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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 12 Antworten
und wurde 945 mal aufgerufen
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Zettel Offline




Beiträge: 20.200

29.07.2007 15:01
Ketzereien zum Irak (17): Hoffnungen auf nationale Einheit Antworten

... nicht nur dank Fußball, sondern auch aufgrund der aktuellen politischen Entwicklung.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

29.07.2007 15:08
#2 Live-Ticker zum Fußballspiel Irak- Saudi-Arabien Antworten
15:00 Knapp eine halbe Stunde gespielt. Es steht 0:0. Die Saudis sind feldüberlegen, aber die Iraker verteidigen geschickt und aufopferungsvoll. Nach zwei Kontern hatten sie die beiden bisher besten Torchancen des Spiels. Vor drei Minuten rettete nur der saudische Torwart mit einer Parada à la Olli Kahn, als er einen aus wenigen Metern geschossenen Ball noch zur Ecke lenkte. Ein weiterer aussichtsreicher Gegenstoß der Iraker konnte eben nur durch ein Foul gestoppt werden.

15:13 Tätlichkeit gegen einen Iraker, die aber nur mit der Gelben Karte bestraft wird.

15:23 Halbzeit. Die Iraker sind immer besser ins Spiel gekommen. Sie fangen jetzt die Saudis meist schon an der Mittellinie ab und gelangen immer wieder mit schnellen Vorstößen, vor allem über den linken Flügel, vors saudische Tor. Ihre zahlreichen Torchancen scheiterten an Ungenauigkeit im Abschluß und an dem ausgezeichneten saudischen Keeper. Die Saudis hatten keine einzige wirklich gute Torchance. - Das Spiel ist in der ersten Hälfte erstaunlich fair gewesen; manche europäische Mannschaft könnte sich da eine Scheibe abschneiden.

15:40 Anstoß zur zweiten Halbzeit.

15:43 Der saudische Tormann kann einen schwach geschossenen Fernschuß nicht festhalten; ein Verteidiger rettet.

15:48 Foul an der Grenze zum saudischen Strafraum. Der Freistoß bringt nichts ein. Die Iraker sind jetzt drückend überlegen; seit Wiederanpfiff sind die Saudis noch nicht ein einziges Mal vor das irakische Tor gekommen.

15:55 Der erste Angriff der Saudis in der zweiten Halbzeit führt zu einem gefährlichen Fernschuß, den der irakische Torwart mit einer glänzenden Parade zur Ecke lenkt. Danach rollt eine Angriffswelle auf das saudische Tor. Eine Torgelegentheit nach der anderen, Eckstoß folgt auf Eckstoß. Aber entweder geht der Ball knapp vorbei, oder der Torwart kann ihn noch abklatschen. Der irakische Reporter kann, der Stimme nach, soviel Pech nicht fassen. Nach Torgelegenheiten müßten die Iraker mindestens 3:0 führen. - Auf der Ehrentribüne goldgekleidete saudische Prinzen sowie ein mißmutig guckender Sepp Blatter.

16:06 TOOOR! Nach einem Eckball stürmt ein irakische Stürmer aus dem Hintergrund nach vorn und köpft den Ball unhaltbar ins Netz. Lohn für ein ständiges Anstürmen der Iraker, die das Spiel weitaus engagierter und - überraschenderweise - auch technisch besser angehen als die müde wirkenden Saudis.

16:09 Gelbe Karte für einen irakischen Spieler nach einer Grätsche von hinten.

16:20 Noch fünf Minuten reguläre Spielzeit. Die Iraker kämpfen weiter um jeden Ball, während von einem Aufbäumen der Saudis nichts zu spüren ist. Vor einigen Minuten gab es ein Gewühle im irakischen Strafraum, in dem ein Saudi zu Fall kam. Die Saudis reklamierten vergeblich Elfmeter.

16:29 Der Irak ist Asien-Meister! Ein Spieler läuft mit der irakischen Fahne durchs Stadion. Kurden, Schiiten, Sunniten liegen sich in den Armen.

Ich schalte jetzt zu Al Jazeera um, wo wahrscheinlich jetzt Szenen aus Bagdad übertragen werden.
Libero Offline



Beiträge: 393

29.07.2007 19:13
#3 RE: Live-Ticker zum Fußballspiel Irak- Saudi-Arabien Antworten

Lieber Herr Zettel

Ein schöner Erfolg. Das könnte durchaus ein Wir Gefühl auslösen. Es könnte eine Diskussion beginnen, in der man das Gemeinsame und nicht das Trennende feststellt.

