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ZETTELS KLEINES ZIMMER

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Dieses Thema hat 8 Antworten
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Zettel Offline




Beiträge: 20.200

10.11.2007 03:20
Gedanken zu Frankreich (20): Eine sehr symbolische Blockade Antworten

Wie blockiert man den Weg zu mehr Freiheit? Indem man die Schienen der Eisenbahn blockiert.

Pelle ( Gast )
Beiträge:

10.11.2007 11:14
#2 RE: Gedanken zu Frankreich (20): Eine sehr symbolische Blockade Antworten

"Das Herz sitzt links", wie man das so schön ausdrückt.

Da geht es dann nicht mehr um die Sache, sondern nur noch darum, wie man der Regierung "eins auswischen" kann.

Hoffen wir, dass diese unnötigen Proteste im Sande verlaufen.

Ein schönes WE allen Lesern und Teilnehmern,

Pelle

Frankfurter Offline



Beiträge: 233

10.11.2007 13:04
#3 RE: Gedanken zu Frankreich (20): Eine sehr symbolische Blockade Antworten

Früher dachte ich immer, dass besonders die Deutschen gegenüber Änderungen grosse Bedenken haben. Aber wenn ich mir so ansehe, was z.B. in Frankreich bei geplanten Reformen abgeht, so sind die Deutschen direkt progressiv, um mal den 68er Jargon zu benutzen, während Frankreich anscheinend die Heimat der Reaktion ist.

Ich verstehe irgendwie, dass ein älterer Mensch sich schwer tut mit Reformen, die teilweise allem widersprechen, was er zeitlebens gehört hat. Aber das junge, intelligente und gebildete Menschen nicht in der Lage sind bzw. nicht willens sind, wichtige und sinnvolle Reformen, die auch die Zukunftsfähigkeit ihres Landes betreffen, zu verstehen und zu akzeptieren, ist jenseits meiner Vorstellungskraft.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

10.11.2007 13:39
#4 RE: Gedanken zu Frankreich (20): Eine sehr symbolische Blockade Antworten

Zitat von Pelle
Da geht es dann nicht mehr um die Sache, sondern nur noch darum, wie man der Regierung "eins auswischen" kann.

Das spielt sicher eine Rolle, lieber Pelle. Die französische Linke hat die Wahlniederlage noch nicht verwundn. Nicht nur die Sozialisten, sondern noch viel mehr die Kommunisten, die ja nahezu zu einer Splitterpartei geworden sind. (Nur dadurch, daß sie eine gemeinsame Fraktion mit den Grünen bilden, haben sie in der Nationalversammlung überhaupt Fraktionsstatus).

Andererseits dürfte der Protest sich schon auch gegen die Reform selbst richten. Wettbewerbsfähigere Unis - das bedeutet halt auch, daß die Studenten mehr gefordert werden.

Die französischen Unis sind, trotz der Lenkung aus Paris, immer sehr unterschiedlich gewesen. Denn zu dieser Lenkung gehörte auch die Elite-Förderung. Zwischen den Eliteschmieden wie der ´École Normale Superieure und den kleinen Provinzunis liegen Welten. Mehr Wettbewerb bedeutet, daß auch diese sich jetzt anstrengen müssen.

Herzlich, Zettel

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

10.11.2007 13:53
#5 Krieg, Nachkriegszeit, französische Mentalität Antworten

Lieber Frankfurter,

Zitat von Frankfurter
Aber wenn ich mir so ansehe, was z.B. in Frankreich bei geplanten Reformen abgeht, so sind die Deutschen direkt progressiv, um mal den 68er Jargon zu benutzen, während Frankreich anscheinend die Heimat der Reaktion ist.

In Frankreich kann man nicht nur "neoliberal", sondern sogar "liberal" als ein Schimpfwort verwenden. Es gibt regelrechte antiliberale Gruppen oder Vereine.

Frankreich ist ja aus dem Zweiten Weltkrieg viel glimpflicher herausgekommen als Deutschland. Der Blitzkrieg ist über das Land, dh seinen Norden, gezogen. Das ging schnell vorüber. Danach richteten die meisten sich mit den Besatzern ein, im Süden mit dem Vichy-Regime. Vor den Deportationen der Juden verschloß man die Augen. Die Résistance bestand aus mutigen, bewundernswerten Leuten; aber sie war klein und hatte (sieht man von der Unterstützung der Alliierten ab) nur eine geringe Wirkung.

Während also in Deutschland 1945 alles in Trümmern lag und man gar nicht anders konnte, als etwas Neues aufzubauen, konnten die Franzosen in einem Land weitermachen, das im Grunde noch so war wie 1938.

Das erklärt (zum Teil), warum viele Franzosen so kleinbürgerlich, so fortschrittsfeindlich sind. Sie sind immer gut damit gefahren, weiterzumachen wie bisher. Sie verteidigen Besitzsstände. In den Folgen 1, 3 und 4 dieser Serie bin ich auf diese französische Mentalität im einzelnen eingegangen.
Zitat von Frankfurter
Aber dass junge, intelligente und gebildete Menschen nicht in der Lage sind bzw. nicht willens sind, wichtige und sinnvolle Reformen, die auch die Zukunftsfähigkeit ihres Landes betreffen, zu verstehen und zu akzeptieren, ist jenseits meiner Vorstellungskraft.

