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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 38 Antworten
und wurde 2.555 mal aufgerufen
 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Seiten 1 | 2
Gorgasal Offline




Beiträge: 4.020

18.04.2011 15:14
Politik als Cargo-Kult Antworten

"Inside every gook there is an American trying to get out" hieß es in Full Metal Jacket. Die Bundesregierung ist offenbar der Ansicht, dass in jedem Unterschichtler ein Bildungsbürger steckt, der nur etwas Unterstützung braucht, um herauszukommen, das Graecum zu machen und Geige zu spielen. Dazu ein Kommentar.

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Defender la civilización consiste, ante todo, en protegerla del entusiasmo del hombre. - Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito

Calimero Offline




Beiträge: 3.280

18.04.2011 15:44
#2 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Ein verdammt treffsicherer Kommentar.

Bildungspakete als Holzlandebahnen ... sehr schön. Einfach mal zu realisieren, dass Mittelschicht Raum zur Entfaltung und Freiheit von staatlichen Steuerungs-Eingriffen braucht, das kommt den Gesellschaftsklempnern nicht in den Sinn. Sie werden auch mit dieser Maßnahme eine Bauchlandung machen, und dann noch mehr fremdes Geld reinschießen. Komplett lernresistent und denkbefreit der ganze Komplex.

Beste Grüße, Calimero

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Wir sind alle gemacht aus Schwächen und Fehlern; darum sei erstes Naturgesetz, dass wir uns wechselseitig unsere Dummheiten verzeihen. - Voltaire

stuffi Offline



Beiträge: 27

18.04.2011 16:19
#3 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Gut geschrieben.

Bildungsbürger sind oft deswegen Bildungsbürger, weil sie bereit sind (waren), auf sofortige Bedürfnisbefriedigung zu Gunsten späterer Bedürfnisbefriedigung zu verzichten. Lange Schul- und Studienjahre mit geringem Einkommen sind halt nicht jedermanns Sache.

Der Faktor Zeitpräferenz wird in den üblichen Diskussionen zum Thema gerne vernachlässigt, er ist jedoch IMHO einer der wichtigsten Indizien, die Mittel- und Unterschicht trennen - auch wenn der reine, messbare materielle Unterschied oft gar nicht so groß sein mag.

LG
Stuffi

Popeye Offline



Beiträge: 207

18.04.2011 16:52
#4 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Ich nehme an, ein kleinen Anteil an dieser Haltung haben die jedes Jahr aufs neue, aber nicht empirisch belegbare Meldungen von der schrumpfenden Mittelschicht und der immer weiter aufklappenden Schere zwischen Arm und Reich.
Obwohl nur ein paar Mausklicks genügen, um zu sehen, das solche Behauptungen absurd sind, ich finde es äußerst bedenklich, das nicht nur bei diesem Thema die Informationen der Regierenden immer nur aus einer Ecke kommen.

energist Offline




Beiträge: 322

18.04.2011 17:00
#5 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Zitat von Popeye
Ich nehme an, ein kleinen Anteil an dieser Haltung haben die jedes Jahr aufs neue, aber nicht empirisch belegbare Meldungen von der schrumpfenden Mittelschicht und der immer weiter aufklappenden Schere zwischen Arm und Reich.
Obwohl nur ein paar Mausklicks genügen, um zu sehen, das solche Behauptungen absurd sind, ich finde es äußerst bedenklich, das nicht nur bei diesem Thema die Informationen der Regierenden immer nur aus einer Ecke kommen.



Werter Popeye, hätten Sie dazu vielleicht ein oder zwei verläßliche Quellen? (Nicht als Anzweifelung gemeint, sondern tatsächlich aus reiner Neugier – denn auch ich habe das Gegenteil nun sooft gehört, daß es sich ein bisschen festgesetzt hat).

Popeye Offline



Beiträge: 207

18.04.2011 17:31
#6 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten
energist Offline




Beiträge: 322

18.04.2011 17:35
#7 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Tausend Dank!

stefanolix Offline



Beiträge: 1.959

18.04.2011 19:39
#8 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Ganz so einfach ist es nicht. Es geht bei den Angeboten definitiv nicht um Geige oder Altgriechisch. Es geht zum Beispiel um Sport, Deutsch, Mathe, Stützunterricht — kurz: um Angebote, die den Kindern aus der Unterschicht Bewegungsanreize und Lernanreize geben sollen.

Es gibt viele blödsinnige paternalistische Programme (ich sage nur: Schulobst!), aber ein richtiges Bildungsprogramm wäre eigentlich notwendig.