Dabei darf man nicht vergessen, daß alle drei großen Gruppen auch einem anderen Wir angehören. Die irakischen Kurden den Kurden, die irakischen Schiiten den Schiiten des Iran und die irakischen Sunniten den anderen Sunniten. Die Kurden bildeten nie einen richtigen Staat, auch wenn Kurden Staaten führten. Die heiligsten Stätten der Schiiten liegen ausgerechnet im Irak. Es geht nicht darum, Vertrauen aufzubauen, sondern erst einmal Mißtrauen abzubauen.

Eine verfahrene Situation. Wie soll man unter diesen Gesichtspunkten Menschen finden, die von allen akzeptiert werden.

Herzlichst
Libero

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

30.07.2007 07:44
#4 RE: Live-Ticker zum Fußballspiel Irak- Saudi-Arabien Antworten

Lieber Libero,

Zitat von Libero
Ein schöner Erfolg. Das könnte durchaus ein Wir Gefühl auslösen. Es könnte eine Diskussion beginnen, in der man das Gemeinsame und nicht das Trennende feststellt.

Ich halte das inzwischen auch für möglich. Das irakische TV "Al Iraqia", dem ich meinen kleinen Live-Ticker verdanke, sendet seit dem Sieg fast nur zum Thema Fußball.

Jubelnde, tanzende Menschen auf der Straße. Irakische Fahnen, wohin man schaut. (Ich hätte gar nicht gedacht, daß es im Irak so viele Nationalfahnen gibt; es ist ja eine andere als unter Saddam).

Im Augenblick läuft eine Sendung vergleichbar unserem Frühstücksfernsehen. Wie bei in ARD/ZDF Doppelmoderation. Die Moderatoren tragen ein Fußballer-Leibchen der Nationalmannschaft. Hinter den beiden hängt eine riesige irakische Flagge. Es gibt auch einen TV-Koch. Er kocht an einem Tisch, vor den man eine irakische Flagge gehängt hat.

Und wie berichtet die deutsche Presse? Es ist wieder einmal eine Schande. "Spiegel-Online" hat bist gestern nacht um halb zwölf gebraucht, um überhaupt eine Meldung zu fabrizieren. Titel: "Sieg im Asien Cup - Tote bei Jubelfeier ...". Ebenso die Schlagzeile in "Welt-Online". Sie lautet: "Tote nach Freudenschüssen ...".

Das Klischee ist da, selbst bei den Journalisten von "Welt-Online". Irak, das ist für sie Zwietracht und Gemetzel.

Ist's Antiamerikanismus, ist's schlichte Dummheit? Ich weiß es nicht.

Herzlich, Zettel

C. Offline




Beiträge: 2.639

30.07.2007 08:07
#5 RE: Live-Ticker zum Fußballspiel Irak- Saudi-Arabien Antworten
In Antwort auf:
Ist's Antiamerikanismus, ist's schlichte Dummheit? Ich weiß es nicht.


Es ist das Eingehen auf die vermutete Erwartungshaltung der potentiellen Leser, ergänzt durch persönlich selektive Wahrnehmung bei möglichst niedrigem Informationsstand.

Immerhin ist der Krieg nicht "unser" Krieg, sondern der "Bush"-Krieg, der Widerstand ist auch "unser" Widerstand und so können auch "wir" unseren" Beitrag leisten, in dem wir diesem "völlig unsinnigen" Krieg nichts positives abgewinnen, soch im Hinblick auf unsere Handelspartner im arabischen Raum und dem Iran. Was die Iraker wollen ist dabei sekundär, wichtig ist, dass die "Bushkrieger" keinen Erfolg haben werden.


Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam Che Guevara

BTW 1: SpOn:

In Antwort auf:
In der CDU gibt es massive Bedenken gegen die geplante Aufrüstung des Nahen Osten durch die USA. Das Pulverfass werde dadurch nicht sicherer, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz. Der Plan Washingtons könne Irans Präsident Ahmadineschad provozieren


BTW 2:SpoNSIEG IM ASIEN-CUP
Tote bei Jubelfeier im Irak
Man beachte die Größenverhälznisse der Überschriften im Original[/url]
Libero Offline



Beiträge: 393

30.07.2007 14:15
#6 RE: Live-Ticker zum Fußballspiel Irak- Saudi-Arabien Antworten

Zitat von Zettel

Ich hätte gar nicht gedacht, daß es im Irak so viele Nationalfahnen gibt; es ist ja eine andere als unter Saddam. Die Moderatoren tragen ein Fußballer-Leibchen der Nationalmannschaft. Hinter den beiden hängt eine riesige irakische Flagge.