Ja, das ist schon seltsam.

Es ist natürlich - wie in Deutschland selbst zur Zeit der "Studentenrevolution" - immer eine Minderheit, die so denkt und die solche Dinge macht wie jetzt diese Gleisblockade. Aber viele sehen wohl jeden Schritt zu mehr Freiheit im Kontext des Neoliberalismus, und der ist für sie gleichbedeutend mit USA, mit Globalisierung, mit Wettbewerb - also mit allem, was sie zutiefst ablehnen.

Herzlich, Zettel

Boche Offline



Beiträge: 11

14.11.2007 11:42
#6 RE: Krieg, Nachkriegszeit, französische Mentalität Antworten

In Antwort auf:
In Frankreich kann man nicht nur "neoliberal", sondern sogar "liberal" als ein Schimpfwort verwenden.


Noch schlimmer: Viele Menschen können mit dem Begriff "liberal" gar nichts anfangen. Mein Freund, der zugegebenermaßen nicht sehr an Politik interessiert ist, wusste gar nicht, was ich mit "liberal" meinte. Er kannte nur die "professions liberales", also die berufsrechtlichen Sonderregelungen für Ärzte und (glaub ich) Notare, die liberal zu bezeichnen mir nach dem, was er mir dazu erzählte, auch verfälschend sein mag.

Boche Offline



Beiträge: 11

14.11.2007 11:46
#7 RE: Gedanken zu Frankreich (20): Eine sehr symbolische Blockade Antworten

Mein Eindruck als Student an einer französischen Uni war, dass studentischer Protest im Herbst keine sachlich überzeugende Begründung braucht. Es genügt der Umstand, dass die Regierung (egal, ob sozialistisch oder konservativ) etwas ändern möchte. Dazu noch ein paar "Argumente" auf Schlagwort-Niveau (die sich bei "neoliberalen" Reformen natürlich noch einfacher produzieren lassen) - und der Karneval der Revoluzzer kommt in Gang.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

14.11.2007 13:23
#8 RE: Krieg, Nachkriegszeit, französische Mentalität Antworten

Lieber Boche,

Zitat von Boche
Noch schlimmer: Viele Menschen können mit dem Begriff "liberal" gar nichts anfangen. Mein Freund, der zugegebenermaßen nicht sehr an Politik interessiert ist, wusste gar nicht, was ich mit "liberal" meinte. Er kannte nur die "professions liberales"

Ja, das ist bezeichnend. Die Freien Berufe okkupieren gewissermaßen den Begriff "libéral".

In Frankreich fehlte halt die Entwicklung, die im 19. Jahrhundert in England und den USA ein starkes, selbstbewußtes Bürgertum entstehen ließ. Stattdessen gab es diese Eruption der Grande Révolution, die weder das eine noch das andere war, sondern ein Chaos, in dem unreife und fanatische junge Männer ihre wirren Ideen blutig in die Tat umsetzten. Kein Wunder, daß damit die liberalen Ideen in Frankreich diskreditiert waren und sich seither die Rechte und die Linke in Staatsgläubigkeit übertreffen.

Je weiter diese Revolution zurücklag, umso mehr hat man sie zwar verklärt. Aber die Mehrheit der Franzosen dürfte heilfroh sein, daß diese Art von Freiheit ein Zwischenspiel blieb und alsbald Bonaparte und dann die Bourbonen die Ordnung wieder herstellten.

Die Fünfte Republik ist ja das überhaupt erste demokratische Experiment, das in Frankreich wirklich funktioniert hat. Und nach einem halben Jahrhundert Fünfte Republik ist Frankreich jetzt vielleicht sogar reif für den Liberalismus. Einen wirklichen Liberalismus, und nicht die Freiheitsbesoffenheit der Großen Revolution.

Herzlich, Zettel

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

14.11.2007 13:29
#9 RE: Gedanken zu Frankreich (20): Eine sehr symbolische Blockade Antworten

Zitat von Boche
Mein Eindruck als Student an einer französischen Uni war, dass studentischer Protest im Herbst keine sachlich überzeugende Begründung braucht. Es genügt der Umstand, dass die Regierung (egal, ob sozialistisch oder konservativ) etwas ändern möchte. Dazu noch ein paar "Argumente" auf Schlagwort-Niveau (die sich bei "neoliberalen" Reformen natürlich noch einfacher produzieren lassen) - und der Karneval der Revoluzzer kommt in Gang.

Ich war nie an einer französischen Uni, hatte aber als Student ganz guten Kontakt zu Pariser Studenten. Mir schienen sie damals in zwei Kategorien zu zerfallen: Die ungemein fleißigen der Grandes Écoles, über deren Wissen und auch Intelligenz ich immer wieder gestaunt habe. Und auf der anderen Seite diejenigen, die an der Sorbonne studierten (damals noch ungeteilt) und die jede Zeit der Welt zu haben schienen, sich politisch zu betätigen.

Eine Manif, also eine Demo, war immer auch eine große Gaudi. "Karneval" trifft es nicht schlecht.

Man wußte ja, daß man irgendwann als Angehöriger der Oberschicht ein schönes Erbe verwalten und einen angenehmen Job bekommen würde - also warum nicht a bisserl Spaß und Provokation, solange man dazu noch Zeit hatte?

Herzlich, Zettel

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