrekturen, deren Durchführung der Herausgeber überprüft.

Die Autoren reichen auch meistens nicht nur das revidierte Manuskript ein, sondern legen wiederum ein Cover Letter bei, in dem sie Punkt für Punkt auf die Einwände der Gutachter eingehen und darlegen, an welcher Stelle sie das Manuskript daraufhin wie verändert haben - oder aus welchen (hoffentlich triftigen!) Gründen sie der Empfehlung der Gutachter in diesem Punkt nicht folgen (in der Hoffnung, den Herausgeber zu überzeugen). Dieses Cover Letter kann durchaus doppelt so umfangreich sein wie das eigentliche revidierte Manuskript, und weil man da nicht missverstanden werden will, wird meistens auch dieses Cover Letter unter den Autoren eingehend abgestimmt, nicht nur das Manuskript.

Und wenn man Pech hat, dann macht man so mehr als zwei Runden. Mein schlimmstes Paper hatte, wenn ich mich recht entsinne, vier Gutachterrunden. Und weil der Herausgeber oder die Gutachter schlafmützig waren, dauerte jede einzelne Runde sehr lang. Wenn ich mich wiederum recht entsinne (diese Geschichte versuche ich zu verdrängen), dann vergingen vom initialen Einreichen bis zur Annahme etwa drei Jahre. Wenn man nach neun Monaten Gutachten bekommt, muss man sich erst einmal wieder in die Thematik einarbeiten, in der Zwischenzeit hat man ja ganz etwas anderes gemacht.

Das ist ein sehr langer und für alle Seiten anstrengender Prozess, der aber meines Erachtens in der Tat zu deutlich höherer Qualität bei Publikationen führt als bei einem einzigen Herausgeber-als-Gutachter möglich wäre.

Zitat von Zettel
Die Folge ist, daß in Artikeln, die diesen Prozeß überstanden haben, im Allgemeinen die Daten stimmen, die Theorie auf dem aktuellen Stand, die Statistik richtig und die Argumentation konsistent ist.


Nun ja, ich stimme eingeschränkt zu. Die Daten werden ja leider meist nicht mit eingereicht, können also nicht überprüft werden. Bei der Statistik kommt es darauf an, ob einer der Gutachter sich mit Statistik auskennt (und das wiederum hängt davon ab, ob der Herausgeber Statistik für wichtig hält) - da sieht man auch in Publikationen, die den Peer Review-Prozess überstanden haben, mitunter etwas merkwürdige Dinge.

--
La función didáctica del historiador está en enseñarle a toda época que el mundo no comenzó con ello. - Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito

C.K. Offline



Beiträge: 149

17.09.2010 17:40
#27 RE: Zettels Meckerecke: Harald Welzers zehn Prozent Antworten

Gorgosal,

Sie haben völlig recht. Der Peer Review Prozess wie Sie ihn schildern hat in jedem Fall die Chance ein Spur objektiver zu sein. Aber auch nur die Chance. Wenn die Community zu klein ist, ist Peer Review witzlos, aber das ist ein anderes Thema.

Dann möchte ich doch bei der Behauptung bleiben, dass es eine Wissenschaft abseits der Peer Review im eigentlichen, wie Sie ihn beschrieben haben, Sinne gibt. Oder ich möchte den Begriff erweitern.
Bleiben wir bei den Historikern. Zwar kann der Herausgeber missliebiges unterdrücken und bei Wohlgefallen beide Augen zudrücken, aber es gibt eine Vielzahl von Zeitschriften, mit jeweiligen, bekannten (!) Schwerpunkten und theoretischen Grundannahmen, in denen nicht nur Antworten zu andernorts erschienenen Artikeln veröffentlicht werden, sondern die sich auch als alternativer Veröffentlichungsort für andernorts abgelehnte Manuskripte anbieten. Einmal veröffentlicht kann sich ja theoretisch jeder selbst ein Bild über die Quellennutzung und -auslegung machen und gegenteilige Standpunkte anbringen.

