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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 19 Antworten
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 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Llarian Offline



Beiträge: 4.437

15.08.2017 23:24
Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Frank2000 hat sich in seinem Gastbeitrag intensiv mit dem neuen Phänomen des "digtalen Heimassistenten" auseinandergesetzt.

R.A. Offline



Beiträge: 7.628

16.08.2017 10:53
#2 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Sehr interessantes Thema. Ich habe das ja bisher als irrelevante Spielerei abgetan. Aber falls das nicht in der technischen Sackgasse enden sollte, sind die von Frank beschriebenen Risiken ein echtes Thema.

Zitat
Bereits beim Produktwechsel von gedruckten Büchern zu digitalen Büchern hat es nur eine verschwindende Minderheit interessiert, dass damit die Verfügungsgewalt auf Dritte übergeht


Für die große Mehrheit ist das auch tatsächlich uninteressant. Bei reinem Konsummaterial, also Unterhaltungsbücher, Musik oder Videos ist es tatsächlich eine unglaubliche Verschwendung, wenn sich jeder Nutzer physische Kopien zulegt und bei sich deponiert. Derzeit landen Tonnen von Büchern aus der Massenproduktion der 50er und 60er Jahre im Altpapier, weil die Erben keine Konsaliks mehr sehen können. Video- und Audio-Kassetten wie auch die meisten Schallplatten wurden ebenfalls entsorgt, DVDs und Festplatten mit geripptem Zeug werden folgen.
Für den normalen Konsum ist Streaming bzw. temporäre Kopien völlig ausreichend, eine "Verfügungsgewalt" braucht man nicht wirklich.

"Verfügungsgewalt" braucht man eigentlich nur für wenig Material. Für was genau, ist schwer abzugrenzen. Meine E-Books habe ich jedenfalls alle als freie Epubs gespeichert - obwohl der größte Teil davon auch nur "Konsum" ist.

Zitat
Sprachassistenten haben in Deutschland eine durchaus beachtenswerte (zumindest gelegentliche) Nutzergruppe:


Diese Zahlen haben m. E. nicht viel zu sagen. Natürlich habe ich Siri mal mit den üblichen dummen Fragen ausgetestet - benutze es aber ansonsten nicht. Und das geht nach meinen Erfahrungen sehr vielen Leuten so.

Zitat
Etwas schwieriger ist die Frage zu beantworten, warum es zur Zeit überhaupt Kunden für dieses Produkt gibt.


Gibt es überhaupt echte Kunden in nennenswerter Anzahl? Eigentlich werden doch fast alle diese Assisten nur als kostenloser Beipack zu Smartphones erworben.

Zitat
Aber schon Dilbert hat die Frage beantwortet, wie technischer Fortschritt eigentlich zustande kommt...


Eine SEHR intelligente Karikatur (wie oft bei Dilbert).
Mir ist ja bis heute nicht klar, wer sich eigentlich die ersten Telephone gekauft hat. Die waren ja für den Anfangsnutzer ähnlich sinnlos.
Trotzdem gab es schon vor dem ersten Weltkrieg eine Million Telephone in Deutschland - ich finde das eine eigentlich unglaublich hohe Quote.

Florian Offline



Beiträge: 2.511

16.08.2017 13:16
#3 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Zitat von R.A. im Beitrag #2

Mir ist ja bis heute nicht klar, wer sich eigentlich die ersten Telephone gekauft hat. Die waren ja für den Anfangsnutzer ähnlich sinnlos.
Trotzdem gab es schon vor dem ersten Weltkrieg eine Million Telephone in Deutschland - ich finde das eine eigentlich unglaublich hohe Quote.



Ich habe neulich mal alte Werbeplakate meines Urgroßvaters in der Hand gehabt, aus der Zeit so um 1900.
Es gab zwei Werbebotschaften, die auf den Plakaten immer sehr dominant dargestellt waren:
"Telefon Nr. 6" und "an der Bodensee-Gürtelbahn".

("Nr.6." war natürlich die Telefonnummer im Ort. Freiwahl gab es ja noch nicht.)