Lieber Herr Zettel

Sie dürfen nicht vergessen, daß bisher der Begriff Irak negativ besetzt war. Der Staat, das war das Regime Saddam Husseins. Es braucht eine Zeit, bis die Erinnerung so verblasst ist, daß eine gemeinsame Identität neu besetzt werden kann. Es hängt einerseits davon ab, das man das Gemeinsame erkennt und natürlich auch davon, daß man mehr vom Erhalt des Irakes als von seinem Zerfall profitiert.

Es darf auf keinen Fall passieren, daß man die amerikanischen Soldaten mit dem Irak identifiziert, also das Regime Saddam Hussein in der Wahrnehmung der Bevölkerung durch das Regime USA ersetzt wird. Das sind amerikanische Soldaten im Irak. Ebenso müssen die Soldaten so auftreten, daß sie klar trennen zwischen dem Irakern und den Menschen, die Terroranschläge auf sie und andere verüben. Wenn der OB klug ist und nach allem, was ich von ihm las, die neue Militärdoktrin ist ja auch von ihm, wird er es so handhaben. Die Frage ist, inwieweit er das allen Soldaten unter seinem Kommando verdeutlichen kann. Manche sind für diesen Einsatz schlicht und einfach zu jung. Auch gibt es immer noch zu wenig Amerikaner, die zur Bevölkerung in ihren Sprachen können und die über ausreichend interkulturelle Kompetenz verfügen.

Der Kampf gegen den Terror ist dann gewonnen, wenn Iraker gegenüber der amerikanischen Armee ihr Bedauern über den Tod von amerikanischen Soldaten ausdrücken. Das genau muß der Terror fürchten, das die Bevölkerung nicht nur die irakischen Toten, sondern auch die amerikanischen Toten als ihre Toten ansieht. Wenn Petraeus das schafft, hat er gewonnen.
Herzlichst
Libero

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

01.08.2007 03:33
#7 Waffen nach Nahost Antworten

Zitat von C.
In Antwort auf:
In der CDU gibt es massive Bedenken gegen die geplante Aufrüstung des Nahen Osten durch die USA. Das Pulverfass werde dadurch nicht sicherer, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz. Der Plan Washingtons könne Irans Präsident Ahmadineschad provozieren



Auch da kann man wieder fragen: Ist's Dummheit? Ist es Berechnung?

Dummheit liegt nahe. Denn wenn irgendwohin Waffen geliefert werden, dann fällt dem Dümmsten dazu ein: Das ist schlecht, denn dann schießen die am Ende auch mit diesen Waffen.

In Al Jazeera habe ich gestern ein Interview mit einem Mitglied der Regierung von Kuweit gesehen. Der sagte sinngemäß: Natürlich sind wir zu schwach, um uns zu wehren, wenn der Iran angreift. Aber die US-Waffenlieferungen sind für uns ein wichtiges Signal, daß die USA uns in einem solchen Fall nicht im Stich lassen werden.

Darum geht es. Das Gerede der Demokraten im Kongreß vom Abzug aus dem Irak hat den Iran in einem Maß gestärkt, das man gar nicht hoch genug ansetzen kann. Wenn der Irak danach im Chaos versinkt, dann ist die Stunde des Iran gekommen.

Davor fürchten sich, vielleicht mit Ausnahme Syriens, alle Länder des Nahen Ostens.

Bush und Rice wollen jetzt, denke ich, sozusagen Pfähle einrammen, die auch noch halten, wenn Clinton oder Obama Präsident werden sollten. Jedenfalls für eine gewisse Zeit.

Was Israel bevorsteht, wenn einer von diesen beiden Präsident wird, das kann man sich leicht ausmalen.

Und vielleicht ist das ja eine Chance, diesen Fall doch noch zu verhindern - wenn die traditionell demokratisch wählenden Juden in den USA wegen Israel über ihren Schatten springen und einen republikanischen Kandidaten nicht nur wählen, sondern im Wahlkampf auch ihren Einfluß zu seinen Gunsten in die Waagschale werfen.

