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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 19 Antworten
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Zettel Offline




Beiträge: 20.200

06.08.2007 19:51
Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten

Vielleicht sollten wir uns einige Anregungen aus Frankreich holen.

Pelle ( Gast )
Beiträge:

06.08.2007 21:25
#2 RE: Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten

Wenn es stimmt, was man hört über bereits stattgefundene und demnächst möglicherweise wieder durchgeführte Streiks der Lokführer, dass überwiegend die Lokführer der Deutschen Bahn streiken, kaum aber die der privat betriebenen Strecken, dann schwächt jeder Streik überwiegend die DB und lässt am Ende die Privaten in besserem Licht erscheinen.

Noch sind die Privaten zu klein, betreiben nur Teilstrecken und regionale Verbindungen, als dass sie bei einem Streik der DB-Lokführer in großem Maßstab profitieren könnten, wenn sie ihren Fahrplan aufrecht erhalten. Denn die kleinen privaten Betreiber sind auf die "Zulieferung" von Fahrgästen durch die DB an den Umsteigebahnhöfen angewiesen.

Ich gehe ja längerfristig von einem Kompromiss aus. Mehdorn wird Zugeständnisse machen müssen aber solche extremen Ergebnisse, wie Zettel sie von Frankreich beschreibt, so etwas glaube ich wird es hier nicht geben.

Euer Onkel Pelle

Dalayah Offline



Beiträge: 24

06.08.2007 23:40
#3 RE: Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten

Hallo Zettel,

ich halte gar nichts von Gesetzen, die die Menschen zwingen zu arbeiten. Nichts anderes sind die "Minimalversorgungs-Gesetze". Hier mischt sich der Staat in die natürliche Preisfindung des Marktes ein.

An anderer Stelle ging es doch um den Wert der Arbeit, also...wozu führt denn so ein Gesetz ? Ganz bestimmt nicht zur Sicherung irgendeiner "Minimalversorgung". Meine Begründung ist: Wenn auf lange Zeit hin, eine Arbeit

a) schlecht bezahlt wird, und
b) Gesetze erlassen wurden, dass die so Beschäftigten auch nicht um höhere Löhne oder bessere Arbeitsbedingungen kämpfen dürfen,

dann wird in logischer Konsequenz irgendwann niemand mehr, oder nur noch sehr wenige, diesen Beruf ergreifen. Und was dann ? Stellen unsere Politiker dann die Minimalversorgung sicher, indem sie selbst die Loks führen ? Letztendlich wird man dann doch mehr bezahlen müssen.

Von der Privatisierung halte ich mehr. Dann könnten nämlich die Forderungen nicht allzu unverschämt werden, weil irgendwann andere Lokführer einfach die Fuhren übernehmen. Man müsste halt von staatlicher Seite sicherstellen: Streik ist erlaubt, aber den Bahnhof darf man nicht blockieren.

Weiss nicht ob das so funktioniert, aber wie gesagt, die Märkte zu beeinflussen unter dem Vorwand irgendwelche Versorgungen sicherzustellen, macht die Dienstleistungen und Waren meist unnötig teuer (siehe Strom, oder Arzneimittel).

Dalayah

Libero Offline



Beiträge: 393

07.08.2007 09:43
#4 RE: Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten

Lieber Herr Zettel

wissen Sie, was eine Langsamfahrstrecke ist? Langsamfahrstrecken finden sie selbst auf Neubaustrecken, die knapp 10 Jahre alt sind. Nun raten Sie mal, wer notgedrungen am besten über Langsamfahrstrecken informiert ist? Richtig, die Lokführer und das Zugpersonal. Die hören dann das salbungsvolle Reden des Herrn Mehdorn, wie sehr er sich um die Bahn kümmert. Anspruch und die Wirklichkeit der Langsamfahrstrecken.

Fragen Sie sich mal, warum die schlechter bezahlten Lokführer der Privaten nicht streiken werden? Bei der Bahn stinkt der Fisch vom Kopf und der Kopf heisst Mehdorn.