Mit freundlichen Grüßen
C.K.

p.s. zu welzer und der sozialpsychologie stimme ich grundsätzlich zu.

R.A. Offline



Beiträge: 8.171

17.09.2010 17:53
#28 RE: Zettels Meckerecke: Harald Welzers zehn Prozent Antworten

Zitat von Gorgasal
Anders als bei Welzer, der ja zumindest dem KWI zufolge Professor in Hannover und Witten/Herdecke ist, aber an keiner der beiden Institutionen WWW-Spuren hinterlässt.


Das finde ich auch am bemerkenswertesten (denn beim peer review sind eben die Gepflogenheiten je nach Fach unterschiedlich, vielleicht ist Welzer für "Sozialpsychologen" akzeptabel).

Ich habe Welzer auf den Seiten der Uni Hannover nur bei dieser einen Veranstaltung gefunden:
http://www.uni-hannover.de/de/aktuell/ve...04311/index.php
Und die ist in Berlin, hat wohl nur eine indirekte Beziehung zu Hannover.

Es gibt an der Uni ein Fachgebiet für Sozialpsychologie, das hat keine Website, gehört aber zum Institut für Soziologie - auf der Personalliste dort taucht Welzer nirgends auf, auch nicht bei außerplanmäßigen oder Lehrbeauftragten etc.

Und in der Personalliste von Witten-Herdecke ist auch Fehlanzeige - und da stehen wirklich alle drauf, bis zum Pförtner.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

17.09.2010 17:56
#29 RE: Wie funktioniert peer reviewing? Antworten

Zitat von Gorgasal
In meinem Fachgebiet sind beispielsweise zwei Gutachterrunden Usus - die erste Revision wird noch einmal an die ursprünglichen Gutachter versandt, die dann entscheiden, ob ihre Vorschläge im Manuskript auf befriedigende Weise umgesetzt sind. Nach dieser zweiten Runde bleiben meist nur noch Schönheitskorrekturen, deren Durchführung der Herausgeber überprüft.


Dies und alles Weitere, was Sie schildern, ist so, wie ich es auch kenne. Ich wollte nur nicht noch mehr ins Detail gehen.

Übrigens ist das Beherrschen dieses ganzen Prozesses etwas, das man Nachwuchs-Wissenschaftlern regelrecht beibringen sollte. Am besten auf einem Wochenendseminar o.ä.

Jetzt lernen sie es meist by doing und machen vieles falsch. Jedenfalls war es bei mir so (ich hatte als Assi keinen Chef, der sich darin auskannte; meiner in den 60er Jahren publizierte gar nicht, und das nur auf Deutsch ).

Ein Beispiel: Man muß lernen, wie man mit den Vorschlägen der Gutachter und ihrer Kritik umgeht. Sich immer nur zu verteidigen ist ganz schlecht (auch wenn man Recht hat). Man wird also das eine oder andere mit Dankbarkeit annehmen. Man kann auch die Gutachter gegeneinander ausspielen und schreiben: "We found A's suggestions extremely helpful and will incorporate them into the revision. By contrast, B. unfortunately failed to grasp the gist of our argument ... usw".

Man muß den Herausgeber u.U. schon a bisserl bezirzen. Er ist ein mächtiger Mann; deshalb sind solche Jobs sehr begehrt, obwohl sie saumäßig viel Arbeit machen.

Kann sein, daß ich das schon mal geschrieben habe (wie manches jetzt; wir haben das ja schon öfter diskutiert):

Am Rand einer Konferenz passierte folgendes: Ich war mit einem deutschen Kollegen NN zusammen, Herausgeber einer englischsprachigen, in Deutschland erscheinenden Zeitschrift. Wir trafen einen amerikanischen Bekannten von mir, und ich stellte ihm NN als diesen Herausgeber vor. Daraufhin hatte der nur noch Augen für NN, und ich war erst mal abgemeldet. Hätte ich NN nur als Prof NN vorgestellt, dann hätte er ihn vermutlich kaum beachtet und mit mir über unsere gemeinsamen Projekte gesprochen.