Herzlich, Zettel

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

03.08.2007 23:26
#8 Aktuelle Ergänzung Antworten

In der "New York Times" ist vor ein paar Tagen ein Artikel von Michael E. O'Hanlon und Kenneth M. Pollack erschienen, zwei Nahost-Experten, die an Forschungsinstituten arbeiten und die von einem Besuch im Irak zurück sind.

Ihre Einschätzung ist noch weit positiver als das, was ich in meinem Beitrag geschrieben habe. Sie betonen vor allem die großen militärischen Fortschritte bei der Bekämpfung der Terroristen, den damit einhergehenden Rückgang in der Zahl ihrer Opfer, die massiven Verbesserungen in der Kampfkraft der irakischen Armee und die hohe Moral der US-Truppen.

Wobei das Letztere wirklich bewundernswert ist, angesichts der Art, wie die US-Demokraten der kämpfenden Truppe in den Rücken fallen.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

05.08.2007 16:48
#9 Der Irak als Nation Antworten

Lieber Libero,

Zitat von Libero
Sie dürfen nicht vergessen, daß bisher der Begriff Irak negativ besetzt war. Der Staat, das war das Regime Saddam Husseins.

Allerdings gibt es diesen Staat ja schon seit 1921; seit 1926 in den heutigen Grenzen. Als britische Mandatsgebiet, unter den Haschemiten in Abwechslung.

Das ist natürlich, geschichtlich gesehen, immer noch eine kurze Zeit für die Bildung eines Staatsbewußtseins. Aber es ist wohl so, daß alle diese Nachfolgestaaten des Osmanischen Reichs ein solches Staatsbewußtsein sehr schnell entwickelt haben, weil sie eben glücklich waren, der osmanischen Kolonialherrschaft 1918/1919 entronnen zu sein.

Denselben Nationalismus konnten wir ja jetzt nach dem Ende des kommunistischen Kolonialreichs in Osteuropa beobachten.

In Antwort auf:
Es hängt einerseits davon ab, das man das Gemeinsame erkennt und natürlich auch davon, daß man mehr vom Erhalt des Irakes als von seinem Zerfall profitiert.

Das Hauptproblem ist wohl - ich habe das schon anderswo geschrieben -, daß Saddam Hussein die unter den Haschemiten, auch noch unter Kassem intakte nationale Einheit des Irak zerstört hat, indem er mit seinem sunnitischen Clan und anderen Sunniten die schiitische Mehrheit brutal - aber wirklich brutal! - unterdrückt hat, wie auch die Kurden.

Was wir jetzt im Irak an ethnischen und konfessionellen Auseinandersetzunge erleben, ist Saddam anzulasten, nicht Präsident Bush.

In Antwort auf:
Ebenso müssen die Soldaten so auftreten, daß sie klar trennen zwischen dem Irakern und den Menschen, die Terroranschläge auf sie und andere verüben.

Das tun sie. Es gibt ja auf lokaler Ebene jede Menge Zusammenarbeit. US-Kommandeure setzen sich mit den Bürgermeistern, den Stadträten zusammen und beraten über den Wiederaufbau, über den Schutz gegen den Terrorismus.

Nur wird darüber bei uns so gut wie nicht berichtet. Ich habe, seit ich mich für Politik interessiere, noch nie eine so einseitige, eine so eindeutig propagandistische Berichterstattung der Mehrheit der deutschen Medien erlebt wie jetzt über den Irak.

Vielleicht beginnt es sich ja zu ändern. Ich bin gespannt darauf, was morgen in der Titelgeschichte des "Spiegel" steht.

In Antwort auf:
Der Kampf gegen den Terror ist dann gewonnen, wenn Iraker gegenüber der amerikanischen Armee ihr Bedauern über den Tod von amerikanischen Soldaten ausdrücken. Das genau muß der Terror fürchten, das die Bevölkerung nicht nur die irakischen Toten, sondern auch die amerikanischen Toten als ihre Toten ansieht. Wenn Petraeus das schafft, hat er gewonnen.

Volle Zustimmung!