Herzlichst
Libero

Boche Offline



Beiträge: 11

07.08.2007 11:17
#5 RE: Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten

@Dalayah

In Antwort auf:
dann wird in logischer Konsequenz irgendwann niemand mehr, oder nur noch sehr wenige, diesen Beruf ergreifen. Und was dann ?


Aber ist nicht genau das das Wirken von Marktgesetzen? Die in dem beschriebenen theoretischen Fall ja zu Lohnsteigerungen führen würden?

Ich bin immer mehr der Ansicht, dass das Streikrecht abgeschafft gehört. Parallel zu den Flächentarifverträgen und dem Gekungel der Unternehmer- und Gewerkschaftskartelle. Was Sarkozy da macht, scheint mir der richtige Schritt in diese Richtung zu sein.

Dalayah Offline



Beiträge: 24

07.08.2007 12:12
#6 RE: Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten

Zitat von Boche
@Dalayah
In Antwort auf:
dann wird in logischer Konsequenz irgendwann niemand mehr, oder nur noch sehr wenige, diesen Beruf ergreifen. Und was dann ?

Aber ist nicht genau das das Wirken von Marktgesetzen? Die in dem beschriebenen theoretischen Fall ja zu Lohnsteigerungen führen würden?


Ja, aber dazu braucht man doch keine neuen Gesetze erlassen. Oder soll der Staat etwa "Streikbrecher" einsetzen, falls die Leute bessere Arbeitsbedingungen fordern ? Gewerkschaftskartelle sind meiner Meinung nach nicht anders, oder negativer, zu bewerten, als Industriekartelle.

Manche behaupten ja, "Monopole halten sich auf einem freien Markt nicht lange", und daher benötige man z.B. kein Kartellamt. Aber sobald sich die Beschäftigten zu einem Kartell zusammenschliessen, dann ruft man nach Verboten und Gesetzen die dies unterbinden. Das finde ich so verlogen, dass man das als "liberal" bezeichnet.

Was Sarkozy da macht, das finde ich eher ein Anbiedern an die Wirtschaft. Jetzt kann doch jede Industrielobby anklopfen und sagen "Hey Sarko, wir produzieren doch auch was wichtiges, müsste die Versorgungssicherheit mit unserem Zeugs nicht auch gewährleistet werden ? Verbiete mal das streiken".

Dal.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

07.08.2007 12:33
#7 RE: Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten

Liebe Dalayah,

im Grundsatz stimme ich mit Ihnen überein: Ich bin auch für eine Privatisierung der Bahn (nicht des Streckensystems, weil es da keine Konkurrenz geben kann). Ich bin auch der Meinung, daß man niemanden zum Arbeiten zwingen darf und daß sich Löhne und Gehalter in der freien Auseinandersetzung zwischen den Tarifparntern bilden sollten.

Ich sehe das nur hier so wie generell: Das alles kann nur funktionieren, wenn zunächst einmal die Rahmenbedingungen für eine freien Markt bestehen und ihr Weiterbestehen sichergestellt ist. Sonst "kippt" der freie Markt; so wie in einem neuronalen Netz aus dem freien Fluß der Aktivierungen ein Zustand hervorgehen kann, in dem alles sich gegenseitig blockiert.

So liberal ich denke, liebe Dalayah - da sehe ich den Staat gefordert. Wir brauchen Kartellämter, die einen freien Markt sicherstellen. Und wir brauchen staatliche Maßnahmen dagegen, daß eine kleine Berufsgruppe - 7000 Lokomotivführer sollen es sein, die jetzt streiken wollen - die ganze Wirtschaft massiv gefährdet, die Bewegungsfreiheit von Millionen Bürgern massiv einschränkt.



Die GDL versucht ja eben nicht, wie das Streikende in der freien Wirtschaft tun, ihrer Firma zu schaden. Sondern sie versucht, uns Reisenden, der Wirtschaft zu schaden. Sie hofft darauf, daß die Bundesregierung, die ja immer noch letztlich der Boß der Bahn ist, das nicht akzeptieren kann und deshalb nachgeben muß. Nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus politischen Gründen.

Das hat aus meiner Sicht mit einer freien Bildung der Löhne und Gehälter nichts zu tun. Es ist Erpressung, und wenn jemand eine Erpressung versucht, dann ist der Staat in der Pflicht, seine Bürger zu schützen.