Herzlich, Zettel

Gorgasal Online




Beiträge: 4.032

17.09.2010 18:02
#30 RE: Zettels Meckerecke: Harald Welzers zehn Prozent Antworten

Zitat von C.K.
Bleiben wir bei den Historikern. Zwar kann der Herausgeber missliebiges unterdrücken und bei Wohlgefallen beide Augen zudrücken, aber es gibt eine Vielzahl von Zeitschriften, mit jeweiligen, bekannten (!) Schwerpunkten und theoretischen Grundannahmen, in denen nicht nur Antworten zu andernorts erschienenen Artikeln veröffentlicht werden, sondern die sich auch als alternativer Veröffentlichungsort für andernorts abgelehnte Manuskripte anbieten. Einmal veröffentlicht kann sich ja theoretisch jeder selbst ein Bild über die Quellennutzung und -auslegung machen und gegenteilige Standpunkte anbringen.


Theoretisch ja. Und für Experten mag dieses Modell auch funktionieren. Aber der Nicht-Experte auf diesem Fachgebiet kann schwer beurteilen, ob eine bestimmte Zeitschrift jetzt im Fachgebiet akzeptiert ist, ob ein bestimmter Autor sinnvolle Quellen verwendet (und nicht weggelassen) hat, ob er den Stand der Forschung reflektiert und auf sinnvolle Einwände vorweg eingeht. All das sollte ein funktionierender peer review-Prozess sicherstellen; unbeschadet dessen, dass er nicht immer so ideal funktioniert. Und "alternativer Veröffentlichungsort für andernorts abgelehnte Manuskripte", naja, das hört sich nicht mehr so wirklich nach "allgemein akzeptiert" an - aber dieses Problem haben natürlich auch die Sciences, auch mit Peer Review.

Einfach ist das alles leider nicht.

--
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Gorgasal Online




Beiträge: 4.032

17.09.2010 18:05
#31 RE: Wie funktioniert peer reviewing? Antworten

Zitat von Zettel

Zitat von Gorgasal
In meinem Fachgebiet sind beispielsweise zwei Gutachterrunden Usus - die erste Revision wird noch einmal an die ursprünglichen Gutachter versandt, die dann entscheiden, ob ihre Vorschläge im Manuskript auf befriedigende Weise umgesetzt sind. Nach dieser zweiten Runde bleiben meist nur noch Schönheitskorrekturen, deren Durchführung der Herausgeber überprüft.


Dies und alles Weitere, was Sie schildern, ist so, wie ich es auch kenne. Ich wollte nur nicht noch mehr ins Detail gehen.



Sehen Sie, für die unappetitlichen Details fühle ich mich zuständig

Zitat von Zettel
Übrigens ist das Beherrschen dieses ganzen Prozesses etwas, das man Nachwuchs-Wissenschaftlern regelrecht beibringen sollte. Am besten auf einem Wochenendseminar o.ä.


Und genau das wird mittlerweile vermehrt angeboten. Eine sinnvolle Entwicklung. Allerdings liegt da eine gewisse Holschuld bei den Doktoranden, und viele machen sich nicht die Mühe, diese "Prozessthemen" zu erlernen.