Herzlich, Zettel

Frankfurter Offline



Beiträge: 233

05.08.2007 20:23
#10 RE: Der Irak als Nation Antworten

Lieber Zettel,

wenn man Berichte wie den folgenden liest, wird man eher pessimistisch:

Mosul ohne Bilder
Sunnitische Extremisten bauen am Islamischen Emirat Irak: ein Reich des Terrors, eine Welt ohne Lebensfreude


http://www.berlinonline.de/berliner-zeit...nte/675131.html

Ehrlich gesagt, ich kann nicht alles glauben, was da steht.

Ungelt ( gelöscht )
Beiträge:

06.08.2007 23:11
#11 RE: Der Irak als Nation Antworten


Aber es ist wohl so, daß alle diese Nachfolgestaaten des Osmanischen Reichs ein solches Staatsbewußtsein sehr schnell entwickelt haben, weil sie eben glücklich waren, der osmanischen Kolonialherrschaft 1918/1919 entronnen zu sein.

Denselben Nationalismus konnten wir ja jetzt nach dem Ende des kommunistischen Kolonialreichs in Osteuropa beobachten.


Ich muß wieder einmal meinen "osteuropäischen Senf" beisteuern ;-)

Der "Nationalismus" hatte sich in Osteuropa aus meiner Sicht nicht entwickelt, nachdem die Länder "der Fremdherrschaft entronnen sind". Er entwickelt sich bei Völkern, die in ihrer Existenz bedroht sind, eher als Reaktion auf diese Bedrohung. Ich würde diesen Zustand daher auch nicht mit dem "bösen" Wort "Nationalismus" belegen, es gibt ja noch ein ungleich sympathischeres, nämlich Patriotismus. Sein Inhalt ist, wie ich es verstehe, nicht die Expansion des eigenen Landes, sondern nur dessen Erhaltung - ein grundlegender Unterschied. Für mich ist z.B. der tschechische Student Jan Palach, der sich am Anfang 1969 aus Protest gegen die Besatzung seines Landes durch Truppen des Warschauer Pakts selbst verbrannt hatte, auf keinen Fall ein Nationalist. Auch die dann folgenden Demonstrationen waren nicht nationalistisch.

Natürlich gibt es in diesen Länder auch genügend Nationalisten, aber die Mehrzahl möchte doch, denke ich, einfach die endlich erreichte Selbstbestimmung nicht leichtfertig gleich wieder abgeben. Die grundlegenden Dinge zumindest. Wenn man diese Leute als Nationalisten bezeichnet und unter Druck setzt, entsteht bei ihnen leicht der Eindruck, daß die Kritiker in Wahrheit nur eine andere Art der Hegemonie anstreben.

Nur eine kleine Anmerkung, wenn ich einverstanden bin, schreibe ich nichts ;-)

Libero Offline



Beiträge: 393

08.08.2007 12:56
#12 RE: Der Irak als Nation Antworten

Zitat von Libero
Sie dürfen nicht vergessen, daß bisher der Begriff Irak negativ besetzt war. Der Staat, das war das Regime Saddam Husseins.

Zitat von Zettel

Allerdings gibt es diesen Staat ja schon seit 1921; seit 1926 in den heutigen Grenzen. Als britische Mandatsgebiet, unter den Haschemiten in Abwechslung.


Lieber Herr Zettel

Lesen Sie die Erinnerungen der Gertrude Bell (übrigens vollständig im Internet) und "Verrat in schwarzen Zelten". Die Araber nannten diese tollkühne Frau "Al Khatun".

Zitat von Libero
Es hängt einerseits davon ab, das man das Gemeinsame erkennt und natürlich auch davon, daß man mehr vom Erhalt des Irakes als von seinem Zerfall profitiert.

Zitat von Zettel
Das Hauptproblem ist wohl - ich habe das schon anderswo geschrieben -, daß Saddam Hussein die unter den Haschemiten, auch noch unter Kassem intakte nationale Einheit des Irak zerstört hat, indem er mit seinem sunnitischen Clan und anderen Sunniten die schiitische Mehrheit brutal - aber wirklich brutal! - unterdrückt hat, wie auch die Kurden.

Nun ja, Al Khatun war auch der Meinung, daß der Irak nur funktioniert, wenn die Schiiten nichts zu sagen haben. Da gab es einen gewissen Harris, der später Feldmarschall wurde und seine Methoden sehr erfolgreich gegenüber den Kurden anwendete. Das scheint Ihnen unbekannt zu sein. In der Zeit der Haschemiten sind übrigens viele christliche Assyrer leider zu Tode gekommen.
Zitat von Zettel

Was wir jetzt im Irak an ethnischen und konfessionellen Auseinandersetzunge erleben, ist Saddam anzulasten, nicht Präsident Bush.

