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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 474 mal aufgerufen
 Pro und Contra
Realist Offline



Beiträge: 110

23.08.2015 08:22
Mehr Realismus wagen antworten

Die seit dem Ende des Kalten Krieges in den Vereinigten Staaten einsetzende Vernachlässigung des geo- und realpolitischen Grundverständnisses hat jüngst Rebeccah Heinrichs in einem empfehlenswerten Beitrag unter dem Titel „U.S. Foreign Policy Is Overdue For Some Realism“ auf der Webseite von RealClearDefense analysiert.
http://www.realcleardefense.com/articles...ism_108368.html

Mit Bezug auf Staaten wie Russland oder China führt sie aus:
„Here’s the problem: since the end of the Cold War the idea of war with modern countries with highly sophisticated militaries with nuclear weapons has seemed so unlikely, if not impossible, that U.S. leaders simply haven’t given it as much thought or devoted the necessary resources to keep elements of the military force, especially the nuclear deterrent, fully modernized.
And, since the Al Qaeda attack on September 11th, 2001, most defense planning and resourcing has gone towards combatting Islamist radicals in the Middle East at the expense of defense planning for war with state actors.”

Sie stellt sich die berechtigte Frage, wie es soweit kommen konnte, dass die erheblichen Gefahren, die von staatlichen Akteuren zweifelsfrei ausgehen, derart lange ignoriert werden konnten. Als einen Hauptgrund macht sie einen verfehlten Glauben an die Zivilisierung der menschlichen Natur und der zwischenstaatlichen Beziehungen aus, welche symmetrische Konflikte angeblich überholt und obsolet gemacht hätten:
“A big cause is the pervasive belief that modern countries have simply “evolved,” beyond those blood-thirsty eras of the past. But, although technical advancements and cultural shifts make modern countries look quite different than they once did, the nature of international relations evolves no more than the nature of human beings evolves. Some things don’t and won’t ever change. Because human nature doesn’t change, the root causes of war don’t either.”

In Anlehnung an Thukydides vertritt sie eine Position des klassischen Realismus, die davon ausgeht, dass Faktoren wie Ehre, Furcht und Eigeninteresse wesentliche Ursachen für den Ausbruch von Kriegen darstellen:
„As long as people remain self-interested, it is always possible they will threaten war.
This is the heart of realism. The past 6 years have shown what happens when national leaders formulate security policy based on an idealistic view of people, countries, and international relations.”

Politische Entscheidungsträger wie Außenminister Kerry oder Präsident Obama gingen und gehen davon aus, dass z. B. das Verhalten von Russland ins 19. Jahrhundert gehört und nicht in die Gegenwart. Eine traditionelle Großmachtpolitik ist für diese Politiker gar nicht mehr vorstellbar. Sie stehen der machtpolitischen Herausforderung deshalb rat- und hilflos gegenüber.

Die idealistische Weltfremdheit der Obama-Administration zeigt sich auch und gerade im Fall der nuklearen Abschreckung. Während Russland, China und Nordkorea mit dem Ausbau ihrer nuklearen Kapazitäten beschäftigt sind und der Iran konsequent nach der „absoluten Waffe“ strebt, träumt Präsident Obama von einer Welt ohne Atomwaffen. Um dieses utopische Ziel zu erreichen, reduziert er das amerikanische Nuklearprogramm und spielt die Bedeutung von Atomwaffen und deren abschreckender Wirkung herunter.

Dabei ist das genaue Gegenteil erforderlich, um revisionistische und gierige Staaten in ihre Schranken zu verweisen. Heinrichs schreibt:
“What the United States needs in power are realists who understand that given human nature war is always possible and we better earnestly seek to deter the most dangerous kind and prepare to win should deterrence fail.”