Warum werden die Angebote nicht angenommen? Vor den Nachmittagsunterricht und die Arbeitsgemeinschaft haben die Götter einen Antragsweg gesetzt. Dieser Antragsweg kann verdammt lang sein. Etwa ein Viertel des Geldes im »Bildungspaket« wird für Verwaltung verwendet und diese muss natürlich ihr Dasein rechtfertigen. Ich habe von Eltern gehört, die verzweifelt für ihr Kind irgend etwas Verwertbares beantragen wollen. Sie werden mit ellenlangen Formularen in die Flucht geschlagen. Derweil proben die Kommunen schon, wie sie bestehende Angebote über das Bildungspaket abrechnen können.

Im Grunde ist das nämlich ein Konjunkturpaket für die aufgeblähte Sozialbürokratie. Zu einer liberalen Kritik am Staat gehört für mich auch die Kritik an solchem Verwaltungshandeln. Ein Bildungspaket wäre an manchen Stellen (zweckgebunden für wirkliche Bildung!) bitter notwendig. Es ist wieder mal vordergründig gut gemeint und in Wahrheit verdammt schlecht gemacht — eben typisch für die Politik der Frau von der Leyen …

Gansguoter Offline



Beiträge: 988

18.04.2011 20:45
#9 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Zitat von stefanolix
Ganz so einfach ist es nicht. Es geht bei den Angeboten definitiv nicht um Geige oder Altgriechisch. Es geht zum Beispiel um Sport, Deutsch, Mathe, Stützunterricht — kurz: um Angebote, die den Kindern aus der Unterschicht Bewegungsanreize und Lernanreize geben sollen.



Es ist für alles und nichts. Wer sich informieren will, kann das unter http://www.bildungspaket.bmas.de tun. So steht unter "Sport, Kultur und Freizeit": "Zehn Euro stehen jedem Kind bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres dafür monatlich zur Verfügung - zum Beispiel für die Musikschule, den Fußball- oder Leichtathletikverein, den Kinderzirkus oder die Pfadfinder-Freizeit."

Geld gibt es auch fürs MIttagessen in der Schule, für Schulausflüge, für Nachhilfe etc.

Nur sind die Probleme nicht gelöst:

- Musikschule für 10 Euro im Monat? Ich lach mich tot. Da kommt man nicht weit. Beim Fußballverein mag es anders aussehen.

- Mittagessen: Lt. der genannten Seite soll die Schule die Anmeldung fürs tägliche Mittagessen bestätigen; dann gibt es den Zuschuss (Betrag für das Essen minus 1 Euro Eigenanteil pro Mahlzeit). Nur: Die Systeme in den Schulen laufen anders: Bei uns überweist man einen Betrag, mit dem eine Chipkarte aufgeladen wird. Übers Internet bucht man ein Essen, das bei der Abholung von der Chipkarte abgebucht wird. Da man sich täglich an- und abmelden kann, kann die Schule auch keine Bestätigung ausstellen.

- Nachhilfe: Hier gibt es keine Regelungen zur Höhe. Wer erteilt in der Praxis Nachhilfe? Doch oft ältere Schüler gegen Bares auf die Hand. Wie soll das verrechnet werden?

- Schulbedarf: Schon jetzt gibt es 100 Euro pro Jahr. Jetzt kann man mehr bekommen, wenn man es beantragt ("Fragen Sie Ihr Kind regelmäßig, ob es alle notwendigen Schulmaterialien hat. Braucht es einen neuen Block, Hefte oder Tintenpatronen?"). Meine Ansicht: Wenn man vernünftig mit seinen Sachen umgeht, dürfte es eigentlich mit 100 Euro möglich sein, die nötigen Hefte etc. immer zu haben. Ich sehe allerdings, wie sorglos viele Kinder mit ihren Sachen umgehen. Stifte liegengelassen. Och, macht nichts. Wem gehört der Zirkelkasten auf der Fensterbank. Komisch, niemandem. Vielleicht fällt einem in drei MOnaten ein, dass er seinen Zirkelkasten vermisst. Wenn es jetzt Geld zusätzlich gibt, wird v.a. diese "Ist-mir-egal-ich-krieg-ja-neu"-Mentalität gefördert.