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C.K. Offline



Beiträge: 149

17.09.2010 18:08
#32 RE: Zettels Meckerecke: Harald Welzers zehn Prozent Antworten

Sie haben recht. Für fachfremde ist das natürlich problematisch. Das hatte ich noch nicht bedacht. Schwächt aber nicht den Aspekt der Wissenschaftlichkeit.

mit freundlichen Grüßen

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

17.09.2010 18:21
#33 RE: Zettels Meckerecke: Harald Welzers zehn Prozent Antworten

Zitat von C.K.
Bleiben wir bei den Historikern. Zwar kann der Herausgeber missliebiges unterdrücken und bei Wohlgefallen beide Augen zudrücken, aber es gibt eine Vielzahl von Zeitschriften, mit jeweiligen, bekannten (!) Schwerpunkten und theoretischen Grundannahmen, in denen nicht nur Antworten zu andernorts erschienenen Artikeln veröffentlicht werden, sondern die sich auch als alternativer Veröffentlichungsort für andernorts abgelehnte Manuskripte anbieten.


Aus meiner Sicht und nach meiner Erfahrung, lieber C.K., ist das Problem weniger die Willkür von Herausgebern, oder ihre wissenschaftliche Einseitigkeit. Das hat früher eine größere Rolle gespielt, als es noch nicht die inzwischen ja nachgerade mörderische Konkurrenz zwischen den Fachzeitschriften gab.

Das Problem ist aus meiner Sicht, daß Herausgeber auch beim besten Willen viele der eingereichten Mss nicht beurteilen können. Sie können das gedankliche Niveau, die Plausibilität beurteilen. Aber sie wissen nicht, ob die Autoren die gesamte relevante Literatur herangezogen haben, ob ähnliche Daten nicht bereits von anderen publiziert wurden, ob die Methodik auf dem aktuellen Stand ist usw. Dazu braucht man Fachgutachter, die zu genau diesem Thema publiziert haben.

Ich kann das so nur für die Naturwissenschaften sagen. Aber ist das in anderen empirischen Wissenschaften nicht auch so?

Sagen wir, jemand schreibt über Funde, die er in einem Archiv gemacht hat. Ob das publikationswürdig ist, kann - soweit ich das als Laie sagen kann - doch nur beurteilen, wer z.B. weiß, ob es zu diesem Thema nicht längst andere, aussagekräftigere publizierte Dokumente gibt; ob der Autor die Dokumente im richtigen Zeitkontext interpretiert usw.

Wenn es, sagen wir, um eine Urkunde über das Stadtrecht im Nürnberg des späten 16. Jahrhunderts geht - wie will das ein Herausgeber beurteilen, der einen Lehrstuhl für Geschichte der frühen Neuzeit hat, aber Spezialist für den Dreißigjährigen Krieg ist?

Herzlich, Zettel

Gansguoter Offline



Beiträge: 988

17.09.2010 18:38
#34 RE: Wie funktioniert peer reviewing? Antworten

Lieber Zettel,

besten Dank für die ausführliche Darstellung. So in etwa hatte ich mir das auch gedacht. So etwas kenne ich von einigen wenigen Monographiereihen und habe selbst dieses Verfahren für meine Dissertation mitgemacht. Von daher würde ich sagen: Sehr sinnvoll zur Qualitätssicherung und um das Niveau aufrecht zu erhalten; zur Veröffentlichung einer Dissertation nur bedingt geeignet, da extrem zeitaufwendig. Die drei Gutachten, alle positiv, hatten doch ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was gekürzt oder erweitert werden sollte, wie die Präsentation des Materials verbessert werden könnte. Was der eine radikal gekürzt haben wollte, wollte der andere noch ausführlicher ausgearbeitet haben - und wenn man von der Fakultät und aus Gründen der Lebensplanung nicht ewig Zeit hat, ist das nur begrenzt hilfreich. Die rein formale, nicht inhaltliche Überarbeitung hat die Qualität weder gesteigert noch verringert, sondern einfach nur wertvolle (Lebens-)Zeit gekostet, bis alle Individualvorlieben bedient waren.