Der Hinweis auf die Telefon-Nr. war oft sogar zwei oder dreimal auf dem Plakat. Oft auffallend verziert auf Bannern und Fähnchen.
Erkennbar war man als Ladenbesitzer damals irre stolz auf seinen Telefonanschluss. Wahrscheinlich wurde damals nicht allzu oft telefoniert. Aber wer einen Telefonanschluss hatte, der konnte damit signalisieren, dass man ein jemand wichtiges war und am Puls der Zeit.
Vielleicht vergleichbar mit der eigenen Homepage im Jahr 1995.
Wirklich gebraucht hat die damals auch fast kein Unternehmen. Aber man konnte seine Wichtigkeit und Modernität signalisieren.

Vom praktischen Nutzen wichtiger war sicher der Hinweis auf den Anschluss des eigenen Ortes an die Bodensee-Gürtelbahn.
Dazu muss man sich nur mal vorstellen, wie schwierig der Transport von Gütern war, BEVOR es die Eisenbahn gab. Alles musste mit Pferdefuhrwerken transportiert werden.
Klingt vielleicht romantisch. War aber sehr mühsam, sehr teuer, sehr langsam. Die Eisenbahn war ein GEWALTIGER Schritt in die Moderne.

Florian Offline



Beiträge: 2.511

16.08.2017 13:37
#4 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Einen Aspekt von Alexa&co. hat Frank2000 nicht angesprochen:

die Auswirkung auf das Shopping-Verhalten.

Es ist kein Zufall, dass der erste dieser Home-Sprach-Assistenten von Onlinekaufhaus Amazon entwickelt wurde.

Ich habe mich neulich mal mit einer leitenden Mitarbeiterin bei Amazon unterhalten.
Dort sieht man Alexa sehr stark auch als einen neuen mächtigen Verkaufskanal.

"Alexa, ich brauche wieder mal Zahncreme und Toilettenpapier"
ist heute schon ein möglicher Befehl.

Es gibt noch eine juristisch-praktische Hürde. Nämlich dass "Zahncreme" zu unspezifisch ist, um daraus bereits eine juristisch verbindliche Bestellung zu machen.
Vorläufig landen diese Bestellungen daher erst mal nur im Warenkorb von Amazon und müssen dann noch mal bestätigt werden.

Aber das ist ein Zwischenschritt. Im nächsten Schritt wird Amazon Wege finden, um klar zu definieren, was ein Kunde mit "Zahncreme" genau meint.
(Ähnlich wie das mit dem Amazon-Dash-Button schon heute funktioniert: https://www.amazon.de/Amazon-JK29LP-Arie...n/dp/B01I29J290 ).

Das Ziel ist eine verführerische Welt mit Alexa als Butler.
Man sitzt bequem auf dem Sofa und sagt "Alexa, ich möchte eine Salami-Pizza". Und 15 Minuten später klingelt der Pizza-Kurier an der Tür.
Von welchem Pizzadienst die Ware kommt, muss natürlich eingestellt werden. Wobei es natürlich irgendwelche Voreinstellungen geben wird - und Amazon wird sich die entsprechenden Voreinstellungen vom Pizzadienst vergolden lassen.
Denn wie Frank2000 richtig erkannt hat:
Die Besonderheit der neuen digitalen Sprach-Assistenten ist - ausgehend von einer faktischen Auswahl von 20 Anbietern in der Suchmaschine - die Reduzierung der Auswahl auf 1 einziges Angebot. Und der, der steuern kann, was dieses Angebot ist, hat großen Einfluss auf das Konsumverhalten.


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Frank2000 Offline




Beiträge: 1.800

16.08.2017 14:07
#5 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

"Eigentlich werden doch fast alle diese Assisten nur als kostenloser Beipack zu Smartphones erworben."

Ja, bis zu diesem Zeitpunkt habe ich das auch als Spielerei ignoriert. Aber die Assistenz-Computer setzen einen bewussten Akt des Erwerbs voraus, mit einem spürbaren Preis.

Manchmal frage ich mich, wieviel Kompetenz und Souveränität Europa in diesem Wettstreit noch verlieren wird. Gibt es zb überhaupt noch eine europäische Suchmaschine, so wie Baidu für Asien?