Malte ( gelöscht )
Beiträge:

18.04.2011 21:18
#10 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Angesichts der Tatsache, dass man im TINA-Zeitalter von unseren führenden Genossen allgemein und von der Bundesfachfrau für nichthilfreiche Bücher insbesondere ohnehin keine vernünftigen Entscheidungen erwarten kann, muss ich sagen mir fiel ein Stein vom Herzen, als Partei und Regierung diesen Blödsinn beschlossen haben. Man freut sich ja schon, wenn die mal Deutschland nicht sehr viel, auch nicht viel, sondern nur einfach schaden. Mehr ist nicht drin.

Lt. marxistischer Erkenntnis ist der Mensch bekanntlich das Produkt seiner Umwelt. Und wie immer gibt es da einen Funken Wahrheit.
Der Ansatz ist nicht neu, unser stellvertretender Dichterfürst hatte schon ähnliches erwogen

Zitat von Friedrich Schiller
Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und satt gegessen hat. Aber er muß warm wohnen und satt zu essen haben, wenn sich die bessere Natur in ihm regen soll.

Was ja auch stimmt, aber nur die halbe Wahrheit ist.
Es ist nicht nur die Umwelt, es muss schon das eigene Bemühen dazukommen. Aber das wird von unserer weitgehend gleichgeschalteten Sozialwissenschaft in immer neuen Studien weggelogen. Und die weitgehend gleichgeschalteten Medien lassen sich nicht lumpen und bringen in einer Tour „Reportagen“ über hungernde Schulkinder.
So hatte ich schon Angst, dass die Zuzahlungen für den Zigaretten- und Alkoholverbrauch der Welfare Queen und der ach so diskriminierten Dauerbeleidigten weiter angehoben werden.

Zum Glück wurde uns wenigstens das erspart.
Deshalb bin ich froh über diese Blödsinn-Maßnahme. Sie ist kein weiterer Anreiz für die soziale Hängematte. Und sie kostet uns fast nichts. Oder glaubt hier ernsthaft jemand, der Sozialadel würde für Bildung einen Finger krumm machen?

Bibliothekar Offline




Beiträge: 109

18.04.2011 21:27
#11 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Geht es denn nicht unterm Strich um das System Subventionen und staatliche Förderung. Dazu las ich kürzlich einen sehr interessanten Beitrag von Wolf Lotter. Wem dienen denn diese Gutscheine eigentlich?

http://www.brandeins.de/aktuelle-ausgabe...-forderung.html

Beste Grüße B.

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Bibliotheken sind eine gefährliche Brutstätte des Geistes

Malte ( gelöscht )
Beiträge:

18.04.2011 21:29
#12 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Zitat von Gansguoter
Geld gibt es auch fürs MIttagessen in der Schule, für Schulausflüge, für Nachhilfe etc.

Nur sind die Probleme nicht gelöst:

- Musikschule für 10 Euro im Monat? Ich lach mich tot.

Ich nicht.
Wie viele Hartzis müssen tatsächlich mit dem offiziellen Satz auskommen?
Ich denke, es trifft ein paar überdurchschnittlich dumme alleinstehende Männer (Imbissbudenmänner). Alle anderen kriegen mehr. Sie kriegen es über Sozialtarife, sie kriegen es von Kleiderkammer, Tafel, Arbeiterwohlfahrt, Frauenförderwerk … und weiteren hundert Organisationen. Jeder einzelne Posten ist nicht die Welt, aber es läppert sich.
Der Hartzi kriegt die geheizte Wohnung geschenkt, dazu 360€ Taschengeld. Wenn die Zulagen der Helferindustrie sich pro Monat auf 200€ pro Nase summieren, ist das ein ganz schöner Batzen. Ich frage mich schon lange, warum Wachmänner, Supermarktkassiererinnen und andere Wenigverdiener sich jeden Tag den Stress antun, wenn sie fürs Nichtstun genausoviel kriegen könnten.
Jedenfalls kommt zur schon üppigen Alimentierung nochmal 120€/a. Ist doch nicht schlecht, oder? Und wenn dieses Geld nützlich ausgegeben wird, soll es mir recht sein.

Thomas Pauli Offline




Beiträge: 1.486

18.04.2011 21:34
#13 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Zitat
Bildungspakete sind Cargo-Kult-Politik. Man will mehr Mittelschicht, also unterstützt man das, was die Mittelschicht so tut. Und verkennt Ursache und Wirkung


Lieber Gorgasal,

seit Kurzem wird dieses Phänomen auch unter der Bezeichnung "Reynold's Law" diskutiert. Es ist nach Glenn Reynolds, dem Instapundit benannt. Es lautet

Zitat
The government decides to try to increase the middle class by subsidizing things that middle class people have: If middle-class people go to college and own homes, then surely if more people go to college and own homes, we’ll have more middle-class people. But homeownership and college aren’t causes of middle-class status, they’re markers for possessing the kinds of traits — self-discipline, the ability to defer gratification, etc. — that let you enter, and stay, in the middle class. Subsidizing the markers doesn’t produce the traits; if anything, it undermines them.