Damit die Abschreckung von Aggressoren nicht scheitert, ist es heute von Nöten, die nukleare Abschreckung („deterrence by punishment“) zu ergänzen. Auf diesen Punkt verweist A. Wess Mitchell in seinem hervorragenden Artikel “ The Case for Deterrence by Denial”.
http://www.the-american-interest.com/201...ence-by-denial/

Diese Form der Abschreckung zielt darauf ab, der revisionistischen Macht ein offensives Vorgehen möglichst ortsnah zu verwehren bzw. so zu erschweren, dass die Kosten der Aggression den kalkuliertn Nutzen deutlich übersteigen:
„A second way to deter an enemy is to make it physically difficult for him to achieve his objective (deterrence by denial). This form of deterrence also depends on fear, but of costs that will be inflicted during the act of aggression, in the place that it occurs. It seeks to make aggression unprofitable by rendering the target harder to take, harder to keep, or both. To work, the defender has to have sufficient lethal capabilities in or near the likely site of aggression to demonstrate that victory will be either be impossible or difficult to attain. The defender’s capabilities have to be known to be able to inflict substantial pain, not in counter-attack but in defense.”

In dieser Logik müssen die USA ihre regionalen Verbündeten in Asien und in Europa stärken, um russische und chinesische „Salamitaktiken“ zu unterminieren. Hierzu ist die nukleare Abschreckung alleine nicht in der Lage. In den Worten von A. Wess Mitchell:
“Russia’s and China’s new focus on “limited war” capabilities is challenging America’s traditional methods of deterrence by punishment. To deal with this problem, the United States needs to strengthen its frontline allies’ ability to deter by denial.”

Es bleibt noch anzumerken, dass die Argumentation von Rebeccah Heinrichs, welche stark auf die menschliche Natur abhebt, nicht den aktuellen Forschungsstand der „realistischen Schule“ in der Teildisziplin der internationalen Beziehungen widerspiegelt. Hier wären der strukturelle und der neoklassische Realismus zu nennen. Aber auf solche akademischen Feinheiten kommt es in einem Beitrag, der sich an ein breiteres Publikum wendet, nicht an. Politikberatung und Politikgestaltung sind ohnehin nicht mit Seminarveranstaltungen zu verwechseln. Für die Praktiker der Macht ist der klassische Realismus immer noch am besten nachvollziehbar und am ehesten geeignet, als ein brauchbarer Wegweiser durch den Dschungel der Staatenwelt zu fungieren.

Realist

Werwohlf Offline




Beiträge: 595

23.08.2015 20:52
#2 RE: Mehr Realismus wagen antworten

Zitat von Realist im Beitrag #1
Die seit dem Ende des Kalten Krieges in den Vereinigten Staaten einsetzende Vernachlässigung des geo- und realpolitischen Grundverständnisses hat jüngst Rebeccah Heinrichs in einem empfehlenswerten Beitrag unter dem Titel „U.S. Foreign Policy Is Overdue For Some Realism“ auf der Webseite von RealClearDefense analysiert.
Und was ist an all dem jetzt wirklich neu?

--
Bevor ich mit den Wölfen heule, werd‘ ich lieber harzig, warzig grau,
verwandele ich mich in eine Eule oder vielleicht in eine graue Sau.
(Reinhard Mey)

Realist Offline



Beiträge: 110

24.08.2015 08:43
#3 RE: Mehr Realismus wagen antworten

"Wirklich neu“ sind die Ausführungen von Rebeccah Heinrichs natürlich nicht, da muss ich Ihnen zustimmen.
Ihre Argumentation, die sich ja primär an eine konservativere Leserschaft wendet, ist als ein Teil der außenpolitischen Diskussion zu verstehen, die seit geraumer Zeit im Umfeld der GOP stattfindet. Hier stehen sich Neokonservative, Realisten und Neoisolationisten gegenüber. Insofern ist der Artikel von Heinrichs als ein Standpunkt zugunsten der realistischen Strömung innerhalb des konservativen Lagers zu interpretieren.

Davon abgesehen bietet der Beitrag aus meiner Sicht eine gute Kritik an der Verfehlten Außen- und Sicherheitspolitik von Präsident Obama, die in den vergangenen Jahren ein gefährliches Machtvakuum geschaffen hat, welches jetzt von den Feinden der westlichen Supermacht gefüllt wird.
Es bleibt daher zu hoffen, dass der nächste US-Präsident zu jenen Realisten gehört, die Heinrichs gerne wider in der machtpolitischen Verantwortung sehen würde.