___________________
Kommunismus mordet.
Ich bin bereit, über die Existenz von Einhörnern zu diskutieren. Aber dann verlange ich außergewöhnlich stichhaltige Beweise.

R.A. Offline



Beiträge: 7.628

16.08.2017 14:19
#6 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Zitat von Florian im Beitrag #3
Ich habe neulich mal alte Werbeplakate meines Urgroßvaters in der Hand gehabt, aus der Zeit so um 1900.

Da war das Telefon aber schon über ein Jahrzehnt auf dem Markt.
Ist natürlich ein wirklich schöner Zeitbeleg - der Vergleich mit den ersten Homepages ist m. E. ziemlich treffend.

Aber mir ging es wirklich (wie bei Dilbert) um das erste Telefon (für den Privatkunden). Da hatte natürlich die Postdirektion schon ein paar Apparate - aber wer will die schon anrufen?
Das erste Telefon für den Hausgebraucht muß eigentlich ziemlich überflüssig gewesen sein, und hatte nicht einmal einen vernünftigen Spielwert.

R.A. Offline



Beiträge: 7.628

16.08.2017 14:23
#7 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Zitat von Frank2000 im Beitrag #5
Aber die Assistenz-Computer setzen einen bewussten Akt des Erwerbs voraus, mit einem spürbaren Preis.

Klar, das ist eine neue Qualität. Aber da liegen uns noch keine Verkaufszahlen vor bzw. die sind minimal.
Die angegebeben Zahlen für Smartphone-Verkäufe sagen m. E. nichts über die Akzeptanz von Assistenz-Computern.

Ich halte es für gut möglich, daß der Trend gleich nach dem Ansatz stecken bleibt. Einfach weil es meist nicht möglich ist, die Vielzahl an möglichen und ambivalenten menschlichen Wünschen a) zu verstehen und b) auf die gewünschte Lösung zu bringen.

Zitat
Manchmal frage ich mich, wieviel Kompetenz und Souveränität Europa in diesem Wettstreit noch verlieren wird.


Da gibt es nicht viel zu verlieren - bei Endbenutzer-Gimmicks war Europa noch nie gut.
Die Stärke der europäischen (und vor allem der deutschen) Wirtschaft liegt bei komplexeren Anwendungen. Also im Zweifelsfall das, was hinter der (aus den USA zugekauften) Benutzeroberfläche über Sprache steckt.

Florian Offline



Beiträge: 2.511

16.08.2017 15:29
#8 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Zitat von R.A. im Beitrag #7

Da gibt es nicht viel zu verlieren - bei Endbenutzer-Gimmicks war Europa noch nie gut.
Die Stärke der europäischen (und vor allem der deutschen) Wirtschaft liegt bei komplexeren Anwendungen. Also im Zweifelsfall das, was hinter der (aus den USA zugekauften) Benutzeroberfläche über Sprache steckt.



Ich weiß nicht genau, was "Endbenutzer-Gimmick" bedeutet.

Aber:
Eigentlich ist Europa schon absolut spitze bei (hochwertigen) privaten Konsumprodukten.
Mode, Parfümerie, Uhren, Accessoires, Schuhe, Autos: überall kommenden die führenden Hersteller (speziell im hochwertigen Bereich) aus Europa. Und Europa prägt in diesen Bereichen (bisher) unangefochten auch die Designvorstellungen.
Das europäische Problem ist nur, dass diese klassischen Konsumbereiche relativ an Gewicht verlieren.
Und dass man in den neuen Konsumfeldern NULL präsent ist: Alle coolen neuen Dinge kommen mittlerweile aus den USA.

Und das ist ein wichtiger Grund, warum Europa in der Welt wirtschaftlich zurückfällt.
Das (nach Marktkapitalisierung) wertvollsten Unternehmen im Euro-Raum ist InBev (Nummer 2 ist dann übrigens L'Oreal, also ein klassischer Luxusgüter-Hersteller).
InBev ist ein Brauerei-Konzern und stellt damit eines der ältesten Produkte der Menschheitsgeschichte her.
Mehr "Old-Economy" geht eigentlich gar nicht.
Unter den wertvollsten Unternehmen der Welt findet sich hingegen kein einziges aus dem Euro-Raum.
Dafür allerdings etliche noch sehr junge Unternehmen aus USA und China, die die neuen Konsumfelder bearbeiten (wie Facebook, Amazon, Apple, Google, Alibaba).