In den siebziger Jahren, unter dem Kanzler Brandt, hat die damalige ÖTV eine solche Erpressung in großem Stil erfolgreich veranstaltet. Unter Heinz Kluncker hat sie zum Teil zweistellige Lohnerhöhungen erpreßt; u.a. durch wochenlange Streiks der Müllabfuhr.

Das hat (zusammen mit anderen Faktoren) zu einer nachhaltigen Schädigung der deutschen Staatsfinanzen geführt - der Wirtschaftswissenschaftler Sinn hat das einmal untersucht -, von der sie sich bis heute nicht erholt haben.



In Antwort auf:
Wenn auf lange Zeit hin, eine Arbeit
a) schlecht bezahlt wird, und
b) Gesetze erlassen wurden, dass die so Beschäftigten auch nicht um höhere Löhne oder bessere Arbeitsbedingungen kämpfen dürfen,
dann wird in logischer Konsequenz irgendwann niemand mehr, oder nur noch sehr wenige, diesen Beruf ergreifen. Und was dann ? Stellen unsere Politiker dann die Minimalversorgung sicher, indem sie selbst die Loks führen ? Letztendlich wird man dann doch mehr bezahlen müssen.

Damit sprechen Sie den Kern des Problems an: Werden die Lokführer schlecht bezahlt? Streiken sie also jetzt für einen "gerechten Lohn"?

Sie wollen besser bezahlt werden als andere Bahn- Bedienstete mit vergleichbarer Qualifikation. Wenn ich es recht verstanden habe, machen sie für diese Forderung ihre besondere Belastung geltend.

Nur, ist das so? Ist der Weichensteller weniger belastet? Der Fahrdienstleiter? Der Arbeiter, der einen ICE durchcheckt, bevor dieser wieder auf die Schiene geht? Die Leute in den technischen Zentralen, die den Zugverkehr überwachen?

Sie alle haben, wie der Lokführer, die Verantwortung für das Leben vieler Menschen. Sie sind nervlich, sie sind intellektuell nicht weniger beansprucht.

Wenn die Lokführer sich einen Sondertarif erstreiken - müßte dieser dann nicht für alle diese Berufe und Funktionen übernommen werden?



Vielleicht wäre das ja gerecht.

Mir scheint seit langem, daß Tarife nicht nur die schulische und berufliche Qualifikation, sondern auch die Verantwortung berücksichtigen sollten.

Der Mann, der durch den Zug schlendert und fragt, ob noch jemand zugestiegen ist, hat einen bequemen Job ohne Verantwortung (es sei denn, er ist der Zugchef). Ebenso die Frau, die am Schalter Karten verkauft oder der mürrische Geselle, der Auskunft über Verbindungen gibt.

Aber im Tarifgefüge der Bahn werden sie (meines Wissens) ähnlich eingestuft wie der Lokführer, der Weichensteller mit ihrer ungleich größeren Verantwortung.

Herzlich, Zettel

PS: Herzlich Willkommen! Ich freue mich über Ihren ersten Beitrag, dessen Qualität mich neugierig auf weitere macht.

Boche Offline



Beiträge: 11

07.08.2007 12:56
#8 RE: Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten

In Antwort auf:
Ja, aber dazu braucht man doch keine neuen Gesetze erlassen.


Ich sehe das Gesetz auch eher als Lockerung des Streikrechts. Weil es politisch sicher nicht durchsetzbar ist, dieses Recht gleich ganz abzuschaffen.

In Antwort auf:
Gewerkschaftskartelle sind meiner Meinung nach nicht anders, oder negativer, zu bewerten, als Industriekartelle.


Das sehe ich auch so. Ich sehe aber auch, dass diese Kartelle des Staates bedürfen, um Schaden anrichten zu können. Zum Beispiel, in dem der Staat etwas unter dem Titel "Streikrecht" erlaubt, was in anderen Angelegenheiten schlicht Erpressung heißt.

In Antwort auf:
Manche behaupten ja, "Monopole halten sich auf einem freien Markt nicht lange", und daher benötige man z.B. kein Kartellamt. Aber sobald sich die Beschäftigten zu einem Kartell zusammenschliessen, dann ruft man nach Verboten und Gesetzen die dies unterbinden. Das finde ich so verlogen, dass man das als "liberal" bezeichnet.