Zitat
Die Regierung beschließt, die Mittelklasse zu stärken, indem sie Dinge subventioniert, die die Leute der Mittelklasse besitzen. Wenn die Mittelklasse zur Uni geht und Häuser besitzt, dann haben wir sicher eine größere Mittelklasse, wenn mehr Leute zur Uni gehen und Häuser besitzen. Aber Hausbesitz und Unibesuch begründen nicht die Mittelklasse, sondern sie sind Anzeichen für den Besitz bestimmter Eigenschaften - Selbstdisziplin, die Fähigkeit Belohnungen zu aufzuschieben, u.s.w. - die einem den Eintritt in die Mittelschicht und den Verbleib in ihr ermöglichen. Diese Anzeichen zu subventionieren erzeugt jedoch diese Eigenschaften nicht; im Gegenteil werden sie dadurch unterminiert


Soweit meine holperige Übersetzung. Ich finde, da ist sehr viel Wahres dran. Leider scheint es mir, daß wir in vierzig Jahren Erziehungsreform viele dieser nötigen Eigenschaften, zu denen sicher die bösen Sekundärtugenden gehören, erfolgreich zerstört haben.

Herzlich, Thomas

Gansguoter Offline



Beiträge: 988

18.04.2011 22:19
#14 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Zitat von Malte

Zitat von Gansguoter
- Musikschule für 10 Euro im Monat? Ich lach mich tot.

Ich nicht.
Wie viele Hartzis müssen tatsächlich mit dem offiziellen Satz auskommen?




Meine flapsige Bemerkungen sollte ausdrücken: Was soll ein Zuschuss von 10 Euro für Musikschule? Unterricht in einem Instrument kostet um die 50-60 € / Monat (Städt. Musikschule); der wirklich bedürftigen Familie ist es dann so oder so nicht möglich, das Kind Geige lernen zu lassen, egal, ob der Eigenanteil die vollen 55 € ist oder mit Staatsgeld nur 45 €.

Friedrich ( gelöscht )
Beiträge:

19.04.2011 07:33
#15 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Zitat
Thomas Pauli
scheint es mir, daß wir in vierzig Jahren Erziehungsreform viele dieser nötigen Eigenschaften, zu denen sicher die bösen Sekundärtugenden gehören, erfolgreich zerstört haben.





Dem schliesse ich mich an. Sich selber bemühen scheint nicht mehr gewünscht zu sein, heute "fordert" man. Zahlen soll jemand anders....

zappzarap Offline



Beiträge: 21

19.04.2011 10:27
#16 Cargo-kult Doku Antworten

Guter Text.
zu den erwähnten Cargo-kulten, von denen ich bei Hitchens (?) das erste mal gelesen habe gibt es einen sehr sehenswerten Film, müsste als torrent zu finden sein:

God is an American.
http://www.imdb.com/title/tt1249387/

die Leute dort warten seit den 50ern auf den Messias, einen Ami, heißt John Frum...

Pirx Offline



Beiträge: 92

19.04.2011 19:08
#17 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Ich möchte noch einen Aspekt hinzufügen: Die Orientierung der Politik an Rankings, Statistiken und dem "internationalen Vergleich".

Hier in Österreich plädieren die Linken seit Jahren für die Einführung der Gesamtschule, denn die Finnen haben ja auch die Gesamtschule und die sind schließlich PISA-Sieger. (Gut, mit demselben Argument könnte man auch Finnisch als Unterrichtssprache einführen)
Auch beim Thema Gleichbehandlung bzw. Frauenquote konstruiert man anhand von Statistiken eine Diskriminierung von Frauen.

F.Alfonzo Offline



Beiträge: 1.377

19.04.2011 19:35
#18 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Zitat von Pirx
Ich möchte noch einen Aspekt hinzufügen: Die Orientierung der Politik an Rankings, Statistiken und dem "internationalen Vergleich".



Find ich auch witzig. Wer den internationalen Vergleich bemueht, outet sich regelmaessig als Obertrottel...