Hias Offline



Beiträge: 138

16.08.2017 15:33
#9 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Zitat
Aber mir ging es wirklich (wie bei Dilbert) um das erste Telefon (für den Privatkunden). Da hatte natürlich die Postdirektion schon ein paar Apparate - aber wer will die schon anrufen?
Das erste Telefon für den Hausgebraucht muß eigentlich ziemlich überflüssig gewesen sein, und hatte nicht einmal einen vernünftigen Spielwert.



Nun, für die erste Nachfrage sorgte in solchen Fällen oftmals der Staat (v.a. Post, Bahn, Militär, später Forschungseinrichtungen). Damit entstand ne rudimentäre Infrastruktur und eine erste kleine Nachfrage, die dazu führte, dass die Produkte in die Massenproduktion übergingen. Dort wurden sie dann für erste Branchen interessant. Beim Thema Kommunikation würde ich beispielsweise auf die Banken bzw. Finanzmarkt-Akteure (z.B. Handelshäuser) tippen, für die ein schneller Zugang zu Informationen extrem wichtig ist. Und irgendwann hat dann der Bankdirektor so nen Apparat daheim stehen und dann wird er auch für den Fabrikbesitzer interessant (natürlich auch als Statussymbol).

schattenparker Offline



Beiträge: 126

16.08.2017 23:34
#10 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Diese Assistenten werden schon ihren Weg machen.

Beispiel: zur Zeit muß man sich, wenn man sich durch die vielen Wohnungseinbrüche bedroht fühlt, für ein irres Geld Kameras, Außenbeleuchtung, Einbruchshemmungen für Fenster und Türen etc. kaufen.

Demnächst reicht so ein google home, denn ein Mikrofon mit "Gehirn" wird in der Lage sein zu erkennen, ob die Besitzer nach Hause kommen oder Unberechtigte versuchen, sich Zugang zu verschaffen. Und die Polizei ist von google home allemal schneller angerufen als es die Einbrecher schaffen, die Assistenten außer Funktion zu setzen.

Zudem wird, wie üblich, die Kostenerfahrungskurve zuschlagen und aus jetzigen 100 € - Artikeln im Laufe von wenigen Jahren 1 € - Artikel machen. Da kauft man die Vernetzung der Lampe oder Steckdose einfach mit. Google wird dann zwar noch mehr über mich wissen als zur Zeit, und zur Zeit ist schon viel zu viel - aber "einen Tod muß man sterben".

rubars25 Offline



Beiträge: 42

17.08.2017 03:07
#11 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Zitat von Frank2000 im Beitrag #5

Manchmal frage ich mich, wieviel Kompetenz und Souveränität Europa in diesem Wettstreit noch verlieren wird.


Man kann nicht verlieren, was man nie hatte.
(freie Übersetzung Worfs berühmten Spruchs)

xanopos ( gelöscht )
Beiträge:

17.08.2017 09:43
#12 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Kleine Anekdote zum Sprachassistenten am Handy:
Mitten in einem Meeting sagt eine Frauenstimme: "Ich hab das nicht verstanden, kannst du da bitte wiederholen?"
War ein reines Männermeeting. War doch tatsächlich das Handy eines Teilnehmers unbemerkt die ganze Zeit im Lauschmodus. Ich fand das etwas bedenklich.

Emulgator Offline



Beiträge: 1.979

17.08.2017 13:50
#13 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Zitat von R.A. im Beitrag #6
Aber mir ging es wirklich (wie bei Dilbert) um das erste Telefon (für den Privatkunden). Da hatte natürlich die Postdirektion schon ein paar Apparate - aber wer will die schon anrufen?
Das erste Telefon für den Hausgebraucht muß eigentlich ziemlich überflüssig gewesen sein, und hatte nicht einmal einen vernünftigen Spielwert.
Als das Telefon aufkam, hatte sich schon eine etwas andere, heute vergessene Kommunikationstechnologie durchgesetzt: Die Rohrpost. Von daher war es plausibel, daß das Telefon mit seinen anderen technischen Spezifika sich auch durchsetzen würde.