Ich weiß nicht, ob diejenigen, die das Kartellamt für überflüssig halten, dieselben sind, die jetzt Gesetze wie das von Sarkozy für gut befinden. Ich sehe letzteres aber weniger als Verbot sondern vielmehr als Abschaffung schädlicher Sonderrrechte für bestimmte Kartelle. Und das ist dann doch schon in etwa mit dem vereinbar, was ich liberal nennen könnte.

In Antwort auf:
Was Sarkozy da macht, das finde ich eher ein Anbiedern an die Wirtschaft.


Oder an den Bürger. Denn der profitiert ja davon, dass er nicht mehr so stark den Launen der Gewerkschaften ausgeliefert ist, oder?

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

07.08.2007 13:38
#9 RE: Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten
Zitat von Boche

In Antwort auf:
Was Sarkozy da macht, das finde ich eher ein Anbiedern an die Wirtschaft.

Oder an den Bürger. Denn der profitiert ja davon, dass er nicht mehr so stark den Launen der Gewerkschaften ausgeliefert ist, oder?


Sarkozy hatte dieses Gesetz im Wahlkampf angekündigt. Allerdings war damals davon die Rede gewesen (ich weiß nicht mehr, ob Sarkozy selbst oder einer seiner Leute das gesagt hat), daß der Service Minimum darin bestehen sollte, daß die Züge täglich zweimal drei Stunden fahren müssen, einmal zur Zeit des Arbeitsbeginns und einmal zur Zeit des Endes der täglichen Arbeit.

Das steht jetzt nicht in diesem Gesetz, jedenfalls nicht in dessen jetziger erster Stufe. Folglich wirft man Sarkozy vor, ein zu lasches Gesetz eingebracht zu haben.

Herzlich, Zettel
Dalayah Offline



Beiträge: 24

07.08.2007 13:41
#10 RE: Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten

Zitat von Zettel
Und wir brauchen staatliche Maßnahmen dagegen, daß eine kleine Berufsgruppe - 7000 Lokomotivführer sollen es sein, die jetzt streiken wollen - die ganze Wirtschaft massiv gefährdet, die Bewegungsfreiheit von Millionen Bürgern massiv einschränkt.


Mit der Begründung müsste man dann Gesetze erlassen, dass immer genügend Lokomotivführer ausgebildet werden. Denn die ganze Wirtschaft wäre doch auch massiv gefährdet, wenn den Beruf keiner mehr - oder nur viel zu wenige - ergreifen würden. Und wenn ich mir das so überlege, müsste man die Supermarktkassiererinnen und Beschäftigte der Internet-und Telefongesellschaften ebenfalls staatlich sicherstellen, denn man stelle sich vor, in einer Stadt machen die Läden nicht mehr auf, oder das Internet steht nicht mehr zur Verfügung.

Nur ist dort wohl ein flächendeckender Streik undenkbar, es gibt einfach zu viele Anbieter. Damit würde sich dort ein Streik auch nicht negativ auf alle Bürger auswirken, sondern nur z.B. auf den ALDI, oder Arcor. Es liegt also nicht an der Art der Arbeit - in anderen Worten: Lokführer zu sein zwingt einen doch nicht, mehr Verantwortung gegenüber Deutschland (oder den deutschen Staatsfinanzen) zu zeigen, als Kfz-Mechaniker zu sein. In beiden Fällen würde ein flächendeckender Streik - so denn möglich -, dem Transportwesen und der Wirtschaft schwer schaden.

Und damit hat meiner Meinung nach der Streik an einer so kritischen Stelle eine positive Wirkung. Jetzt sollte jedem auffallen, dass es in Deutschland für eine wichtige Dienstleistung zu wenig Anbieter gibt. Nun habe ich aber die Vermutung, der Staat kann gar nicht für einen freien Markt sorgen, sondern ihn nur (durch Regelungen, oder Vorschriften) verhindern. Vielleicht bewirkt der Streik, dass die Politiker nun überlegen "Mensch, wie ist das eigentlich möglich, dass nicht einfach eine andere Bahn einspringt, und die ganzen enttäuschten Passagiere mitnimmt ?". Der Staat hat sich selbst erpressbar gemacht, dadurch dass er lange Zeit nur eine einzige Staatsbahn zuliess.