Mal off-topic ein paar Dinge, die ich so in den letzten paar Tagen gelesen habe:

- Luxembourg hat (scheinbar) nen Mindestlohn von 10 Euro. Was in Luxembourg funktioniert, muss also auch in der BRD funktionieren, bspw. in nem 2000-Seelen-Kaff in Mecklenburg-Vorpommern.
- Die korporatistischen U.S.A. haben nen hoeheren Spitzensteuersatz als D, warum also nicht den Spitzensteuersatz anheben? Die Frage, wie diese Steuer erhoben wird und welche anderen Steuern es noch gibt, spielt dabei keine Rolle (analog: Land XY hat sogar noch nen hoeheren MwSt-/Oekosteuer-/Alksteuer-Satz als D, warum diese also nicht auch anheben?)
- Die Arbeitslosenquote in D (die alleine durch ihre politische Definition schon keinerlei Aussagekraft mehr hat), ist wahlweise optimal oder katastrophal. Je nach dem, mit welchem Land in welcher Frist ein Vergleich angestellt wird. Auf den Trichter, dass Arbeitslosigkeit etwas mit Produktivitaet zu tun hat, kommen nur Wirtschaftsforschungsinstitute und sonstige von der Wirtschaft (wer soll das eigentlich sein?) bezahlten Spinner.
- Die Schere, die zwischen Arm und Reich auseinanderklafft, ist ja mein persoenliches Lieblingsbeispiel. Median-Prozentsatz als Definition von Reichtum und Armut, ich lach mich kaputt. Gluecklicherweise gab's ja vor 3 Jahren die Finanzkrise, die die Einkommens- und Vermoegensverteilung weltweit dergestalt geandert hat, dass die Armen in D. im internationalen Vergleich entweder reicher oder noch aermer geworden sind, je nach Referenzland, und genialerweise auch noch, ohne selbst etwas davon zu merken.

Ich bin ja (als Volkswirt, allerdings kein Makro-Experte) der Meinung, dass sich aus dem Vergleich von Aepfeln mit Birnen keine sinnvollen Schluesse ziehen lassen, und dass man den Vergleich schon gar nicht als Grundlage fuer Gesellschaftpolitik heranziehen sollte, wenn selbst einfachste empirische Forschung daran scheitert, aber was weiss ich schon.

Gruesse,
Alfonzo

Popeye Offline



Beiträge: 207

19.04.2011 19:57
#19 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Zitat von F.Alfonzo

Ich bin ja (als Volkswirt, allerdings kein Makro-Experte) der Meinung, dass sich aus dem Vergleich von Aepfeln mit Birnen keine sinnvollen Schluesse ziehen lassen, und dass man den Vergleich schon gar nicht als Grundlage fuer Gesellschaftpolitik heranziehen sollte, wenn selbst einfachste empirische Forschung daran scheitert, aber was weiss ich schon.



Sehr wohl, denn was erdreistet Er sich, den hohen Herrschaften mit Grundlagen und Verstand daher zu kommen?

F.Alfonzo Offline



Beiträge: 1.377

19.04.2011 20:17
#20 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

@ Popeye:

Das ist uebrigens fuer VWL-Studenten ein wichtiger Gedanke, zumindest ging es mir und einigen anderen Studenten so:
Man geht grundsaetzlich relativ offen in dieses Studium... mal alles ankucken, was interessiert mich am meisten, usw. Es zeigt sich allerdings schon im Grundstudium, dass man als Makrooekonom oder Finanzwissenschaftler entweder ne nette Forschungsstelle in der Uni braucht, oder anderenfalls sein ganzes Leben lang fuer politische Institutionen (= fuer den Rundordner) Ausschuss produziert.

Die Aussicht war fuer mich persoenlich zu frustrierend, auch wenn ich dann davon ausgehen konnte, dass ich mein Leben lang nach Tarif bezahlt werde, ohne einen Finger krumm zu machen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Die meisten VWLer (zumindest die, die mit Mathematik klar kamen, haha) haben sich dann eher auf mikro-Bereiche spezialisiert... als Analyst fuer Exoten-Maerkte ist man relativ fein raus, berufstechnisch.

F.A.

Malte ( gelöscht )
Beiträge:

19.04.2011 22:09
#21 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Zitat von Malte
Oder glaubt hier ernsthaft jemand, der Sozialadel würde für Bildung einen Finger krumm machen?

Zur Ergänzung:

Zitat von Ralf Schuler
Erst zwei Prozent der Berechtigten haben die Gelder für den Nachwuchs beantragt, [...]

R.A. Offline



Beiträge: 8.171

26.04.2011 13:49
#22 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Sehr schöne Darstellung!