Die ersten Telefone werden wohl zunächst für die hausinterne Kommunikation gedacht gewesen sein, wo ein Rohrpostsystem zu aufwendig gewesen wäre und vorbeikommen oder Klopfzeichen zu teuer sind. Der Schritt, vom etablierten Firmensitz zu einem Betriebszweig oder einem häufigen Kunden in einer anderen Stadt je ein Telefonkabel haben zu wollen, ist dann gar nicht mehr so weit, und er wurde noch kürzer durch Vermittlungsstellen, durch die die teuren Überlandleitungen effizienter genutzt werden konnten.

Emulgator Offline



Beiträge: 1.979

17.08.2017 14:00
#14 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Zitat von xanopos im Beitrag #12
Kleine Anekdote zum Sprachassistenten am Handy:
Mitten in einem Meeting sagt eine Frauenstimme: "Ich hab das nicht verstanden, kannst du da bitte wiederholen?"
War ein reines Männermeeting. War doch tatsächlich das Handy eines Teilnehmers unbemerkt die ganze Zeit im Lauschmodus. Ich fand das etwas bedenklich.
Statt Heimassistent würde ich die Dinger deswegen lieber "Heimwanze" oder "Wohnwanze" nennen. Ähnlich der Bettwanze, die nachts im Schlafen das Blut aussaugt, durch dessen Zirkulation wir uns nachts erholen, saugt die Heimwanze die ausgesprochenen Gedanken ab.

Wird das Gerät von Huawei eigentlich auch für die Regierung der Volksrepublik China lauschen?

Und was ist eigentlich, wenn man im Schlaf spricht?

Llarian Offline



Beiträge: 4.437

17.08.2017 22:04
#15 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Ich glaube, parallel zu der Google-Diskussion, dass die Macht und das Potential dieser Geräte weit(!) unterschätzt wird. Wenn ich mir die mehr oder minder düstere Prognose erlauben darf: In weniger als 10 Jahren wird in mehr als 60 Prozent aller Haushalte so ein Ding stehen. Vermutlich mehrere. Daran führt, nach meinem Dafürhalten, nahezu kein Weg vorbei, ähnlich wie auch der Siegeszug der Smartphones nicht wirklich eine Überraschung darstellt. Die Dinger sind einfach verflucht praktisch, und wenn man sich einmal an sie gewöhnt hat, ist man schon am Haken.

"Alexa, bestellt doch mal eine Salami Pizza!"
"Alexa, füge meiner nächsten Lebensmittelbestellung noch zwei Gurken hinzu!"
"Alexa, vereinbare einen Termin beim Zahnarzt in der nächsten Woche!"
"Alexa, erinnere mich morgen daran meine Schwester anzurufen!"
Mit der Hausautomation ergeben sich noch ganz andere Möglichkeiten:
"Alexa, koch doch mal Kaffee!"
"Alexa, wärm schonmal das Auto vor, ich will in zehn Minuten los."
"Alexa, stell den Ofen auf 200 Grad und sag mir in 10 Minuten bescheid!"

Die Möglichkeiten sind nahezu endlos, es ist ein digitaler Butler, der zwar keine Hände hat, aber ein unfehlbares Gedächtnis, eine Verbindung zur Aussenwelt darstellt, der wenig Fehler macht und sich jedes Jahr verbessert. Das Potential ist gewaltig. Natürlich wird man zurecht einwenden, dass die eigentliche Arbeit ja gar nicht von den Boxen gemacht wird sondern diese nur das Interface zu anderen Dingen darstellt. Das stimmt natürlich. Es ist die Hausautomation selber, die die Dinge erledigt. Aber erst mit dem Interface wird das ganze zu einem runden Produkt.
Man muss sich an den kleinen Dingen klar machen, wie sehr man sich an viele Dinge gewöhnt hat. Post? Es gibt Emails. Geburtstagskalender? Es gibt Smartphones. Telefonlisten? Wofür habe ich mein Handy? Und genau so wird es auch für die digitalen Butler werden. Pizza bestellen? Macht Alexa. Terminkalender? Alexa. Abends das Licht aus? Alexa.