Zitat von Zettel
In den siebziger Jahren, unter dem Kanzler Brandt, hat die damalige ÖTV eine solche Erpressung in großem Stil erfolgreich veranstaltet. Unter Heinz Kluncker hat sie zum Teil zweistellige Lohnerhöhungen erpreßt; u.a. durch wochenlange Streiks der Müllabfuhr.


Die Müllabfuhr hat letztes Jahr bei uns auch gestreikt, und das war sehr ärgerlich. Aber dann ist ein anderes Unternehmen vorbeigekommen, und hat den Müll mitgenommen, so blieb der Ärger in Grenzen. In anderen Gemeinden ist er aber liegengeblieben, weil dort eben noch die Kommune für die Müllabfuhr "sorgte". Auch in dem Fall sehe ich die Verfehlung eher bei den politischen Verantwortlichen in den Rathäusern.

Zitat von Zettel
Damit sprechen Sie den Kern des Problems an: Werden die Lokführer schlecht bezahlt? Streiken sie also jetzt für einen "gerechten Lohn"?


Puh, das weiss ich nicht.... Wenn irgendwer mit dem Begriff "gerecht" hantiert, dann doch meist nur, um Verständnis in der Bevölkerung zu erzeugen. Heute ist ja alles was man "gerecht" nennt, automatisch was gutes, und dagegen wagt keiner vorzugehen. Werbung halt. Genauso wie die Betonung der "besonderen Belastung durch Verantwortung", denn die haben andere Berufe bei der Bahn und sonstwo natürlich auch. Das hast..haben Sie ja bereits gut ausgeführt.

Ich glaube die machen nichts anderes, als jedes Unternehmen, das kurzzeitig eine Monopolstellung auf dem Markt erreicht hat. Sie treiben den Preis in die Höhe, solange sie es noch können. Dass sie das nicht schon früher gemacht haben, lag vielleicht daran, dass sie nicht zu träumen gewagt hatten, über 90% Zustimmung unter ihren Mitgliedern zu bekommen.

So richtig gerecht kann es doch gar nicht werden, wenn ein einziger bestimmen darf, was der Preis ist.

Dal.

Sparrowhawk ( Gast )
Beiträge:

07.08.2007 18:32
#11 RE: Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten
Nunja, dass die Lokfahrer ruhig mehr verdienen sollen, steht außer Frage; schließlich haben wir in Deutschland ja auch ne Inflation, und manche Sachen steigen im Preis mehr als die Inflationsrate. Die Lohnerhöhung kann ruhig oberhalb der Inflation liegen; so um die 4-5 % wären meines Erachtens okay. Die von der Gewerkschaft geforderten 31% sind natürlichh utopisch... andererseits genehmigten sich Mehdorn und Konsorten letztes Jahr 62% Gehaltserhöhung... wofür eigentlich ?
C. Offline




Beiträge: 2.639

07.08.2007 22:14
#12 RE: Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten

Mehdorn und Konsorten letztes Jahr 62% Gehaltserhöhung

Wie wahr. Wenn mit schlechtem Beispiel vorangegangen wird, ist es nicht zu verdenken, dass das Nachahmer findet, zu mal die Lokführer eine weitaus geringere Basis haben auf die der Prozentzuschlag kommt.

In Antwort auf:
Sein Schaffen als Bahnchef ist gelinde gesagt umstritten - doch der Bund ist mit der Arbeit von Hartmut Mehdorn offenbar zufrieden. Sein Gehalt jedenfalls hat sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt: Insgesamt strich der Herr der Schienen 3,18 Millionen Euro ein.


http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,474460,00.html

Dagegen ist die Forderung der Lokführer als moderat zu bezeichnen. Wenn Mehdorn auf seine Leistung verweist:

In Antwort auf:
"Nur ein Viertel meines Gehalts ist fix. Die restlichen drei Viertel sind vom Erfolg abhängig." Das Geschäft der Deutschen Bahn (DB) brumme: Noch nie habe das Unternehmen so viele Menschen und Güter transportiert wie 2006.