Gleichwohl gibt es dergleichen in der Germanistik m.W. bei den in Deutschland entscheidenden Zeitschriften nicht (und in Geschichte wohl auch nicht). Wenigstens von der "Zeitschrift für Deutsches Altertum", der "Zeitschrift für Deutsche Philologie" und den "Beiträgen zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur" weiß ich (entweder von eigenen Veröffentlichungen bzw. denen mir nahestehender Personen oder aus der Tätigkeit am Lehrstuhl eines der Herausgeber), dass dort in der Tat das Herausgebergremium aufgrund eigener Fachkompetenz entscheidet bzw. individuell bei nicht ausreichender Eigenkompetenz extern Rat einholt. Dies erfolgt aber nicht in dem beschriebenen standardisierten Verfahren. Hier mag die jeweils weit über hundertjährige Tradition eine Rolle spielen ...

Zitat
Die Folge ist, daß in Artikeln, die diesen Prozeß überstanden haben, im Allgemeinen die Daten stimmen, die Theorie auf dem aktuellen Stand, die Statistik richtig und die Argumentation konsistent ist. Was natürlich nicht heißt, daß die Autoren mit ihren Theorien unbedingt Recht haben.



Dies gilt für die von mir genannten Zeitschriften allerdings wohl auch (Statistik spielt "bei uns" naturgemäß seltener eine Rolle), und die Tatsache, dass Herausgeber eher schon eine längere Tätigkeit als Fachwissenschaftler hinter sich haben, garantiert für diese Zss., dass man nicht jeder kulturwissenschaftlichen Mode hinterherrennt.

Gansguoter Offline



Beiträge: 988

17.09.2010 18:54
#35 RE: Zettels Meckerecke: Harald Welzers zehn Prozent Antworten

Zitat
Das Problem ist aus meiner Sicht, daß Herausgeber auch beim besten Willen viele der eingereichten Mss nicht beurteilen können. Sie können das gedankliche Niveau, die Plausibilität beurteilen. Aber sie wissen nicht, ob die Autoren die gesamte relevante Literatur herangezogen haben, ob ähnliche Daten nicht bereits von anderen publiziert wurden, ob die Methodik auf dem aktuellen Stand ist usw. Dazu braucht man Fachgutachter, die zu genau diesem Thema publiziert haben.



Sicher, aber diese Fachgutachter werden dann individuell eingeschaltet - Geschichte und Germanistik tun sich hier wohl nichts -, wenn das Herausgebergremium sich nicht zu einem eigenen Urteil versteht. Sicherlich ist auch ein Bereich wie die Sprachgeschichte des Deutschen im Mittelalter einschließlich seiner Dialekte ein Gebiet, in dem sich weniger Forscher tummeln als in der Teilchenphysik; und wenn nun einer der zwei, drei führenden Sprachhistoriker auch Herausgeber ist, dann weiß er schon recht gut, was im Fach läuft oder wer zu fragen ist, wenn er selbst nicht entscheiden mag. Ich denke, es ist eine Frage auch der Größe des Faches.

R.A. Offline



Beiträge: 8.171

17.09.2010 19:00
#36 RE: Zettels Meckerecke: Harald Welzers zehn Prozent Antworten

Zitat von Zettel
Wenn es, sagen wir, um eine Urkunde über das Stadtrecht im Nürnberg des späten 16. Jahrhunderts geht - wie will das ein Herausgeber beurteilen, der einen Lehrstuhl für Geschichte der frühen Neuzeit hat, aber Spezialist für den Dreißigjährigen Krieg ist?


Ich trau' mich mal zu sagen: Selbst ich mit nur vier Jahren Geschichtsstudium ohne Abschluß würde mir zutrauen, eine solche Arbeit im wesentlichen auf ihren Wert abschätzen zu können. Offen bliebe nur, ob die Arbeit auf dem Stand der Forschung ist oder ob es Widersprüche zu anderen aktuellen Arbeiten gibt. Das ist natürlich ein wichtiger Aspekt, dürfte aber für einen Herausgeber, der die frühe Neuzeit betreut, gut lösbar sein.