Und auch wenn das ganze ungeheuer praktisch ist, so neige ich dazu das Gefahrenpotential noch weit größer einzusehen. Denn in der Tat bin ich in einer solchen Situation mehr und mehr abhängig von Technik und auch durchaus vom Wohlverhalten meines Anbieters. Aus den Daten von Alexa lassen sich für einen User, der dieses auch ausgiebig nutzt, Profile erstellen, gegen die solche, die von Geheimdiensten oder Polizisten erstellt werden, geradezu harmlos sind. Alexa weiss, wann ich aufstehe, wann ich schlafen gehe, wie gut ich schlafe, was ich esse, was ich trinke, mit wem ich kommuniziere, wie oft ich duschen gehe und je nach Auswertung, sogar wie oft ich mich paare. Das muss alles nicht dramatisch sein, nur muss man sich darüber klar sein, wie stark man seinem Anbieter eigentlich vertrauen muss, um ihm diese Daten alle zu überlassen. Ich finde es, jetzt bin ich wieder bei der Google Diskussion, beängstigend. Das Missbrauchspotential ist nicht weniger gewaltig als der Nutzen. Und das ist nur der private Anbieter. Wer sagt denn, das nicht auch der Staat an solche Daten will. Die Vorratsdatenspeicherung hat, obwohl vergleichsweise offensichtlich verfassungsfeindlich, ohne große Probleme zweimal den Bundestag passiert. Und das ist sogar nur die transparente Seite. Was Geheimdienste so alles treiben, steht noch einmal wo ganz anders. Heute findet niemand mehr etwas dabei, wenn der Staat ganz selbstverständlich sämtliche Kontobewegungen seiner Büger erfasst. Ist es da wirklich so weit zu den Suchanfragen und zu seinem Essverhalten Daten einzusehen?

Ich sehe mich selber, ganz passend zu dem Dilbert-Strip, als einen Early Adopter. Ich habe einen Pocket-PC besessen, bevor Jobs mit seinem Iphone kam. Mein erster MP3 Player hatte 32 Megabyte und stammt aus einer Zeit, wo das Standardprodukt der deutschen Industrie in Walkmans bestand. Ich habe meinen ersten Quad-Copter noch von Hand gelötet und hab mein HBCI-Terminal aus einer Zeit, wo die allermeisten noch brav ihre Überweisungsträger in Form von totem Baum zur Bank geschleppt haben. Für mich wäre Amazon Echo nahezu ein perfektes Produkt. Aber ich gebe zu, dass die Sorge inzwischen überwiegt. Will ich wirklich den Spion in meinem Wohnzimmer? Will ich bewusst ein Mikrophon in meinem Flur? Ich habe da sehr große Bauchschmerzen. Gäbe es ein solches System was nicht "nach Hause telefonieren" würde, dass die Kommandos für sich verarbeitet, dass keine Verbindung nach Redmond, nach Mountainview, nach Cupertino oder nach Seattle aufbauen würde, ich würde morgen mehrere kaufen. Vielleicht bin ich inzwischen zu alt und zu verängstigt. Vielleicht gehöre ich aber auch nur zu denen, die nicht nur von 1984 reden, sondern es auch wirklich gelesen haben.

Werwohlf Offline




Beiträge: 900

18.08.2017 00:57
#16 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Zitat von Florian im Beitrag #4
Die Besonderheit der neuen digitalen Sprach-Assistenten ist - ausgehend von einer faktischen Auswahl von 20 Anbietern in der Suchmaschine - die Reduzierung der Auswahl auf 1 einziges Angebot. Und der, der steuern kann, was dieses Angebot ist, hat großen Einfluss auf das Konsumverhalten.
Genau. Allerdings habe ich neulich in einer Kritik gelesen, dass genau deswegen die meisten Nutzer wieder zurück zur hundsgewöhnlichen Text-Suchmaschine gehen - eben weil sie diese Einschränkung nicht mögen.

--
Bevor ich mit den Wölfen heule, werd‘ ich lieber harzig, warzig grau,
verwandele ich mich in eine Eule oder vielleicht in eine graue Sau.
(Reinhard Mey)

Frank2000 Offline




Beiträge: 1.800

18.08.2017 01:29
#17 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

"Gäbe es ein solches System was nicht "nach Hause telefonieren" würde..."