sollte er dabei zur Kenntnis nehmen, dass ohne Lokführer keine Menschen und Güter transportiert werden und er dann seine erfolgsabhängige Prämie in den Harz kicken kann. Die Gehaltssteigerungen der angestellten Vorstände in den letzten jahren sind pervers, da sie keinerlei persönliches Risiko tragen, im Gegensatz zu den Selbstständigen, die mit ihrem Privatvermögen haften und die ersten sind, die Von der Bank geknechtet werden, wenn es mal nicht so gut läuft oder zu den Lokfürern, denen jederzeit ein Selbstmörder an der Windschutzscheibe klopfen kann.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

08.08.2007 03:49
#13 Aktuelle Ergänzung Antworten

Gestern hat die sozialistische Fraktion der französischen Nationalversammlung wegen des Gesetzes den Verfassungsrat angerufen. Das entspricht einer Anrufung des BVG in Deutschland.

Die Sozialisten argumentieren, daß das Gesetz faktisch das Streikrecht aushöhlen würde.

Libero Offline



Beiträge: 393

08.08.2007 12:34
#14 RE: Randbemerkung: Wie schützt man sich vor streikenden Lokomotivführern? Antworten

Zitat von Boche

Ich bin immer mehr der Ansicht, dass das Streikrecht abgeschafft gehört. Parallel zu den Flächentarifverträgen und dem Gekungel der Unternehmer- und Gewerkschaftskartelle. Was Sarkozy da macht, scheint mir der richtige Schritt in diese Richtung zu sein.


Hallo Boche

ich bin immer mehr der Ansicht, das du Ludwig Erhard nicht verstanden hast.



Zettel Offline




Beiträge: 20.200

08.08.2007 13:07
#15 Noch eine aktuelle Ergänzung Antworten

Ich habe mich gefreut, daß in der Entscheidung des Arbeitsgerichts Nürnberg ähnlich argumentiert wird, wie ich es in dem Beitrag getan habe.

Pelle ( Gast )
Beiträge:

08.08.2007 21:46
#16 RE: Noch eine aktuelle Ergänzung Antworten

Eine Sache geht mir nicht aus dem Kopf, wurde hier auch noch nicht erörtert:

Was zum Teufel hat die Lokführergewerkschaft die ganzen letzten Jahrzehnte gemacht?

Ich habe den starken Verdacht, dass die "geschlafen" haben, wenn sie jetzt plötzlich, wie aus dem Nichts, Lohnerhöhungen von 31% einfordern!

Haben wir da evtl. in den letzten Jahren was verpasst? Hat die Presse da was "verschwiegen"?

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

10.08.2007 09:45
#17 RE: Noch eine aktuelle Ergänzung Antworten

Lieber Pelle,

diese Fragen habe ich mir auch gestellt. Gleich 31 Prozent zu fordern, das ist ja nicht die Forderung nach einer Gehaltserhöhung, sondern es ist die Forderung, ganz anders eingestuft zu werden als bisher.

Ich vermute - ganz spekulativ, ich habe dafür keine Belege - zwei Hintergründe:

Erstens haben das die Klinik-Ärzte vorgemacht. Und zwar - scheinbar - mit Erfolg. (Scheinbar deswegen, weil ich kürzlich einen Bericht über die Folgen gesehen habe: Aufgrund der massiven Gehaltserhöhungen werden an den Kliniken überall Stellen abgebaut. Da zugleich die wöchentliche Arbeits- (bzw. Notdienst-) Zeit verkürzt wurde, herrscht in vielen Kliniken jetzt eine schlimmerer Notstand als je zuvor. Ein interviewter Arzt sagte sinngemäß, daß er noch nie so überarbeitet gewesen sei und sich die Zeit vor diesem Tarifabschluß zurückwünsche).