Nein, tut mir leid, weder noch.
Zitat von Libero
]Ebenso müssen die Soldaten so auftreten, daß sie klar trennen zwischen dem Irakern und den Menschen, die Terroranschläge auf sie und andere verüben.

Zitat von Zettel
Das tun sie. Es gibt ja auf lokaler Ebene jede Menge Zusammenarbeit. US-Kommandeure setzen sich mit den Bürgermeistern, den Stadträten zusammen und beraten über den Wiederaufbau, über den Schutz gegen den Terrorismus.

Ich meinte die Privats, nicht die höhere Offiziere. Da habe ich nicht den Eindruck. Das können Sie von Zwanzigjährigen, die noch nie im Ausland und schon gar nicht in dieser Situation waren, auch nicht verlangen.
Zitat von Zettel
Nur wird darüber bei uns so gut wie nicht berichtet. Ich habe, seit ich mich für Politik interessiere, noch nie eine so einseitige, eine so eindeutig propagandistische Berichterstattung der Mehrheit der deutschen Medien erlebt wie jetzt über den Irak.

Nun ja, ein Friedensreich auf Erden war der Irak eigentlich nie. Ich empfehle nochmals, die reichlich vorhandene Literatur der Reisenden zu lesen.
Zitat von Libero
Der Kampf gegen den Terror ist dann gewonnen, wenn Iraker gegenüber der amerikanischen Armee ihr Bedauern über den Tod von amerikanischen Soldaten ausdrücken. Das genau muß der Terror fürchten, das die Bevölkerung nicht nur die irakischen Toten, sondern auch die amerikanischen Toten als ihre Toten ansieht. Wenn Petraeus das schafft, hat er gewonnen.

Zitat von Zettel
Volle Zustimmung! Herzlich, Zettel

Petraeus ist nicht der hundertäugige Bayan, er kann sich darauf nicht verlassen, daß seine Privats nicht durchdrehen. Wie Wilhelm Mengelberg zu sagen pflegte, einer kann alles verderben. Petraeus hat zuviele Soldaten, die mit der Situation völlig überfordert sind.

Herzlichst
Libero

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

09.08.2007 13:19
#13 RE: Der Irak als Nation Antworten

Lieber Frankfurter,

danke für den Link zu diesem wichtigen und erschütternden Bericht. Die Autorin ist inzwischen von Extremisten ermordet worden. Sie lebte in Mossul, war eine aufrechte Demokratin und hat also, denke ich, die Lage so beschrieben, wie sie ist.

So ungefähr war die Lage vor einem Jahr auch in der Provinz Anbar, die jetzt - ich habe es mehrfach aufgrund von US-Quellen geschrieben, Ullrich Fichtner hat es in der "Spiegel"-Reportage bestätigt - inzwischen wieder vollkommen unter der Kontrolle der Regierung ist.

Die Terroristen versuchen es halt immer wieder, eine Taliban-ähnliche Herrschaft zu errichten. Mossul könnte sich deshalb angeboten haben, weil es an der Grenze zu Kurdistan liegt. Dort ist einerseits die Zentralregierung ohne viel Macht, andererseits herrschen nicht die friedlichen Verhältnisse wie im engeren Stammesgebiet der Kurden.



Es wird nicht anders gehen, als daß Mossul militärisch befreit wird. So wie als erste Stadt Falludschah, wo heute Frieden herrscht. (Und was hat die antiamerikanische Propaganda damals alles in die Welt gesetzt - bis hin zum angeblichen Einsatz nuklearer Waffen durch die USA!). So, wie inzwischen Anbar. So, wie im Augenblick Diyala befreit wird.

Das kann die irakische Armee nur mit Hilfe der US-Armee, vor allem im Bereich der Aufklärung und der Luftunterstützung. Die US-Truppen Hals über Kopf abzuziehen, wie es Obama, Clinton und fast alle anderen US-Präsidentschaftskandidaten wollen, ist unverantwortlich.

Ich weiß, ich schreibe das immer wieder. Aber es empört mich; und ich möchte gern, daß andere diese Empörung nicht nur verstehen, sondern vielleicht auch teilen.

Herzlich, Zettel

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