Geht mir genau so. Anscheinend können sich nur noch wenig Menschen vorstellen, was früher mal ging, OHNE seine Daten komplett abzugeben. Ich habe die Sprachsteuerung der Nokias geliebt. Dazu offline-Karten, Kontakte auf dem Handy...

___________________
Kommunismus mordet.
Ich bin bereit, über die Existenz von Einhörnern zu diskutieren. Aber dann verlange ich außergewöhnlich stichhaltige Beweise.

R.A. Offline



Beiträge: 7.628

18.08.2017 09:20
#18 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Zitat von Florian im Beitrag #8
Ich weiß nicht genau, was "Endbenutzer-Gimmick" bedeutet.

Jetzt muß ich selber überlegen, was ich damit wohl gemeint haben könnte ;-)

Nennen wir es mal ein Gerät für Privatleute, das in erster Linie nicht wegen des praktischen Nutzens, sondern wegen des Spielwerts (und vielleicht des Angebe-Faktors) gekauft wird.

Zitat
Eigentlich ist Europa schon absolut spitze bei (hochwertigen) privaten Konsumprodukten.


Jein.
Ich habe mal wieder den Fehler gemacht, die Vielfältigkeit von Europa zu unterschätzen. Meine Einschätzung galt in erster Linie für Deutschland und seine Exporte. Die gehen (bis auf die Autos) selten an Privatkäufer.
Dabei habe ich übersehen, daß Frankreich, Italien und andere Länder sehr hochwertige Konsumgüter herstellen. Das ist übrigens ein Sektor mit hervorragenden Zukunftschancen in einer reicher werdenden Welt.

Zitat
Und das ist ein wichtiger Grund, warum Europa in der Welt wirtschaftlich zurückfällt.


Ich glaube nicht, daß diese Bezeichnung wirklich paßt. Europas Wirtschaft entwickelt sich ja ganz gut, trotz Strukturproblemen in einigen Ländern. Der relative Anteil beim Welthandel geht natürlich zurück, weil bisher unterentwickelte Länder beim Aufholen stärker wachsen können.

Zitat
Das (nach Marktkapitalisierung) wertvollsten Unternehmen im Euro-Raum ...


Marktkapitalisierung ist ein schwieriger Gradmesser. Da laufen zu viele krass überbewertete Hoffnungsnummern rum (z. B. Tesla).
Und schiere Größe ist auch nicht so wesentlich. Die deutsche Wirtschaftsstärke wird nicht von den Großen gemacht, sondern von den sehr vielen erfolgreichen Mittleren und Kleinen. Das gilt im Prinzip auch für andere europäische Länder.

R.A. Offline



Beiträge: 7.628

18.08.2017 10:01
#19 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Zitat von Llarian im Beitrag #15
In weniger als 10 Jahren wird in mehr als 60 Prozent aller Haushalte so ein Ding stehen.

Als eigenständiges Gerät, Smartphones nicht gerechnet?
Glaube ich nie im Leben.
Die bisher sich abzeichnenden Nutzungsmöglichkeiten sind viel zu beschränkt und nur für eine kleine Zielgruppe wirklich interessant.

Zitat
"Alexa, bestellt doch mal eine Salami Pizza!"
"Alexa, füge meiner nächsten Lebensmittelbestellung noch zwei Gurken hinzu!"


Einkaufen dürfte die Anwendung sein, für die sich besagte kleine Zielgruppe Alexa überhaupt anschafft. Aber eben auch nur, wenn man einerseits sehr viel übers Internet bestellt, andererseits sehr festgefügte Gewohnheiten hat.
Die meisten Leute überlegen sich aber, was sie übers Internet bestellen und schauen sich erst einmal die zur Auswahl stehenden Produkte genauer an. Selbst bei der Pizzabestellung (wenn man es nicht mehrmals die Woche macht) schaut man doch erst einmal die aktuelle Karte an.
D.h. erst einmal geht man ins Web (was mit Tablet ja auch einfach geworden ist), liest kurz die Auswahl durch und dann reicht ein Klick, um das Gewünschte auszuwählen. Und das ist dann auch sicher das Gewünschte, nicht das, was Alexa verstanden hat.