Zweitens dürfte, wie bei den Ärzten, die EU eine Rolle spielen. Die Lokführer gucken in andere Länder und stellen fest, daß die dortigen Kollegen deutlich mehr Geld bekommen als sie. (Die Lehrer andererseits verdienen meines Wissens in Deutschland mehr als fast überall (außer denen der gymnasialen Oberstufe). Vielleicht sollte man da ja auch die Bezüge an europäische Verhältnisse anpassen? )

Herzlich, Zettel

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

10.08.2007 18:00
#18 Eine Erinnerung an eine Rede Helmut Schmidts Antworten

Liebe Dalayah,

Zitat von Dalayah
Aber sobald sich die Beschäftigten zu einem Kartell zusammenschliessen, dann ruft man nach Verboten und Gesetzen die dies unterbinden. Das finde ich so verlogen, dass man das als "liberal" bezeichnet.

Das sehe ich eigentlich nicht, daß allein das Zusammenschließen von Arbeitgebern zu einem "Kartell" - also einer Einheitsgewerkschaft - schon den Ruf nach Verboten und Gesetzen auslöst.

Ich hatte einmal in den siebziger Jahren das (wirkliche!) Vergnügen, als Delegierter eines SPD-Parteitags Helmut Schmidt als Redner zu erleben.

Da sagte er etwas, was mir heute immer noch so einleuchtet wie damals: Das deutsche Wirtschafswunder, der stetige Aufstieg danach lagen wesentlich daran, daß es in Deutschland in jeder Branche nur eine einzige mächtige Gewerkschaft gibt - die jeweils dem DGB angeschlossene.

Das, sagte Schmidt, ermöglicht dieser Gewerkschaft, sich in der Regel verantwortlich zu verhalten. Während in den Ländern, in denen zahlreiche Gewerkschaften konkurrieren, sie einander in ihren Forderungen übertrumpfen müssen.

Also, wie Helmut Schmidt halte ich ein "Kartell" der Gewerkschaften geradezu für einen Segen. In Frankreich ist das ganz anders - da konkurrieren die CGT, die CFDT, die Force Ouvrière in allen Branchen darum, wer am härtesten die "Interessen der Arbeitnehmer" vertritt. Keine kann sich leisten, als nachgiebig zu erscheinen.

In Antwort auf:
Was Sarkozy da macht, das finde ich eher ein Anbiedern an die Wirtschaft. Jetzt kann doch jede Industrielobby anklopfen und sagen "Hey Sarko, wir produzieren doch auch was wichtiges, müsste die Versorgungssicherheit mit unserem Zeugs nicht auch gewährleistet werden ? Verbiete mal das streiken".


Verbieten möchte ja Sarkozy keinen Streik. Er möchte nur das sicherstellen, was auch das Nürnberger Arbeitsgericht in seinem Urteil angesprochen hat: Daß die Volkswirtschaft funktionsfähig bleibt.

Und das bleibt sie eben, liebe Dalayah, unter den heutigen Bedingungen des Lieferns just in time nicht, wenn auch nur ein paar Tage die Bahn ausfällt. Oder wenn der LKW-Transport oder wenn die Lastflüge ausfallen würden.

Ja, Sie haben Recht, man könnte das auf andere Branchen und Tätigkeiten ausweiten. Aber nur auf die wenigen, die auch eine solche Schlüsselfunktion haben: Die Fluglotsen, die Telefontechniker.

Stellen Sie sich vor, diese würden streiken und in Deutschland könnte man tagelang weder im Festnetz noch über Handy telefonieren! Oder die Leute, die die Server betreuen, würden diese bei einem Streik abschalten, und das Internet wäre in Deutschland lahmgelegt.

Das geht einfach nicht. Es ist unverhältnismäßig. Deshalb will Sarkozy eine Mindestversorgung, so wie sie auch bei Streiks von Ärzten in den Kliniken aufrechterhalten wird. Deshalb haben die Nürnberger Arbeitsrichter den geplanten Streik der GDL zu Recht untersagt.