Umgekehrt könnte ich mit meinem Prädikatsexamen Mathematik kaum die Qualität einer Arbeit beurteilen, die im Nachbarfachgebiet geschrieben wurde (nach 20 Jahren Abstand vom Studium könnte ich das nicht einmal mehr für mein Fachgebiet).

Will damit sagen: Die Unterschiede zwischen den Fächern sind da wirklich ganz erheblich. Die höchsten "peer review"-Standards wird man wohl in den empirischen Fächern brauchen (naturwissenschaftlich wie sozialwissenschaftlich). Die Geisteswissenschaften dagegen ticken schon deutlich anders.

Wobei ich "Sozialpsychologie" eigentlich eher zu den empirischen rechnen würde - aber ich weiß es nicht sicher und kenne die Gepflogenheiten dort nicht.

Gansguoter Offline



Beiträge: 988

17.09.2010 19:02
#37 RE: Zettels Meckerecke: Harald Welzers zehn Prozent Antworten

Zitat
Wenn es, sagen wir, um eine Urkunde über das Stadtrecht im Nürnberg des späten 16. Jahrhunderts geht - wie will das ein Herausgeber beurteilen, der einen Lehrstuhl für Geschichte der frühen Neuzeit hat, aber Spezialist für den Dreißigjährigen Krieg ist?



Wahrscheinlich sind - ich äußere mich zur Geschichte als meinem zweiten Fach - einfach mehr spezialisierte Zeitschriften auf dem Markt, und für die Bewertung des einzelnen Wissenschaftlers gibt es nicht nur die zwei oder drei entscheidenden Zeitschriften. Ich ändere nur "Nürnberg" in Köln, weil ich mich mit der Regionalgeschichte und der Zeitschriftenlandschaft hier besser auskenne. - Wer also über ein Detailproblem der Stadtverfassung Kölns im späten 16. Jh. veröffentlicht, wird sich nicht an die "Historische Zeitschrift" als eine führende Zs. der Geschichtswissenschaft wenden, sondern an die "Mitteilungen aus dem Historischen Archiv der Stadt Köln", wo entsprechend kompetent die Qualität des Beitrags zu beurteilen ist. Alternativ wird er sich an die "Rheinischen Vierteljahrsblätter", hrsg. beim Institut für Geschichtliche Landeskunde der Rheinlande wenden, oder an die "Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein".

Ein ausgewiesener Wissenschaftler im Bereich der rheinischen Landesgeschichte wird seine Veröffentlichungen zu einem guten Teil in diesem Zeitschriften haben, weil er damit auch das ihn interessierende Fachpublikum erreicht; entsprechend ist hier auch die Kompetenz auf Herausgeberseite.

In der "Historischen Zeitschrift" wird man in der Regel keine Arbeiten zu regionalen Detailfragen, sondern eher Aufsätze über das "große Ganze", über etwas methodisch Neues oder dgl.

caspar gutman Offline



Beiträge: 2

17.09.2010 21:38
#38 RE: Zettels Meckerecke: Harald Welzers zehn Prozent Antworten

Leggewie und Genossen sind zwar sehr links, vielleicht auch nicht wissenschaftlich - aber nicht dumm.
Die haben gemerkt, daß Hypes wie "Genderforschung" nicht mehr die große Kohle bringen werden. Und der aktuelle Hype "Klimakatastrophe" ist ja eher dazu gedacht, daß die Naturwissenschaftler mal an den Trog kommen - Sozialwissenschaftler können zu den Modellrechnungen eher wenig beitragen.
Also haben sie den Forschungszweig "Klimakultur" etabliert, das ist ein Schwerpunktthema an diesem Institut, und dafür haben sie bestimmt satt Steuergelder abgegriffen.