Viele Grüße

Realist

Realist Offline



Beiträge: 110

27.08.2015 20:10
#4 RE: Mehr Realismus wagen antworten

In der aktuellen Ausgabe von Foreign Affairs hat der republikanische Präsidentschaftskandidat Marco Rubio unter dem Titel „Restoring America’s Strength“ seine außenpolitische Agenda vorgestellt.
https://www.foreignaffairs.com/articles/...rica-s-strength

Betrachtet man diese unter dem von Heinrichs und Wess Mitchell vertretenen Blickwinkel des politischen Realismus, ergibt sich ein interessantes Bild.
Senator Rubio beginnt seine Ausführungen mit einer klaren realistischen Feststellung: „America’s status as the greatest and most influential nation on earth comes with certain inescapable realities. Among these are an abundance of enemies wishing to undermine us, numerous allies dependent on our strength and constancy, and the burden of knowing that every choice we make in exercising our power—even when we choose not to exercise it at all—has tremendous human and geopolitical consequences.”

Mit Staaten wie Russland, China oder dem Iran benennt er die Herausforderer und Rivalen, um die sich der nächste Präsident vorrangig kümmern muss. Hierzu ist es unumgänglich, dass die Verteidigungskapazitäten wieder gestärkt werden:
“Each challenge will be made more difficult by President Obama’s slashing of hundreds of billions of dollars from the defense budget, which has left the U.S. Army on track to be at pre–World War II levels, the U.S. Navy at pre–World War I levels, and the U.S. Air Force with the smallest and oldest combat force in its history. Our next president must act immediately on entering office to begin rebuilding these capabilities.”
Atomwaffen und die nukleare Abschreckung werden hier zwar nicht direkt erwähnt; es liegt aber in der Logik seiner Argumentation, dass auch diese berücksichtigt würden.

Rubio baut seine außenpolitische Agenda auf drei Eckpfeilern auf. Davon sind zwei dem realistischen Ansatz zuzurechnen:
„The first and most important pillar of my foreign policy will be a renewal of American strength. This is an idea based on a simple truth: the world is at its safest when America is at its strongest. When America’s armed forces and intelligence professionals, aided by our civilian diplomatic and foreign assistance programs, are able to send a forceful message without firing a shot, the result is more peace, not more conflict.”

Er verdeutlicht diesen Punkt am Beispiel der Verhandlungen mit dem Iran, bei denen eine glaubwürdige militärische Option gefehlt habe, so dass die Machthaber in Teheran letztlich nichts zu befürchten hatten. Signifikante Zugeständnisse konnte Washington deshalb nicht erreichen.

Der zweite Eckpfeiler basiert auf der Gewährleistung von freiem Handel, welcher nicht durch die Machtansprüche von aggressiven Mächten eingeschränkt werden darf:
„The second pillar of my foreign policy is the protection of an open international economy in an increasingly globalized world. Millions of the best jobs in this century will depend on international trade that will be possible only when global sea-lanes are open and sovereign nations are protected from the aggression of larger neighbors.”

Aus diesem Grund müssen die Vereinigten Staaten russischen und chinesischen Machtgelüsten entschlossen entgegentreten; sei es in Osteuropa oder im Südchinesischen Meer. Die von Wess Mitchell in diesem Zusammenhang geforderte Stärkung von regionalen Frontstaaten, die eine „deterrence by denial“ ermöglichen soll, findet sich auch im Konzept von Rubio wieder:
“As president, I will seek to restore Ukrainian sovereignty by providing greater military assistance to Kiev, including weapons, and by expanding the training of Ukrainian troops.„

Der dritte Eckpfeiler kommt mit seinem idealistischen Bezug auf moralische Klarheit und freiheitlich-demokratische Wertvorstellungen der neokonservativen Strömung entgegen. Er ist im Kontext der amerikanischen Geschichte und Erfahrung zu verstehen und spricht sicherlich nicht wenige konservative Wähler an:
„Our devotion to the spread of human rights and liberal democratic principles has been a part of the fabric of our country since its founding and a beacon of hope for so many oppressed peoples around the globe.”

Insgesamt gesehen ist die von Rubio formulierte Agenda dem realistischen Ansatz durchaus wohlgesonnen. Die Forderung nach „mehr Realismus wagen“ ist bei dem Senator aus Florida offensichtlich gut aufgehoben.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die anderen Kandidaten in den nächsten Wochen und Monaten im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik noch positionieren werden.

Realist

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