Herzlich, Zettel

Pelle ( Gast )
Beiträge:

10.08.2007 20:22
#19 RE: Eine Erinnerung an eine Rede Helmut Schmidts Antworten

In Antwort auf:
>Zettel:
>Das, sagte Schmidt, ermöglicht dieser Gewerkschaft, sich in der Regel verantwortlich zu verhalten.
>Während in den Ländern, in denen zahlreiche Gewerkschaften konkurrieren, sie einander in ihren
>Forderungen übertrumpfen müssen.
>
>Also, wie Helmut Schmidt halte ich ein "Kartell" der Gewerkschaften geradezu für einen Segen. In
>Frankreich ist das ganz anders - da konkurrieren die CGT, die CFDT, die Force Ouvrière in allen
>Branchen darum, wer am härtesten die "Interessen der Arbeitnehmer" vertritt. Keine kann sich leisten,
>als nachgiebig zu erscheinen.


Von diesem, wie ich finde, interessanten Aspekt, lese ich das erste mal.
Bisher habe ich die Konzentration auf einige wenige Riesengewerkschaften und diese unter dem Dach des DGB bei uns immer mit Misstrauen beäugt, da die Gewerkschaften ja mitnichten politisch neutral sind.
Die Großen waren in der Vergangenheit immer "Anhängsel" der Sozialdemokraten.

Bis ein Kanzler Schröder kam, der alle kleinen Reformansätze seines Vorgängers Kohl sofort rückgängig machte, auf dass die Sozialsysteme und der Haushalt kurz vor dem Zusammenbruch waren, mit der Folge, dass er von da an noch viel größere "Reformen" (Hartz IV) durchführen musste, die in Teilen extrem unsozial waren und sind.

Die Gewerkschaften gingen ja von da an ein wenig auf Distanz zu den Sozialdemokraten und biederten sich der SED/Linke/PDS an. Jedenfalls immer links.

Unabhängige Gewerkschaften, die traditionell "rechts" waren, wie z.B. die GdP, haben sich nach ihrem Anlehnen an eine der großen Gewerkschaften, hier im Fall der GdP an ver.di, auch in ihrer politischen Ausrichtung dem linken Mainstream angeschlossen.

Insofern hat die "große Einheitsgewerkschaft" auch einen Nachteil: alle daran angeschlossenen oder verbündeten "Untergewerkschaften" sind nun ebenfalls politisch links ausgerichtet.

Aber der erwähnte Vorteil dieses "Gewerkschaftskartells", mit ihren Forderungen maßzuhalten, ist natürlich nicht zu verachten. Wobei der Zusammenschluss leider auch nicht für alle Zeiten garantiert, dass es nicht doch zu unannehmbaren Lohn- und Gehaltsforderungen kommt.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

10.08.2007 21:52
#20 RE: Eine Erinnerung an eine Rede Helmut Schmidts Antworten

Lieber Pelle,

Zitat von Pelle
Unabhängige Gewerkschaften, die traditionell "rechts" waren, wie z.B. die GdP, haben sich nach ihrem Anlehnen an eine der großen Gewerkschaften, hier im Fall der GdP an ver.di, auch in ihrer politischen Ausrichtung dem linken Mainstream angeschlossen.

Das war mir entgangen, daß die GDP nicht mehr eigenständig ist. Ich habe deren Stellungnahmen immer als wohltuend empfunden, weil sie strikt auf das eigene Berufsfeld beschränkt waren und nicht gleich - wozu manche DGB-Gewerkschaften ja neigen - auf eine Änderung der Gesellschaft zielten.

Früher - dh in den fünfziger, sechziger Jahren - waren es häufig alte KPD- und dann DKP-Kader, die in den Gewerkschaften diese Linie der Gesellschaftsveränderung durchzusetzen versuchten. Heute sind es wohl eher akademisch gebildete Linke, die ungefähr so sehr Arbeiter sind wie die Queen eine Bürgerliche ist.

Diesen Neuen Linken haben, so ist jedenfalls mein Eindruck, in einigen DGB-Gewerkschaften schon seit den siebziger Jahren eine starke Stellung - allen voran in der alten HBV und in IGM. Heute konzentrieren sie sich wohl in VER.DI.

Nebenbei, hat nix mit dem Thema zu tun: Wieso sprechen eigentlich Nachrichtensprecher, Moderatoren usw. VER.DI wie "Wer-dih" aus statt wie "Fer-dih"? Ist es denn die Abkürzung für "Wereinigte Dienstleistungsgewerkschaft"?

Herzlich, Zettel

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