Lieber R.A. und andere* - Alles klar - ich ersetze "dumme" durch "dummdreiste" und "Wissenschaftler" durch "Kulturbeutel". Zu letzteren empfehle ich
einen Ausflug auf die KWI-site. Was sich dort zur Disziplin "Klimakultur" findet,ist - je nach Sichtweise - realsatirisch bis abenteuerlich bis gespenstisch. Kein Wunder,dass Herr Welzel im Interview meint,mit "Klimaskeptikern" erübrige sich eine Diskussion. Selbige könnte ja u.a. aufdecken,welche,nicht nur mit Steuergeldern geförderte,Fake-Wissenschaft am KWI betrieben wird. (Beispielsweise die beiden 'Teilprojekte' "Katastrophenerinnerung" und "Shifting Baselines" unter Welzelscher Zuständigkeit.)
* Danke für die neuen Erkenntnisse zum Wissenschaftsbetrieb im allgemeinen und zum Peer-Review-Prozeß im besonderen.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

17.09.2010 21:46
#39  Publizieren in Geschichte und Naturwissenschaften Antworten

Zitat von Gansguoter
In der "Historischen Zeitschrift" wird man in der Regel keine Arbeiten zu regionalen Detailfragen, sondern eher Aufsätze über das "große Ganze", über etwas methodisch Neues oder dgl.


Das ist ein interessanter Unterschied zu den Naturwissenschaften. Dort werden - von den auf Überblicksartikel spezialisierten Zeitschriften abgesehen - eigentlich nur Artikel zu Detailfragen publiziert. Wobei sich die Zeitschriften in immer spezialisiertere aufspalten.

Offenbar ist die Beziehung zwischen "Ganzem" und "Detail" verschieden. Interessant, wie gesagt.

Herzlich, Zettel

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

17.09.2010 21:58
#40 Gutachten für Dissertationen Antworten

Zitat von Gansguoter
So etwas kenne ich von einigen wenigen Monographiereihen und habe selbst dieses Verfahren für meine Dissertation mitgemacht. Von daher würde ich sagen: Sehr sinnvoll zur Qualitätssicherung und um das Niveau aufrecht zu erhalten; zur Veröffentlichung einer Dissertation nur bedingt geeignet, da extrem zeitaufwendig. Die drei Gutachten, alle positiv, hatten doch ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was gekürzt oder erweitert werden sollte, wie die Präsentation des Materials verbessert werden könnte. Was der eine radikal gekürzt haben wollte, wollte der andere noch ausführlicher ausgearbeitet haben - und wenn man von der Fakultät und aus Gründen der Lebensplanung nicht ewig Zeit hat, ist das nur begrenzt hilfreich.


Solch ein Verfahren kenne ich gar nicht, lieber Gansguoter. Sowohl an den deutschen Unis als auch an zwei holländischen Universitäten, wo ich als auswärtiger Gutachter an einigen Promotionsverfahren beteiligt war, ging das so: Der Doktorand lieferte seine fertige Dissertation ab, und über diese wurde gegutachtet. Änderungswünsche der Gutachter gab es nicht; allerdings konnte man, wenn man das wollte, als Doktorand vor der Drucklegung aus eigenem Antrieb noch etwas ändern (und dabei natürlich die Gutachten berücksichtigen, wenn man das wollte).

Allerdings war es üblich, daß der Doktorand seinem "Doktorvater" den einen oder anderen Entwurf zum Lesen gab, mit der Bitte um Kritik und Ratschläge. Ich selbst habe das nicht gemacht; mein "Doktorvater" sah die Diss erstmals, als sie fertig war. Von mir haben das dann später aber Doktoranden erwartet.

Herzlich, Zettel

Gansguoter Offline



Beiträge: 988

17.09.2010 22:26
#41 RE: Gutachten für Dissertationen Antworten

Zitat
Solch ein Verfahren kenne ich gar nicht, lieber Gansguoter. Sowohl an den deutschen Unis als auch an zwei holländischen Universitäten, wo ich als auswärtiger Gutachter an einigen Promotionsverfahren beteiligt war, ging das so: Der Doktorand lieferte seine fertige Dissertation ab, und über diese wurde gegutachtet. Änderungswünsche der Gutachter gab es nicht; allerdings konnte man, wenn man das wollte, als Doktorand vor der Drucklegung aus eigenem Antrieb noch etwas ändern (und dabei natürlich die Gutachten berücksichtigen, wenn man das wollte).