Zitat
"Alexa, vereinbare einen Termin beim Zahnarzt in der nächsten Woche!"


Mal abgesehen davon, daß dann auch der Zahnarzt eine entsprechende Schnittstellen anbieten muß: Ich will doch nicht "irgendwann nächste Woche". Sondern ich schaue in den Terminkalender und überlege mir, wo so ein Arztbesuch am besten reinpassen würde. Bzw. ich kriege vom Arzt nicht die ganze Woche zur freien Auswahl, sondern nur ganz wenige Slots (wenn überhaupt). Und muß dann überlegen, ob ich vielleicht einen anderen Termin dafür sausen lasse.
"vereinbare einen Termin nächste Woche", das kann eine gute Chefsekretärin, die die Präferenzen ihres Chefs kennt. Das lasse ich aber nicht einmal die Abteilungssekretärin für mich machen, weil sonst irgendeine blöde Terminierung droht. Und eine tumbe Alexa kommt da gar nicht in Frage.

Zitat
"Alexa, erinnere mich morgen daran meine Schwester anzurufen!"


Niedlich, aber dafür reicht schon die entsprechende Smartphone-App.

Zitat
"Alexa, koch doch mal Kaffee!"


Dafür brauche ich nicht Alexa, sondern eine entsprechend aufwendige Kaffemaschine!

Zitat
"Alexa, wärm schonmal das Auto vor, ich will in zehn Minuten los."


Da ist mir der kurze Knopfdruck an der Fernbedienung lieber. Der funktioniert auch morgens, wenn mir die Formulierung kompletter Sätze noch schwerfällt ;-)

Zitat
"Alexa, stell den Ofen auf 200 Grad und sag mir in 10 Minuten bescheid!"


Auch hier: Entscheidend ist nicht Alexa, sondern die ausgeweitete Funktionalität des Ofens. Und diese Zusatzfunktionalität ist für mich so nebensächlich - denn wenn ich einen Ofen benutze, dann muß ich so viele andere Arbeiten erledigen (die mir weder Alexa noch der Ofen abnehmen können), da ist es völlig uninteressant, ob ein Griff an den Drehschalter durch ein Kommando ersetzt wird.

Zitat
Es ist die Hausautomation selber, die die Dinge erledigt. Aber erst mit dem Interface wird das ganze zu einem runden Produkt.


Genau diese Automation ist noch nicht in Ansätzen erkennbar. Wir haben viele leistungsfähige Geräte im Haushalt, aber drumherum muß noch viel Handarbeit erledigt werden. Ich muß die Wäsche sortieren und in die Maschine, dann in den Trockner tun, dann in die verschiedenen Schränke verteilen. Ich muß meine Einkäufe in den Kühlschrank und Vorratsschrank verteilen und mir das Nötige dort auch wieder holen. Ich muß das schmutzige Geschirr in die Maschine tun und dann wieder ausräumen. Ich muß kochen und putzen und aufräumen.
Das Bedienerinterface aller dabei benötigten Geräte ist nicht das Problem, die paar Knopfdrücke gehen schneller als Alexa alles zu erklären. Den Rest der Arbeit nimmt mir die Automation nicht ab.

Vielleicht bekommen wir mal automatisierte Staubsauger, die sich selbständig um die Bodenreinigung kümmern. Aber dann ist das wie z. B. die Heizsysteme: Die laufen so automatisch, daß man normalerweise überhaupt kein Benutzerinterface mehr braucht. Da bleibt Alexa arbeitslos.

xanopos ( gelöscht )
Beiträge:

18.08.2017 10:12
#20 RE: Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol antworten

Zitat von Llarian im Beitrag #15
Abends das Licht aus? Alexa.
Schon vor knapp 20 Jahren lernte ich in der Ausbildung diverse Bussysteme für den Haushalt kennen. In freier Wildbahn haben die sich allerdings noch nicht durchsetzen können. Alexa müsste schon mit Roboterarm kommen, um in den meisten Wohnungen das Licht ausmachen zu können. In meiner Wohnung (Neubau 2016) könnte Alexa sich maximal mit meinem Smartphone unterhalten.

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