Wobei ich bei der Mittelschichtsfixierung der Regierung nicht nur wie angesprochen interessant finde, mit welch' kruden Mitteln der Aufstieg der Unterschicht organisiert werden soll.

Interessant finde ich auch diese moralische Überheblichkeit, den eigenen Lebensentwurf zum Dogma zu erheben - da ist die von der Layen ganz dicht bei den Grünen.

Denn Unterschicht besteht ja nicht nur aus Schulabbrechern und Hartz-IV-Empfängern. Sondern da gibt es Millionen von Menschen, die sich und ihre Familie mit ehrlicher einfacher Arbeit ordentlich durchs Leben bringen. Aber die halt andere Vorstellungen von Freizeit und Lebensgestaltung haben als die Mittelschicht. Und Fußball, RTL, Heavy Metal und Mallorca sind in keiner Weise minderwertig gegenüber Tennis, arte, Klassik und Toskana.

Insbesondere auch deswegen, weil die Unterschicht meist viel ehrlicher ist in ihren Präferenzen als eine Mittelschicht, die ein Ideal propagiert, daß sie selber fast nie erreicht. Ein Ideal, daß irgendwo zwischem den großbürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts und ökologisch-korrekter Spießigkeit changiert.
Da müssen die Kinder ein Instrument lernen - aber Hausmusik gibt es nicht, am Ende landen sie genauso am CD-Player wie ihre Eltern. Da wird das gute Buch propagiert - aber abends läuft die Glotze oder man versumpft bei Nachbarschaftsfesten auf Multi-Kulti-Grillwurst-Niveau. Da rümpft man die Nase über den "Neckermänner"-Gruppentourismus - und dann laufen sie alle mit demselben "alternativen" Reiseführer in der Hand dieselben Geheimtips ab, meist ohne Verständnis für irgendeinen kulturellen Hintergrund.

Dieser ganz Mittelschichts-Habitus dient meist nur - wie schon immer - der sozialen Abgrenzung nach unten. Mit echtem Bildungsinteresse hat das wenig zu tun.

Thomas Pauli Offline




Beiträge: 1.486

26.04.2011 14:29
#23 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Zitat
Da müssen die Kinder ein Instrument lernen - aber Hausmusik gibt es nicht, am Ende landen sie genauso am CD-Player wie ihre Eltern. Da wird das gute Buch propagiert - aber abends läuft die Glotze oder man versumpft bei Nachbarschaftsfesten auf Multi-Kulti-Grillwurst-Niveau. Da rümpft man die Nase über den "Neckermänner"-Gruppentourismus - und dann laufen sie alle mit demselben "alternativen" Reiseführer in der Hand dieselben Geheimtips ab, meist ohne Verständnis für irgendeinen kulturellen Hintergrund.


Lieber R.A.,

wird es nicht langsam Zeit, dieser Bourgeoisie die Maske vom Gesicht zu reißen?
Herzlich, Thomas

Gorgasal Offline




Beiträge: 4.020

26.04.2011 16:59
#24 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Zitat von R.A.
Und Fußball, RTL, Heavy Metal und Mallorca sind in keiner Weise minderwertig gegenüber Tennis, arte, Klassik und Toskana.


Bei Fußball, Tennis, RTL, arte, Mallorca und Toskana kenne ich mich aus. Aber bei Heavy Metal und Klassik. Und Klassik ist ganz entschieden wertvoller als Heavy Metal. Ich verstehe auch nicht ganz, wie man ernsthaft das Gegenteil behaupten kann.

--
Defender la civilización consiste, ante todo, en protegerla del entusiasmo del hombre. - Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito

R.A. Offline



Beiträge: 8.171

26.04.2011 17:34
#25 RE: Politik als Cargo-Kult Antworten

Zitat von Gorgasal
Und Klassik ist ganz entschieden wertvoller als Heavy Metal.


Ich sehe keinen Maßstab, wie man hier allgemeingültig "wertvoll" bestimmen könnte. Klassik kann deutlich komplexer, anspruchsvoller, variantenreicher sein (es gibt natürlich auch sehr schlichte Klassik-Stücke).
Aber trotzdem bleibt es natürlich reine Geschmacksfrage, welche Musikrichtung einem mehr liegt. Ich hatte ja auch nicht über "wertvoll" geredet, sondern nur gesagt, daß Heavy Metal etc. nicht "minderwertig" seien.
Man darf das hören und seinen Spaß daran haben, und ist deswegen kein schlechterer Mensch.

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