Dann war ich zu kurz in der Darstellung: Das Verfahren in der Fakultät habe ich stillschweigend vorausgesetzt. Einreichen der Arbeit bei der Fakultät, doppelte Begutachtung; anschl. Prüfung oder Kolloquium (je nach Prüfungsordnung: bei mir noch Prüfung in drei Fächern; bei meiner Frau Kolloquium über die Arbeit und "das Fach in seiner ganzen Breite"). Aber dann muss ja noch veröffentlicht werden. Dafür kann die Fakultät Änderungen zur Auflage machen (was in meinem Fall nicht so war).

Um die Arbeit in einer Reihe von gewisser Bedeutung zu veröffentlichen, dafür hat das Herausgebergremium der Reihe (bei einer Akademie angesiedelt) das von mir beschriebene Verfahren vorgegeben, was sich mit dem von Ihnen beschriebenen peer reviewing offenbar deckt.

Und erst nach der Verlagsveröffentlichung und Vorlage der Mindestexemplare gab's Urkunde und Titel. So lange war das Verfahren nicht abgeschlossen, und vorher war auch keine Berechtigung, den Titel zu führen.

Man hätte natürlich auch 200 Exemplare im Copyshop herstellen lassen können. Nur: Man will ja auch gelesen werden, und dafür ist eine möglichst gute Monogrpahienreihe förderlich.

Nachtrag: Ich denke, die Verlagsveröffentlichung als Monographie ist schon ein grundlegender Unterschied zwischen "Euch" Naturwissenschaftlern und "uns" Germanisten oder Historikern.

Gansguoter Offline



Beiträge: 988

17.09.2010 22:38
#42 RE: Publizieren in Geschichte und Naturwissenschaften Antworten

Dieser Unterschied zu den NAturwissenschaften scheint mir zum wechselseitigen Verständnis und auch zur Beurteilung von Veröffentlichungsorten nicht unwichtig.

In der "Historischen Zeitschrift" - wie gesagt, wohl das führende Organ in Deutschland, findet man Aufsätze wie "Nationales Stigma und persönliche Schuld. Die Debatte über Kollektivschuld in der Nachkriegszeit", "Die Neue Kulturgeschichte – eine (Zwischen-)Bilanz", "„Dominus noster vult“. Anmerkungen zur päpstlichen Gesetzgebung im Spätmittelalter", "Politische Gleichheit und gesellschaftliche Stratifikation. Die athenische Demokratie aus der Perspektive der Systemtheorie".

Die Kärrnerarbeit im Archiv vor Ort findet man dann in den "Rheinischen Vierteljahrsblättern: "Landständische Reformen in Kleve? Der Streit um die Landtagsordnung von 1639", "Der “Klostersturm” im Rheinland 1941/42", "Bürgermeister und arme Töchter in Köln 1452-1670. Die Stiftung des Kölner Bürgers Heinrich Haich von 1452", "Simon VI. zur Lippe und der Jülich-Klevische Regimentsstreit", "Juristen im frühneuzeitlichen Kurfürstentum Köln (1500-1800): Forschungsstand und Forschungsaufgaben".

Ich will nicht das eine gegen das andere ausspielen, aber so provinziell "Rheinische Vierteljahrsblätter" klingen mag, in einer Arbeit wie der über "Juristen im frühneuzeitlichen Kurfürstentum Köln" - den Verfasser kenne ich flüchtig - steckt ganz erhebliche Forschungsenergie und ein massiver Erkenntniszugewinn auch von grundsätzlicher Bedeutung - Grundlagenforschung der Geschichtswissenschaft in Reinform.

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